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Waren Sie heute schon glücklich?

Jeder wünscht es sich, doch die wenigsten sagen von sich, es wirklich zu haben: Glück. Dabei ist es häufig nur eine Frage der Wahrnehmung…

eine Frage der Wahrnehmung …

Immer am 20.3. ist Internationaler Tag des Glücks. In diesem Jahr fielen die Feierlichkeiten aus. Das Corona-Virus bestimmte die Nachrichtensendungen und die Stammtische. Wer wollte da noch von Glück reden? Auch ohne Corona haben es die Deutschen angeblich nicht so mit dem Glück. Laut den Ergebnissen einer Studie des SINUS-Instituts in Kooperation mit YouGov sehen sich die Deutschen mehrheitlich mehr als Pechvögel: So denkt über die Hälfte (56 %) nicht, dass sie viel Glück in ihrem bisherigen Leben hatte. 40 % würden wichtige Lebensentscheidungen heute anders fällen. Glück – so das vorherrschende Gefühl bei vielen – haben doch meist die anderen und dann auch noch ‘die falschen’ … Doch was ist eigentlich Glück?

Glück ist keine Glückssache

Vor 900 Jahren wurde mit dem mittelhochdeutschen Wort „Gelücke“ (Macht des Schicksals) das gute Ende eines Ereignisses benannt. Heute ist Glück laut Duden eine angenehme und freudige Gemütsverfassung, ein Zustand innerer Befriedigung und Hochstimmung. Fragt man bei den Menschen genauer nach, ist der am häufigsten genannte Schlüssel zum Glück Gesundheit. Mit deutlichem Abstand folgen eine gute Partnerschaft, eine intakte Familie, ausreichend Geld und ein schönes Zuhause. Geringe Relevanz für das Glücklichsein haben hingegen meist ein erfülltes Sexualleben, eine intakte Umwelt und Schönheit beziehungsweise gutes Aussehen. Ihr Glück nehmen die Deutschen dabei am liebsten selbst in die Hand: „Jeder ist seines Glückes Schmied“… So gesehen ist jeder natürlich auch für das Ausbleiben von Glück selbst verantwortlich, was so natürlich auch nicht stimmt.

„Don’t Worry, Be Happy“?

Ob die Folgen der Pandemie, die alltägliche Kriminalität auf den Straßen, die Gefahren von Krieg oder Klimaschäden – wohin man auch blicken und was man auch näher betrachten mag: Verglichen mit dem Rest der Welt leben wir Deutschen auf einer Insel der Glückseligkeit. Dennoch gibt es für jeden Einzelnen auch genug Gründe, nicht den ganzen Tag über „Don’t Worry, Be Happy“ zu flöten. Denn das würde ignorieren, wie persönliche Schicksalsschläge oder Krankheit jedem Einzelnen zusetzen können. Das ist genau der Punkt. Glück schaut nicht über den Tellerrand. Wer arm ist, den macht man nicht glücklicher mit den Worten

Woanders auf dem Globus sind die Menschen noch deutlich ärmer. Wer Kriminalität erfahren hat, den beruhigt man kaum damit, dass die Kriminalitätsstatitik hierzulande rückläufige Zahlen aufweist, und wer schwer krank ist, benötigt eventuell Trost, aber nicht Fakten über das ach so tolle Gesundheitssystem. Glück hat sehr viel mit einem selbst zu tun. Und: Es gibt keine Glücksformel, die für alle Gültigkeit hat.  

Mehr Realismus macht zufriedener

Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Wir wachsen nun mal in verschiedenen Familien, Gesellschaften und Kulturen auf, haben unterschiedliche Charaktere und machen eigene Erfahrungen, die uns prägen. So sind die Menschen eben nicht gleich, auch das Glücksempfinden ist unterschiedlich. Jahrelang hieß es, dass positives Denken glücklicher macht. Eine Studie aus Großbritannien sagt jetzt: Im Gegenteil – nicht mehr, sondern weniger Optimismus kann uns glücklicher machen. Denn Menschen mit einer realistischen, rationalen Sicht auf die Dinge, treffen die besseren Entscheidungen für ihr Leben, würden nicht so leicht enttäuscht – und sind auch darum langfristig glücklicher. Gerade in Zeiten der Pandemie kann das helfen. Vieles, was uns im Leben Freude bereitet, ist aktuell gestört, macht einfach weniger Spaß. Doch das gilt es durchzustehen. Langfris-tig könne gerade die Corona-Krise sogar zu positiven Veränderungen führen, machen Psychologen Hoffnung. „Wir bekommen ein ganz neues Gefühl dafür, was wirklich wichtig ist im Leben und lernen dadurch wieder mehr, Dinge zu schätzen“, meint der Hamburger Lifecoach Markus Braun. Sein Tipp: Man solle sich ganz bewusst darauf konzentrieren, was gut läuft – anstatt sich von negativen Botschaften übermannen zu lassen. Das erzeuge zwar nicht das Gefühl von absoluter Zufriedenheit, aber das reine Glück sei ohnehin nur eine sehr flüchtige Erfahrung … (RT)

Bei „Rote Rosen“ ist die Welt noch in Ordnung

Marcus Rinn ist für Requisiten und Ausstattung am Set der ARD-Telenovela verantwortlich

