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„Das war nicht ich…“

Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom: wie aus Müttern Monster werden

Nach außen hin sind sie die liebevollsten Mütter, doch hinter verschlossenen Türen misshandeln sie ihr Kind. Es sind Frauen, die am sogenannten Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom leiden. Hinter der Krankheit mit dem sperrigen Namen (auch Münchhausen-by-proxy-Syndrom genannt, kurz MBPS), angelehnt an den bekannten Lügenbaron, verbirgt sich eine Sonderform des Münchhausen-Syndroms. Während bei letzterem die Betroffenen sich selbst Schaden zufügen, um ärztlich behandelt werden zu müssen, machen die Betroffenen des Münchhausen-Stellvertreter-Syndroms andere Menschen absichtlich krank, damit diese eine ärztliche Behandlung brauchen. In den meisten Fällen werden dabei die eigenen Kinder die Opfer – also zum Stellvertreter – für die körperliche Misshandlung. Und in über 90 Prozent sind Mütter die von der Krankheit Betroffenen. Was treibt die psychisch kranken Täterinnen an? Und warum werden sie erst so spät entlarvt? Ob Kinderärzte, Polizisten, Staatsanwälte, erst recht die Öffentlichkeit: Die erste Reaktion auf solche Fälle ist fast immer Entsetzen, Unverständnis. Manchmal Ekel oder Verachtung. Der versagende Mutterinstinkt, die unfassbare Perfidie in der Durchführung verstören. Auch weil MBPS so selten, so wenig erforscht und komplex ist. Und das Mutterbild, das jeder von uns in sich trägt, so völlig auf den Kopf stellt. Es sind Fälle wie diese, die fassungslos machen: In Hamburg brachte eine Mutter ihren dreijährigen Sohn mit verdreckten Spritzen (Fäkalien, Speichel, stinkendem Blumenwasser) an den Rand des Todes. Der Junge war immer wieder in lebensbedrohlichem Zustand ins Krankenhaus eingeliefert worden, 41,3 Grad Fieber! Eitrige Abs-zesse! Intubiert! Als die Ärzte auf der Intensivstation nicht mehr weiter wussten, versuchten sie es sogar mit einer Chemo-Therapie. Und die Verursacherin saß immer mit am Bett, voller Sorge um ihr Kind… In einem anderen Fall in der Nähe von Berlin nahm eine Mutter, sie arbeitete als Krankenschwester, ihrem Sohn jede Woche einen halben Liter Blut ab. Die Ärzte konnten sich den regelmäßigen Blutverlust nicht erklären, das Kind kam stationär in die Klinik, dort wurde die Mutter auf frischer Tat ertappt. Im Großraum Hannover brach eine Mutter ihrem Kind absichtlich die Arme, eine andere gab ihren Zwillingstöchtern Unmengen an Salz zu essen. Auch Lüneburger Richter mussten sich vor einigen Jahren schon mit MBPS beschäftigen, nachdem eine Frau ihre behinderte Tochter monatelang mit Medikamentencocktails und Abführmitteln gequält hatte.

Suche nach Aufmerksamkeit und Zuneigung

Was treibt diese Frauen zu ihren Taten? Was lässt sie so unglaublich grausam und scheinbar mitleidlos werden? Sie tun das mutmaßlich, um Aufmerksamkeit, Lob und Zuneigung durch Ärzte, Krankenhauspersonal und ihr persönliches Umfeld zu bekommen, sagen Psychologen. Sie tun es aber auch, so erklärt es der Therapeut einer Betroffenen, um einen „unerträglichen inneren Zustand zu regulieren“. Es gibt verschiedene psychoanalytische Theorien zur Natur dieses nur wenig erforschten Syndroms. Eine besagt, dass die Mutter sich mit der Quälerei auch einen Traum erfüllt: den des missbrauchten, vernachlässigten Mädchens, das auf eine Mutter hofft, die ihm zur Seite steht, es schützt, heilt und rettet. Es geht dabei um Projektion: Die Mutter schiebt ihr eigenes seelisches Kranksein (Borderline, Depressionen etc.) quasi in das Kind hinein und behandelt es von außen.

Die Krankheit besitzt drei Phasen:

Phase 1

In Phase 1 berichten die Mütter dem Arzt von Symptomen, die das Kind gar nicht hatte, z.B. epileptische Anfälle, Atemstillstand oder Herz-Probleme.

Phase 2

In Phase 2 fälschen die Mütter tatsächlich Daten und Messwerte, um eine Krankheit des Kindes vorzutäuschen.

Phase 3

In Phase 3 fügen sie dem Kind körperlichen Schaden zu, sei es durch Verletzungen oder die Gabe von Medikamenten, die eine Vergiftung oder Krankheitssymptome auslösen. Auch ein Erstickungsversuch mit einem Kissen ist möglich. Die Therapie des Münchhausen-by-proxy-Syndroms ist keine leichte Angelegenheit. Denn die Betroffenen sind sich selbst meist keiner Schuld bewusst. Vor Gericht gestellt, äußern sich viele Frauen oft ähnlich, beteuern ihre Kinder zu lieben und das auch durchaus glaubhaft. Konkret zu ihren schlimmen Taten befragt, fällt von den Täterinnen fast immer derselbe Satz: „Das war nicht ich…“ (RT) 

Darum wird MBPS so selten entdeckt

  • Die Mütter, oft schwer kranke, potenziell hochgefährliche Frauen, sind meist sehr gute Schauspielerinnen. Sie verschleiern ihr Tun geschickt (auch vor ihren Partnern bzw. den Kindesvätern), präsentieren sich kompetent, hilfsbereit, verständnisvoll
  • Die Mütter kommen oft selbst aus Pflegeberufen oder haben medizinische Vorbildung
  • Die von ihnen erzeugten Symptome bei den Opfern sind unspezifisch und sehr schwer zu diagnostizieren
  • Auch Ärzte und Krankenhauspersonal können sich schwer vorstellen, dass eine Mutter ihr Kind bewusst schädigt. Bei Verdacht zögern sie mitunter (zu) lange, bevor sie ihre Schweigepflicht brechen und die Behörden informieren. Dazu sind sie im Notfall laut § 34 des Strafgesetzbuches und dem „Gesetz zur Kooperation und Information im Kinderschutz“ berechtigt.
  • Eine Videoüberwachung im Krankenzimmer oder einer Privatwohnung ist in Deutschland rechtlich sehr schwer durchzusetzen

Es ist auch darum sehr kompliziert, der Mutter die Tat nachzuweisen.

Keine Angst von neuer Technik

Die Lüneburger Universitätsprofessorin Prof. Dr. Sabine Remdisch arbeitet als Gastwissenschaftlerin im Silicon Valley

