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Angst essen Seele auf

Cave-Syndrome: Wenn die Rückkehr zur Normalität zur Bedrohung wird…

 

DIe Sonne scheint, der Sommer ist da, fast überall wurden dank sinkender Infektionszahlen und voranschreitender Durchimpfung die Corona-Maßnahmen gelockert: Doch nicht alle Menschen atmen auf, einige bleiben skeptisch, scheuen nach wie vor menschliche Kontakte. Was kann helfen, wenn sogar das Zurück zum normalen Alltag Angst macht? Viele Experten haben immer wieder auf die psychischen Folgen der Corona-Krise aufmerksam gemacht. Diese wurden lange Zeit vernachlässigt, treten jetzt aber umso deutlicher hervor. Rund eineinhalb Jahre der Isolation haben Spuren bei vielen Menschen hinterlassen.

Erschöpfung und -Antriebslosigkeit als Warnzeichen

Bei einer Befragung deutscher Psychiater und Psychotherapeuten im Auftrag der Betriebskrankenkasse Pronova stellten 92 Prozent der befragten Fachärzte fest, dass sich die seelischen Leiden ihrer Patienten in diesem Jahr verstärkt haben. Das betrifft vor allem Symptome wie Nervosität, Erschöpfung und Antriebslosigkeit. Bekommt man diese Symptome „nicht in den Griff“, können diese sich verselbstständigen, werden mächtiger. Es kommt zu Angstschüben, die bewusst oder unbewussst mit dem Virus verbunden werden. Was vor der Pandemie normal war, erscheint dann plötzlich befremdlich: Wie soll man sich begrüßen? Die Hand reichen oder gar umarmen? Bus oder Bahn fahren? Einfach wieder rausgehen, als wäre alles normal? Sich vielleicht sogar mit Freunden im Biergarten, Freibad oder bei einer Gartenparty treffen? Diese Vorstellung scheint für manche Menschen ein wahrer Albtraum zu sein. Auch Elke B. (51) aus Lüneburg hat mehrere Wochen ihre Wohnung kaum verlassen. Ihren Teilzeitjob konnte sie per Home-Office erledigen, in der kommenden Woche soll sie sich jedoch wie der im Büro einfinden und kann darum kaum noch schlafen, wie sie erzählt: „Ich traue dem ganzen einfach nicht, die Menschen sind viel zu unvorsichtig. Ich will mich nicht anstecken, habe seit Wochen meine Eltern nicht gesehen, meine Geschwister seit über einem Jahr nicht – und da soll ich jetzt einfach wieder an meinen Arbeitsplatz zurück? Das mache ich nicht, eher kündige ich.“ Die Angst, wieder in das frühere Leben vor der Corona-Pandemie zurückzukehren, bezeichnet man in der Medizin als sogenanntes „Cave Syndrome“ (auf deutsch „Höhlensyndrom“). Dabei haben Betroffene Probleme damit, sich an die neuen Freiheiten anzupassen, nehmen die wiedergekehrte Normalität als etwas „Bedrohliches“ wahr und schotten sich ab – wie in einer „Höhle“.

Anstieg an posttraumatischen Belastungs-störungen

Viele Psychologen überrascht die neue Angst vor dem Miteinander nicht. Forschende der University of British Columbia warnten bereits im Jahr 2020 vor psychischen Problemen wie Angststörungen oder Posttraumatischen Belas-tungsstörungen als Folge der Pandemie. Auch in der Psychiatrischen Klinik Lüneburg ist das „Cave-Syndrome“ nicht unbekannt. Besonders ängstliche Menschen, die dann vielleicht noch Schicksalsschläge treffen und die in der Corona-Zeit besonderen Stress-Situationen ausgesetzt waren, könnten nun zu Angsterkrankungen neigen. Dann würde sich die Angst vermutlich chronifizieren. Der Chef der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik an der Asklepios Klinik Nord in Hamburg, Dr. Claas-Hinrich Lammers, spricht davon, dass den Menschen zu Beginn der Pandemie die sinnvolle Angst vor dem Virus erst antrainiert werden musste. Diese antrainierte Angst jedoch kann bei manchen Menschen in einen Automatismus übergehen, und den kann man dann so schnell nicht wieder ablegen.

Ab wann sollten Betroffene sich helfen lassen?

Wer sich einfach nur unsicher fühlt, dass bei der ersten unmaskierten persönlichen Begegnung mit Bekannten oder Freunden das Gesicht entgleitet, muss keinen Arzt aufsuchen… Dieses Gefühl wird bald, vielleicht zu bald vorübergehen. Anders verhält es sich in Fällen wie dem von Elke B. Hier hilft eigentlich nur die rationale Beschäftigung mit der Einschätzung der Corona-Gefahrenlage, um diese Ängste zu besiegen. Klappt das nicht allein, sollte man sich immer ärztliche, psychologische oder psychiatrische Hilfe holen. Sonst steigt möglicherweise das Risiko, eine extreme Version des sozialen Rückzugs zu entwickeln (als Hikikomori bezeichnet). Hikikomori ist ein gesellschaftliches Phänomen, das sich in Japan ausbreitet. Oft beginnt die Form der gesteigerten Sozialphobie mit einigen wenigen Tagen, an denen sich die Betroffenen zuhause einschließen. Sie brauchen Zeit für sich, der Lärm der Welt ist ihnen schlicht zu laut. Doch es bleibt nicht bei Tagen. Über mehrere Monate, oft sogar viele Jahre hinweg igeln sie sich zuhause ein und schotten sich von der Außenwelt ab. Soziale Kontakte werden auf ein Minimum beschränkt und gehen in der Regel nicht über Chats im Internet hinaus. Viele Betroffene leiden irgendwann unter Einsamkeit und schlimms-ten Depressionsschüben. Wer Sorge vor der zurückkehrenden Normalität hat, sollte versuchen, auch das als „normal“ anzusehen, sagen Psychologen Es kann ja sogar etwas Schönes sein, wenn die zurückkehrende Normalität sich noch wie die Ausnahme anfühlt. Denn erst dann merkt man, was man in der Zeit vor der Pandemie verschwendet hat an Gesten und Gefühlen, weil es so selbstverständlich war. (RT)

Kontakt:

Psychiatrische Klinik Lüneburg

Am Wienebütteler Weg 1 · 21339 Lüneburg

Tel. (0 41 31) 600

Alles fürs Klima

Moritz Meister engagiert sich für den Klimaentscheid Lüneburg

Sich für die gute Sache einzusetzen, ist Moritz Meister ein Anliegen. Der 29-jährige Klimaschützer ist eines der Gesichter der Gruppe Klimaentscheid Lüneburg. Ihre Vision: Lüneburg soll 2030 klimaneutral sein. Aufgewachsen und zur Schule gegangen ist der 29-Jährige in Berlin. Nach dem Abitur landete er für ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) in Bremervörde im Bereich Umweltbildung des NABU. Er interessierte sich für den Studiengang Umweltwissenschaften, wofür er 2012 nach Lüneburg zog. Das Thema Klimaschutz, sein heutiges Steckenpferd, vertiefte er in einem Auslandsjahr 2014 in Schweden. Seit seiner Rückkehr nach Lüneburg war er in zahlreichen Initiativen aktiv, engagierte sich für die Grüne Jugend und das Nachhaltigkeitsreferat des AStA an der Uni, baute die Ehrenamtsplattform „Lebendiges Lüneburg” mit auf und gab im Nebenjob Nachhilfe. Auch bei der Gründung der Lüneburger Ortsgruppe von Fridays for Future war er beteiligt. Offen für alles, entschied sich der Student zwischenzeitlich auch für eine besondere Wohnform: Mehrere Jahre lebte er mit Geflüchteten in einer Gemeinschaftsunterkunft in Rettmer. Im Rahmen eines im Frühjahr 2021 ausgelaufenen Projektes wohnten hier seit 2016 neun Studierende mit Flüchtlingsfamilien zusammen. „Ich habe da sehr gerne gewohnt, es war ein schönes Zusammenleben”, so Moritz Meister. Seit Anfang Mai wohnt er mit Freunden in einer WG in Uninähe.

