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Impfzentrum statt Kreishaus

Mirko Dannenfeld leitet das Lüneburger Corona-Impfzentrum

Das hätte sich Mirko Dannenfeld in seinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt, dass sein Beamtendasein einmal so aufregend werden würde: Der 50-jährige Leiter des Fachdienstes Ordnung des Landkreises Lüneburg leitet das im Januar eröffnete Corona-Impfzentrum Lüneburg. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie ist Mirko Dannenfeld ganz nah dran am Geschehen. Schon im Frühjahr 2020 mussten er und seine Mitarbeiter sich mit der Frage auseinandersetzen, wie man das Klinikum Lüneburg entlasten könne, wenn es durch die Versorgung von Corona-Patienten an seine Belastungsgrenze stoßen würde. Ein Hilfskrankenhaus wurde geplant, doch es musste zum Glück nicht zum Einsatz kommen. Mitte November erhielt der Landkreis Lüneburg schließlich vom Land Niedersachsen den Auftrag, ein Corona-Impfzentrum aufzubauen. So mussten Mirko Dannenfeld und sein Team aus zehn bis 15 Mitarbeitern tätig werden. „Wir mussten ein geeignetes Objekt finden, den Ausbau organisieren und Material beschaffen”, so Dannenfeld. Es gab ein Rahmenkonzept des Landes, die Durchführung sollte von den Räumlichkeiten abhängen. Bei der Standortsuche gaben die Gemeinden des Landkreises Rückmeldung über bestehende Räumlichkeiten – diese sollten eine gewisse Größe sowie eine gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr haben, Parkmöglichkeiten bieten und barrierefrei sein. Auch Makler der Region wurden angefragt.

Standort ist ein Glücksgriff

Die Suche nach einem geeigneten Standort für das Impfzentrum beschäftigte Mirko Dannenfeld etwa drei Wochen. „Ich bin selbst unterwegs gewesen und habe mir viele Objekte angeguckt, oft alleine“, erzählt der 50-Jährige. Kreiseigene Schulsporthallen und Veranstaltungsorte der Stadt schlossen er und sein Team sofort aus. Da keiner vorhersehen kann, wie lange das Impfzentrum gebraucht wird, wollte man die Räume nicht über Monate blockieren, so Dannenfeld. Nach einer Woche kristallisierte sich ein Standort in Adendorf heraus, doch der Besitzer sagte nach reiflicher Überlegung wieder ab. Schließlich bot das Unternehmen Deerberg von selbst eine Halle an der Zeppelinstraße als Standort für das Impfzentrum an. „Das war ein Glücksgriff. In Lüneburg sind Gewerbeflächen sehr gefragt, die Suche war nicht so einfach”, erklärt Dannenfeld. Mit der Einrichtung des Lüneburger Impfzentrums wurden die Katastrophenschutzbehörden betraut. Weihnachten war der Rohbau fertig. „Wir hätten theoretisch am 23. Dezember in Betrieb gehen können”, erklärt Dannenfeld, „aber mir war von vornherein klar, dass der Plan des Landes sehr ambitioniert war, noch im Dezember mit dem Impfen anzufangen.” Schon frühzeitig habe sich herumgesprochen, dass der Schwerpunkt zunächst auf den mobilen Teams liegen würde, die die Bewohner von Altenpflegeheimen impfen sollten. Dennoch luden Mirko Dannenfeld und sein Team noch drei Tage vor Weihnachten 75 Personen zu Auswahlgesprächen ein und wählten 15 Mitarbeiter für das Impfzentrum aus. „Wir sind von Initiativbewerbungen überrannt worden”, so der Leiter. Obwohl noch keine Impfungen vor Ort durchgeführt werden konnten, nahm das Impfzentrum an der Zeppelinstraße am 5. Januar seinen Betrieb auf. Hier arbeiten vier Personengruppen: Ärzte, Verwaltungshelfer mit entsprechender Ausbildung, Unterstützungskräfte, die die Besucher vor Ort an die Hand nehmen, und Impfbefähigte aus dem medizinischen Bereich. Alle Mitarbeiter standen hier ab Januar in den Startlöchern, doch zunächst konnten nur die vier mobilen Teams aktiv werden, die von Mitarbeitern der Hilfsorganisationen unterstützt werden. Ab der ersten Januarwoche und bis zum 9. Februar erhielten alle Bewohner der Lüneburger Altenpflegeheime und Einrichtungen der Tagespflege, die eine Corona-Impfung wünschten, ihre erste Impfdosis. Auch Mirko Dannenfeld begleitete zu Anfang ein mobiles Team, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Noch bis Anfang März sind die mobilen Teams in der Stadt für die zweite Impfung in den Einrichtungen unterwegs.

Bis zu fünf Impflinien

Im Lüneburger Impfzentrum kann mit bis zu fünf Impflinien gleichzeitig gearbeitet werden, in diesem Fall müssen auch fünf Ärzte vor Ort sein. „Wir haben sehr viele niedergelassene Ärzte, auch aus anderen Landkreisen und Bundesländern. Auch Ärzte im Ruhestand sind tageweise dabei. So sind wir in der Lage, ein relativ breites Zeitfenster abzudecken”, erklärt Mirko Dannenfeld. Doch ausgelastet ist das Zentrum aufgrund der knappen Impfstoffversorgung noch nicht. Anfang Februar startete der Betrieb in Lüneburg mit zwei Impflinien, je nach Impfstofflieferung an fünf bis sechs Tagen die Woche. Bis zum 17. Februar wurden im Landkreis Lüneburg insgesamt 8.700 Impfungen durchgeführt, davon knapp 3.000 Zweitimpfungen. Momentan sind rund 1.100 Impfungen pro Woche im Lüneburger Impfzentrum möglich. „Sehr wahrscheinlich Ende März sollen alle Personen der Prioritätsgruppe 1 ihre erste Impfung erhalten haben”, so Mirko Dannenfeld. Der Leiter des Impfzentrums und sein Stellvertreter Joschka Schiller haben ein Büro im Impfzentrum, sind aber nicht fest in die Abläufe mit eingebunden. Sie sind permanent vor Ort und springen dort ein, wo Not am Mann ist und Fragen geklärt werden müssen. Die verbindliche Planung der Impftermine ist von den Ankündigungen der Impfstofflieferungen durch das Land Niedersachsen abhängig. „Das Terminportal braucht auch einen zeitlichen Vorlauf, da viele Personen ihre Terminbestätigung per Post erhalten wollen”, fügt Dannenfeld hinzu. Dass noch nicht alle möglichen Termine vergeben