Wer es im Silicon Valley zu etwas bringen will, sollte sich nicht an deutschen Karrieretugenden messen. „Die Frage im Silicon Valley lautet: Was willst du bewegen, wie willst du die Welt besser machen?”, weiß Prof. Dr. Sabine Remdisch aus eigener Erfahrung. Die studierte Psychologin mit Schwerpunkt Arbeits- und Organisationspsychologie war mit gerade einmal 30 Jahren die erste berufene Professorin für den damals neuen Studiengang Wirtschaftspsychologie an der heutigen Leuphana Universität Lüneburg. Hier gründete sie auch das Institut für Performance Management, wo heute die „Personaler der Zukunft” ausgebildet werden, und war zudem von 2006 bis 2010 Vizepräsidentin der Universität. „Ich wollte immer Psychologin werden und habe mir überlegt, wo der Mensch die meiste Zeit verbringt – und das ist der Arbeitsplatz”, erläutert sie. Deshalb entschied sie sich für den Schwerpunkt Arbeits- und Organisationspsychologie. Das Zukunftsthema Nummer eins ist dabei die Digitalisierung – und wo lässt sich am besten ablesen, wie Unternehmen und Menschen in der digitalen Arbeitswelt maximal erfolgreich sein können? „Es war schnell klar, dass es das Silicon Valley ist”, sagt sie. So bewarb sich Prof. Dr. Sabine Remdisch als Gastwissenschaftlerin an der Stanford University und pendelt seitdem mehrmals pro Jahr zwischen ihrem Arbeitsplatz an der Leuphana Universität Lüneburg und dem im Silicon Valley, wo sie ganz unmittelbar zu Themen rund um das Führen und Arbeiten in der digitalen Welt forscht. Verschiedenste Studien konnten Prof. Dr. Remdisch und ihr Team bis heute realisieren und spannende Erkenntnisse für die Praxis gewinnen. Die sogenannten Five Switches gehören beispielsweise dazu – die fünf Schalter, die Unternehmen umlegen müssen, um für die digitale Transformation gerüstet zu sein: Workplace, Collaboration, Empowerment, Leadership, Culture. Gemeint sind damit unter anderem flexible und kreativitätsförderliche Arbeitsumgebungen, eine starke Vernetzung und das Teilen von Wissen und Werten, das Einräumen von Handlungs- und Entscheidungsfreiräumen der Mitarbeitenden und die Entwicklung einer starken Innovationskultur. Im Silicon Valley sind all diese Attribute eine Selbstverständlichkeit. „Dieser Ort ist erfüllt von einer Kultur der permanenten Veränderung und Innovation, in der jeder mit Neugierde, Eifer und Schnelligkeit ans Werk geht. Das Valley ist disruptiv, unternehmerisch, und wer es hier beim ersten Mal nicht schafft, versucht es einfach weiter, bis eine Idee dann tatsächlich durchschlägt und Gewinne einfährt“, erklärt sie. Scheitern zu dürfen, eine hohe Risikobereitschaft und die Durchlässigkeit zwischen dem Campus- und dem unternehmerischen Leben kennzeichneten diesen Ort.

Zukunftsthema Digitalisierung

Um ihre Erkenntnisse auch in die deutsche Forschung und Praxis fließen zu lassen, entwickelte Prof. Dr. Sabine Remdisch 2014 mit ihrem Institut an der Leuphana im Zusammenspiel mit dem H-STAR Institute der Stanford University und renommierten Unternehmen die LeadershipGarage. An dieser Schnittstelle von Wissenschaft und Wirtschaft forscht sie kollaborativ zu den Themen Digital Preparedness, Digital Leadership und Digital Collaboration. Dabei verfügt die LeadershipGarage über eine ganz eigene Arbeitsatmosphäre, die sich an der Digital-, Innovations- und Fehlerkultur des Silicon Valley ausrichtet. Im Fokus der LeadershipGarage steht der Anspruch, Führungskräften geeignete Konzepte und Tools an die Hand zu geben, um auch deren Unternehmen und Mitarbeitende in eine zukunftsfähige Unternehmenskultur führen zu können. Zu den jüngsten Errungenschaften der LeadershipGarage zählt das Digital Leadership Lab an der Leuphana Universität Lüneburg: Hier können innovative Technologien und Arbeitsweisen praktisch ausprobiert und unter wissenschaftlicher Leitung zu erfolgreichen Digital- und Innovationskulturen entwickelt werden. „Wir arbeiten mit regionalen Unternehmen, hören, was sie interessiert und entwickeln entsprechende Angebote”, erklärt Prof. Dr. Sabine Remdisch das Lab-Konzept.

Beamen statt Skypen

Eine dieser technischen Novitäten ist der Telepräsenzroboter, der in den USA schon regelmäßig, in Deutschland erst langsam im Arbeitsleben eingesetzt wird. Von der Funktion her ein Tablet auf einem fahrbaren Stick, lässt er sich aus der Ferne steuern und erlaubt zum Beispiel Führungskräften auch über räumliche Distanzen hinweg nahezu von Angesicht zu Angesicht mit ihren Mitarbeitenden zu kommunizieren. Dazu „beamt“ sich die Führungskraft per Tablet an ihren Wunschort und kann sich dank des fahrbaren Sticks dort ganz frei bewegen. Eine für Prof. Dr. Remdisch wichtige Forschungsfrage in Bezug auf diese Telepräsenzroboter ist, wie sich bei deren Nutzung das für Führungserfolg auch künftig unverzichtbare Vertrauen aufbauen lässt. Gesten fallen weg, die Führungskraft muss sich auf das verlassen, was ihr der Mitarbeiter berichtet, eine Kontrolle ist über die Entfernung nicht möglich. „Die Frage ist zum Beispiel, ob sich mit Hilfe von Telepräsenzrobotern besser Vertrauen aufzubauen lässt als beim Telefonieren oder mit Webkonferenzen”, ergänzt die Professorin. Zu diesem Thema hat Prof. Dr. Sabine Remdisch in den USA eine Studie mit Führungskräften von Airbus durchgeführt, die den Telepräsenzroboter in verschiedenen Situationen testeten. Dabei zeigte sich, dass für eine erfolgreiche Kommunikation mit dieser Technologie drei Ebenen zu berücksichtigen sind: die personelle, die interpersonelle und die organisationale Ebene. Auf der personalen Ebene geht es um die Beziehung zwischen Nutzer und Telepräsenzroboter, die interpersonelle Ebene fokussiert das Verständnis für die zwischenmenschlichen Interaktionen während der Nutzung, und die organisationale Ebene betrifft die Auswirkungen der Nutzung in Bezug auf die gesamte Organisation. So zeigte sich etwa, dass die Nutzung eines Telepräsenzroboters für eine verstärkte Selbstaufmerksamkeit sorgt, denn bei dieser Form der Kommunikation sieht der Nutzer immer auch sich selbst und achtet daher mehr auf das eigene Aussehen. Eine weitere Erkenntnis ist, dass sich die Organisationskultur eines Unternehmens durch die Nutzung der Roboter verändert beziehungsweise verändern muss. Nur eine angepasste, eine Digitale Kultur ermöglicht den sogenannten Mindset Shift. Eine veränderte Denkweise ist unabdingbar, wenn es darum geht, Führungskräfte und Mitarbeitende auf ihre neuen Rollen in der digitalen Arbeitswelt vorzubereiten und ihnen die Aufnahme neuer Technologien zu ermöglichen. Mit Studien wie dieser hilft die LeadershipGarage Unternehmen, Führungskräften und deren Mitarbeitenden, die mit dem digitalen Wandel zusammenhängenden Herausforderungen zu meistern.

„Always on” als Chance

Gerade im Hinblick auf den Umgang mit den neuen Kommunikationstechnologien ist unser Leben sehr anders als das digitale Leben im Silicon Valley. Während bei uns die Möglichkeit der ständigen Erreichbarkeit und des „Always-on-Seins“ häufig als Belastung gilt, wird es im Silicon Valley als Chance betrachtet. „Die Menschen im Silicon Valley fragen: Wie können wir mit der digitalen Technik ein besseres und gesünderes Leben führen?”, berichtet Prof. Dr. Sabine Remdisch. Die Einstellung zur Technik und die Herangehensweise seien anders als in Deutschland: „Es ist ein positiver Wert, der von der Technik ausgeht.” Ein anderes Forschungsfeld von Prof. Dr. Sabine Remdisch und ihrem Team, das im Leadership Lab bearbeitet wird, ist der Einsatz mobiler Datenbrillen im Arbeitsleben. Die sogenannten Smart Glasses werden beispielsweise zur Arbeit an Maschinen eingesetzt: Die Führungskraft lässt sich das, was der Mitarbeitende an der Maschine sieht, auf die Brille schalten und kann so sehen, was der Mitarbeitende sieht. Auch technische Fehler werden von der Brille erkannt. Datenbrillen ermöglichen somit Führung auf Distanz, in diesem Falle eine Fernproblemlösung oder Ferninstruktion. Mit Blick auf diese Praxis ergeben sich interessante Fragestellungen für die wissenschaftliche Forschung: Wie gebe ich als Führungskraft mittels digitaler Technologien die richtigen Instruktionen? Wie fühlt sich dabei der Mitarbeitende, ist das ein zu großer Eingriff in seine Privatsphäre?