Markus Rinn guckt die ARD-Erfolgs-Telenovela „Rote Rosen” mit anderen Augen als die Fans der Serie. Sein Augenmerk liegt darauf, dass Personen und Szenenbild zusammenpassen. Der 50-Jährige ist zuständig für die Ausstattung der Serie – vom Kugelschreiber über das Sofa bis zur Blumenvase. Seit rund 20 Jahren arbeitet Marcus Rinn für den Film, seit 2006 für „Rote Rosen”, das täglich in der Studio Hamburg Serienwerft Lüneburg gedreht wird. Als Szenenbildner bestimmt er die Stimmung eines Sets. „Ich bin verantwortlich für alles, was man sieht – außer Kleidung und Menschen”, so Rinn. Studiert hat der Hamburger Architektur, doch ihm war früh klar, dass der Beruf nichts für ihn ist. „Häuslebauer ist nicht meins – es gibt zu viele Einschränkungen, man ist nicht frei. Und die Stimmung auf dem Bau ist angespannt”, meint er. „Das war nicht das, womit ich mein Leben verbringen wollte.” Seine Eltern, ein Schauspieler und eine Modedesignerin, hatten sich am Theater kennengelernt, und schon als kleines Kind war Marcus Rinn an Filmsets dabei. Kreativität wurde ihm durch seine Eltern in die Wiege gelegt. Nach Jahren im Projektmanagement in der Musik- und Filmbranche landete er schließlich durch sein Studium bei der Filmarchitektur und dem Szenenbild-Design. Zu den „Roten Rosen” kam Marcus Rinn durch einen Anruf von der Produktion. „Die große weite Welt des Films ist gar nicht so groß”, meint er. „Ich hatte schon größere Studiobauten für Serien wie Alphateam oder Das Geheimnis meines Vaters im Atelier bei Studio Hamburg gemacht.” Die Arbeit für tägliche Serien war ihm vertraut, und so zögerte er nicht, den angebotenen Job bei „Rote Rosen” in Lüneburg anzunehmen.

Neue Staffel – neue Figuren

„Rote Rosen” ist in Staffeln unterteilt, die je zehn Monate laufen. Gerade wurde die 17. Staffel und damit die 3200. Folge abgedreht, und das Drehteam hatte zwei Wochen drehfrei. Bald beginnen die Dreharbeiten für die 18. Staffel. „Es geht in der Regel um eine Frau und zwei Männer, und am Ende sind es eine Frau und ein Mann. Wenn eine Geschichte zu Ende erzählt ist, kommt eine neue, und mit ihr einige neue Figuren”, erzählt Marcus Rinn. Die Zeit zwischen zwei Staffeln ist für ihn die arbeitsreichste, denn dann ist es seine Aufgabe, rund um die neuen Personen, zu denen er eine komplette, mehrere Seiten umfassende Beschreibung von Lebenslauf, Beruf, Privatleben, Stärken und Schwächen erhält, neue Zimmer inklusive Ausstattung zu bauen. Während der Drehpause wird ein Großteil der Studios umgebaut, aber auch während der laufenden Staffeln. Marcus Rinn leitet die Ausstattungsabteilung, die aus den Teams „Dreh” und „Umbau” besteht. Das Entwerfen eines neuen Sets dauert am Computer nur ein bis zwei Tage, dann geht es an die Umsetzung. Entworfen werden müssen Baupläne, Elektropläne, Ablaufpläne. „Außerdem werden ein paar hundert Gegenstände festgelegt und besorgt”, erklärt Marcus Rinn. Ausgediente Möbel werden an ein Sozialkaufhaus gespendet. Bei den Fantagen, die dieses Jahr coronabedingt ausfallen mussten, werden gewöhnlich auch Requisiten versteigert. Die neue Ausstattung für neue Figuren wird oft gebraucht angeschafft. „Sie muss nicht neu sein, sie sollte ruhig Patina haben. Wir sind wie jeder auch Trüffelschweine und suchen im Internet”, so Rinn. „Vier Leute schwärmen dann aus und versuchen, viel in der Region zu kriegen, fahren aber auch bis nach Süddeutschland.” Durch die Figurenbeschreibung, die Rinn und sein Team bekommen, gibt es Einblick in das Vorleben der Person, und es gilt, die Einrichtung darauf zuzuschneiden. „Man benötigt ein bildhaftes Vorstellungsvermögen und Einfühlungsvermögen”, meint der Szenenbildner. „Die wenigsten haben einen ganz geraden Lebensweg, und für uns sind Brüche dankbar.” Die Einrichtung und Ausstattung der Filmsets haben nichts mit Marcus Rinns eigenem Geschmack zu tun. „Es muss zur Figur passen.” Bei Figuren, die schon lange zu „Rote Rosen” gehören, wird die Ausstattung auch mal verändert, „jeder macht eine Entwicklung durch und verändert sich.” Pro Woche werden 150 Bilder gedreht, und in jedem Bild befinden sich Requisiten. „In der Woche sind 600 bis 800 Requisiten im Einsatz”, weiß er. Eigene Markennamen

Marcus Rinn und sein Team arbeiten im Auftrag der Redaktion, die auch Geldgeber ist. Der 50-Jährige hat großen Respekt vor dem Ensemble, das bei den täglichen Drehs viel leisten muss. „Man ist immer unter Zeitdruck. Ab 8:30 Uhr wird gedreht, und dann acht Stunden lang. Jeden Tag werden 48 Minuten produziert”, erklärt er. „Für einen Fernsehfilm werden normalerweise vier Minuten am Tag produziert. Wir drehen also im Prinzip hier zweieinhalb Spielfilme in der Woche.” Damit auch während des Drehs alle Requisiten an ihrem Ort sind und nichts fehlt, ist das Team der Set-Requisite immer am Set dabei. Zu Pannen kommt es dabei höchst selten: „Wir haben ein zuverlässiges Team”, so Rinn. Marcus Rinn guckt selbst mindestens eine bis drei Folgen „Rote Rosen” pro Woche im Fernsehen an: „Ich gucke berufsbedingt bei den Rosen immer mit einem Auge, wie es funktioniert, ich lasse mich aber auch auf die Geschichte ein.” Markennamen dürfen bei der Telenovela im Bild nie gezeigt werden. „Rote Rosen läuft im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, das gebührenfinanziert ist. Product Placement gibt es hier gar nicht, das hat was mit Neutralität und Werbefreiheit zu tun. Das Grundkonzept finde ich total gut”, so Rinn. Zeitungen oder Etiketten für Konsumgüter entwirft eine Grafikerin eigens für die Serie, die Bilder an den Zimmerwänden werden entweder rechtefrei eingekauft oder selber gemacht. Eine eigene Lebensmittelmarke, die nur bei „Rote Rosen” vorkommt, ist „Bio Mertens”. Und wer genau hinschaut, sieht auch in der Küche von Alex, dass alle Weinetiketten extra für die Serie designt wurden. Am Filmset gibt es sowohl echte als auch unechte Lebensmittel und Blumen. „Blumen sind echt, wenn ein Schauspieler sie in die Hand nimmt. Die Lebensmittel sind auch echt, aber nicht in einer Dauereinrichtung wie im Käseladen”, erklärt der Szenenbildner. Während geschlossene Verpackungen weiter verwendet werden dürften, müssen geöffnete Lebensmittel zu Rinns Bedauern entsorgt werden – das ist Vorschrift.