Bürgerbegehren für den Klimaschutz

Die Idee, die Gruppe Klimaentscheid Lüneburg zu gründen, entstand Anfang März 2020, kurz bevor die Corona-Pandemie die Welt überrannte. Die Vertreter verschiedener Lüneburger Gruppen, unter anderem von NABU, Fridays for Future, Greenpeace und Lebendiges Lüneburg, wollten sich gemeinsam klimapolitisch einsetzen. „Wir dachten erst an Demos, aber durch Corona mussten wir uns digital treffen”, erzählt Moritz Meister. Zu dieser Zeit war der Verein GermanZero gerade in die Öffentlichkeit getreten. Die deutsche Klimaschutzorganisation setzt sich dafür ein, dass Deutschland bis 2035 klimaneutral wird. Dafür mobilisiert GermanZero Bürger in ganz Deutschland, unterstützt Klimaentscheide und betreibt Kampagnenarbeit. Als die Gruppe Klimaentscheid Lüneburg sich in der Gründung befand, hatten schon Städte wie Münster, Kons-tanz und Berlin vorgemacht, wie es geht. „Wir waren relativ schnell angefixt von der Idee, ein Bürgerbegehren für den Klimaschutz auf den Weg zu bringen”, berichtet Moritz Meister. Eine Handvoll Studierender trieb die Gründung von Klimaentscheid Lüneburg voran und schloss eine Kooperationsvereinbarung mit GermanZero. Ab Herbst 2020 wuchs die Gruppe, und eine Entscheidung musste getroffen werden: In welche Richtung soll es gehen? „Das Ziel muss kein Bürgerbegehren sein, die Klimaentscheide werden unterschiedlich umgesetzt”, so Moritz Meister. Im März 2020 hatte der Kreistag Lüneburg entschieden, dass der Landkreis Lüneburg bis zum Jahr 2030 klimaneutral werden soll. Da dieser Beschluss nicht ausdrücklich die Hansestadt Lüneburg mit einschloss, entschied die Lüneburger Klimaentscheid-Gruppe, dieses Ziel auch in der Stadt voranzutreiben. „Aufmerksamkeit erzeugen und Unterschriften sammeln ist ein gutes Mittel, um ein Thema zu setzen und miteinander ins Gespräch zu kommen“, so Moritz Meister. Nach dem Kreistagsbeschluss hatte er Kontakt zur Klimaschutzleitstelle des Landkreises Kontakt aufgenommen. „Bis Juni sollte ein Entwurf zur Umsetzung der Ziele vorgelegt werden, aber es wurde sichtbar, dass da nicht viel passiert war“, erzählt der Lüneburger. Die Gruppe Klimaentscheid sah sich in der Pflicht, mehr Bürgerbeteiligung zu erwirken. „Wir haben uns gesagt, wir müssen mehr Druck auf Stadtebene machen. Wir waren eh alle aktiv in der Stadt und wohnen da, deshalb erschien uns das machbarer”, erklärt Meister.

Eine Stimme für die Lüneburger

Im November 2020 fiel der Startschuss. GermanZero veranstaltete online einen Startworkshop, seitdem gibt es einen regelmäßigen digitalen Austausch mit der Organisation. Auch bundesweite Treffen von Vertretern der kommunalen Gruppen von Konstanz bis Kiel finden online statt. „Es gibt 30 bis 40 kommunale Teams”, so Moritz Meister, „das Ziel ist 50 bis zur Bundestagswahl, um ein bundesweites Zeichen zu setzen. Wenn so viele Kommunen das machen, lässt sich Druck auf Bundesebene erzeugen.” Ziel von GermanZero ist ein bundesweites 1,5°-Gesetzespaket, das zur nächsten Bundestagswahl auf den Weg gebracht werden soll. War die Gruppe Klimaentscheid Lüneburg zunächst rein studentisch besetzt, ist das Team der Aktiven inzwischen gemischt. Für mehr Mitglieder sorgte Werbung mit der Einladung an Vereine, Initiativen, kirchliche Vertreter und Kommunalpolitiker zu einem Vernetzungstreffen. Von der Gruppe Parents for Future Lüneburg entschieden sich sogar alle, beim Klimaentscheid mitzumachen, so dass die Klimaentscheid-Gruppe jetzt aus rund 25 Studierenden, Berufstätigen und Rentnern besteht. Von 20 bis Mitte 70 sei alles vertreten, so Meister, der Kontakt zu verschiedenen Generationen helfe, ihr Anliegen weiter zu verbreiten. Und das ist das Anliegen von Klimaentscheid Lüneburg: Damit die Stadt Verantwortung übernimmt und ihren Beitrag zur Klimaneutralität leistet, soll den Lüneburgern eine Stimme gegeben werden, um zu erreichen, dass Lüneburg bis 2030 klimaneutral ist. Der Klimaentscheid Lüneburg schließt sich mehr als 20 Kommunen deutschlandweit an, die durch einen Bürgerentscheid klimaneutral werden wollen.

Unterschriftensammler in der Stadt

Der erste Schritt auf dem Weg zum Ziel ist das Bürgerbegehren. Die Gruppe Klimaentscheid Lüneburg reichte ihr Bürgerbegehren im Dezember 2020 bei der Stadt ein, nach der Annahme der Fragestellung musste das eigentliche Bürgerbegehren vorbereitet werden. Die Sammlung der Unterschriften begann am 6. April. „Sind Sie dafür, dass die Hansestadt Lüneburg bis 2030 klimaneutral wird und dazu innerhalb von 12 Monaten einen Klima-Aktionsplan erarbeitet, welcher die zur Erreichung dieses Ziels erforderlichen, rechtlich möglichen Maßnahmen beinhaltet?” lautet die zu unterzeichnende Frage. Unterschreiben kann jeder EU-Bürger ab 16 Jahren, der seit mindestens drei Monaten seinen Hauptwohnsitz in Lüneburg hat. Für Jüngere und Bewohner des Landkreises gibt es auch symbolische Unterschriftensammlungen. „Es geht uns auch ums Signal, das wir setzen, nicht nur darum, was wir rechtlich erreichen”, so Moritz Meister. In Pandemie-Zeiten Unterschriften zu sammeln, die nicht digital abgegeben werden dürfen, ist nicht leicht. Dennoch konnte der Klimaentscheid Lüneburg bis zum Redaktionsschluss mehr als 1.700 Unterschriften sammeln. Für ihre Vorgehensweise war die Gruppe im Austausch mit der Flugplatzentscheid-Gruppe und dem Luftsportverein Lüneburg. „Die Hauptsache ist, selber rumzugehen mit Klemmbrettern und Unterschriftenlisten – und natürlich Maske und Desinfektionsmittel”, so Meister. Samstags darf die Gruppe auch einen Stand an der Bäckerstraße aufstellen. Außerdem gibt es gut 40 Sammelstellen für die Unterschriftenlisten in der Stadt, Unterstützung gibt es von mehr als 50 lokalen Bündnispartnern. Auf der Homepage https://klimaentscheid-lueneburg.de/ ist es auch möglich, den Zettel runterzuladen, auszudrucken und portofrei zu verschicken. Selbst ein Unterschriftenlisten-Lieferservice wird angeboten. „Wir wollen es möglichst bequem machen”, sagt Moritz Meister. Doch sie konnten feststellen, dass die persönliche Ansprache effektiver ist. Mindestens 5.923 Unterschriften aus Lüneburg – das sind zehn Prozent der wahlberechtigten Lüneburger – braucht der Klimaentscheid. „Wir wollen mehr sammeln, um ein Signal zu setzen”, meint Moritz Meister. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder der Stadtrat nimmt die Forderung an, oder es kommt zum Bürgerentscheid – bei dem dann mindestens 11.846 Ja-Stimmen benötigt werden. Sollte das Quorum erreicht werden, ist die Stadt rechtlich gebunden, innerhalb von zwölf Monaten einen Klima-Aktionsplan auszuarbeiten.