Silicon Valley hat technischen Vorsprung

Antworten auf solche Fragen helfen, die Angst vor diesen Technologien abzubauen. „Im Silicon Valley gilt, dass man kontinuierlich nach innovativen Lösungen suchen muss”, weiß Prof. Dr. Sabine Remdisch. Dort besuchen die Menschen, so berichtet sie, sogar in ihrer Freizeit Veranstaltungen und Seminare rund um die Technik, weil sie einfach neugierig sind und Neues lernen wollen. Auch Freitagabendveranstaltungen seien gut besucht, weil niemand das als Arbeit ansehe. „Ich finde das faszinierend: Die Kollegen besuchen in ihrer Freizeit ein Seminar zu künstlicher Intelligenz”, erzählt sie begeistert, „einfach, weil sie an der Innovation dran bleiben wollen“. Als Prof. Dr. Sabine Remdisch vor fünf Jahren das erste Mal in die USA ging, bemerkte sie sofort den technischen Vorsprung gegenüber Deutschland. „Das war schon sehr deutlich, aber Deutschland hat etwas aufgeholt”, meint sie heute. Webkonferenzen seien normal und man lebe mit seinem Smartphone. Das aktuelle Thema, über das zurzeit jeder im Silicon Valley rede, sei die künstliche Intelligenz (KI). „Auch da müssen wir Deutsche und Europäer uns noch einiges aneignen”, ist sie überzeugt. Die LeadershipGarage ist gerade in eine neue Runde gegangen. Ganz oben auf der Agenda steht auch der Themenbereich KI. Ihre Erkenntnisse fassen die Leuphana-Professorin und ihre Mitarbeiter regelmäßig im „LeadershipGarage Blog” (www.leadershipgarage.de) zusammen, außerdem organisieren sie zweimal im Jahr die „LeadershipGarage Lounge”, ein Austauschformat für Wissenschaftler und Unternehmensvertreter. Die nächste Lounge findet im November zum Thema „Führung und KI“ statt. (LEU)

Wonne!?!

editorial

Jetzt haben wir ihn endlich, den Wonnemonat Mai. Unser Jetlag nach der Uhrenumstellung ist verflogen, wir erfreuten uns bereits zu Ostern sommerlicher Temperaturen, und ganz Wagemutige warfen sich gleich ins kühle Nass: Dahlenburgs Wetterfrösche hatten es wohl erahnt und allen Unkenrufen zum Trotz ihre Schwimmmeister zum Dienst gebeten… So ernüchternd wie der Sprung ins kalte Wasser war auch das, was der Kreisausschuss in seiner vorösterlichen Sondersitzung beriet, genau am Grün-Donnerstag. Grün nicht, weil Grün die Hoffnung ist, Grün kommt im Falle Ostern von „grienen“, weinen. Und im Dilemma „Arena Lüneburger Land“ passt das bes-tens, wieder einmal ist es soweit, dass einem die Tränen kommen. Nicht nur bei den Volleyballern oder den zukünftigen Betreibern, deren Veranstaltungsakquise auf tönernen Füßen steht, auch beim „Durchschnittsbürger“, der schlicht den Glauben an diejenigen verliert, die mit gestrengen Maßstäben über die Statik jedes ach noch so unbedeutenden Geräteschuppens befinden. Die ersten Millionen sind verbaut, und nun muss die Statik – bauverzögernd – geprüft werden.  Gut, dass es jemand gemerkt hat. Aber es hat auch was Gutes: Die „gewonnene“ Zeit soll genutzt werden, aktiv an der Kostenschraube zu drehen, rückwärts wohlgemerkt. Zurück zur Wonne, zur Freude. Der Monat Mai, Ihr werdet es in diesem Magazin bemerken, hat viel zu bieten, in unterschiedlichster Form: Wichtigste Veranstaltung für alle, denen Demokratie und Selbstverwaltung vor der eigenen Tür und im großen Rahmen am Herzen liegt, sind die Wah-len am 26. Mai 2019. Europawahl, Landratswahl in Lüneburg und die Wahlen zahlreicher Bürgermeis-ter in Gemeinden und Samtgemeinden stehen an. Wer Sorge hat, wegen des schönen Wetters am 26. nicht rechtzeitig ins Wahllokal zu gelangen: Briefwahl ist einfach. Und frei wählen zu können, ist schon eine Freude.

Muttertag steht bevor, an Christi Himmelfahrt gibt’s gleich zwei Gründe der Freude, zählt man den Vatertag hinzu. Auch Essen bereitet Freude, und so steht der nächste verkaufsoffene Sonntag unter dem Motto „Lüneburg ganz kulinarisch“. Lüneburgs Gastronomie ist hierfür gut aufgestellt und wird von einer ganzen Karawane Foodtrucks mit ihren Spezialitäten bereichert. Wie kriegt man es wieder weg? Für den Lüneburger Firmen lauf trainieren und teilnehmen (Seiten 24/25). Oder mal in den Läden stöbern, die Regionales anbieten (Seiten 27-29).Viel Freude wünschen wir Euch nun bei der stadtlichter-Lektüre mit vielen Highlights für jeden Geschmack.

Unser Tipp für Mai-Romantiker: Kreuzt doch mal bei den Bevensener Kurparknächten auf und lasst Euch dort be- und verzaubern. In diesem Sinne wünschen wir Euch einen wunderschönen Mai…

Eure stadtlichter

Verlogene Liebesschwüre

„LOVE SCAM“ – Das miese Geschäft der Internet-Betrüger

Sie haben die große Liebe im Internet gefunden – und am Ende sind sie ihr Vermögen los: Opfer von Liebes-Abzocke im Internet, sogenannten „Love Scams“. Auch Silke D. (43, Name geändert) fiel auf einen solchen Liebes-Betrüger herein. Am Ende blieb der bei Winsen lebenden Kfz-Kauffrau ein gebrochenes Herz und ein geplündertes Bankkonto. „Ich war total blind, kann heute selbst nicht verstehen, wie dumm ich war“, erzählt sie. Mehrere tausend Euro hat sie einem Mann überwiesen, der vorgab, sie sei seine große Liebe. Er hatte sich als erfolgreicher Architekt aus den USA ausgegeben, sei unheimlich attraktiv gewesen, erzählt Silke D. Sie habe sich gewundert, dass so ein Mann Single ist, aber er habe ihr in gutem Deutsch (angeblich hatte er deutsche Vorfahren) erklärt, seine Ex-Frau hätte ihn mit einem Kollegen betrogen und nun würde er sich eben allein um seinen 11-jährigen Sohn Jus-tin kümmern. Manchmal sei sie während der vielen Gespräche schon misstrauisch geworden, auch weil bei ihm Skype nie geklappt habe aus den unterschiedlichsten Gründen, erzählt Silke D. „Ich habe ihn sogar einmal gegoogelt. Ohne ein Ergebnis natürlich. Die Alarmglocken waren danach auf Höchststufe. Trotzdem hat er mich wieder einlullen können mit seiner nächsten süßen SMS.“

Irgendwann ging es nur noch ums Geld

Kurz nach Weihnachten wollten sie sich dann erstmals in Hamburg treffen. Zuvor musste der Mann aber angeblich geschäftlich nach Singapur. Er sprach von Problemen bei einem Immobilienkauf, ein Anwalt müsste zügig bezahlt werden und jetzt hätte man ihm auch noch die Kreditkarte gestohlen. Sie sollte ihm Geld überweisen für Anwalt und Flugticket. „Er machte mir so ein schlechtes Gewissen. Und ja, ich dumme Gans überwies das Geld …“ In Internetforen wie „romancescambaiter.de“ oder „gofeminin.de“ gibt es zahlreiche ähnliche Berichte von geschröpften und frustrierten Frauen wie Männern. Teilweise verzweifelte Berichte. Und immer wieder die Fragen der Opfer: Warum ich? Wie konnte ich nur darauf hereinfallen? Fast immer läuft der Betrug gleich ab: Die kriminellen Liebesschwindler geben sich freundlich und erzählen eine seriöse und interessante Lebensgeschichte. Beißt das Opfer an, wird diese bald von Liebesschwüren überschüttet. Über Wochen und Monate bauen die Betrüger eine Beziehung zu ihren Opfern auf, die sie unverzichtbar im emotionalen Leben der Betroffenen macht, ohne sich jemals getroffen zu haben. Dann schreiben die Scammer von angeblichen geschäftlichen oder privaten Problemen, gefolgt von konkreten Geldanfragen.