Zuschauerfragen nach Requisiten

Ungefähr 40 Zimmer gibt es insgesamt in den „Rote Rosen”-Studios in Lüneburg. Etwa die Hälfte wird bei einem Staffelwechsel umgebaut, wofür rund acht Wochen eingeplant sind. Gedreht wird mit einem Vorlauf von zirka acht Wochen, was auch mal knapp werden kann: Die Coronakrise führte nicht nur zu einer sechswöchigen Drehpause und umfangreichen Umbaumaßnahmen im Studio, sondern auch dazu, dass „Rote Rosen” nie durch Sportveranstaltungen oder andere Events, die im Fernsehen übertragen werden, ausfällt. Produziert wird immer nah am Sendetermin, damit bei Außendrehs die Jahreszeit mit der der Sendezeit übereinstimmt. Auch wenn die Corona-Pandemie zurzeit das Weltgeschehen dominiert, findet sie in der Geschichte der „Roten Rosen” nicht statt. „Bei den Roten Rosen ist die Welt noch in Ordnung. Wir erzählen ja letztendlich auch ein Märchen, und das wollen wir uns auch bewahren”, meint der Szenenbildner. Nicht nur hinter, auch vor der Kamera halten sich alle strikt an die Corona-Vorschriften, was eine gewisse Kreativität erfordert und zwangsläufig zu Veränderungen führt. „Es ist alles eine Frage der Kameraeinstellung und Inszenierung. Zum Beispiel mussten Kuschel-szenen geändert werden. Liebesszenen werden weniger direkt gezeigt, mehr poetisch.” Der Charakter der Serie verändere sich für den Zuschauer durch die Corona-Bedingungen aber nicht. „Die Erzählweise wird anders, aber ich glaube, dass das nicht so auffällt.” Eine direkte Rückmeldung auf seine Arbeit erhält Marcus Rinn von den Fans gewöhnlich nicht. Allerdings gibt es viele Anfragen von Zuschauern nach Dingen aus dem Set. „Wir beantworten jede Mail, woher die Requisiten kommen. Das gehört zum Zuschauerservice”, sagt Rinn. Die Fans interessierten sich für vieles – von der Babybettwäsche über Kerzenständer bis hin zur Keksdose. „Ein Klassiker ist Johannas Teetasse, aber die gibt es nicht mehr. Alles, was von Johanna kommt, ist gefragt.” Es gebe auch Listen darüber, welches Requisit von wo stamme.

Schauspieler muss sich wohlfühlen

Jeder Raum in den „Rote Rosen”-Studios hat seinen eigenen Charakter. „Wenn er gut geworden ist und man sieht den Schauspieler darin agieren und er fühlt sich wohl, dann haben wir alles richtig gemacht – das ist ein gutes Gefühl”, resümiert Rinn. Zu seinen persönlichen Favoriten gehören das Zimmer von Gregor und Carla – und besonders der Salzmarkt. „Das ist mein Baby und ein Unikum.” Damit über die Monate und teilweise Jahre nichts in den Räumen einstaubt, gibt es eine Reinigungskraft, die nur für die Sets zuständig ist. Sie muss auch stets Acht geben, dass Dinge nicht umgestellt werden. Bei der Suche nach passenden Requisiten sind Marcus Rinn und sein Team immer auf Glücksfunde angewiesen. Und manchmal erweisen sich besonders die Dinge als schwierig zu beschaffen, von denen man es am wenigsten erwartet hätte. „Da muss man ein Gefühl für haben, was man braucht. Es gibt keine Grundregel, sondern man braucht viel Erfahrung”, betont der Ausstattungsleiter. Selten passiere es auch, dass am Set ein Requisit kaputt gehe: „Dann besorgen wir es schnell nach.” (JVE)

 

 

 

Nähe geht auch mit Distanz

editorial

Wenn wir uns das Strandgeschehen anschauen, sei es in Antalya, in Barcelona oder Kroatien, so mag man glauben, es hätte nie eine Pandemie gegeben. Die neue Geschäftsidee von Billigflieger Eurowings, „Kauf dir deinen freien Mittelsitz”, gibt am Rückflugschalter einigen schon mal zu denken. Die Realität holt spätestens bei der Landung alle wieder ein, die Witze über die 18 Euro für den freigekauften Mittelsitz verstummen, die Reizworte heißen jetzt Test oder Attest, mit Pech auch Hausarrest. Parallel dazu entstand hier vor Ort eine neue Qualität von kulturellem Leben, gekennzeichnet von Ideenreichtum, Engagement und Bescheidenheit. Letzteres sowohl was die Anzahl der möglichen Gäste/Besucher betraf als auch die Ansprüche. Hervorzuheben ist insbesondere der Lüneburger Kultursommer, der an Vielfalt kaum zu überbieten war, aber auch die Nachbarn aus Winsen, Bad Bevensen und Uelzen zeigten sich von der kreativen und besonders von der sozialen Seite. Alle stellten in unterschiedlicher Weise beeindruckend klar, Nähe geht auch mit Distanz.

Dank an die Motoren der vielen Aktionen, Dank aber auch an die vielen „Rädchen im Getriebe“.