Unterstützung für die Stadt

Durch die gelockerten Coronaregeln können die Klimaschützer nun mit dem Sammeln der Unterschriften erst richtig loslegen. „Wir wollen alle größeren Veranstaltungen mitnehmen, vor allem Demos und Feste”, so Meister. Dazu gehören das lunatic Festival, das Klimacamp, die Wandelwoche, aber auch der Lüneburger Kultursommer. Am 4. September plant der Klimaentscheid gemeinsam mit dem Lüneburger Radentscheid eine Demonstration, außerdem werde es noch einen globalen Klimastreik geben. Ab Anfang Juli, mit Beginn der vorlesungsfreien Zeit, will auch Moritz Meister Gas geben und in Nachbarschaften und Supermärkten Unterschriften sammeln. Der Zuspruch, den die Mitglieder des Klimaentscheids dabei auf Lüneburgs Straßen erhalten, ist groß – oft gibt es ein Dankeschön oder ermutigende Worte. Die Gruppe sieht sich nicht als Gegenpol zur Stadt, sondern will diese unterstützen. Zwar habe die Hansestadt im März 2021 den Entwurf für einen Klimaschutzplan vorgestellt, doch Moritz Meis-ter ist überzeugt: „Lüneburg kann mehr.” Mit ihrem Klimaentscheid wollen er und seine Mitstreiter der Stadt unter die Arme greifen und eine Bürgerbeteiligung ermöglichen. Mit einem von GermanZero generierten Klimastadtplan, der Möglichkeiten aufzeigt, wie Lüneburg bis 2030 sein Ziel der Klimaneutralität erreichen könnte, möchte die Gruppe Tipps an die Stadt weitergeben. Sollte der Klimaentscheid Lüneburg Erfolg haben, sieht der 29-Jährige diesen als Signal für den kommenden Stadtrat für Handlungsbedarf. Der jetzige Klimaschutzplan müsse konkretisiert und nachgeschärft werden. Gemeinsam mit dem zweiten, gerade anlaufenden Bürgerbegehren der Stadt, dem Radentscheid, wollen die Klimaschützer die Anliegen der Bürger an den Stadtrat herantragen. Sie planen gemeinsame Aktionen, um in der Öffentlichkeit präsent zu werden. Ein nächster persönlicher Schritt von Moritz Meister – wie auch von anderen Mitgliedern des Klimaentscheids – ist die Kandidatur für den Kreistag, um die Kommunalpolitik mitzugestalten. Die Unterschriftensammlung endet voraussichtlich Ende September, der Zeitraum kann aber verlängert werden. Wie es danach mit der Klimaentscheid-Gruppe weitergeht, ist unklar. „Es gibt kein klares Ende. Wir werden es alle begleiten und ein Auge darauf haben, wie es weitergeht”, meint Moritz Meister. • Infos: https://klimaentscheid-lueneburg.de und Instagram klimaentscheid.lueneburg. (JVE)

Stresstest!

editorial

Einen „Stresstest für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit“ nannte Stephan Harbarth, Präsident des Bundesverfassungsgerichts, die Pandemie kürzlich in einem Interview des Hamburger Abendblattes. Es ist aber auch ein Stresstest für jeden Einzelnen in unserer Gesellschaft – denn wie zum Beispiel mit der Angst vor Infektion, vor Virus-Weitergabe, vor  Insolvenz, Kurzarbeit oder Arbeitsplatzverlust, vor Vereinsamung umgehen, während andere schon zu Hunderten wieder auf Tuchfühlung feiern, zu Tausenden in Stadien strömen? Stärker denn je befinden sich auch all diejenigen im Stresstest, die versuchen, verantwortlich zu handeln, aber das Leben an sich nicht aus den Augen verlieren wollen. Geht man durch die Innenstädte, glaubt man, die Pandemie wäre vorbei: Die Freude über den Rückgang der Inzidenzen scheint nahtlos in eine gefährliche Sorglosigkeit überzugehen. Euer stadtlichter-Team wird sicher nicht zur Spaßbremse mutieren, im Gegenteil, wir sind hellauf begeistert, Euch wieder volle Seiten mit Infos und Anzeigen, gedrängte Terminkalender, tolle Ausflugstipps hier im Norden, die nächsten Schiffstouren, Handwerkermärkte, Lieblingsplätze in der Außengastronomie und andere Highlights bieten zu können. Ihr solltet aber stressfest sein, wenn es darum geht, Abstand zu wahren und ihn einzufordern, wenn es Euch zu eng wird. Ob Klappstuhl- oder Strandkorbkonzerte – schon allein die kreative, aber eindeutige Wortwahl signalisiert uns… da war doch was?  Noch nicht ganz so stressig, aber sorgfältig vorbereitet tauchen auch die ersten Wahlkämpfer auf, die redaktionelle OB-Kandidatenkür in den stadtlichtern begann ja schon in der Februarausgabe mit dem Einzelbewerber Heiko Meyer, darauf folgte für die SPD Pia Steinrücke, für die Linke Michél Pauly, für die Grünen Claudia Kalisch, für die CDU Monika Scherf und ebenfalls als Einzelbewerber Andreas Meihsies. Sie alle möchten Ulrich Mädge bei der Kommunalwahl am 12. September um dessen Amt als Oberbürgermeister beerben – bei der Anzahl der Bewerberinnen und Bewerber kann man davon ausgehen, dass es zu einer Stichwahl kommt, die dann mit dem Urnengang bei der Bundestagswahl am 26. September terminiert ist. Bisher geben sich alle stressfest. Apropos Stress: Wen es bei den heißen Sommertagen in der Lüneburger City dürstet, der kann sich stress- und kostenfrei an den drei neuen Trinkwasserspendern bedienen – Stress gibt’s dann nur noch bei der Suche nach einem der wenigen Örtchen, an denen man es wieder loswerden kann. Derer gibt’s immer noch zu wenig. In diesem Sinne wünschen wir Euch allen eine erholsame Sommerzeit, den aktuellen Badedress holt Euch noch schnell am ersten postpandemischen Verkaufsoffenen Sonntag in Lüneburg, sein Motto: „Tag der Kunst”.