Fotos sind meist gestohlen

In der Regel verwenden die Liebesbetrüger auch gestohlene Fotos: Die abgebildeten Personen wissen selbst gar nicht, dass ihre Bilder benutzt werden. Oder es werden extra Fotostrecken von einem Model angefertigt. Dies erkennt man an der gleichen Kleidung oder den ähnlichen Posen. Laut Erkenntnissen ermittelnder Staatsanwälte stammen die meisten der Betrüger – männlich wie weiblich – aus Westafrika. Männer geben sich überwiegend als attraktive, gut ausgebildete weiße Personen aus USA oder Europa aus. Frauen sagen, die seien Krankenschwestern, Ärztinnen, Lehrerinnen oder Geschäftsfrauen jeder Art aus Russland, Südamerika, Thailand oder auch Europa. Insider gehen davon aus, dass rund 95 Prozent der englisch sprechenden Kontakte auf deutschen Dating-Seiten Romance- oder Love-Scammer sind. Allerdings können einige der Kriminellen auch im perfekten Hochdeutsch auf „große Liebe“ machen. Das rät die Polizei: Denken Sie immer daran: Echte Liebe kostet nichts und ein wahrhaft Verliebter verlangt niemals Geld von Ihnen …(RT)

Was Opfer von „Love Scams“ tun können

  • Brechen Sie sofort jeglichen Kontakt zu dem vermeintlichen Geliebten ab.
  • Geleistete Zahlungen sollten, wenn noch möglich, sofort rückgängig gemacht werden. Vorsicht: Gerade Überweisungen durch die Western Union oder das Übersenden von Schecks können nicht verfolgt werden.
  • Auch wenn die Strafverfolgung von Tätern sehr schwierig ist, weil sie aus dem Ausland agieren, sollten Opfer bei der Polizei Anzeige erstatten.
  • Wenn Sie es nicht selbst können, dann lassen Sie sich von computererfahrenen Bekannten und Freunden den so genannten E-Mail-Header auslesen. Daran erkennen Sie, woher die Mail geschickt wurde.
  • Zudem sollten sämtliche Nachrichten bzw. Chat-Texte als Beweis abgespeichert werden, z.B. auf dem bevorzugten Cloud-Dienst, einer externen Festplatte oder einem USB-Stick.
  • Heben Sie alle Überweisungsbelege usw. auf.

Wann sollte man stutzig werden?

  • Die Betrüger interessieren sich sehr für die finanzielle Situation ihres Opfers.
  • Sie wollen alles über ihr Opfer wissen, wie Hobbys, Kinder, Freunde.
  • Sie verlieben sich schnell unsterblich. Viele Scammer bezeichnen ihre neuen Partner schon bald als „Ehemann“ oder „Ehefrau“ und schmieden schnell Heiratspläne. Deswegen scheint die Bitte um ein Visum oder ein gemeinsames Konto gerechtfertigt.
  • Sie gaukeln Notsituationen vor und setzen so ihr Opfer emotional unter Druck.
  • Sie schaffen Vertrauen, indem sie sich am Anfang vom Opfer ein wenig Geld leihen und dieses dann rasch zurückzahlen.
  • Häufig geben die Betrüger vor, ein gemeinsames Konto mit dem Opfer eröffnen zu wollen und bitten um Kopien von Ausweisen. Die Daten werden dann für Fälschungen von Pässen genutzt.
  • Ein Bekannter bringt ein Päckchen vorbei, dass zum Scammer geschickt werden soll. Das könnten gefälschte Papiere sein und somit macht sich das Opfer strafbar.
  • Oft werden Geschichten über verstorbene Ehepartner und Kinder aufgetischt.

An der Schnittstelle

Susanne Schumacher führt als Willkommenslotsin arbeitsuchende Geflüchtete und Unternehmen zusammen

Ob Jugendhilfe, Politik, Naturschutz oder Marketing: Susanne Schumacher hatte in ihrer Laufbahn schon viele Jobs. In ihrer neuen Anstellung als Willkommenslotsin bei der IHK Lüneburg schließt sich der Kreis, denn hier kann sie ihre gesammelten Erfahrungen einbringen. Die 48-Jährige hilft im Kammerbezirk Lüneburg-Wolfsburg, für Geflüchtete den passenden Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu finden – und für Unternehmen die passenden Mitarbeiter. Die gebürtige Stuttgarterin, die in einem Dorf in Baden-Württemberg aufwuchs, zog 1993 nach Lüneburg, um Umweltwissenschaften zu studieren. „Ich habe vorher im Auslandsstudium in Italien Leute kennen gelernt, die mir von Lüneburg vorschwärmten”, erinnert sie sich. Als sie die Stadt kennen lernte, war es sofort um sie geschehen: Inzwischen kann sich Susanne Schumacher keinen schöneren Ort zum Leben und Arbeiten mehr vorstellen. Nach dem Studium war es für Susanne Schumacher erst eine Notlösung, in der Jugend- und Erwachsenenbildung zu arbeiten. „Mein Studium der Umweltwissenschaften hatte einen geo-botanischen Schwerpunkt. Ich wollte aber mehr mit Menschen arbeiten”, erklärt sie. Bei verschiedenen Lüneburger Bildungsträgern unterrichtete sie Fächer wie Mathe, Deutsch und Englisch, gab Bewerbungs- und Telefontraining.

Mutter der Nation und Feldwebel

Die Aufgaben wurden stetig mehr, bis Susanne Schumacher 2001 ein Job beim Verein Jugendhilfe e.V. in Lüneburg angeboten wurde, der es in sich hatte: Im Rahmen des aha!-Projektes wurde sie als Lehrerin für drogenabhängige Jugendliche eingestellt. „Auf der einen Seite musste ich den Schülern wohlwollend und zugewandt gegenübertreten, auf der anderen Seite eisenhart sein. Ich war im einen Moment die Mutter der Nation und im nächsten Moment der Feldwebel.” Die Jugendlichen zu unterrichten war eine wesentlich größere Herausforderung als die Erwachsenenbildung. Meist hatten die jungen Leute keine Lust auf Unterricht und hinterfragten manches Mal den Sinn. „Da braucht man eine ureigene Motivation”, meint Susanne Schumacher. Drei Jahre hängte sie sich in das Projekt. Dann nahm ihre berufliche Laufbahn eine totale Kehrtwende: Da sie nebenbei bereits die CDU journalistisch begleitet hatte, ergab sich 2003 die Möglichkeit, bei dem Wahlgewinner im niedersächsischen Landtag aktiv zu werden. Susanne Schumacher arbeitete fortan als Wissenschaftliche Referentin für Frauen, Familie, Gesundheit, Soziales, Petitionen & Bau der CDU-Fraktion. „Das war ein krasser Gegensatz zur Jugendhilfe. Vorher hatte ich mit Tätowierten und Abhängigen zu tun, nun mit Anzugträgern”, erzählt sie, „ein Wechsel von einer Welt in die komplett andere.” Trotzdem gab es auch hier Schnittmengen: Als Einzige im Arbeitskreis Soziales, die praktische Erfahrung mit der Drogenhilfe hatte, setzte sie sich zum Beispiel erfolgreich gegen Kürzungen in diesem Bereich ein. Für ihren Job in der Politik zog Susanne Schumacher nicht aus ihrem geliebten Lüneburg weg, sie pendelte mit dem Zug nach Hannover, arbeitete Tag und Nacht und übernachtete teilweise sogar im Büro. Als ihre Chefin Ministerin wurde, bot sich Susanne Schumacher als deren persönliche Referentin an und war ab dann Referentin der Ministerin für Frauen, Familie, Gesundheit, Soziales und Bau. 15 Monate absolvierte sie diese Arbeit, „ein Knochenjob”. Für Notfälle nahm sie sich ein WG-Zimmer in Hannover, denn immer wieder verpasste sie den letzten Zug zurück. Es folgten Zwischenstationen in den Bereichen Gewaltschutz und Zwangsprostitution sowie im Referat Frauen & Arbeitsmarkt. Mit dem Wechsel ins Frauenreferat konnte sie ihr WG-Zimmer kündigen, denn sie hatte nach Jahren erstmals wieder einen planbaren Feierabend.