Hoffnung schöpft inzwischen auch in Teilen die Zunft der ums Überleben kämpfenden Schausteller, die nach ihrer Zwangspause, die ja auch noch die Oktoberfeste überdauern muss, eine Chance auf den Weihnachtsmärkten und dem Winterdom sehen. Das Stadtgeschehen gleicht inzwischen auch schon wieder den Darstellungen in den Wimmelbüchern, zur Freude der einen, zur Sorge der anderen. Das ach so beliebte Flair in den Mauern der Innenstädte ist aber schon wieder spür- und erlebbar und hält uns alle hoffentlich bald wieder häufiger davon ab, auf dem heimischen PC den Button „In den Warenkorb“ zu drücken. Gute Gelegenheiten bieten sich in Lüneburg beim nächsten Verkaufsoffenen Sonntag am 27. September.

Froh sein konnten auch all die Wirte, die Außenplätze hatten, denn die waren in diesem Hochsommer, der ja nun wirklich einer war, äußerst begehrt. Wir aus der stadtlichter-Redaktion haben es indes nach einer schönen Sommerpause genossen, dass viel Arbeit auf uns wartete: Wir konnten endlich wieder eine Vielzahl toller Veranstaltungen für Euch zusammentragen, Ihr könnt wieder aus dem Vollen schöpfen. Aber bitte: Nähe geht auch mit Distanz!

In diesem Sinne, genießt neue Freiheiten. Mit Augenmaß!

 

Eure stadtlichter

Sexueller Missbrauch

Wenn Kinder die Täter sind…

In Deutschland werden jeden Tag durchschnittlich 43 Kinder Opfer von sexueller Gewalt. Erschreckend: Immer öfter sind Kinder auch Täter. Lügde, Bergisch Gladbach, Münster: monströse Fälle von massenhaftem Kindesmissbrauch, über die jetzt in den Medien rauf und runter berichtet wird. Hier sind die Täter bekannt, es sind Erwachsene, die, nachdem man sie überführt hat, hart bestraft gehören. Die Politik denkt – getrieben von einer fassungslosen Öffentlichkeit – bereits über Gesetzesverschärfungen nach. Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul, in dessen Bundesland die schrecklichen Taten geschehen konnten: „Kindesmissbrauch kann nicht bestraft werden wie Ladendiebstahl, es ist Mord. Nicht körperlich, aber seelisch.“

Grenze des Erträglichen

Doch was im Zuge der aktuellen Ermittlungen, die selbst erfahrene Kriminalbeamte an die Grenzen des menschlich Erträglichen bringen, dabei oft untergeht: Der sexuelle Missbrauch an Kindern in seiner grausamsten Form ist – glücklicherweise – immer noch die Ausnahme. Alltäglich dagegen ist der sexuelle Missbrauch „im Kleinen“. Und der hat eine Besonderheit: Immer häufiger sind die Täter minderjährig. In einer Umfrage erklärten über 30 Prozent aller Kinder und Jugendlichen bis 16 Jahren, bereits Opfer von sexuellen Übergriffen von Gleichaltrigen geworden zu sein. Diese sexuellen Übergriffe sind laut „Hilfeportal Sexueller Missbrauch“ sehr unterschiedlich in ihrer Intensität, reichen von einmaligen oder weniger intensiven Übergriffen, wie dem Herunterziehen der Turnhose im Sportunterricht, bis hin zu intensiven Übergriffen, wenn beispielsweise ein Mädchen oder Junge gezwungen wird, den Penis eines Jungen zu lecken. Manche sexuellen Übergriffe erinnern in ihrer strategischen Ausführung sehr an Taten von erwachsenen Tätern beziehungsweise Täterinnen. Den Tausch von kinderpornografischen Videos über Messenger-Dienste wie Whatsapp unter Jugendlichen bezeichnete die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) kürzlich bereits als ein „Massenphänomen“. Am 12. Mai berichtete die FAZ von einem 14-jährigen Jungen, der auf Instagram ein kinderpornografisches Video hochlud. Bei der Durchsuchung der Polizei erklärte er: „Das machen doch alle“. Weitere Fälle aus den vergangenen Wochen ließen aufhorchen: In München sollen drei 12- bis 13-jährige Jungs auf einem Schulhof ein gerade elf Jahre altes Mädchen dazu gezwungen haben, ihnen ihr Geschlechtsteil zu zeigen. In Berlin forderte eine Bande von Minderjährigen zwei 14-jährige Mädchen zu gegenseitigen Zungenküssen auf und filmte das. Man könnte noch viele Beispiele nennen, es ist ein bundesweites Phänomen. Keine Region ist frei davon.

Täter und Täterinnen

Laut Bundeskriminalamt (BKA) hat die sexuelle Gewalt gegen Kinder 2019 um neun Prozent auf 15.936 (2018: 14.606) Fälle zugenommen. Außerdem ermittelte die Polizei im vergangenen Jahr in 12.262 Fällen (2018: 7449) wegen kinderpornografischer Delikte. Das entspricht einem Anstieg um fast 65 Prozent. Die Zahlen sind in den vergangenen Jahren stetig angestiegen, im Vergleich zu 2016 haben sie sich mehr als verdoppelt. Immerhin zirka ein Fünftel der registrierten Tatverdächtigen sind dabei Jugendliche. Die Dunkelziffer ist sehr hoch. Auffällig: Taten von Kindern und Jugendliche gegen andere Kinder werden noch weniger angezeigt als die Taten, die von Erwachsenen begangen werden.

Erhebliches Risiko

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig warnte nach Veröffentlichung der letzten Kriminalstatistik im Januar, es bestehe „ein erhebliches Risiko“ für sexuelle Übergriffe durch andere Kinder und Jugendliche. So genanntes sexuell übergriffiges Verhalten von Jugendlichen kann verschiedene Ursachen haben – eigene Gewalterfahrungen als Kind oder Jugendlicher können eine Rolle spielen. Der Wunsch, Macht auszuüben sowie Defizite bei der Einhaltung von Grenzen können dem Verhalten zugrunde liegen. Manche Kinder und Jugendliche wurden unangemessen mit erwachsener Sexualität in der Familie oder durch pornografisches Material konfrontiert. Einige der übergriffigen Mädchen und vor allem Jungen versuchen, eigene Gefühle von Ohnmacht oder Hilflosigkeit zu kompensieren.