Eure stadtlichter

Keine Angst vor dem Wolf

Ulrike Kressel ist Wolfsberaterin im Landkreis Lüneburg

Der Wolf hat wieder Einzug gehalten in Deutschland. Doch seine Rückkehr spaltet die Gesellschaft. Die Population wächst, die Zahl der Risse von Weide- und Nutztieren steigt. Aber Angst müsse man vor dem Wolf nicht haben, meint Ulrike Kressel. Als Wolfsberaterin beschäftigt sich die 50-Jährige seit Jahren mit dem Raubtier. Seit rund 20 Jahren ist der Wolf, einstmals ausgerottet, zurück in Deutschland. Vor fast 15 Jahren wurden in Niedersachsen wieder Wölfe in freier Wildbahn gesichtet. Ulrike Kressel verfolgt das Geschehen seit Jahren interessiert. Die freiberufliche Journalistin begleitete in ihrem Job über längere Zeit einen Wolfsberater bei der Arbeit, lernte das Ehrenamt aus nächster Nähe kennen. Schließlich empfahl ihr der Wolfsberater, sich ebenfalls dafür zu bewerben. Nach mehreren Schulungen hat Ulrike Kressel das Ehrenamt der Wolfsberaterin im Landkreis Lüneburg 2016 übernommen. „Ich stehe der Rückkehr der Wölfe sehr positiv gegenüber, sehe aber auch Probleme für die Nutztierhalter”, fasst die Bleckederin zusammen. Heute hätten beispielsweise Schafhalter mehr Aufwand, ihre Tiere zu schützen. Die Wolfsberaterin berät sie zum Herdenschutz, außerdem nimmt sie Spuren und Sichtungen auf und dokumentiert Nutztierrisse, wenn diese auf den Wolf zurückzuführen sind. Auch für die Bevölkerung ist sie Ansprechpartnerin.

Zwei Wolfsrudel im Landkreis

Es gibt Zeiten, da häufen sich Nutztierrisse, und Ulrike Kressel muss rausfahren und diese aufnehmen, wenn sie von Tierhaltern kontaktiert wird. „Im Herbst und Winter gibt es vermehrt Übergriffe”, erklärt sie, „dann sind die Welpen groß und der Aktionsradius der Eltern wird größer. Im Frühjahr und Sommer werden die Welpen aufgezogen und die Eltern konzentrieren sich auf das Umfeld der Wurfhöhle.”  Im Landkreis Lüneburg ist links und rechts der Elbe je ein Wolfsrudel bekannt. Das Monitoring, also das Zählen und Dokumentieren der Wölfe, übernimmt in Niedersachsen die Landesjägerschaft. Ein im Monitoringjahr 2017/18 zusammengefundenes Wolfspaar im Amt Neuhaus hat nachweislich 2018/19 zwei Welpen bekommen, im vergangenen Monitoringjahr dann drei Welpen. Ein Monitoringjahr geht immer vom 1. Mai eines Jahres bis zum 30. April des daurauffolgenden Jahres. Dieser Zeitabschnitt umfasst ein biologisches „Wolfsjahr” – von der Geburt der Welpen bis zum Ende ihres ersten Lebensjahres. Weniger Erfolg mit dem Nachwuchs lässt sich vom Wolfspaar links der Elbe vermelden, das seit 2016/17 bei Wendisch Evern verortet wird. „Bis jetzt konnten wir noch keine Reproduktion nachweisen”, so die Wolfsberaterin. Hinweise auf die Genetik der Wölfe geben Tierrisse, aber auch die Losung, der Kot der Wölfe. Wolfslosung spielt bei der Arbeit von Ulrike Kressel eine besondere Rolle, denn sie gibt viele Hinweise über die Lebensweise der Tiere. Wenn sie Wolfslosung findet, muss sie ihren Fund genau dokumentieren. Dazu gehört das Vermessen – eine Länge von mindestens 20 Zentimetern spricht deutlich für einen Wolf, und auch der Geruch ist sehr markant. Auch die Koordinaten des Fundortes werden notiert, zudem macht die Wolfsberaterin Übersichts- und Detailfotos mit Maßstab sowie Fotos von der Umgebung des Fundortes. Zur genetischen Bestimmung wird bei frischer Losung auch ein Teil in Alkohol gelegt. Losung eignet sich auch zur Nahrungsanalyse, denn anhand der Haare und Knochenreste lassen sich die Beutetiere bestimmen.

Gefahr durch Verkehr

Auch wenn Ulrike Kressel bereits einige Male einen Wolf in freier Wildbahn gesehen hat, hat sie das Paar aus Wendisch Evern noch nie zu Gesicht bekommen. Das liegt auch daran, dass ein Wolfsrevier eine Größe von 250 bis 300 Quadratkilometern umfasst und die Wölfe viel unterwegs sind. Wölfe verteidigen ihr Revier, so dass eine Ansiedlung weiterer Wölfe hier nicht möglich ist. „Sie setzen mit Urin und Kot ihre Duftmarke, das ist unmissverständlich für den durchziehenden Wolf”, erklärt die Wolfsberaterin. Ein wichtiges Kriterium zur Ansiedlung von Wölfen, die sehr anpassungsfähig sind, ist die Wilddichte, aber auch das Vorhandensein von Rückzugsräumen. Niedersachsen und der Landkreis Lüneburg bieten so einen idealen Lebensraum für das Wildtier. Wölfe laufen tausende von Kilometern, um sich ein Revier zu suchen, und auch die Partnerwahl ist natürlich entscheidend. „Viele Faktoren müssen passen, und das glückt auch nicht immer”, so Ulrike Kressel. Nachdem das Paar aus der Nähe von Wendisch Evern seit Jahren zusammen ist und bisher augenscheinlich kinderlos geblieben ist, gehen die Wolfsberater des Landkreises von einer Zeugungsunfähigkeit aus. In freier Wildbahn werden Wölfe zehn bis zwölf Jahre alt, in Gefangenschaft können sie deutlich älter werden. Ulrike Kressel weiß: „Von einem Wurf, der acht bis neun Welpen umfasst, überleben im Schnitt nur ein bis zwei Tiere.” Zu ihrem frühen Tod trägt auch oft der Straßenverkehr bei. „Allein in diesem Jahr sind in Niedersachsen schon 21 Wölfe im Verkehr auf der Straße umgekommen”, so die Wolfsberaterin. „Im Jahr 2020 gab es insgesamt 24 tote Wölfe im Straßenverkehr, das ist jetzt schon fast erreicht.” Totgefahren werden vor allem junge, unvorsichtige Wölfe. Tot aufgefundene Wölfe werden am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) untersucht, ihre Merkmale in eine Datenbank aufgenommen.