seien, habe technische Gründe, so der Leiter. „Die Terminvergabe ist telefonisch oder über das Internet möglich. Sie sollen zu zwei Dritteln telefonisch und zu einem Drittel online vergeben werden. Die Onlinebuchungen sind stark nachgefragt. Bei der telefonischen Terminvergabe geht der Weg über die Hotline. Es tritt immer wieder auf, dass diese überlaufen ist.” Es bestehe auch die Möglichkeit, sich auf eine Warteliste setzen zu lassen. Mirko Dannenfeld ist federführend an der Terminplanung für das Lüneburger Zentrum beteiligt. „Der Ansturm ist groß, das merken wir auch durch direkte Anfragen. Einige Leute hängen seit Tagen in der Warteschleife.“ Doch die Rückstände in der Abarbeitung würden sich legen, versichert er. Zuletzt hatte auch der heftige Wintereinbruch zu Lieferverzögerungen geführt, so dass Impfungen verschoben werden mussten.

Personal ist geimpft

Der Impfstoff, der bisher aus den Niederlanden nach Lüneburg geliefert wurde, stammt von dem Hersteller Biontech und muss bei -70° C gelagert werden. In Lüneburg liegt er fünf Tage auf Trockeneis und kann weitere fünf Tage im Kühlschrank aufbewahrt werden – nach zehn Tagen muss er verbraucht sein. Auch der Leiter des Impfzentrums hat schon zwei Corona-Impfungen erhalten. „Das Personal des Impfzentrums und die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen aus den mobilen Teams gehören zur Prioritätengruppe 1”, erklärt der 50-Jährige. Während bei ihm die erste Impfung ohne jede Impfreaktion verlief, hatte er nach der zweiten Impfung leicht erhöhte Temperatur und Schüttelfrost. „Das war eine typische Reaktion”, meint Dannenfeld. „Das ist völlig unproblematisch, es waren typische Begleiterscheinungen.” Sich impfen zu lassen, stand für den Beamten außer Frage. „Ich hatte gar keine Vorbehalte und Bedenken, ich habe mich auch viel informiert”, sagt er. Die Stimmung im Lüneburger Corona-Impfzentrum nimmt Mirko Dannenfeld als angenehm wahr. „Die Mitarbeiter sind in allen Bereichen sehr motiviert. Anstrengend war, dass sie nicht gleich impfen konnten, so hatte auch das Verwaltungspersonal eine Durststrecke. Aber alle haben dann bei der Vor- und Nachbereitung der Impfungen in den Altenheimen mitgeholfen, und die mobilen Impfungen konnten in Ruhe durchgeführt werden.” Die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, sei unter den älteren Menschen höher als bei den jüngeren, so Dannenfelds Eindruck: „Die ältere Bevölkerung ist viel aufgeschlossener, mit den Älteren hat man keine Diskussionen, auch wenn sie in den ärztlichen Gesprächen viele Nachfragen stellen.” Trotzdem sei es in wenigen Fällen vorgekommen, dass ein Bewohner eines Altenpflegeheims am Impftag einen Rückzieher gemacht habe.

Anfangs viele Impftouristen

Der so genannte „Impftourismus” war auch in Lüneburg zu Beginn ein Problem. Da Lüneburg eines der wenigen Impfzentren mit zu vergebenden Terminen in Niedersachsen war, holten sich Menschen aus anderen Landkreisen und sogar Peine oder Gifhorn Termine in der Hansestadt. „40 bis 50 Prozent der ersten Besucher waren nicht aus dem Landkreis Lüneburg”, weiß der Leiter, „das hat zu deutlichem Unmut geführt. In der Anfangsphase war das eine skurrile Situation aus Sicht der Lüneburger Bevölkerung.” Doch dem sei nun ein Riegel vorgeschoben worden, so dass Terminbuchungen nur noch für Einwohner aus dem Landkreis Lüneburg möglich seien. Als Ordnungsamtsleiter des Landkreises die Leitung des Corona-Impfzentrums übertragen bekommen zu haben, ist für Mirko Dannenfeld etwas Besonderes: „Das ist natürlich eine aufregende Geschichte, die wird man nur einmal im Leben machen.” Es mache Spaß, sich frei entfalten zu können, denn abgesehen von einigen Konzepten des Landes gebe es kaum Vorgaben. „Trotzdem ist es mir persönlich wichtig, wirtschaftlich zu handeln”, ergänzt er. Zunächst ist der Betrieb des Impfzentrums Lüneburg bis zum 30. Juni 2021 geplant – mit Option auf Verlängerung um weitere sechs Monate. „Wir gehen von einer Verlängerung aus. Wir werden gar nicht in der Lage sein, bis dahin alle geimpft zu haben”, meint Dannenfeld. Nachjustieren ist auch im Lüneburger Impfzentrum immer mal wieder angesagt. Schlangen von Wartenden sollen verkürzt werden, die Besucher werden inzwischen einzeln aufgerufen und persönlich in ihren Impfraum gebracht, wofür ein Ticketsys-tem eingeführt wurde. Auch drei Rollstühle wurden für weniger mobile Besucher angeschafft. „Das sind so Kleinigkeiten, die sich immer mal wieder zeigen. Aber der Ablauf steht”, bestätigt Dannenfeld. (JVE)

Welt-Kulturerbe:

Sind alle guten Dinge drei?

Die neuerliche Bewerbung Lüneburgs um die Aufnahme auf die Vorschlagsliste für den Unesco-Titel Weltkulturerbe ist nicht so chancenlos wie ursprünglich gedacht…„Wo die Ilmenau Kurs auf die Elbe nimmt und am Stintmarkt der Schein der Kerzen übers Wasser glimmt, so als spiegle sich darin jeder Stern am Himmelszelt, dort ist bestimmt der schönste Platz der Welt.“ Den Text der bekannten Lüneburg-Hymne (Musik von „Top for Tea“) würden wohl nicht nur die meis-ten Einheimischen selbst, sondern auch die zahlreichen Gäste der Stadt sofort unterschreiben. Für sie ist die einstige Salzmetropole (wann genau die Salzgewinnung in Lüneburg ihren Anfang nahm, ist ungewiss. Urkundlich erwähnt wird sie das erste Mal 956, als König Otto I. den Zoll der Saline dem Michaeliskloster zusprach) tatsächlich eines der schönsten Örtchen auf diesem Globus.