Mögliche Kindeswohlgefährdung

Bei sehr jungen Kindern ist manchmal noch die fehlende Kontrolle von Impulsen ursächlich.Massive sexuelle Übergriffe von Jugendlichen und Kindern, die wiederholt stattfinden und die sich nicht durch pädagogische Maßnahmen allein stoppen lassen, können ein Indiz auf eine mögliche Kindeswohlgefährdung des übergriffigen Kindes oder Jugendlichen sein. Pädagogische Fachkräfte sind in diesen Fällen verpflichtet, sich entsprechend Paragraph 8a Sozialgesetzbuch (SGB) VIII fachliche Unterstützung zu holen, auch andere Berufsgruppen, die in beruflichem Kontakt mit Kindern und Jugendlichen stehen, haben einen Anspruch auf diese Unterstützung. Das Problem: Jugendämter sind oft so lausig besetzt, dass ein Sozialarbeiter in den schlimmsten Fällen mehr als 100 Familien betreuen muss. Das kann nicht funktionieren. Welche Spuren sexuelle Gewalt bei Kindern hinterlässt, hängt von vielen Faktoren ab, heißt es vom Kinderschutzbund Lüneburg. Die Folgen sind dabei umso schwerer, je intensiver die Tat war, je häufiger sie geschehen ist, je länger das Opfer mit der Erfahrung allein bleibt, ohne Hilfe zu finden, je mehr an seiner Glaubwürdigkeit gezweifelt wird und je weniger Trost und Zuwendung es erhält. Umgekehrt bedeutet das, dass frühe Hilfe und zugewandte, einfühlsame Reaktionen der Familie und des sozialen Umfelds (auch der Schule) erhebliche Auswirkungen darauf haben, wie gut ein betroffenes Kind diese Erfahrung verarbeiten kann. (RT)

Hier gibt’s Hilfe und Beratung

Pro Familia Lüneburg, Glockenstraße 1, 21335 Lüneburg Tel. (0 41 31) 3 42 60

Kinder- und Jugendtelefon Tel. 116 111
montags bis samstags 14 bis 20 Uhr sowie neu: montags, mittwochs und donnerstags zusätzlich 10 bis 12 Uhr

Deutscher Kinderschutzbund Orts- und Kreisverband Lüneburg e.V. ,  Soltauer Str. 5a, 21335  Lüneburg, Tel. (0 41 31) 8 28 82

www.trau-dich.de
Diese Website klärt Kinder zwischen 8 und 12 Jahren über ihre Rechte, körperliche Selbstbestimmung und sexuellen Kindesmissbrauch auf.

Im Einsatz für den Kaiser

Holger Böttcher arbeitet ehrenamtlich für den
Lauenburger Raddampfer Kaiser Wilhelm

 

Holger Böttcher hat von klein auf ein besonderes Verhältnis zum historischen Raddampfer Kaiser Wilhelm. Der Lauenburger arbeitet ehrenamtlich als Zahlmeister auf dem Museumsschiff. In Lauenburg aufgewachsen und mit einem ständigen Blick auf den Schornstein des Raddampfers, soll „Mein Kaiser Wilhelm” zu den ersten Worten gehört haben, die Böttcher als Kind von sich gab. Für den 50-Jährigen gehörte das Schiff, das in diesem Jahr ebenfalls 50 Jahre in Lauenburg beheimatet ist, immer zu seinem Leben. Seine erste Erinnerung: Als Schüler sollte er im Werkunterricht ein Fahrzeug mit Gummiantrieb bauen. „Da dachte ich mir, ich baue den Kaiser Wilhelm nach”, erinnert sich Böttcher. Das Ergebnis aus Styropor kam so gut an, dass es in Serie gehen sollte: Böttchers Vater hatte Kontakt zum „Vater” des Kaiser Wilhelm, Dr. Ernst Schmidt, und berichtete diesem von seinem Sohn und seinen Werken. Der 13-Jährige erhielt die Erlaubnis, seine Styropormodelle bei der Abfahrt des Raddampfers in Lauenburg an die Fahrgäste zu verkaufen. Zwei, drei Jahre waren Böttchers Modelle ein Verkaufsschlager – dann wollte der Jugendliche mehr. „Das hat mir irgendwann nicht mehr gereicht, ich wollte auf dem Schiff mithelfen”, erzählt er. Als Decksjunge begann Holger Böttcher schließlich seine Karriere auf dem Kaiser Wilhelm. „Ich habe Messing geputzt, Mülleimer geleert und Spinnweben entfernt. Außerdem saß ich als stellvertretender Zahlmeister mit in der Zahlmeisterei”, berichtet der 50-Jährige. „Ich habe vieles durch Learning by doing gelernt.” Zehn Jahre war er in seiner Jugend auf den Fahrten des Raddampfers dabei. „Disco und Frauen waren mir damals gleichgültig.” 1995 war ein Punkt erreicht, als es Böttcher genug war. „Aber den Kaiser habe ich nie aus den Augen verloren.” Erst Jahre später, im Jahr 2013, sollte Holger Böttcher wieder auf dem Kaiser Wilhelm anheuern. „Das Schiff war nicht mehr im optimalen Zustand, und die damalige Crew hatte aufgehört”, so Böttcher. Ein Jahr zuvor waren das Schiff und der dazugehörige Verein zur Förderung des Lauenburger Elbschifffahrtsmuseums führungslos geworden. Der neue Vorsitzende und Kapitän wurde der Lauenburger Reeder Markus Reich. Bei einem Treffen der beiden fragte Reich ihn, ob er nicht wieder auf dem Kaiser Wilhelm anheuern wolle. „Ich habe eine Nacht überlegt, es war wirklich eine Herzenssache”, so Böttcher.