Von der Politik in die Natur

Zu dieser Zeit lebte Susanne Schumacher in Lüneburg in einem Wohnprojekt im Roten Feld. Das Pendeln ging ihr zunehmend auf die Nerven. „Im sechsten Jahr hatte ich die Nase voll von der Pendelei”, erinnert sie sich. Eine Kollegin zeigte ihr im richtigen Moment eine Stellenanzeige des Umweltministeriums, „ein Traum für jeden Umweltwissenschaftler”. 2009 trat sie die Stelle an der Alfred Toepfer Naturschutz Akademie in Schneverdingen an, wo sie stellvertretende Fachbereichsleiterin für Bildung & Kommunikation wurde. Der Gegensatz zur Arbeit in Hannover war frappierend: „Es gab nur Weite und ab und zu eine Schafherde, das war Natur pur.” Nach einem Jahr in Schneverdingen verspürte Susanne Schumacher erneut Aufbruchsstimmung. Sie hinterfragte ihre Ziele, suchte zwischenzeitig nach einer Immobilie näher an der Naturschutzakademie – bis ihr eine Freundin die Nachfolge in ihrem Job anbot, diesmal in Bremen. Sie bekam die Stelle, doch für Bremen gab sie das erste Mal ihren festen Wohnsitz in Lüneburg auf. Sie zog 2010 in einen Bremer Vorort und nahm ihre neue Arbeit als Marketingleiterin eines internationalen Architektur- und Ingenieur-Dienstleisters an. „Das war wieder ein 24-Stunden-Job”, erzählt die 48-Jährige. Ihr Plan war, drei Jahre Erfahrung in der freien Wirtschaft zu sammeln, doch als diese verstrichen waren, war aufgrund einer Umstrukturierung im Betrieb an einen Weggang nicht zu denken. Während ihrer Bremer Zeit, die sich auf acht Jahre erstreckte, plagte Susanne Schumacher das Heimweh nach Lüneburg. „Ich habe zunehmend gemerkt, dass ich da weg will und habe immer wieder Bewerbungen nach Lüneburg geschickt”, erzählt sie. Als sie die Stellenanzeige der Industrie- und Handelskammer (IHK) Lüneburg-Wolfsburg für einen Willkommenslotsen entdeckte, war es für sie ein Volltreffer. „In diesem Job kommt alles zusammen, was ich bisher gemacht habe”, sagt sie. Und im Sommer 2018 hatte sie bereits eine Wohnung in Melbeck gekauft.

Netzwerkqualitäten zählen

Seit dem 2. Januar ist Susanne Schumacher Willkommenslotsin bei der IHK Lüneburg-Wolfsburg. Ihr Job ist die Schnittstelle zwischen Unternehmen, die händeringend nach Fachkräften suchen und jungen Geflüchteten, die einen Ausbildungsplatz oder eine Arbeitsstelle suchen. Sie bringt beide Seiten zusammen. In dem zunächst auf ein Jahr befristeten Projekt „Willkommenslotsen”, das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert wird, kann Susanne Schumacher ihre Netzwerkqualitäten voll ausschöpfen. Da die Stelle ein halbes Jahr vakant war, ist sie zunächst dabei, Netzwerke neu aufzubauen. Sie knüpft Kontakte zu allen, die von ihrer Arbeit profitieren könnten. So besucht sie in ihrem Kammerbezirk, der sich von Hamburg-Harburg bis Wolfsburg und vom Heidekreis bis Lüchow-Dannenberg erstreckt, Berufswahlmessen, Regionaltreffen zu Themen wie Migration, Teilhabe und Integration von Flüchtlingen und sucht Kontakt zu Arbeitsagenturen, zu Einrichtungen wie Caritas und Diakonien oder den Landkreisen. Bei Netzwerktreffen mit Willkommenslotsen anderer Kammern werden Praxiserfahrungen ausgetauscht. „Ich vernetze mich was das Zeug hält, ich muss mich erst einmal bemerkbar machen”, meint sie. Fortbildungen sind für die Willkommenslotsin essentiell. Da sie über Fördermöglichkeiten, rechtliche Rahmenbedingungen oder zur konkreten Organisation im Betrieb berät, muss sie sich immer auf dem Laufenden halten. Geschult wird sie dafür vom KOFA, dem Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung, das ihr das Rüstzeug an die Hand gibt. Auch der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) als Organisator des Projektes stellt Informationen zur Verfügung. „Die Änderungen erschweren die Arbeit, politisch ist viel im Fluss”, so die 48-Jährige. „Auf einmal ist ein eben noch sicheres Herkunftsland ein unsicheres. Dadurch hat man es im Grunde immer mit Einzelfällen zu tun.” Hat ein Geflüchteter einen konkreten Ausbildungswunsch, kann er oder sein Betreuer einen Termin bei der IHK ausmachen. Liegen die Berufswünsche im Zuständigkeitsbereich mehrerer Kammern, stimmt sich Susanne Schumacher mit der Landwirtschafts- und Handwerkskammer ab. Eine Standardberatung gibt es bei ihr nicht. Im Gespräch werden die individuellen Wünsche des Geflüchteten erörtert, aber auch Qualifikationsbedarf, Aufenthaltsstatus und Sprachkenntnisse hinterfragt. In detektivischer Kleinstarbeit muss Susanne Schumacher herausfinden, ob der Ausbildungs- und Berufswunsch realistisch ist – und welches Unternehmen zu ihm passen könnte. Umgekehrt hält sie Kontakt zu den Unternehmen, um sie zum Thema zu sensibilisieren und davon zu überzeugen, dass Flüchtlinge als Auszubildende oder Fachkräfte eine Bereicherung für jeden Betrieb darstellen können.