Geschichte verdichtet sich auf engstem Raum

Dass Lüneburg immer noch kein Weltkulturerbe ist, die Altstädte von Stralsund und Wismar aber schon – genauso wie beispielsweise Lübeck, Regensburg, Bamberg – würde darum viele vermutlich schwer wundern. Schließlich kann Lüneburg doch mit jeder Menge an großer Historie und schönen Bauten wuchern. Hier verdichtet Geschichte sich auf engstem Raum, ist das Ensemble weit mehr als die Summe seiner Einzelteile. Woran also hakt es, dass bereits zwei Versuche Lüneburgs, auf die Liste der UNESCO zu kommen, gescheitert sind? Und warum sollte es jetzt mit dem dritten Anlauf klappen? Schließlich hat sich so viel „Neues“ in Lüneburg nicht getan, und die Kriterien bleiben streng. Nachgefragt bei Museumsdirektorin Heike Düselder und Katrin Schmäl, Fachbereichsleiterin Kultur in der Hansestadt. Beide gehören sie der Arbeitsgruppe an, die den Antrag vorbereitet, der bis zum 31. März 2021 in Hannover vorliegen muss. Wie schätzen Sie die Chancen ein, auf die bundesweite Tentativliste (eine Vorschlagsliste für zukünftige Nominierungen zur Aufnahme in die UNESCO-Liste) zu kommen? Prof. Heike Düselder: „Zu Beginn unserer Arbeit an der Antragstellung war ich skeptisch, da ein Kriterium bei der Zusammenstellung der Vorschlagsliste ist, bislang unterrepräsentierte Kategorien wie zum Beispiel Stätten, die die Moderne des 20. Jahrhunderts dokumentieren, zu stärken. Unser Fokus liegt auf der Renaissance in Lüneburg. Denn bei einer Überprüfung aller Welterbestätten weltweit zeigt sich, dass die Renaissance nur marginal vertreten ist. Daher sind wir – die Arbeitsgruppe, die am Antrag arbeitet – nun etwas optimistischer. Lüneburg hat in dieser Hinsicht sehr viel zu bieten, unter anderem eine außerordentliche Dichte an denkmalwerter Bausubstanz aus dieser Epoche, die noch erhalten ist und in der auch gelebt und gearbeitet wird, zum Beispiel im Rathaus, aber auch in etlichen Privathäusern.“ Katrin Schmäl: „Lüneburg steht für einen eigenständigen Stadttyp Nordeuropas im Übergang vom späten Mittelalter zur Frühen Neuzeit, der sich dadurch auszeichnet, dass sich wirtschaftliche Prosperität auf der Grundlage der Lüneburger Saline mit einem politischen Selbstverständnis und Führungsanspruch verbindet und sowohl in der Architektur als auch in den archäologischen Zeugnissen und den kulturgeschichtlichen Artefakten noch sichtbar und bewahrt geblieben ist. Dieses Alleinstellungsmerkmal der Verbindung von Bildung, Wirtschaft und Politik und deren erhaltenen architektonischen Zeugnissen qualifiziert Lüneburg daher unserer Meinung nach zur Aufnahme auf die Tentativliste.“

Worauf liegt Ihr besonderer Fokus bei der neuerlichen Bewerbung Lüneburgs?

Prof. Heike Düselder: „Unser Fokus liegt auf dem Programm der ,Res publica’, der ,guten Regierung’. Das ist ein übergeordnetes Prinzip aus der Zeit der Renaissance, das sich in Lüneburg in der Architektur und Stadtplanung niedergeschlagen hat und bis heute sichtbar ist. Damit erfüllen wir zum Beispiel ein wichtiges Kriterium der Richtlinien für das Unesco-Weltkulturerbe: Für die Zeit der Renaissance lässt sich ein bedeutender Schnittpunkt menschlicher Werte in Bezug auf die Entwicklung der Architektur und des Städtebaus nachweisen. Man stellte den Reichtum aus dem Salzhandel nicht nur zur Schau, sondern investierte auch in die Sozialfürsorge, in den Betrieb von Hospitälern (zum Beispiel den Nikolaihof in Bardowick) und die Unterhaltung der zahlreichen Kirchen, Klöster und Kapellen. Ein weiterer Punkt: Die hohen Investitionen von kommunaler, aber auch von privater Seite in die Erhaltung der historischen Bausubstanz zeigen, dass ein Bewusstsein für die nachhaltige Denkmalpflege sehr ausgeprägt ist, und das hat in Lüneburg eine sehr lange Tradition.“

Was ist eigentlich so erstrebenswert, sich Weltkulturerbe nennen zu dürfen? Kurz: Wie könnten Lüneburg und die Lüneburger davon profitieren? Katrin Schmäl: „Die Auszeichnung als Weltkulturerbe ist für jede Stadt eine Bestätigung der Besonderheit und der Bedeutung der Bewahrung ihres reichen kulturellen Erbes. Sollte Lüneburg tatsächlich als Weltkulturerbe ausgezeichnet werden, würde dies unter anderem zu einem erhöhten Schutz der Bewahrung dieses reichen kulturellen Erbes führen. Zudem würden sich neue Möglichkeiten auf Ebene der Kulturförderung erschließen und sicher würde sich auch die Öffentlichkeitswirksamkeit vervielfachen, was wiederum auch positive wirtschaftliche Auswirkungen auf den Tourismus hätte. Allein durch die Antragstellung weist Lüneburg selbstbewusst auf sein besonderes und reiches kulturelles Erbe hin.“ Prof. Heike Düselder: „Auch kommende Generationen müssen sich dessen bewusst sein, was für ein einzigartiges kulturelles Erbe wir hier vor Ort haben. Das gilt es zu schützen und über weitere Jahrhunderte zu bewahren.“ (RT)

Rund ums Welterbe

Seit 1978 führt die United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization (Unesco) eine Liste des Welterbes. Darauf befinden sich „Zeugnisse vergangener Kulturen, materielle Spuren von Begegnungen und Austausch, künstlerische Meisterwerke und einzigartige Naturlandschaften“. In Deutschland finden sich aktuell 46 Natur- und Kulturerbestätten, die auf der Liste der Unesco stehen. Erster Schritt im Nominierungsverfahren sind nationale Vorschlagslisten, die „Tentative Lists“. In der Regel sollten Vorschlagslisten die Antragsplanung eines Zeitraums von ungefähr zehn Jahren abbilden. In Deutschland sind auf Grund der Kulturhoheit der Länder die Pflege von Denkmälern Angelegenheit der Bundesländer und ihrer Denkmalbehörden. Die Länder haben daher auch das Nominierungsrecht. Über den Antrag der Lüneburger Arbeitsgruppe wird das Land Niedersachsen im Oktober 2021 entscheiden. Sollte es Lüneburg auf die Liste schaffen, folgt 2023 die bundesweite Auswahl. Am 6. Juni wird in ganz Deutschland der Unesco-Welterbetag gefeiert – in diesem Jahr vor allem digital! Viele der 46 Welterbestätten in Deutschland wollen sich beteiligen.