Gebaut für die Oberweser

Vier Jahre lang war Holger Böttcher ab 2013 ehrenamtlicher Geschäftsführer des Fördervereins, außerdem einige Jahre als Mitarbeiter der Stadt Lauenburg Museumsmanager des Elbschifffahrtsmuseums. Heute ist er als „Zahlmeister” für die Erstellung der Fahrpläne, Organisation von Sonderfahrten und das Abkassieren der Fahrgelder an Bord zuständig. Auch den Internet- und Facebook-Auftritt des Schiffes pflegt er. Die erste große Tour, die der Zahlmeister von vorne bis hinten planen sollte, war eine Sonderfahrt mit dem Raddampfer nach Dresden, wo er im Jahr 1900 gebaut worden war. 2015 fand die Fahrt, die für Böttcher mit einem riesigen Organisationsaufwand verbunden war, schließlich statt. „In ein bis anderthalb Jahren habe ich gelernt, wie man sowas organisiert”, berichtet er. Dazu gehören unter anderem die Berechnung der Etappen und die Zusammenarbeit mit Reiseunternehmen, die sich um Gepäck und Unterkünfte an Land kümmern. 2017 war das Schiff dann zum ersten Mal in Berlin. Gebaut wurde der Raddampfer Kaiser Wilhelm ursprünglich für die Oberweser-Dampfschifffahrt. Das 1910 noch einmal verlängerte Schiff hat seitdem eine Länge von gut 57 Metern und kann maximal 270 Fahrgäste transportieren. Es hat eine gemächliche Reisegeschwindigkeit von maximal 14,5 Stundenkilometern. Von 1900 bis 1970 war das Schiff ausschließlich im Liniendienst auf der Weser, bis es schließlich verschrottet werden sollte. „Dr. Ernst Schmidt ergriff die Initiative und sagte 1970: Ich hole das Schiff als Eins-zu-eins-Modell für unser Museum”, erzählt Böttcher. Wie viel Geld der Lauenburger Verein für das Schiff damals zahlte, ist unbekannt. Schmidt und seine Crew überführten das Schiff im Oktober 1970 schließlich über den Mittellandkanal, Magdeburg und die damalige DDR nach Lauenburg, wo es inzwischen zu einem Wahrzeichen geworden ist. „Seit 20, 30 Jahren finden es die Leute an der Weser schade, dass das Schiff nach Lauenburg verkauft wurde”, sagt Böttcher. „Es ist heute noch sehr beliebt an der Weser. Die Leute kommen extra von da, um sich das Schiff hier anzusehen.” Als er im vergangenen Jahr an der Oberweser zu Besuch war, war er fasziniert, wie herzlich die Leute auf ihn in seiner Kaiser-Wilhelm-Jacke reagierten und wie oft er angesprochen wurde.

Doppeljubiläum im Jahr 2020

Lauenburg kann stolz sein auf das Museums-Exponat in Originalgröße. Mit der Aufnahme der historischen Elbfahrten des Kaiser Wilhelm von Lauenburg aus wurde die erste deutsche Museumsdampferlinie begonnen. Das Schiff ist einer von weltweit nur fünf Raddampfern, die noch mit Kohle befeuert werden. „In seiner Lebenszeit hat er jetzt den dritten Dampfkessel, aber die Maschine ist weitestgehend im Originalzustand”, so Böttcher. Rund 1,5 Millionen Euro wurden gerade in Dampfkessel, Heck und Rudermaschine investiert. Dazu gab es 950.000 Euro Fördermittel vom Bund, den Rest muss der Verein selbst tragen. In diesem Jahr feiert der Raddampfer ein Doppeljubiläum: Zum einen ist er seit genau 50 Jahren in Lauenburg heimisch, zum anderen ist er genau 120 Jahre alt. „120 Jahre lang ist das Schiff jedes Jahr gefahren, selbst in Kriegszeiten. Es hat immer alles funktioniert”, so Böttcher. Das Doppeljubiläum sollte 2020 der Anlass sein für eine besondere Fahrt zur Weser, wo es einst im Einsatz war. Am 17. Juli sollte es in Lauenburg losgehen zu einer 17-tägigen Tour mit zahlreichen Zu- und Ausstiegen und Übernachtungen an Land. „Wir hatten über 3.000 Anmeldungen”, erklärt Holger Böttcher, der die gesamte Reise organisiert hat – und alles wegen der Corona-Pandemie wieder stornieren musste. „Mir persönlich war das relativ früh klar, dass die Reise ausfallen muss”, so Böttcher. Um den Sohn des letzten Weser-Kapitäns Adolf Kruse, Jan, als Lotsen mitnehmen zu können, musste die Weserfahrt nun um ganze zwei Jahre verschoben werden. Holger Böttcher freut sich, dass viele Gäste, die die Reise gebucht hatten, ihre Buchung aufrecht erhalten. „Es ist etwas sehr Emotionales, wieder an die Weser zu fahren”, meint er. 25 bis 30 Ehrenamtliche waren als Besatzung für die Weser-Reise eingeplant. Fährt das Schiff nach Plan von Lauenburg nach Bleckede oder Hitzacker, sind in der Regel 15 Ehrenamtliche an Bord. Der Verein ist auf die Mitwirkung von Ehrenamtlichen angewiesen und kann immer Hilfe gebrauchen. „Man muss da nichts gelernt haben, nur bereit sein, von anderen Rat anzunehmen”, erklärt der Zahlmeister. Zwar verfüge der Verein über rund 350 Mitglieder, doch die wenigsten würden vor Ort leben und könnten in irgendeiner Form mithelfen.