Hochmotivierte Flüchtlinge

Die Erfahrungen der ersten Monate zeigen: Bisher kommen ausschließlich Männer zu Susanne Schumacher, die im Schnitt zwischen 19 und 27 Jahre alt sind. Diese stammen überwiegend aus Syrien, Pakistan, Afghanistan und Irak. Am nachgefragtesten ist im IHK-Kammerbezirk der Beruf des Kfz-Mechatronikers, im Handwerk ist es unter anderem der Friseurberuf. Die größte Sorge von Unternehmen bei der Beschäftigung von Flüchtlingen ist ein ungesicherter Aufenthaltsstatus, doch hierfür gibt es klare Vorgaben, so dass die Willkommenslotsin ihnen diese Angst nehmen kann. Wenn es gewünscht ist, begleitet sie Vorstellungsgespräche und bleibt Ansprechpartnerin für beide Seiten. Neben Praktika sind Einstiegsqualifizierungen eine beliebte Form der ersten Beschäftigung von Geflüchteten. Diese Möglichkeit gibt es seit 2004 und ist eine Art Langzeitpraktikum über sechs bis zwölf Monate. In dieser Zeit kann der Beschäftigte, der eine kleine Entlohnung erhält und krankenversichert ist, die Berufsschule besuchen, muss aber keine Prüfungen ablegen. Die Maßnahme wird vom Arbeitsamt gefördert, für die Unternehmen besteht kein finanzieller Aufwand. „Danach ist das Ziel, im gleichen Unternehmen eine Ausbildung anzufangen”, erklärt Susanne Schumacher. „Dafür ist eine große Offenheit da.” Die arbeitsuchenden Geflüchteten erlebt die Willkommenslotsin in ihrer Arbeit durchweg als höflich, gut vorbereitet, freundlich und hochmotiviert. „Die wollen wirklich alle hier arbeiten und ihr Bestes geben”, meint sie. Auch von den Unternehmen erhält sie nach erfolgreicher Vermittlung Rückmeldungen über überdurchschnittlich hohe Arbeitsleistungen und eine hohe Sozialkompetenz. In ihrem jetzigen Beruf kann Susanne Schumacher gebrauchen, was sie in den anderen Jobs gelernt hat. Ihr Englisch ist durch die Arbeit im internationalen Konzern sehr gut, Bewerbungstraining und andere Berufsvorbereitungen kann sie aus ihrer Zeit in der Jugendhilfe übernehmen. Ihre neue Arbeit sieht sie als ein Zwischending aus Behörde und Politik mit der richtigen Work-Life-Balance. „Und die Freude am Vernetzen ist in jedem Beruf wichtig.” (JVE)

Getöse…

editorial

Was für ein Getöse… Irgendwie bekommt man als Normalbürger immer mehr den Eindruck, die Welt hat nur noch wenige Themen im Fokus. Brexit in Europa, Notstand in den Staaten, Spionageangst vor China. Da nimmt sich doch so eine Diskussion um ein paar Millionen Invest mehr oder weniger für Lüneburgs aktuellstes Bauobjekt, die Arena Lüneburger Land, wahrlich als völlig banal aus. Aber just das ist es, was uns grundlegend bewegt. Wie können wir Vertrauen in die „große“ Politik haben, wenn das Augenmaß bei den Verantwortlichen nicht mehr zu funktionieren scheint? Bei der Gorch Fock fällt irgendwann auf, dass die Renovierungskosten um mehr als das 13-Fache höher liegen, da klingt das Finanzdebakel um die Halle doch eher bescheiden, oder? Es ist schade, dass auf so leichtfertige Art und Weise Vertrauen verspielt wird, es muss doch möglich sein, Kostenrahmen für die unterschiedlichsten Dinge seriös zu ermitteln, in Unternehmen gelingt dies doch auch! Meistens zumindest, die anderen landen beim Insolvenzgericht. Wie auch immer diese Situation entstanden ist, die Verantwortlichen haben der Sache einen Bärendienst erwiesen. Wir geben ja die Hoffnung nicht auf, dass die Arena tatsächlich gebaut wird und Lüneburg wieder so in den Fokus von potenten Veranstaltern gerät, die das hochwertige kulturelle Angebot in der Region erweitern könnten. Schön wäre es, wenn man wieder dahin käme, den Bürgern (Wählern) solide Finanzierungsmodelle vorzustellen, das betrifft die Arena, das betrifft aber auch die Elbbrücke. Wir Stadtlichter sehen uns natürlich in der Pflicht, für alle, die nach ernüchternden Themen Zerstreuung suchen, in dieser Ausgabe wieder unendlich viele und verschiedenste Veranstaltungen, Theater, Konzerte, Filme, Feste, Partys, Comedy, Ausstellungen, Literatur und mehr zusammenzustellen. Der Frühjahrsmarkt lockt zudem Ende April ganz Lüneburg auf die Sülzwiesen, während Anfang des Monats schon Hunderte Wohnmobilisten aus der ganzen Republik den Festplatz bevölkern und sich an Lüneburg erfreuen werden. Und das Thema unserer Wirtschaftsserie Top-Adressen lenkt diesmal auf zehn Seiten den Blick auf die Unternehmensvielfalt in der Gemeinde Adendorf…

In den April schicken wir Euch in dieser Ausgabe tatsächlich nicht, obwohl es uns in den Fingern juckt. Ihr braucht also nicht danach zu suchen, alle angekündigten Events sind echt! In diesem Sinne wünschen wir Euch einen schönen, jetlag-freien Start in die Sommerzeit.

Eure stadtlichter

Sind sie ein Lebensretter?

Menschen sterben, weil es zu wenige Organspender gibt – eine nachhaltige Lösung ist (noch) nicht in Sicht

Gut 10.000 Menschen warten in Deutschland verzweifelt auf eine Niere, eine Leber, Lunge oder ein Herz. Doch nicht einmal 1.000 Tote wurden im vergangenen Jahr in Deutschland zu Organspendern. Immerhin: Es waren schon einmal deutlich weniger …

Mehr Zeit, mehr Geld, mobile Expertenteams für kleine Krankenhäuser: Um zu mehr lebensrettenden Organspenden in Deutschland zu kommen, sollen Kliniken dafür künftig bessere Bedingungen erhalten. Darauf zielt ein Gesetz von Gesundheitsminister Jens Spahn, das im Bundestag erst Mitte Februar mit breiter Mehrheit beschlossen wurde. Konkret geht es darum, mehr geeignete Spender finden zu können. „Das gibt den 10.000 Patienten Hoffnung, die auf ein Spenderorgan warten“, so der CDU-Politiker. Die meisten Mediziner sehen allerdings weiteren Handlungsbedarf, ein kleiner Schritt in die richtige Richtung reicht nicht. Denn auch im vergangenen Jahr überließen nur 955 Menschen nach ihrem Tod Organe für andere Patienten, wie die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) mitteilte. Das war zwar ein Plus von knapp 20 Prozent im Vergleich zu 2017 mit 797 Spendern und der erste größere Anstieg seit 2010. Doch: Immer noch sterben jeden Tag im Schnitt drei Menschen, weil sie nicht rechtzeitig ein passendes Organ bekommen. Auch Eisenbahner Werner L. (53) wartet auf ein Spenderorgan, und das bereits seit sechs Jahren. Der Lüneburger leidet an einer chronischen Entzündung der Gallenwege, Primär sklerosierende Cholangitis (PSC) genannt.

Die Gallenflüssigkeit, die normalerweise von der Leber aus die Gallenwege passiert, kann bei einer PSC nicht mehr ungehindert fließen – sie staut sich an bestimmten Stellen. Auf lange Sicht führt die Primär sklerosierende Cholangitis zu Schäden in der Leber, so dass diese nicht mehr richtig arbeiten kann. Eine Leberzirrhose kann die Folge sein – wie bei Werner L. Meist stellt der Arzt die Diagnose PSC, wenn die Patienten zwischen 30 und 50 Jahre alt sind. Männer sind häufiger betroffen als Frauen. „Die Krankheit kommt schleichend, man merkt lange nichts, ich war immer häufiger müde, bekam so einen schrecklichen Juckreiz. Da erst ging ich zum Arzt. Die Diagnose war ein Schock!“ Die Leber von Werner L. hat kaum noch Funktion. Glaubt er noch daran, rechtzeitig ein Spenderorgan zu erhalten? „Natürlich, immer“, sagt er. „Wenn nicht, würde ich dem allen noch heute ein Ende setzen. Dann wäre ja alles sinnlos.“ Peter Mohr vom Verein Lebertransplantierte Deutschland e.V. Koordinationsbereich Nord, der seinen Sitz in Lüneburg hat, würde gerne mehr Optimismus verbreiten können. Doch Mohr, selbst ein „Transplantierter“, weiß auch, dass das Thema komplex ist: „Objektiv ist es eben immer noch einfach so, dass wir viel mehr Organspenden benötigen, von daher reicht es nicht, jemand nur Hoffnung zu machen. Die muss sich auch auf etwas begründen.“ Was es braucht, ist die permanente Information über das Leid derjenigen, die auf ein Organ warten, heißt es von der DSO. Eine Schlüsselrolle dabei spielen die Hausärzte: Wie eine aktuelle Erhebung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zur Organspende zeigt, genießen sie bei Patienten besonders hohes Vertrauen und sind auch beim Thema Organ- und Gewebespende wichtige Ansprechpersonen. So gibt etwa jeder vierte Befragte zwischen 14 und 75 Jahren in der Repräsentativbefragung der BZgA an, mit seinen Ärztinnen und Ärzten über das Thema sprechen zu wollen. 15 Prozent derjenigen, die einen Organspendeausweis besitzen, haben diesen in ihrer Arztpraxis erhalten.