 

Mehr Infos: www.unesco-welterbetag.de     www.welterbedeutschland.de.

Schlüssel

editorial

Auf der Suche nach dem Schlüssel, der geeignet ist, das Infektionsgeschehen einzudämmen, wird nun die flächendeckende Nutzung von Schnelltests in die Diskussion gebracht. Es gibt Modelle (z.B. in Tübingen), die Mut zu der These machen, dass regelmäßig selbstvorgenommene Tests trotz einer möglicherweise deutlichen Fehlerquote eine Früherkennung und damit eine Unterbrechung der Infektionskette möglich machen könnten. Man könnte es einen weiteren hilflosen Versuch der Regierung nennen – wer aber mag aufstehen und den Schlüssel präsentieren? Irgendwann wird möglicherweise auch das Auf und Ab der Infektionszahlen zum Tagesgeschehen gehören, den gleichen Stellenwert wie Influenza einnehmen (die auch wie zuletzt 2017/2018 als „Ausreißer nach oben” mehr als 25.000 Menschen das Leben kostete) und Corona mit Impfungen und Medikamenten in Schach gehalten werden können. Im aktuellen Geschehen ist jedenfalls die Region Lüneburg, Uelzen, Winsen gut und engagiert gerüstet, das, was an Impfstoff zu ergattern ist, auch zu verimpfen. Ein Bericht aus dem Geschehen des Lüneburger Corona-Impfzentrums ab Seite 6. Randgeschehen: Impftouristen und andere Unberechtigte abweisen, sich Hackern und Betrügern erwehren, gefälschte Impfstoffangebote im Internet stoppen, Zoombombing ahnden, zunehmende Gewalt hinter Haustüren erkennen, illegalen internationalen Welpenhandel unterbinden und vieles mehr. Das flüssige Gold lockt; Interpol-Chef Jürgen Stock warnte kürzlich in der Wirtschaftswoche vor einer „Parallel-Pandemie des Verbrechens“. Es gibt sie bereits.

Als ob das (Über-) Leben für Betroffene nicht schon schlimm genug wäre.

Apropos Schlüssel: Es gibt auch frohe Neuigkeiten zum Thema Schlüssel: Zum Beispiel bei der Großbaustelle Arena Lüneburger Land. Wie die Pressestelle des Landkreises Lüneburg mitteilt, ist die Schlüsselübergabe für die Arena an den Eigentümer Landkreis und an den Betreiber Campus Management GmbH für Ende Juli 2021 geplant. Was in der Veranstaltungshalle dann letztlich umgesetzt werden kann, ist abhängig von Covid-19, an Ideen mangelt es jedenfalls nicht. Ein Nutzer der Arena steht auf jeden Fall in den Startlöchern: Es ist Bundesliga-Volleyball der SVG, der sich aktuell im spannenden Kampf um die Playoff-Teilnahme befindet (Seite 10).

Veranstaltungen unter Vorbehalt. Dieser Zusatz wird uns noch eine Zeitlang begleiten, besonders im Terminkalender. Gleichwohl ist die Kulturszene der Region ideenreich und engagiert dabei, immer wieder neu zu denken, nachzulegen, umzubauen. Wir hoffen auf den baldigen Startschuss, wieder mit frisch geschnittenen Haaren und gut gestylt Kultur, Gastronomie und Shopping genießen zu können. In diesem Sinne wünschen wir uns allen einen schönen Frühling.

Eure stadtlichter

Wird schon schiefgehen

Über die Kraft der Gedanken und warum Schwarzeher manchmal sogar glücklicher sind…

Ohne Zweifel: Was wir denken, beeinflusst mehr, als uns bewusst ist. Kreisen unsere Gedanken etwa unentwegt um den Job und die Angst, diesen zu verlieren, verursachen sie schon mal Stress, der sich nüchtern betrachtet vielleicht in Luft auflöst. Längst wissen Forscher, dass Menschen sich selbst reichlich Druck machen können. Im Kopf. Allein mit der Kraft des Geistes kann der Mensch den Pegel des Stresshormons Cortisol steigen lassen, was nachweislich auch krank machen kann. Doch das Gehirn ist keine Einbahnstraße. Ebenso gut ermöglicht es, mental zu entspannen. Die positive Kraft der Gedanken lässt Schmerzen abflauen und Kurzatmige tiefere Lungenzüge nehmen. Sie kann sogar Krankheiten lindern: Gezieltes Geistestraining hilft Epileptikern, einem Anfall zu entrinnen und beruhigt hyperaktive Kinder.

Wer will nicht glücklicher sein?

Selbsternannte Glücks-Coaches füllen massenhaft Bücher mit Tipps und Ratschlägen zum positiven Denken. Und natürlich kauft man die gern: Wer will nicht erfolgreicher, glücklicher und attraktiver sein? Was die sonnigen Gemüter nicht sagen, weil sie es entweder mangels Fachwissens gar nicht beurteilen können oder einfach unterschlagen: Ein antrainierter, nicht „natürlicher“ Optimismus bewirkt meist nur, den Blick für die Realtität zu verschleiern. Und das kann eher schaden als nutzen. Denn natürlich ist es nicht so, dass sich alle Probleme allein durch die Kraft positiver Gedanken in Luft auflösen. Keine beruflichen Existenzsorgen mehr, kein Corona – nur durch Gedankenkraft. Ziemlicher Quatsch! Das Gegenteil kann sogar manchmal richtig sein. Schwarzseher scheinen zwar nicht in die heutige Spaßgesellschaft zu passen – doch raten viele Psychologen, ruhig auch einmal negative Gedanken zuzulassen. Natürlich nur in Maßen. Nicht immer das Schlimmste annehmen, aber auch nicht darauf vertrauen, dass schon alles von allein gut wird. Das ist der Königsweg.