Probleme beim Herdenschutz

Wölfe haben ein hochkomplexes Familienleben, von dem auch Ulrike Kressel fasziniert ist. So würden die Welpen nach der Geburt am Platz um die Wurfhöhle, dem so genannten Rendezvous-Platz, verbleiben. Bei der Aufzucht der Tiere helfen ein bis zwei Jährlinge, die dafür bei ihren Eltern geblieben sind. Der streng unter Schutz stehende Wolf ist es gewohnt, in unserer Kulturlandschaft zu leben. „Wenn sie durch ihr Revier laufen, stören Ansiedlungen sie nicht. Wir Menschen leben sozusagen im Wohnzimmer der Wölfe”, so Ulrike Kressel. Der Wolf nutze gerne unsere Infrastruktur wie Feld- und Waldwege, um Energie zu sparen. Autoverkehr setze ihn unter Stress, wie Videos gezeigt hätten. Die Wolfsberaterin erhält regelmäßig Anrufe und E-Mails von Bürgern. Einige wollen wissen, wie sie sich bei einer Begegnung verhalten sollen, andere informieren sie über entdeckte Trittsiegel oder Kot vom Wolf. Neben Ulrike Kressel gibt es im Landkreis Lüneburg noch eine weitere Wolfsberaterin und zwei Wolfsberater, alle stehen in engem Kontakt miteinander sowie mit dem Landkreis und der Unteren Naturschutzbehörde. Auch ohne Hinweise ist Ulrike Kressel viel mit ihrem Hund in der Natur unterwegs, beobachtet gerne Wildtiere. Auf der Suche nach Wolfsnachweisen müsse sie sich gelegentlich daran erinnern, den Blick nicht nur nach unten gerichtet zu halten, berichtet sie. Ein Höhepunkt ihrer Sichtungen war ein Wolf, der die Elbe durchschwamm und schließlich seelenruhig aus dem Wasser stieg. Der Wolf sei ein sehr guter Schwimmer, das wüssten selbst viele Tierhalter nicht, die Gräben oder angrenzende Flüsse nicht mit einzäunen würden, erzählt sie. Doch dies sei nicht das einzige Problem beim Herdenschutz. „Man sieht sehr viele unzureichend geschützte Tiere, die nicht wolfsabweisend eingezäunt sind”, so ihre Erfahrung. Die meisten Fälle von Tierrissen erlebt sie bei Tierhaltern, die hobbymäßig ein paar Schafe im Garten halten und diese nur unzureichend geschützt haben. Ulrike Kressel weiß, dass das Thema Wolf für viele sehr emotional besetzt ist. Doch ihre Rolle als Wolfsberaterin ist es nicht, über den Wolf zu diskutieren, sondern die Tierrisse aufzunehmen, damit der Tierhalter eine Entschädigung bekommt – dennoch ist sie nicht immer willkommen. „Ich wurde auch schon mit aufgestellter Forke empfangen”, erinnert sie sich.

Mensch ist keine Beute

Ob der Tierhalter eine Entschädigung erhält, hängt davon ab, ob er seine Tiere entsprechend geschützt hat. Die Wolfsberaterin kommt dann mit dem Zollstock und misst die Zaunhöhe oder überprüft die Stromstärke des Weidezauns. Über die Entschädigung entscheidet aber das Wolfsbüro in Hannover. „In den meisten Fällen wissen die Tierhalter, dass sie ihre Tiere nicht richtig gesichert haben und sind einsichtig”, so Kressel. Dennoch kennt sie ihre „Pappenheimer”, die regelmäßig wieder Tierrisse zu beklagen haben und dennoch nichts an ihren Schutzmaßnahmen ändern, obwohl diese durch das Land finanziert werden. Einen Wolf mit eigenen Augen zu sehen, findet Ulrike Kressel „großartig”, bedroht fühlt sie sich nicht. Sie weiß, dass Angst etwas Subjektives ist und ein Hinweis wie „Genießen Sie den Moment” ängstlichen Mitbürgern auch nicht hilft. Sie betrachtet den Wolf aber an den Fakten orientiert, weiß, dass der Mensch nicht zu seinem Beuteschema gehört. Anlocken sollte man ihn dennoch nicht. Sie rät Ratsuchenden, den Wolf bei einer Begegnung zu verscheuchen, indem man durch lautes Rufen auf sich aufmerksam macht. Wölfe, denen man begegnet, seien oft junge, unerfahrene Tiere, die zwar fast so groß wie erwachsene Tiere, aber im Verhalten unerfahren, neugierig und wagemutig seien – vergleichbar mit Hundewelpen. Ulrike Kressel rät, sich so zu verhalten wie bei einer Begegnung mit einem herrenlosen großen Hund. Ist man selbst mit einem Hund in einem Wolfsgebiet unterwegs, sollte der Hund angeleint sein: „Ein freilaufender Hund ist ein Eindringling für den Wolf. Der Wolf unterscheidet nicht zwischen Wolf und Hund, so kann es eine Gefahr für den Hund sein, dass er ihn tötet.” Ein Wolf birgt immer eine Gefahr, wenn er die Nähe zu Menschen sucht. „Seit der Rückkehr von Wölfen in Deutschland hat es keinen einzigen Übergriff auf Menschen gegeben”, beteuert die Wolfsberaterin. Dennoch gebe es immer wieder Diskussionen zum Thema Wolf, wann er eine zu große Gefahr darstellt. Wenn ein Wolf wiederholt gut geschützte Tiere reiße, dürfe er geschossen werden. „Ich kann das mittragen, dass dieser Wolf entnommen wird, wenn der empfohlene Schutz eingehalten wurde”, meint sie. Doch zurzeit würden in Niedersachsen Abschussgenehmigungen für besondere „Problemwölfe” laufen, hinter denen sie nicht immer stehe. So sei sie mit der Wolfspolitik des Landes Niedersachsen nicht immer einverstanden. „An der Problematik wird sich nichts ändern, wenn noch so viele abgeschossen werden”, so ihre Einschätzung, „der nächste Wolf steht schon in den Startlöchern.” Zudem zeige die Nahrungsanalyse bei Wölfen, dass der Hauptbestandteil ihrer Nahrung Schalenwild, Schwarzwild und Frischlinge seien – und weniger als ein Prozent Nutztiere. „Dann fragt man sich, über was reden wir hier eigentlich?” Die Wolfsberaterin ist der Meinung, viele Tierhalter müssten hingegen ihren Herdenschutz verbessern. „Herdenschutz ist machbar. Es gibt genug Schäfer, die es können. Wenn wir mit Wölfen zusammenleben wollen, müssen wir lernen, wie wir unsere Nutztiere schützen.” Ulrike Kressel ist in ihrem Ehrenamt sehr an der Aufklärung gelegen, um das Verhältnis zwischen Wolf und Mensch zu verbessern. „Der Wolf hat 150 Jahre nicht mehr unter uns gelebt. Wir sind ja noch am Anfang, Erfahrungen mit Wölfen zu sammeln, wir werden immer Lernende bleiben.” (JVE)

Krimineller Welpenhandel boomt

Das Leid der Hundebabys in Zeiten von Corona

Die Nachfrage nach tierischen Mitbewohnern ist in Zeiten der Corona-Pandemie enorm gestiegen. Die Lockdown-Phase und das Homeoffice treiben Tierfreunde leider vermehrt auch zu unseriösen Züchtern und skrupellosen Händlern. Vor allem Hundewelpen sind derzeit heiß begehrt, kämen oft aus Hundefabriken aus dem Ausland, heißt es auf der Internetseite des Deutschen Tierschutzbundes. Viele davon befinden sich in Südosteuropa, aber auch Belgien ist eine Hochburg. „Es geht rein um den Profit, das Leid der Tiere dort ist unermesslich.“ Die Muttertiere werden in einer sogenannten Vermehrerstation „wie am Fließband“ gedeckt – oft unter grausamen Bedingungen. Sie vegetieren jahrelang in engen Verschlägen oder Käfigen. Sind sie nicht mehr „zu gebrauchen“, ist ihr Schicksal besiegelt.

Viel zu früh vom Muttertier getrennt

Meist werden die in der Regel viel zu früh vom Muttertier getrennten Welpen über Internetplattformen und Social-Media-Kanäle angeboten. Sie sind weder entwurmt noch mit wichtigen Impfungen versorgt, werden dann unter tierschutzwidrigen Bedingungen nach Deutschland transportiert. „Dieses Jahr hatten wir Tiere, die in einen Bananenkarton gesteckt, ohne Luftschlitze, in einem Transporter versteckt waren“, erzählt eine Sprecherin der Tierschutzorganisation Vier Pfoten. Im Tierheim müssen die Welpen aufgrund gesetzlicher Bestimmungen dann monatelang in Quarantäne. „Sie werden isoliert, in der Lebensphase, in der sie eigentlich Lernerlebnisse bräuchten, genau wie soziale Kontakte zu Menschen und anderen Hunden“.