Warum dennoch so viele Menschen davor zurückscheuen, einen Organspende-Ausweis auszufüllen, erklärt sich Werner L. so: „Das Thema ist ja keines, über das man leichthin spricht und mit dem man auf Partys neue Freunde gewinnt. Man muss sich mit dem eigenen Tod oder dem von Angehörigen beschäftigen. Das ist tabu. Wer macht das schon gerne?“

In der aktuellen Debatte um die gesetzliche Regelung der Organspende setzen viele Betroffene – auch der Lüneburger L. – darum jetzt auf die so genannte Widerspruchslösung. Danach soll jeder Deutsche automatisch ein Spender sein, wenn man nicht selbst oder jemand aus der Familie widerspricht. Dass die Widerspruchslösung aber wirklich kommen wird, ist wohl eher zweifelhaft. Ärztekammer-Präsident Frank Ulrich Montgomery fasste die Mehrheitsmeinung unter seinen Kollegen so zusammen: „Als Arzt vertrete ich die Widerspruchslösung. Ich halte sie in unserem Rechtssys-tem, in dem man für jeden Pieks eine Einwilligung geben muss, jedoch für schwer durchsetzbar.“

Wie wird man selbst Organspender?

Die persönliche Entscheidung kann in einem Organspendeausweis oder in der Patientenverfügung schriftlich dokumentiert werden. Gleichwertig ist das Gespräch mit den Angehörigen. Füllen Sie den Organspendeausweis einfach aus und legen ihn in die Brieftasche. Dort schauen Ärzte im Ernstfall zuerst nach. Tragen Sie dort Name, Vorname, Geburtsdatum und Adresse ein. Dann kreuzen Sie auf der Rückseite an, für welche Form der Organspende Sie zur Verfügung stehen. Wichtig: Unterschreiben Sie den Ausweis, nur damit wird das Dokument gültig. Und: Informieren Sie Ihre Angehörigen, dass Sie Organspender sind, dann gibt es im Notfall keine Probleme.

Wann werden Organe zur Spende freigegeben?

Dafür muss beim Patienten der Hirntod festgestellt werden. Heißt: Die Gesamtfunktion des Großhirns, Kleinhirns und Hirnstammes sind unwiederbringlich und unumkehrbar ausgefallen. Eine Rückkehr ins Leben ist ausgeschlossen. Zwei Ärzte müssen diesen Zustand unabhängig voneinander feststellen, machen dafür bestimmte Tests. (RT)

Information zur Organ- und Gewebespende  www.organspende-info.de

www.bundesgesundheitsministerium.de/Organspende.

Kostenfreies Infotelefon Organspende: 0800 / 90 40 400.

Lebertransplantierte Deutschland e.V. Koordinationsbereich Nord

Telefon: 04131 / 53217.

Auf dem Weg zum Plastikfreien Leben

Der Umweltaktivist Christoph Schulz setzt sich gegen Plastikmüll ein

Eigentlich war Christoph Schulz auf der Suche nach einer neuen Geschäftsidee. Doch diese Suche veränderte sein Leben. Heute kämpft der 30-Jährige mit seinem Umweltschutzprojekt als Aktivist gegen den Plastikmüll – und lebt selbst nahezu plastikfrei. Aufgewachsen ist Christoph Schulz in Uelzen, auf dem Herzog-Ernst-Gymnasium machte er sein Abitur, bevor er eine Bankausbildung begann. Anschließend studierte er Online-Marketing. Für seine Bachelor-Arbeit zog er nach Berlin, wo er seit vier Jahren – inzwischen zusammen mit seiner Freundin – lebt. Dass er nicht im Angestelltenverhältnis arbeiten möchte, war Christoph in Berlin schnell klar. So startete er mit einem Freund seinen ersten Start-up-Versuch mit einer Vermietung technischer Geräte. „Wir wurden total ausgenutzt, es gab einfach zu viele Verbrecher und falsche Kunden. Uns fehlten aber die Möglichkeiten, die Kosten wieder einzutreiben”, erzählt der 30-Jährige. Aus dieser Pleite zogen sie die Lehre, in Selbstständigkeit Dinge lieber verkaufen zu wollen.

Haltbar bis 1981

Im Jahr 2016 reiste Christoph Schulz in den Urlaub nach Sri Lanka, „um mir darüber klar zu werden, was ich wirklich machen will.” Er war das erste Mal in Südostasien unterwegs und war entsetzt über den Plastikmüll in der Natur. Diese Erfahrung legte bei ihm urplötzlich einen Schalter um. „Ich habe eine Plastikflasche gefunden, deren Inhalt bis 1981 haltbar war. Da habe ich gemerkt, dass das Plastik wirklich unvergänglich ist. Wenn ich jetzt eine Plastikflasche wegschmeiße und in 60 Jahren gestorben bin, vergehen noch weitere 400 Jahre, bis sie sich zersetzt hat”, so Christoph. Der Urlauber konnte nicht wegschauen und organisierte vor Ort in Sri Lanka eine Aufräumaktion, ein Clean-Up, am Strand. Wieder in Deutschland angekommen, beschloss Christoph Schulz, sich auch beruflich mit dem plastikfreien Leben zu befassen. „Ich habe recherchiert, was es auf dem Markt an plastikfreien Produkten gibt”, erzählt der 30-Jährige. So sei er zum Beispiel auf Zahnbürsten aus Holz oder Holzhaarbürsten mit Wildschweinborsten gestoßen. Um seinen eigenen Beitrag zu diesen plastikfreien Alternativen zu leisten, begann er schließlich, sie selbst in kleinen Mengen und auf eigene Rechnung produzieren zu lassen und zu verkaufen. Zwar konnte er gut davon leben, inzwischen hat er sich jedoch darauf spezialisiert, die umweltfreundlichen Produkte zu testen und an Interessierte zu vermitteln. Auf seiner Webseite www.careelite.de, benannt nach dem von ihm gegründeten Umweltschutzprojekt, bloggt er regelmäßig über Neuheiten und Themen rund um plastikfreies, umweltfreundliches und nachhaltiges Leben. Von seiner Leserschaft, der Community, erhält Christoph Anregungen, welche Produkte plastikfrei produziert werden sollten. „Ich habe zum Beispiel den Vorschlag für einen Wasserkocher ohne Plastik bekommen. Die gibt es auch aus Glas. Wenn es das Produkt auf dem Markt aber noch nicht gibt, entwerfe ich das, suche Hersteller und schreibe sie an”, erklärt er. Dieses Produkt lasse er dann in kleinen Stückzahlen produzieren. Die Garantie für einen guten Absatz gibt es nicht. „Vielleicht will das auch keiner kaufen. Man muss den Markt erstmal kennen lernen”, erläutert Christoph.