Schwimmendes Museum

Auch für Holger Böttcher, der hauptberuflich als Kaufmännischer Angestellter arbeitet, geht für sein Ehrenamt viel Freizeit drauf. „Ich bin jeden Tag mit dem Schiff beschäftigt. Ich habe auch schon am ersten Weihnachtstag einen Anruf bekommen von jemandem, der das Schiff chartern wollte.” Über „das Schiff” hat Böttcher vor einigen Jahren auch seine Lebensgefährtin Magret kennengelernt, die als Schatzmeisterin für den Verein tätig ist und auch Dienste an Bord übernimmt. Magret lebt in Hohnstorf auf der anderen Elbseite und ist mit dem Anblick des Raddampfers vor Lauenburg ebenfalls aufgewachsen. Der Raddampfer Kaiser Wilhelm ist gewöhnlich jedes Jahr von April bis Anfang Oktober an 12 bis 13 Wochenenden unterwegs, von Lauenburg nach Bleckede, Hitzacker oder Hamburg – oder als Mottofahrt mit Musik. Pro Saison werden rund 5.000 bis 6.000 Fahrgäste befördert. „Wir sind zum Glück nicht immer ausgebucht”, so Böttcher, „das würde die Besatzung nicht immer schaffen.” So seien samstags und sonntags immer 250 bis 270 Fahrgäste an Bord, 200 seien aber angenehmer. Der Raddampfer ist eine Art „schwimmendes Museum”: Wer Interesse hat, kann während der Fahrt auch einen Blick in den Maschinen- und Kesselraum werfen. Auch Deutschlands einzige Schiffs-Poststelle befindet sich seit 2006 an Bord. 2016 war ein Fernsehteam des NDR an Bord des Kaiser Wilhelm, um eine Fahrt mit dem Raddampfer von Lauenburg nach Hamburg in Echtzeit aufzunehmen. Diese wurde Pfingsten 2017 unter dem Titel „Die Elbe. Ganz in Ruhe” ausgestrahlt – fünf Stunden lang. „Danach konnten wir uns bei Hamburg-Fahrten vor Fahrgästen nicht mehr retten”, berichtet Holger Böttcher. Grundsätzlich empfiehlt er, sich für alle Fahrten rechtzeitig anzumelden.

Zu schmal für Mindestabstand

Die Corona-Pandemie macht dem Fahrplan des Kaiser Wilhelm zurzeit noch einen Strich durch die Rechnung. „Das Schiff ist 4,50 Meter breit, da ist das mit dem Mindestabstand ganz schwer“, meint Holger Böttcher. Aus Denkmalschutzgründen sei das Aufstellen von Plexiglasscheiben nicht erlaubt, zudem gebe es Probleme mit dem Durchfahren verschiedener Länder und Landkreise, da überall unterschiedliche Bestimmungen gelten würden. „Ich hoffe, dass wir im August wieder anfangen können, aber dann bestimmt mit einem anderen Fahrplan. Wir wissen noch nicht, was wir dürfen”, erklärt er. Auch der Förderverein des Lauenburger Elbschifffahrtsmuseums kann in Krisenzeiten jeden Cent gebrauchen, denn Fixkosten wie Versicherungen und Miete fallen natürlich trotzdem an. Der Raddampfer liegt zurzeit noch in der Hitzler-Werft in Lauenburg und wäre nicht sofort fahrbereit. Holger Böttcher weiß aus Erzählungen viel über das Schiff und ist der Einzige der heute noch Aktiven, der Dr. Ernst Schmidt persönlich kannte. Er kann sich momentan nicht vorstellen, seinen Einsatz für den Raddampfer irgendwann aufzugeben, zu groß ist die emotionale Bindung: „Es gibt Momente, wo ich sage, ich höre auf. Aber es gibt noch einige Ideen für Projekte. Ich will in fünf Jahren noch den 125. feiern und noch eine größere Reise machen. Es macht verdammt viel Arbeit und verdammt viel Spaß, eine Dampferfahrt wie 1900 für die Nachwelt aufrecht zu erhalten.” (JVE)

Normal. Normal!

editorial

Noch hat sie nicht begonnen, die Zeit nach Corona. Noch muss man von der Zeit mit Corona reden – und vor allem denken. Dass das einigen egal ist oder besonders schwer fällt, sieht man hin und wieder bei ausgelassenen Partys, die geplant oder spontan stattfinden – jedenfalls ohne Distanz und Schutz. Sich anzustecken ist das Eine, aber in Kauf zu nehmen, andere zu infizieren, das Andere. Nur weil es immer neue Lockerungen gibt, die Kulturbetriebe wie Theater und Kino wieder aufleben, die Gaststätten wieder rege werden, auch Reisewarnungen aufgehoben werden, ist das Virus ja nicht einfach weg. Wir werden uns wohl daran gewöhnen müssen, dass „Normal“ eine andere Bedeutung gewinnt. Der Tourismus wächst nur verhalten wieder, die Urlaubspläne fallen bescheidener aus, das Fahrrad als Verkehrsmittel erfreut sich steigender Beliebtheit – überall verändert Corona unser Leben. Bis es wieder normal ist, Großveranstaltungen wie Konzerte, Volksfeste, Open-Air-Festivals nach Lust und Laune unbeschwert buchen zu können, in der Gewissheit, dass sie auf jeden Fall stattfinden, wird noch dauern. Veranstalter, Veranstaltungstechniker, die Schausteller und viele mehr bangen derweil immer noch um ihre Existenz. Dass kreative Ideen auch oder vielmehr besonders in Krisenzeiten Platz haben, sehen wir tagtäglich, und davon zeugt auch das aktuelle Magazin für Juli/August, für das wir wieder viel zusammentragen konnten – es liegt nun in Eurer Hand, diese Angebote anzunehmen und das vielfältige Engagement zu honorieren. Außer vielen Veranstaltungen für Geist und Seele findet Ihr in den Karriereseiten dieser Ausgabe interessante Stellenangebote, diesmal vor allem für Ausbildungsstellen, Studienplätze und FSJ-Plätze, Ihr findet Gastronomiebetriebe, die sich durch besondere Lage und Angebote zu Lieblingsplätzen mausern können, Interessantes zum Thema Mobilität und last but not least ein paar reizvolle „Must Haves“ und leckere Rezepte.