Oberflächliches „Heiti-teiti“ schadet oft nur

Das Konzept des defensiven Pessimismus, der unter anderem von der Psychologin Julie Norem geprägt wurde, ist ein Versuch, sowohl notorischen Schwarzsehern, aber auch ewigen Optimisten diesen Königsweg näherzubringen. Defensiver Pessimismus bedeutet nichts Anderes, als die Realität so zu sehen, wie sie ist. Kein permanentes „Heititeiti“, aber auch nicht dauerhaft zu Tode betrübt sein. Darum geht’s. „Wenn Leute etwa große Angst vor einem Vorstellungsgespräch haben, dann kann es manchmal hilfreich für sie sein, sich vorzustellen, was alles schiefgehen kann“, erklärt Norem das Konzept. Das soll Betroffene nicht zum Verzweifeln bringen, sondern dazu ermuntern, Gegenmaßnahmen zu ergreifen und sich so sicherer zu fühlen. Wichtig ist dabei:

eine gesunde Balance zwischen positiven und negativen Gedanken zu finden und auch in schlimmen Krisen nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Erst so entsteht letztlich ein Gespür dafür, was wirklich bedeutend ist im Leben – und das erleichtert wiederum den positiven Blick aufs Leben.

 

Auch wenn Optimisten oft mit sich selbst deutlich zufriedener sind und auch ein höheres Wohlbefinden an den Tag legen als Menschen, für die das Glas nicht stets mindestens halbvoll ist, heißt das nicht, dass Pessimisten kein Glück empfinden können. Im Gegenteil. Sie sind oft hochsensibel, können Glücksgefühle darum teilweise sogar deutlich intensiver erleben. Dennoch brauchen sie die Kraft der Gedanken noch deutlich mehr, weil sie öfter mit sich und der Welt hadern. „Entscheidend ist doch eigentlich nur, stets das Beste aus einer Situation beziehungsweise aus seinem Leben zu machen“, sagt Sozialpsychologe Oliver Lauen. „Die Kraft der Gedanken kann dabei durchaus helfen!“ (RT)

 

Train the Brain – 3 Tipps für mehr Gelassenheit und gesunden Optimismus im Alltag:

Den Blickwinkel auf eine Situation zu ändern, nennen Psychologen „Reframing“. Dabei setzen wir einen Sachverhalt in einen anderen Rahmen, also „frame“. Die Zeit spielt dabei eine wichtige Rolle, sorgt für Abstand und bietet die Möglichkeit, die eigenen negativen Gedanken (angeblich sind nur drei Prozent unserer täglichen 60.000 Gedanken positiv) einem Realitäts-Check zu unterziehen. Stress, Ärger und Grübelei entspringen auch aus der Art, wie wir eine Situation bewerten beziehungsweise, wie wir mit ihr umgehen – und daran kann jeder arbeiten. Ist etwas Negatives passiert, sollte man nach vorne schauen und nicht lamentieren. Es zieht einen nur noch weiter in die Negativspirale. Fragen Sie sich stattdessen: Was ist das Gute an dieser Situation? Was kann ich aus dieser Situation lernen? Wo könnte mein Mehrwert darin sein?

Gedanken schaffen Bilder im Kopf. Bilder wiederum erzeugen Emotionen. Ob bewusst oder unbewusst – wir haben uns angewöhnt, uns zum Beispiel ständig mit anderen zu vergleichen: Der ist reicher, schlanker, gesünder und erfolgreicher als ich. Solche Gedanken bringen einen nicht weiter, sondern verstärken nur Minderwertigkeitskomplexe, die jeder von uns ohnehin mit sich herumschleppt. Soziale Unterstützung kann helfen, damit besser klarzukommen. Die negativen Emotionen zum Beispiel mit besten Freunden zu teilen, sorgt für Erleichterung. Ein anderer Tipp: Setzen Sie auf Resilienz! Jeder hat im Leben bereits Veränderungen aller Art hinter sich gebracht. Wir sind somit viel resilienter, als wir manchmal glauben. Erinnern Sie sich in besonders schwarzen Momenten an konkrete Situationen, die Sie bereits bewältigt haben. Das stärkt das Vertrauen in sich und die Zukunft.

Kunst für die Seele

Benjamin Albrecht baut historische Lüneburger Häuser aus Lego nach

Benjamin Albrecht ist ein „Adult Fan of Lego” – ein erwachsener Lego-Fan. Nachdem der Lüneburger in seiner Kindheit viel mit den kleinen Kult-Steinchen gebaut hatte, hat er im Erwachsenenalter wieder damit angefangen. Nun baut er historische Lüneburger Häuser nach. Benjamin Albrecht ist freiberuflicher Webdesigner und Musiker. Da seine Arbeit als Musiker seit Beginn der Corona-Pandemie praktisch brachliegt, hat er eine anregende Beschäftigung gefunden. Der 42-Jährige entwirft historische Lüneburger Bauwerke am Computer, bevor er sie aus Lego in einem Maßstab von ungefähr 1:43 nachbaut. Das erfordert nicht nur Geduld, sondern oft auch Kreativität, denn Lego ist nicht für den Bau historischer Gebäude gemacht. Sein neues Hobby hat er seinen Eltern zu verdanken. Vor etwa sieben Jahren wollten sie seine Lego-Bestände aus der Kindheit loswerden und gaben sie an ihren Sohn weiter. „Es waren ein paar Kisten bunt gemischte Steine vom Flohmarkt”, so Benjamin, der die Steine zunächst bei sich aufbewahrte. „Ich habe mich gefragt, was soll ich mit dem Kram?” erinnert er sich. Der Webdesigner, der alleine in der Lüneburger Altstadt lebt, hat in seiner Wohnung nicht viel Platz. Als er eines Tages am Stint am Alten Kran vorbeikam, kam ihm plötzlich die Idee, das historische Bauwerk aus Lego-Steinen nachzubauen.