Plastik nicht total verteufeln

Was den Haushalt angeht, hält Christoph Schulz nichts davon, Plastik grundsätzlich zu verteufeln. Sinnvoll sei es zum Beispiel nicht, aus gutem Vorsatz alles aus Plastik wegzuwerfen, um auf plastikfreie Alternativen umzusteigen. „Das wäre natürlich totaler Quatsch, man will ja auch keinen Müll machen”, meint er. Der Umstieg mache vor allem Sinn bei Dingen, die man oft wechselt – wie zum Beispiel Zahnbürsten. „Das muss man für sich selber entscheiden.” Der Uelzener rät allerdings dazu, Dinge, die schädliches BPA enthalten, sofort zu entsorgen. Auf Plastik im Haushalt zu verzichten, sei auch nicht in jedem Bereich sinnvoll, glaubt Christoph. „Eine PC-Tastatur ist zum Beispiel schwierig zu ersetzen”, außerdem würde man sie in der Regel lange nutzen. Sein Tipp lautet „Plastik einfach sinnvoll ersetzen”, zum Beispiel beim Einkaufen. Auf Plastiktüten beim Kauf von Obst und Gemüse könne man verzichten, zum Beispiel mit einem plastikfreien Gemüsenetz, das man immer wieder verwenden kann. In Berlin setze sich dieser Trend zur Plastikvermeidung zunehmend durch, hat Christoph beobachtet. Ein großes Problem in Supermärkten sieht der Umweltschützer in den Plastikverpackungen. „So entsteht schnell viel Müll.” Um auf Plastikverpackungen zu verzichten, setzen Christoph und seine Freundin vermehrt aufs Selbermachen – wie in alten Zeiten. Spülmittel machen sie beispielsweise aus Efeu selbst. „Das hätte ich mir vor zwei Jahren auch nicht träumen lassen, dass ich das mal aus Blättern herstelle”, sagt der 30-Jährige schmunzelnd, „aber es funktioniert einwandfrei, und Efeu gibt es bei uns zuhauf.”

Gesünder und langfristig kostengünstig

Der Verzicht auf Plastik im Haushalt muss nicht zwingend teuer sein. „Plastikfrei leben ist nur kurzfristig teuer, aber ich gebe dann kein Geld mehr aus”, erklärt der Aktivist. So seien die Investitionen in Vorratsgläser und Glasdosen eine Ausgabe für eine lange Zeit. „Es ist hundert Prozent gesünder und langfristig kostengünstig”, meint er. „Und das Zeitaufwendige ist nur, dass man sich einmal damit beschäftigt.” Der Wahl-Berliner hat sich daran gewöhnt, von Außenstehenden als Ökofreak angesehen zu werden. Doch man müsse kein Ökofreak sein, um durch einfache Veränderungen nachhaltiger zu leben. „Das Meiste dauert nicht lange”, betont er. Christoph Schulz und seine Freundin kaufen Obst, Gemüse und Käse auf dem Wochenmarkt ein. „Da kann man supergut plastikfrei einkaufen, und die Wochenmärkte würde ich auch unterstützen”, sagt er. „Märkte gibt es überall, gab es schon immer, und sie bieten Regionales an, das besser ist als im Discounter.” Joghurt kaufen sie im Supermarkt, Nudeln und Co. im Unverpackt-Laden, in den sie eigene Vorratsgläser mitbringen. „Es sieht cool aus und macht überhaupt keinen Müll”, so Christoph. Die Preise seien zwar etwas höher, „aber es lohnt sich. Und die Betreiber solcher Läden machen das mit Leidenschaft.” Durch das Internet gibt es viele Wege, seine Tipps und Anregungen unter das Volk zu bringen und sich zu vernetzen. Im Rahmen seines Umweltschutzprojektes CareElite, das Christoph Schulz 2017 gegründet hat, gibt es nicht nur die Homepage mit Blog und Shop, sondern auch Gruppen in den sozialen Netzwerken. In der öffentlichen Facebook-Gruppe „Zero Waste, Plastikfrei und Natürlich leben (CareElite Connect)” sind inzwischen mehr als 6.000 Mitglieder, außerdem betreibt Christoph die Facebook-Seite „CareElite – Be Natural Change”, die von ebenfalls mehr als 5.600 Menschen geliked wird. In der Gruppe „Nature & Beach CleanUp Group (Worldwide)” vernetzen sich Menschen, die weltweit gemeinsame Aufräumaktionen organisieren und durchführen wollen, im deutschsprachigen Raum sind der Verein Küste gegen Plastik und Sea Shepherd in dieser Richtung aktiv.

Müll ist unser Fußabdruck

Die Gruppen in den sozialen Netzwerken sind sehr aktiv, und auch Christoph Schulz‘ Homepage von CareElite wird bis zu 6.000 Mal am Tag angeklickt. Inzwischen nehmen auch Unternehmen Kontakt zu ihm auf und wollen, dass er ihre Produkte anpreist. Diese lässt er sich in der Regel zuschicken und testet sie in Ruhe, bevor er ein ehrliches Feedback abgibt. „Es gibt tolle Produkte, aber ich sage auch mal ab”, sagt er. Christoph Schulz, der sich selbst als Sozialunternehmer oder auch Umweltaktivist sieht, hat keine Angestellten. Das Meiste macht er alleine, während sieben Freiberufler mitbloggen. Sein Bruder, ein Wildlife-Filmer, kümmert sich um den Bereich Natur. „Viele haben den Bezug zur Natur verloren”, meint der Uelzener. „Unser Fußabdruck ist auch unser Müll. Wir sind die einzigen Lebewesen, die den Planeten zerstören.” Gerade hat Christoph einen Artikel über Mikroplastik im Meer für seinen Blog geschrieben, ein hochaktuelles Thema. „Wir haben es nie so richtig ernst genommen, wir sehen jetzt erst die Probleme und Nachteile”, sagt er. Zwar betreffe das besonders die asiatischen Länder, doch jeder solle sich damit beschäftigen, so seine Meinung. Wenn Christoph wieder auf Reisen ist, macht er bei Clean-Ups vor Ort mit und hilft örtlichen Organisationen bei der Aufklärungsarbeit. Ende März plant er eine Reise nach Vietnam. Dass in vielen Ländern in großen Mengen Wasser in Plastikflaschen gekauft und weggeworfen wird, kann Christoph Schulz den Menschen nicht einmal verdenken. Deutschland ist eines der wenigen Länder der Welt mit einem Pfandsystem für Plastikflaschen. Nur deshalb funktioniere es seit Jahren hierzulande so gut, dass keine Pfandflaschen herumliegen würden, meint er. „Die Menschen geben die Flaschen zurück, weil sie einen Gegenwert dafür bekommen. Es ist eigentlich total verrückt, dass dieses System in so wenigen Ländern genutzt wird.”

„Plastikfrei für Einsteiger”

Auch Christoph Schulz musste in den vergangenen zweieinhalb Jahren Schritt für Schritt seine Erfahrungen auf dem Weg zum plastikfreien Leben machen. Um seine Erlebnisse und sein Wissen an andere weiterzugeben, hat er jetzt einen Ratgeber geschrieben. Er heißt „Plastikfrei für Einsteiger” und richtet sich an Menschen, die sich noch nicht mit dem Thema plastikfreies Leben beschäftigt haben, aber Schritt für Schritt und unkompliziert an das Thema herangeführt werden wollen. Das Buch enthält einfache Tipps wie das Unterwegssein mit Trinkflaschen und Jutebeuteln, plastikfreies Reisen mit dem Flugzeug oder das Einkaufen ohne Plastikverpackungen. „Man kann für sich selbst entscheiden, wie weit man gehen möchte”, meint der Umweltschützer. Durch sein Buch lerne man das Problem zumindest kennen. Während sein Umfeld vor gut zwei Jahren noch skeptisch auf Christophs Umdenken reagierte, sind die meisten heute angetan. „Besonders auf dem Dorf wurde es komisch gesehen, da hatte ich ein Hippie-Image. In der Stadt verbreiten sich solche Ideen schneller”, meint der Aktivist. Ob als Sozialunternehmer, Umweltaktivist oder Umweltschützer (seine Eltern bezeichnen ihn als Online-Händler): Christoph Schulz geht es darum, aufzuklären und up to date zu bleiben. „Ich wollte etwas mit Mehrwert schaffen. Und es macht mir auch richtig Spaß – selbst morgens das frühe Aufstehen.” (JVE)