Kriminelle gehen raffiniert vor

Der illegale Handel mit den Tieren gilt inzwischen als drittgrößte Einkommensquelle nach dem organisierten Drogen- und Waffenhandel in der EU. Jeden Monat werden etwa 50.000 Welpen zwischen den europäischen Ländern gehandelt. Rund 500.000 Hundewelpen werden von einer straff organisierten Tiermafia jährlich nach Deutschland gebracht, meist aus Südosteuropa, aus Bulgarien, Polen, Ungarn, Serbien oder Rumänien. Aber auch „Hobby-Schmuggler“ gibt es einige: Ausländische Arbeiter, die während des Heimaturlaubs noch gleich ein paar Welpen einpacken, um sie hier zu verkaufen. Die kriminellen Händler gehen beim Anpreisen der Welpen oft sehr raffiniert vor: Die Anzeigen im Internet oder in Zeitungen sind kaum noch von seriösen Anbietern zu unterscheiden, die Preise relativ normal, schriftliche Anfragen werden freundlich beantwortet. Spätestens bei der Übergabe sollten Interessenten allerdings stutzig werden: Es werden oft scheinheilige Gründe vorgeschoben, dass zum Beispiel eine Übergabe auf einem Parkplatz stattfinden muss, weil die Wohnung gerade renoviert wird. Auf der Bestellkarte der illegalen Tierhändler stehen natürlich nicht nur Hunde, sondern auch Katzen, Hamster, Meerschweinchen und immer mehr exotische Tiere wie Schlangen, Affen und sogar Kängurus. Tiere, die von den illegalen Händlern und Schmugglern nicht schnell zu Geld gemacht werden können oder krank sind oder auch nur so aussehen, werden „entsorgt“.

Grenzen dicht: Zahlreiche Hundebabys getötet

Besonders schlimm wurde es für viele der Tiere, als coronabedingt die Grenzen geschlossen wurden. Die Hundehändler konnten ihren im Ausland „produzierten“ Welpennachwuchs nicht mehr an den Mann und die Frau bringen – viele Hundebabys wurden daher einfach getötet. Seit Wiedereröffnung der Grenzen boomt der Transit jedoch wieder…

Viele Tierschutzorganisationen und zahlreiche Tierärzte fordern schon seit Jahren von der Politik effektivere Maßnahmen und höhere Strafen für illegalen Tierhandel. Bußgelder und Verwahrkosten würden von den Händlern meist miteinkalkuliert, heißt es dazu auch vom Tierschutzverein Lüneburg. „Tierverkäufer müssten identifizierbar sein, ausschließlich registrierte Hunde dürften angeboten werden“.

„Stopp den Welpenhandel“

Ein wenig scheint sich jetzt zu bewegen: Unter dem Titel „Stopp den Welpenhandel“ hat das Bundeslandwirtschaftsministerium jüngst eine Informationsoffensive gestartet. Ziel: Den kriminellen Tierhändlern das Handwerk zu legen. undesministerin Julia Klöckner: „Haustiere können eine große Bereicherung für das Leben von uns Menschen sein. Aber Tiere sind nicht irgendeine Ware – wer zum Beispiel einen Hund kaufen und halten möchte, trägt besondere Verantwortung. Auch dafür, woher das Tier stammt und wie es aufgezogen wurde!“

Worauf jeder beim Welpenkauf achten sollte:

  • Die Welpen sollten beim Züchter nur vor Ort gekauft oder aus einem Tierheim übernommen werden. Kofferraumangebote auf Parkplätzen sind höchst verdächtig.
  • Das Muttertier sollte beim Kauf unbedingt anwesend sein.
  • Die Welpen sollten nachweisbar geimpft und älter als acht Wochen sein.
  • Ein Kauf sollte grundsätzlich gut informiert und nicht spontan erfolgen.

Tipp: Mit dem Portal www.haustier-berater.de unterstützt das Bundeslandwirtschaftsministerium potentielle Haustierkäufer dabei zu prüfen, welches Tier überhaupt zu den eigenen Lebens-umständen passt. (RT)

Dünnes Eis

editorial

Zwischen Euphorie & Sorge ist der Gemütszustand derjenigen Menschen aktuell einzustufen, die mit der Pandemie im engeren Sinne zu tun haben. Wer das ist? Na Ihr, wir, alle irgendwie. Ob als Arbeiter oder Angestellter in Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit, ob Pflegender, noch nicht Geimpfter, ob Schüler, Student oder Rentner. Ob als Selbstständiger in Einzelhandel, Handwerk, Industrie, Gastro oder Eventbranche. Keiner kann sich entziehen, wegducken geht nicht. Aber nun ist auch die Zeit gekommen, in der die obersten Bedenkenträger mal in die hintere Reihe treten sollten, um all denen Platz zu machen, deren Beruf und Berufung es ist, mit Kultur in jeder Facette unsere Seele erfrischen zu wollen, entgegen dem „Angst essen Seele auf“-Thema, ‘74 von Rainer Maria Fassbinder in Szene gesetzt. Wir haben also lange Monate gedarbt und begeben uns zugegebenermaßen gerade auf sehr dünnes Eis, wenn wir jetzt begierig jede Lockerung und Freigabe bis ins letzte Detail auskosten. Aber mal ehrlich, war es Ende Mai nicht ein komisch-schönes Gefühl, sich frei bewegen zu können, sich bewirten zu lassen, herzhaft zu speisen, ohne sich wegzuducken? Die Luca-App geht uns leicht von der Hand und die meisten sind bereit, sich den restlichen Regeln zu unterwerfen. Und es geht ja noch weiter, wirklich: Das Theater spielt auf, zumindest schon mal in der Konzertmuschel des Lüneburger Kurparks und vor Euch als echtem Publikum. Es wird einen Lüneburger Kultursommer geben mit Staraufgebot, das Team des Salon Hansen formiert sich neu, Schröders Garten wird wieder Bühne für Live-Events sein. Das Uelzener Jabelmann-Team um OpenR-Festivalmacher Uli Gustävl hat sich mit einem Kultur-Sommer-Garten-Programm ins Zeug gelegt, das frische Programmheft des Kulturforums Wienebüttel ist gefüllt mit namhaften Angeboten, Start jetzt sofort. Freizeitparks, Kletterpark, Tierparks und Freilichtmuseen, in gewissen Regeln auch Freibäder empfangen wieder Gäste. Auch unser stadtlichter-Team freut sich über Arbeit, über massenhaft Input für Kulturseiten und Eventkalender. Packen wir es an – lasst uns wieder gemeinsam genießen – aber bitte ohne leichtsinnig zu werden. Zu viel steht auf dem Spiel, und wir dürfen es nicht verspielen.

Wir freuen uns auf eine Zeit mit Genesenen, mit Geimpften, mit negativ Getesteten…mit wenig Neuinfektionen und viel Achtsamkeit. Wir haben es uns verdient!

Eure stadtlichter

Falsche Polizisten, Falsche Gewinne, Falsche Corona-Tester!

Es kann jeden treffen: Die Maschen der Telefon-Betrüger werden immer skrupelloser …

Das Telefon als Helfershelfer von Kriminellen! Der Schaden geht jedes Jahr in die Hunderte Millionen. Dazu kommt eine hohe Dunkelziffer, denn viele Opfer zeigen den Betrug aus falscher Scham nicht an. Aktuell gibt es mehrere Betrugsmaschen, vor denen die Landeskriminalämter die Bürgerinnen und Bürger ausdrücklich warnt. Neben dem Enkeltrickbetrug, der bundesweit weiter viele Opfer fordert, gibt es auch immer mehr gemeldete Straftaten im Zusammenhang mit Corona. So melden sich Kriminelle am Telefon und täuschen vor, dass Angehörige erkrankt seien und man ihnen helfen könnte, indem man noch nicht zugelassene Medikamente finanziere.