Nicht drauflos bauen

Doch der Lego-Fan baute nicht einfach drauflos. Mit einem spezialisierten 3D-Programm entwarf er das Bauwerk zunächst am Rechner. „Die Denkweise des Programms ist mir als Webdesigner nicht fremd”, erklärt er. Dennoch handelt es sich nicht um eine Arbeit von Stunden, sondern von Wochen, bis der fertige Bauplan steht und das Gebäude aus Lego wirklich nachgebaut werden kann. Der Alte Kran und das historische Gebäude, in dem er lebt, waren Benjamins erste nachgebaute Bauwerke aus Lego. „Irgendwann nahm es von alleine Fahrt auf. Ich war sehr begeistert und nervte meine ganze Umgebung damit”, erinnert sich der 42-Jährige. Seitdem entwarf er zahlreiche Lüneburger Gebäude am Rechner und baute einige Modelle auch mit Lego nach. Zwar sieht er seinen Lego-Modellbau noch als Hobby, doch er spürt, dass das Interesse von außen groß ist. So hat er auch schon erste Aufträge zum Nachbau bestimmter Lüneburger Gebäude erhalten und könnte sich mehr Aufträge dieser Art vorstellen. Die erwünschte Selbstisolation während des Corona-Lockdowns stellt für Benjamin durch sein Hobby kein Problem dar. „Ich setze mich freiwillig hin und kann mich stundenlang darin vergessen”, sagt er. „Im Lockdown zu Hause zu sitzen stört mich nicht.” Ein paar Tausend Legosteine hat er zu Hause, doch die meisten Steine muss er in der ganzen Welt in kleinen Mengen zusammensuchen und bestellen – die Community erwachsener Legofans nutzt dafür ein Portal für Legosteine. „Ich kaufe steingenau ein”, so der Modellbauer, „zum Beispiel 728 weiße Einer und drei Schwimmflossen – dazu muss ich das genaue Modell haben.” Die Lego-Schwimmflossen funktioniert er genauso wie Rollschuhe, Schuhe, Hüte, Draculaflügel, Auto- oder Raumschiffteile um zu Gebäude- oder Dachteilen, denn nicht alles gibt es aus Lego – zum Beispiel Treppengiebel oder Ornamente. Auch die Preise der einzelnen Teile unterscheiden sich erheblich – so sind zum Beispiel dunkelrote Steine, die er für den Bau von Backsteingebäuden in großen Mengen benötigt, bis zu zehnmal teurer als die typischen knallroten Legosteine. Hinzu kommt, dass durch die Pandemie der Versand von Paketen und Päckchen länger dauert. „Ich bestelle aus aller Welt, das ist viel komplizierter geworden mit Corona”, so Benjamin. Der Einkauf für ein einzelnes Gebäude muss gut geplant werden. Während er ein Haus am Computer entwirft, erzeugt er praktisch eine Bauanleitung, die ihm vorgibt, wie viele Steine er von welcher Sorte braucht. „Der Einkauf dauert einen ganzen Arbeitstag”, erläutert er, „ich brauche ganz viele verschiedene Steinsorten, das sind mehrere Tausend Steine pro Haus.”

Vokabular an Steinen

In der Regel dauert es mehrere Wochen, bis alle Legosteine bei dem Modellbauer eintreffen. Das Entwerfen am Rechner ist die Hauptarbeit – auch wenn das Interesse des Umfeldes an den real gebauten Modellen höher ist. „Die digitale Planung ist für mich 85 Prozent der Arbeit.” Wenn es an den Aufbau geht, sortiert er die Steine in kleinen Schälchen, damit er nicht lange suchen muss. Beim Aufbau fängt er, so profan es klingt, von unten an. Gute Vorarbeit ist dabei wichtig: „Wenn man ordentlich geplant hat, geht das mit dem Aufbau.” Fertig aus Lego gebaut hat Benjamin Albrecht bisher dreieinhalb Lüneburger Gebäude, zum Beispiel ein Zigarrenladentrio An den Brodbänken. „Ein viertes Haus ist komplett in der Post”, fügt er hinzu. Für eine multimediale Ausstellung im Museum Lüneburg in der zweiten Jahreshälfte baut er fleißig weiter, denn etwa elf Lüneburger Lego-Modelle von ihm sollen dann Teil der Ausstellung sein. Dass das Museum ihn nach einer Beteiligung an der Ausstellung fragte, begeistert ihn – zumal für ihn zurzeit Jobs als Musiker und Theatermusiker wegfallen.

Benjamin Albrecht hat zahlreiche Entwürfe für weitere Lüneburg-Modelle auf seinem Computer. „Ich kann nicht verneinen, dass es mein Traum wäre, eine permanente Lüneburg-Ausstellung mit meinen Lego-Modellen zu machen”, stellt er fest. So wären Modelle der bedeutenden Plätze Am Sande, Marktplatz und Stint bereits am Wachsen. „Ich sitze fast jeden Tag am Rechner. Dabei will ich selbst die Herausforderung und suche schwere Häuser raus.” Was die verschiedenen existierenden Steine und Teile angeht, ist Benjamin inzwischen Experte. „Irgendwann hat man eine Art Vokabular an Steinen.” Und er lernt weiter dazu: Er beobachtet genau, was Lego an neuen Steinarten und Farben herausbringt, denn er könnte sie vielleicht gebrauchen.

Erwachsene Fanszene

In seiner Heimatstadt Lüneburg ist Benjamin immer auf der Suche nach interessanten Bauwerken. Bei Spaziergängen durch die Straßen macht er Fotos und vermisst die Gebäude mit einem Lasermessgerät, um relativ genaue Maßstäbe zu haben. Es gab schon Gelegenheiten, wo er in Anwesenheit anderer Menschen so tat, als würde er in der Stadt Pokemons jagen – mit Lasermessgerät aufzufallen, ist ihm unangenehm. Auch in die Community der „Adult Fans of Lego”, kurz AFOL, ist er inzwischen eingetaucht, obwohl pandemiebedingt noch keine persönlichen Treffen möglich waren. Hatte er zunächst Vorbehalte, in eine Welt voller „Nerds” einzutreten, ist er positiv überrascht von der Gemeinschaft. „Es ist eine sehr friedliche Szene – Leute, die wie ich beruflich etwas Anderes machen, zum Beispiel Produktdesign-Studenten. Die Szene ist weder eitel, noch gibt es Ellenbogen, man ist sehr höflich – das ist eine Wohltat. Man kann viel voneinander lernen”, meint Benjamin. Erwachsene Fans, die Gebäude bauen, gibt es weltweit zahlreich, doch nicht alle sind so detailverliebt wie er. „Bei mir soll es nicht so aussehen wie bei Minecraft, so pixelig”, betont er. Er hat durch die Community den Unterschied zwischen „legal” und „illegal bauen” gelernt: Das Gebaute muss am Ende von selbst halten, es muss frei stehen, und kleben ist ein No-Go. Benjamin nennt seine Lego-Modelle „Kunstruktionen”. Für ihn ist das Hobby eine Mischung aus Konstruktion und Kunst, Ästhetik und Physik. Seine Fähigkeiten in einer der angesagten TV-Shows unter Beweis zu stellen, ist hingegen nichts für ihn. Eine Anfrage nach der Teilnahme bei den Lego Masters in den USA sagte er ab. Die Vermutung, dass die Öffentlichkeit ihn bestimmt für einen Nerd halte, lässt der 42-jährige Legobauer hin und wieder fallen. Dabei hat er in seinem direkten Umfeld bisher andere Erfahrungen gemacht. „Meine Freunde wundern sich nicht mehr, ich hatte immer unnormale Jobs”, erzählt er. „Ich habe bei Struwwelpeter im Theater Musik gemacht, habe Straßenmusik mit Felix Meyer gemacht und bei Santiano Keyboard gespielt.” Auch seine Eltern, die immer still auf seine neuesten Ideen reagiert hätten, seien begeistert von seinem Lego-Modellbau. Zudem ist seine Wohnung nicht auffallend mit Lego überfrachtet – ins Auge sticht nur eine Sammlung alter Legomännchen.