Wir wünschen Euch allen eine wunderschöne coronafreie Sommerzeit, bleibt uns gewogen und freut Euch auf die nächsten stadtlichter, die wir Euch wie gewohnt nach unserer Sommerpause Ende August liefern werden.

Eure stadtlichter

„Der Feind hört mit!“

Nimmt häusliche Gewalt wegen Corona zu oder doch nicht? Viele Opfer haben offenbar Angst, sich zu melden …

Werden der Lockdown und die Corona-Quarantäne zu mehr häuslicher Gewalt führen? Viele Psychologen, Politiker, aber auch Polizei und der Opferschutzverein „Weisser Ring“ haben zu Beginn der Virus-Beschränkungen einen signifikanten Anstieg prophezeit.

Stressfaktoren steigen – Aggressionen nehmen zu

„Die Corona-Krise zwang und zwingt die Menschen weitgehend, in der Familie zu bleiben, hinzu kommen Stressfaktoren wie finanzielle Sorgen und Zukunftsunsicherheit. Diese Spannung kann sich ganz schnell in Gewalt entladen“, warnte Jörg Ziercke, Bundesvorsitzender des Weissen Rings. Zumindest die Rückmeldungen aus den 550 bundesweiten Jugendämtern scheinen dieses „Horrorszenario“ jedoch nicht zu bestätigen. Noch nicht. „Aus den Ländern bekommen wir derzeit unterschiedliche Rückmeldungen. Es gibt ein Stadt-Land-Gefälle“, sagt Bundesfamilienministerin Franziska Giffey. In ländlichen Regionen, wo es mehr Möglichkeiten gebe rauszugehen und wo Menschen nicht so sehr auf engem Raum lebten, sei das Konfliktpotenzial nicht so hoch. Auch die Polizei Lüneburg meldet „eine aktuell ruhige Einsatzlage“. Das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) will sich zum Thema nur vorsichtig äußern: Bundesweit habe es im März keinen, in den ersten drei Aprilwochen etwa 20 Prozent mehr an Beratungskontakten gegeben. „Ob sich daraus ein stabiler Trend entwickelt, gilt abzuwarten und lässt sich derzeit schwer beurteilen“.

Hohe Dunkelziffer -befürchtet

Gewarnt wird allenthalben vor einer hohen Dunkelziffer. Niedersachsens Justizministerin Barbara Havliza ruft darum dazu auf, in diesen Wochen bei dem Thema „Häusliche Gewalt“ besonders wachsam zu sein. „Wir wissen nicht, was hinter den vielen geschlossenen Türen passiert. Umso wichtiger ist es, dass Nachbarn, Freunde und Verwandte jetzt ganz genau hinsehen und hören, was in ihrer unmittelbaren Nähe passiert“.  Statistisch, also von den Behörden beziehungsweise der Polizei erfasst, wird knapp alle vier Minuten ein Mensch Opfer von Gewalt in den privaten vier Wänden. Das sind etwa 135.000 Fälle im Jahr. Tatsächlich sollen es aber mehr als eine Million sein. Und Corona könnte da jetzt noch einmal zu einer Verdopplung geführt haben. Verwiesen wird von Experten in diesem Zusammenhang sehr oft auf die Erfahrungen während der Weihnachtsfeiertage. Denn rund um das Fest der Liebe steige die häusliche Gewalt regelmäßig an, da Familien „deutlich mehr Zeit miteinander verbringen als üblich“.

Alarmsysteme beeinträchtigt oder blockiert

Gemeldet würde diese wiederkehrende weihnachtliche Gewalt aber erst sehr viel später, weil die meisten Alarmsysteme und Meldekanäle beeinträchtigt oder ganz blockiert seien – insbesondere für Kinder und Jugendliche: Ihre regelmäßige Begegnung mit und Beobachtung durch Lehrkräfte oder Kita-Personal entfällt. Generell sind zudem unbeobachtete Anrufe für Opfer dann auch seltener als sonst möglich, schließlich „hört der Feind mit…“

Barrieren durchbrechen

Eine ähnliche Situation, nur eben noch strikter, sei auch jetzt gegeben: Behördliche und freie Jugendhilfe seien zwar weiter mit den Familien in Kontakt, die dem Jugendamt bekannt sind, heißt es. Wenn es nun aber auch in anderen Haushalten zu Gewalt komme, stelle sich die Frage, ob wahrheitsgetreue Informationen darüber überhaupt bei der Jugendhilfe und anderen helfenden Institutionen ankommen. Wichtig sei es darum, so schnell wie nur möglich die Barrieren von drinnen nach draußen zu durchbrechen. Damit jeder auch wieder die Hilfe bekommt, die er benötigt. (RT)

Hilfe in der Not

Kinder- und Jugendliche, die Hilfe suchen, können sich an die deutschlandweite, kostenfreie Nummer 116 111 wenden. Für Mütter, Väter oder Großeltern gibt es die 0800 111 0550.

Die Opferhelferinnen und Opferhelfer des Weissen Rings sind täglich von 7 bis 22 Uhr unter der bundesweiten Rufnummer 116 006 erreichbar.

Beratungs- und Interventionsstelle Lüneburg: Tel. (0 41 31) 2 21 60 44

Weitere Informationen: gegen-gewalt-in-der-familie.de; www.opferhilfe.niedersachsen.de.

Zur Sensibilisierung für Taten in der Nachbarschaft hat die Koordinierungsstelle „Häusliche Gewalt“ beim Landespräventionsrat Niedersachsen im Justizministerium gemeinsam mit dem Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung Flyer und Poster entwickelt. Diese verdeutlichen, dass eine aufmerksame Nachbarschaft die beste Prävention ist. Und sie zeigen auf, was man tun kann, wenn man häusliche Gewalt in der Nachbarschaft bemerkt. Die Papierversion von Flyer und Poster können bei der Geschäftsstelle des Landespräventionsrates Niedersachsen bestellt werden (info@lpr.niedersachsen.de). Digital sind sie unter lpr.niedersachsen.de abrufbar.