Kriminelle geben sich als Banker aus

Eine andere perfide Masche: Im Fall eines Rentners aus dem Landkreis Lüneburg gaben sich Unbekannte als Bankmitarbeiter aus. Sie behaupteten, dass sich der Angerufene bei seinem letzten Besuch in der Filiale seiner Hausbank mit dem Virus angesteckt habe. Auch das abgehobene Geld sei angeblich von den Viren kontaminiert worden. Die Anrufer forderten dazu auf, das Geld in eine Tüte zu verpacken und vor die Haustür zu stellen. Anschließend werde ein Bankmitarbeiter das Geld abholen und reinigen. Glücklicherweise fiel der Rentner nicht auf den Trickbetrug herein, er informierte seine Tochter, die in der Nachbarschaft wohnt. Sie rief die Polizei. Eine ebenfalls weitverbreitete Masche reicht vom Einfordern von Gebühren für die angebliche Teilnahme an Gewinnspielen bis hin zu falschen Gewinnversprechen. Die Täter agieren meist aus Call-Centern in der Türkei, geben sich als Rechtsanwälte oder Notare aus und informieren die Angerufenen beispielsweise über den angeblichen Gewinn eines hohen Geld- oder Sachpreises. Sie suggerieren, dass der Gewinn nur ausgezahlt werden kann, wenn der Gewinner in Vorleistung tritt. Es sollen im Voraus Gebühren, Steuern oder andere Kosten bezahlt werden. Eine Verrechnung mit dem Gewinn wird mit unterschiedlichsten Begründungen abgelehnt. Die Opfer sollen die Beträge beispielsweise überweisen, in bar an einen Abholer übergeben oder per Post ins Ausland versenden.

Gewinne sind nur vorgetäuscht

Unabhängig von der Zahlung erfolgt niemals eine Gewinnausschüttung – ein Gewinn existiert nicht! Sind Bürgerinnen und Bürger nach Vorauszahlung Opfer einer solchen Betrugsmasche geworden, so müssen sie damit rechnen, immer wieder von Betrügern angerufen und zu weiteren Zahlungen aufgefordert zu werden. So geben sich die Call-Center-Mitarbeiter auch als Polizeibeamte oder Staatsanwälte aus und behaupten, dass sich die Angerufenen durch die Erstzahlung strafbar gemacht haben und ein angeblich gegen sie eingeleitetes Ermittlungsverfahren nur gegen eine weitere Zahlung schnell und unkompliziert abwendbar sei. Die Täter setzen die Opfer massiv unter Druck, wenn diese keine weiteren Zahlungen leisten wollen. Selbst wenn Opfer kein Geld mehr haben und alle Ersparnisse bereits aufgebraucht sind, lassen die Täter nicht von ihren Opfern ab und fordern dazu auf, Geld zu leihen oder einen Kredit aufzunehmen. Um die eigene Glaubwürdigkeit zu erhöhen, manipulieren die Betrüger gezielt die eigene Rufnummer, die im Telefondisplay des Opfers erscheint. Dort wird die Rufnummer einer deutschen Stadt angezeigt, obgleich sich der Täter bei seinem Anruf in einem Call-Center in der Türkei befindet. Passend zu einem Anruf eines vermeintlichen Notars aus Hamburg (oder auch aus Lüneburg) kann so auch eine Nummer mit Hamburger Vorwahl im Display des Angerufenen erscheinen. Tipps: Schenken Sie telefonischen Gewinnversprechen grundsätzlich keinen Glauben – insbesondere wenn die Einlösung des Gewinns an Bedingungen geknüpft ist. Lassen Sie sich von angeblichen Amtspersonen am Telefon nicht unter Druck setzen. Angehörige deutscher Strafverfolgungsbehörden würden Sie niemals am Telefon zu einer Geldüberweisung nötigen. Geben Sie darüber hinaus niemals telefonisch persönliche Informationen weiter: keine Telefonnummern, Adressen, Kontodaten, Bankleitzahlen, Kreditkartennummern oder Informationen zum persönlichen Umfeld. Wer im Übrigen glaubt, nur Ältere und besonders Leichtgläubige sind Opfer der Betrüger, irrt! Es kann jeden treffen, denn die Methoden der Gauner sind teilweise nicht zu durchschauen: So werden derzeit vor allem jüngere Handy-Besitzer mit gefälschten SMS bombardiert, hinter denen eine gefährliche Spionagesoftware lauert. In der Nachricht wird behauptet, dass sie von einem Paketzusteller gesendet wurde und man eine Lieferung per Klick auf einen Link bestätigen müsse. Sabine P. aus Winsen/Luhe geriet an Kriminelle, die sich eines gemeinen Tricks bedienen, der aus den USA nach Deutschland geschwappt ist. Ein unbekannter Anrufer meldete sich bei ihr und fragte scheinbar harmlos „Können Sie mich gut hören?“ Offensichtlich versuchte er, von Sabine P. das Wort „Ja“ herauszubekommen. Allein darauf hatte er es abgesehen, wie sich herausstellte. Denn die böse Überraschung für die Versicherungsfachfrau folgte nur ein paar Tage später im Briefkasten: Eine teure Rechnung samt der Drohung, bei Zahlungsverweigerung sei ein negativer Schufa-Eintrag und der Besuch eines Inkassobüros unumgänglich. Zudem, so hieß es weiter in dem Schreiben, sei der Telefonmitschnitt mit dem deutlichen „Ja“ eindeutig als rechtsgültiger Kaufvertrag zu verstehen. Glücklicherweise ließ sich Sabine P. nicht einschüchtern und suchte einen Rechtsanwalt auf. Der klärte sie auf, dass Verträge auch übers Telefon abgeschlossen werden können. Hierbei muss jedoch der angebliche Verkäufer zunächst beweisen, dass der Vertrag zustande gekommen ist. Und er muss am Telefon ein konkretes Angebot unterbreitet haben. Da es daran jedoch gefehlt habe, müsse die Angerufene auch nicht zahlen, die Betrüger gehen leer aus … (RT)

Maske als Nährstoff für die Natur

Die Lüneburger Lea Lensky und Victor Büchner haben biologisch abbaubare Masken entwickelt

An das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes haben wir uns schon gewöhnt. Doch durch die vielerorts obligatorischen medizinischen OP- und FFP2-Masken produzieren wir massenhaft Müll, der streng genommen Sondermüll ist und die Umwelt stark belastet. Und auch für den Menschen sind sie nicht frei von Schadstoffen. Zwei Lüneburger Studierende wollten das nicht so hinnehmen: Lea Lensky und Victor Büchner entwickelten Masken, die biologisch abbaubar sind. Sie gründeten die Firma Holy Shit, die Viva Mask ist ihr erstes Produkt. Lea Lensky (24) aus Braunschweig und Victor Büchner (23) aus Hamburg studieren in Lüneburg unterschiedliche Studiengänge, sie Betriebswirtschaftslehre und Kulturwissenschaften, er International Business Administration & Entrepreneurship am Leuphana College. Die beiden eint das Nebenfach Nachhaltigkeitswissenschaften, zusammen arbeiten sie als studentische Hilfskräfte bei Prof. Dr. Michael Braungart, Professor für Oködesign und zudem Wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Umweltinstituts. Mit Professor Braungart als Gesellschafter gründeten die Studierenden im Mai 2020 die gemeinnützige GmbH „Holy Shit” mit Sitz in Lüneburg. Die Entwicklung der besonderen Masken wurde ihr erstes Projekt. Aus Daten des Bundeswirtschaftsministeriums hat Professor Braungart die zu erwartenden Abfallmengen hochgerechnet und ist so auf einen jährlichen Bedarf an Atemschutzmasken von etwa zwölf Milliarden Stück gekommen. Lea, Victor und andere Studierende erfuhren in seinem Seminar davon. „Da wollten wir etwas gegen tun”, so Lea Lensky.