Detailtreue zählt

Bisher baut Benjamin ausschließlich Unikate. „Auch bei ganz teuren Teilen habe ich keine Scheu, sie zu bestellen”, sagt er, denn er achte nicht auf den Preis, sondern auf Ästhetik. Seine Modelle für die Massen herzustellen, wäre viel zu teuer. Für sich selbst probierte er bereits, ein Modell in eine erschwingliche Variante umzuplanen. „Aber dann hebt es sich nicht mehr ab”, so seine Erkenntnis. Benjamin weiß, dass es eine Stadtbaureihe von Lego gibt, doch die Modelle sind kleiner und weniger aufwendig. Seine Modelle sind an die „Körpergröße” der Legomännchen angepasst, so dass die Figuren in den Häusern wohnen könnten. Dieser Maßstab stellt ihn bei Bauwerken wie dem Lüneburger Wasserturm oder einer der Kirchen vor große Herausforderungen. Die für ihn nahe gelegene St. Michaeliskirche, die bereits Interesse signalisierte, hätte im Lego-Modell eine Größe von etwa 1,80 Meter. Mit dem Bau des Turmhelms hat er bereits begonnen – wegen der besonderen Form. Theoretisch könnte er jedes Gebäude nachbauen, „auch eine Neubaufassade ist cool”, meint er. Diese sei jedoch auch nicht zu unterschätzen: „Der simpelste Neubau hat auch ganz viele Schnörkel.” Was für ihn zählt, ist die Detailtreue, er möchte ein Gebäude auf Anhieb erkennen können. „Ich beiße mich so lange fest, bis ich zufrieden bin.” Inzwischen hat Benjamin Albrecht die Not zur Tugend gemacht und investiert viel Zeit in seinen Modellbau – unter Zeitdruck steht er nicht. „Es ist nicht mehr nur eine Sonntagsabends-Beschäftigung”, erklärt er, „ich nenne es Kunst für die Seele. Das Schöne an dieser Kunst ist, dass sie ein wenig obskurer ist.” Auch ein Kalender mit seinen 3D-Modellen sowie Poster können unter www.albrick.de bestellt werden. (JVE)

Das große Warten…

editorial

Die gute Nachricht vorweg: Das Warten auf das Verschwinden des unsäglichen Donald Trump aus dem mächtigsten Amt der Welt hatte am 20. Januar tatsächlich ein Ende – die Welt kann aufatmen, und sie tut es auch, lautstark. Ansonsten nimmt das Warten seit Ausbruch der Pandemie vor einem Jahr kein Ende, das Warten auf die Masken, deren Wirksamkeit zunächst ins Lächerliche gezogen wurde, das Warten auf die Corona-App, auf wirksame Medikamente, auf Schnelltests. Das Warten auf Lockerungen, dann das bange Warten auf die Weihnachts-Feierfolgen, den erneuten Lockdown, auf die zugesagten wirtschaftlichen Hilfen, auf das Ende der verordneten kulturfreien Zeit, auf den Einzug des digitalen Zeitalters in die Schulen. Dann das Warten auf einen seriösen Impfstoff, nach dessen unerwartet schneller Entwicklung und Zulassung das Warten auf die Impfung. Dann eine unerwartet abenteuerliche Vielfalt von Argumenten, warum wir auf den Impfstoff – es war die Rede von problemlosen Millionen und Abermillionen Impfdosen – warten müssen. Warten. Warten. Die Impfzentren sind da, Impfwillige auch, Tausende Freiwilliger stehen bereit – aber der Impfstoff nicht. Auch auf eine differenzierte Betrachtungsweise des Pandemie-Phänomens warten wir sehnlichst, die imaginäre Grenze der Inzidenz von 50 ist nur ein einzelner Faktor unter vielen: Sie ignoriert die Strukturen der Städte und Regionen völlig. Denn fest steht, dass etwa 90 Prozent der Menschen, die mit oder an Corona sterben, über 70 Jahre alt sind – der Lockdown aber keine gezielte Antwort darauf ist, sondern ein Rundumschlag, der die Gesellschaft seit vielen Wochen nahezu komplett lahmlegt. Wenn unsere Gesellschaft nicht irreversiblen Schaden nehmen soll, müssen wir uns schleunigst aus dem Panik-Modus, der das Leben alle paar Wochen runter und wieder rauf fährt, befreien. Die Wirtschaft, die Bildung, die Kultur, gehören zum (Über-) Leben dazu. Apropos Leben und Überleben, hier ein paar Splitter aus dem Bereich Veranstaltungen: Für die „Arena Lüneburger Land“ hat das heimische Unternehmen Campus Management GmbH den Zuschlag als Betreiber erhalten, sich gegen ein Sylter Unternehmen durchgesetzt. Damit fällt eine Experimentierphase bei den Events flach, denn Campus weiß nach vielen Jahren als Veranstalter, wie die Region Lüneburg tickt. Ende des Jahres soll Eröffnung sein, die LüneHünen sind guter Dinge, dass sie ihre neue Saison pünktlich dort starten können. Der Gastrobereich der Arena wird separat ausgeschrieben – auch darum will sich Campus bewerben. In diesem Sinne warten wir mit Euch auf ein baldiges Wiederauferstehen der Vielfalt Lüneburger Lebens, in Schule und Hochschule, in Betrieben und Geschäften, in den Kneipen, in Kino, Theater, Kirchen, Vereinen.

Eure stadtlichter

Liebe ohne Maß, Hassen ohne Grund

Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung führen ein Leben wie eine unkontrollierbare Achterbahnfahrt

Borderliner“ leiden unter häufigen, -extremen Stimmungsschwankun-gen, ihr Verhalten scheint häufig irrational und unüberlegt, vielfach verletzen sie sich auch selbst. Doch Betroffenen kann geholfen werden – die Behandlung sollte möglichst früh beginnen. „Ich schneide mein Leben in Stücke. Dies ist mein letzter Ausweg…“. Der Gedanke, sich freiwillig Schmerz zuzufügen, schreckt viele Menschen ab und erzeugt oftmals Unverständnis. Es scheint ein Paradoxon, dass durch die Hilfe selbst zugefügter körperlicher Schmerzen der seelische Schmerz gelindert wird. Doch genauso ist es für viele Betroffene. Sie spüren sich erst, wenn sie sich selbst weh tun. In Film, Musik und Literatur wird die Thematik „Selbstverletzendes Verhalten“ und Borderline (aus dem Englischen: „Grenzlinie“) immer wieder aufgegriffen. Das obige Zitat aus dem Song „Last Resort“ der US-amerikanischen Band Papa Roach steht nur stellvertretend für eine Vielzahl künstlerischer Darstellungen. Warum dieses Thema so präsent ist in der Kunst, mag auch daran liegen, dass viele Künstler selbst unter der Borderline-Krankheit leiden oder gelitten haben sollen. Prof. Dr. Borwin Bandelow, Psychologe und Angstforscher an der Uni Göttingen, befasste sich unter anderem genau mit dieser Frage. Er untersuchte die Persönlichkeitsmuster von Stars, die zum berühmt-berüchtigten „Club 27“ gehören, also mit 27 Jahren starben. „Sie weisen viele Gemeinsamkeiten auf, verletzten sich selbst, waren teilweise sehr aggressiv, hatten Essstörungen, nahmen viele Drogen auf einmal, hatten zahlreiche On-Off-Beziehungen und einen Mangel an Selbstkritik.“

Phänomen der Neuzeit

Borderline-Störungen werden heutzutage vor allem bei jungen Erwachsenen inzwischen so häufig diagnostiziert, dass die Diagnose eine Modediagnose und die Störung selbst ein Phänomen der Neuzeit zu sein scheint. Dem ist aber nicht so: Die Borderline-Störung ist eine schwerwiegende psychische Erkrankung und erste Beschreibungen des Krankheitsbildes traten bereits Ende des 17. Jahrhundert auf. Diese gehen auf den englischen Arzt Thomas Sydenham zurück, der über seine Patienten schrieb: „Sie lieben diejenigen ohne Maß, die sie ohne Grund hassen werden.“ Innerhalb der Gesamtbevölkerung Deutschlands leiden nach jüngsten Erhebungen zirka zwei bis fünf Prozent an einer Borderline-Störung. Darüber hinaus sind etwa zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung von Borderline-Symptomen betroffen. Was sie mehr oder weniger eint, ist, dass ihre Identität nicht abgeschlossen ist und sie Probleme haben, ihr Selbst wahrzunehmen. Ihr Verhalten und ihr Erscheinungsbild sind von Erwartungen beziehungsweise sozialen Kontakten in ihrer Umgebung abhängig. Dies äußert sich in oftmals dramatischen Umschwüngen ihres Fühlens, Denkens und Empfindens. Gleichzeitig benötigen „Borderliner“ eigentlich von Kindesbeinen an überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit – inklusive ambulanter und stationärer Maßnahmen in Spezialkliniken.

Neue Jugendlichen-station in Lüneburg öffnet im Januar

Im Januar 2021 eröffnet die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) der Psychiatrischen Klinik Lüneburg (PKL) eine neue Jugendlichenstation mit DBT-A-Schwerpunkt. Das Angebot richtet sich an Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren mit Emotionsregulationsstörungen, bei denen ambulante Maßnahmen nicht mehr ausreichen. Die Störung der Emotionsregulation – Verhaltens weisen, Strategien und Fähigkeiten, die dazu dienen, mit Gefühlen adäquat umzugehen und sich nicht davon überwältigen zu lassen – gilt unter anderem auch als Kernproblem der Borderline-Persönlichkeitsstörung. „Unser neues Behandlungsangebot orientiert sich am sogenannten DBT-A-Konzept auf Grundlage der Dialektisch-Behavioralen Therapie für Jugendliche nach Marsha M. Linehan“, erklärt Oberärztin Dr. med. Juliane Klein. „Diese Therapieform wurde in den USA für Jugendliche mit beispielsweise selbstverletzendem Verhalten, Depression und einer erhöhten Risikobereitschaft sowie Beziehungsproblemen entwickelt.“

Lebensqualität zurückgewinnen

Die Dialektisch-Behaviorale Therapie für Jugendliche mit Problemen der Gefühlsregulation setzt dort an, wo diese Verhaltensweisen für die weitere Persönlichkeitsentwicklung gefährlich werden und beim jungen Menschen oder seinem Umfeld Leid entsteht. Ziel der Behandlung ist es, den Patienten und seinen Bezugspersonen „Skills“ beziehungsweise Fähigkeiten beizubringen, um mit heftigen Gefühlen und Situationen besser umgehen zu können. Das in der Regel zwölfwöchige Programm in der neuen Lüneburger Klinik soll den jungen Patienten helfen, Lebensqualität zurückzugewinnen und ihren Alltag besser bewältigen zu können. „Die Therapie hat sich bewährt, zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen, dass sie wirksam ist“, so Dr. Klein. Die Therapie kann von Jugendlichen aus dem gesamten Einzugsgebiet der KJPP in Anspruch genommen werden, das sind die Landkreise Lüneburg, Harburg, Stade, Soltau, Uelzen und Lüchow-Dannenberg. Tipp: Ab Januar 2021 besteht – sobald es die Pandemie-Beschränkungen zulassen – an jedem dritten Donnerstag eines Monats die Möglichkeit, die Station zu besichtigen. Weitere Informationen auch unter www.pk.lueneburg.de.

Das Wesen der Störung

Indizien für eine mögliche Borderline-Störung, deren Wesen impulsives und damit verbunden oftmals selbstschädigendes Verhalten ist, gibt es viele. Beispiele sind wiederholt unüberlegte Vertragsabschlüsse oder Geldausgaben, welche zur Verschuldung führen und somit die weitere Lebensplanung beeinflussen. Einige Betroffene nehmen illegale, stoffgebundene Drogen oder greifen immer wieder zu Alkohol, um eine gefühlte unerträgliche innere Leere zu füllen. Andere „kämpfen“ mit Fressanfällen, Hungern oder benutzen regelmäßig Abführmittel. Dann gibt es Personen, die versuchen, durch risikoreiches Fahrverhalten ihre innere Anspannung zu lösen. Überdies kann sexuelles Verhalten zur Selbstschädigung führen, durch einen häufigen Wechsel der Sexualpartner oder rücksichtslose Sexualpraktiken. (RT)