Gesund für Umwelt und Menschen

Bei den neu entwickelten Masken geht es nicht nur um die Umwelt, sondern auch um die Gesundheit seiner Träger. Laut Angaben des Hamburger Umweltinstituts unter Braungarts Leitung enthielten die dort untersuchten Einwegmasken „teils erhebliche Mengen an Schadstoffen” wie etwa „flüchtige organische Kohlenwasserstoffe und Formaldehyd”. Zudem könnten gerade beim Tragen lungengängige Mikroplastikfasern eingeatmet werden, die sich dann im menschlichen Körper anreichern könnten. Obwohl man bei mehr als 2.000 Maskenherstellern die Ergebnisse sicher nicht pauschalisieren könne, so Victor, spielten diese Erkenntnisse bereits Maskenverweigerern in die Hände. Doch Lea stellt klar: „Wir sind keine Maskengegner, aber wir wollten gesunde Masken herstellen.” Während es am Anfang der Corona-Pandemie um die schnelle Versorgung der Bevölkerung mit Masken gegangen sei, sei nun die richtige Versorgung wichtig – nicht das Nichttragen. Die von Holy Shit entwickelten Alltagsmasken sind nicht nur biologisch abbaubar, sie gehen noch einen Schritt weiter: Sie entsprechen dem Cradle-to-Cradle-Prinzip, übersetzt „von der Wiege zur Wiege”. Das Prinzip wurde Ende der neunziger Jahre von dem Umweltchemiker Prof. Dr. Michael Braungart und dem US-amerikanischen Architekten William McDonough begründet. Ihre Grundlage ist ein Produktdesign, bei dem Abrieb- und Verschleißprodukte und solche, die in biologische Systeme gelangen können, der Natur als Nährstoff zurückgeführt werden. So sollen technische Nährstoffe immer wieder verwendet werden können. Auch das Produkt Viva Mask sollte nach diesem Prinzip designt werden. „Cradle-to-Cradle definiert schon vorher, was drin ist. In der Kreislaufwirtschaft bleibt Müll einfach Müll”, so Victor, bei Cradle-to-Cradle blieben hingegen am Ende Nährstoffe für die Natur. Durch Professor Braungart, seine Erfahrung, finanzielle Unterstützung und guten Kontakte nahm das Projekt Viva Mask schnell an Fahrt auf – in einer Zeit, in der auch an der Universität weitgehend auf Präsenzveranstaltungen verzichtet wird. Bei ihrer Entwicklung griffen Lea Lensky und Victor Büchner auf eine Lis-te von rund 11.000 Materialien zurück, die für -Cr-adle-to-Cradle zertifiziert sind. Dafür mussten zunächst die Funktionen festgelegt und dann Materialien ausgewählt werden, wozu sie sich Stoffproben zuschicken ließen. „Ein halbes Jahr lang haben wir uns digital über Zoom getroffen, wir übernahmen die Materialseite”, erklärt Lea. Für den wissenschaftlichen Hintergrund stand Holy Shit in engem Kontakt mit Studierenden der Leuphana. Für die Textilherstellung ist das Schweizer Unternehmen Climatex AG zuständig, den Vertrieb übernimmt Viotrade.

Hauptmaterial Zellstoff

„Die Viva Mask war unser erstes Produkt überhaupt, wir wussten nicht, wie lange so eine Entwicklung dauert”, erklärt Lea. Nach fünf bis sechs Monaten stand das Produkt. „Viele Leute sind da mit großen Ambitionen rangegangen. Wir arbeiten glücklicherweise mit erfahrenen Unternehmen zusammen”, so Victor. „Und wir sind in der glücklichen Lage, dass Professor Braungart viele Kontakte hat.” Für ihre Viva Mask wählten Lea und Victor als Hauptmaterial einen Zellstoff aus Buchen- oder Eukalyptus-Holz. Dabei handelt es sich um schnell nachwachsende Rohstoffe aus FSC-zertifizierten Plantagen. Ihr Anbau benötigt nach eigenen Angaben etwa sechsmal weniger Ackerfläche als Baumwolle. Chemische Düngemittel oder genetische Manipulationen kommen nicht zum Einsatz. Die elastischen Ohrenbänder der Maske sind aus biologisch abbaubarem Elasthan. Nach ihrem Gebrauch könne die Viva Mask ohne Bedenken in biologische Systeme oder die Umwelt abgegeben werden, versichern die Hersteller – hier diene sie der Natur als Nährstoff. Masken von Viva Mask, die in drei Größen erhältlich sind, sind in der Anschaffung teurer als Einwegmasken, aber nicht teurer im Vergleich zu Mehrwegmasken. „Nach achtmal waschen ist man günstiger dabei”, erklärt Victor. Ihre Maske kann bis zu 50 Mal gewaschen werden, und das bei bis zu 95 Grad. Um auf die Tragepflicht von FFP2-, FFP3- oder OP-Masken zu reagieren, entwickelten die Studierenden zusätzlich einen Filter, der in die Maske geschoben wird. Der zu 99 Prozent biologisch abbaubare Zellulose-Filter hat bereits eine FFP3-Zertifizierung erhalten, während die Zertifizierung von Maske und Filter zusammen noch aussteht und bald erwartet wird. Seit ihrem Verkaufsstart im Oktober 2020 wurden rund 10.000 Viva Masks verkauft. Die Produktion erfolgt an Stätten in Deutschland, der Schweiz und Polen.

Beispielprodukt für Cradle-to-Cradle

Was den Stoff angeht, verspricht die Viva Mask nur gute Eigenschaften: Der antibakterielle, superweiche Stoff beuge Ausschlägen und Hautreizungen vor, sei hypoallergen, absorbiere 50 Prozent mehr Feuchtigkeit als Baumwolle und passe sich den Temperaturen an, so die Produktbeschreibung. Der Körper nehme durch den speziellen Mund-Nasen-Schutz kein Mikroplastik auf, die Maske enthalte nur biologische, hautverträgliche Materialien und einen vollkommen chlorfreien Fasertyp. Die Viva Mask ist für die Gründer und Geschäftsführer von Holy Shit erst der Anfang. „Die Maske soll ein Beispielprodukt sein, wie man es machen soll”, so Lea. Weitere Produkte nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip seien in Planung, aber noch geheim. „Im Grunde kann man jedes Produkt nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip herstellen”, ist Victor überzeugt. Während die beiden Studierenden maßgeblich an der Entwicklung der innovativen Masken beteiligt waren, zielt ihr Unternehmen Holy Shit künftig auf die wissenschaftliche Beratung ab, als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Finanzieller Gewinn spiele bei ihrer Firma keine Rolle. „Das ist eine Leidenschaft, eine Überzeugung”, so Victor, „da verdient eigentlich keiner was dran.” Auch wenn die beiden Studierenden ihren Mas-terabschluss vor Augen haben und vielleicht sogar Lüneburg verlassen wollen, soll Holy Shit ein Lüneburger Unternehmen bleiben. (JVE)