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Wenn die Familie ein Flickenteppich ist

Vater, Mutter, Kind – ist das noch echt oder schon Patchwork? Die Zahl der zusammengeflickten Familie wächst

Verliebt, verlobt, verheiratet – und dann? Die ewige Liebe war früher. Nach geschieden kommt heute oft: Patchwork! 

Was so modern und zeitgeistmäßig klingt, gab es schon im alten Märchen. Bloß wirklich glücklich wurden Aschenputtel, Schneewittchen und Co. bei ihren Patchwork-Familien beziehungsweise. den Stiefmüttern nicht. Auch in der Realität ist nicht alles Gold, was glänzt, aber auch nicht immer nur Himmel oder Hölle. Bereits jede siebte Familie ist eine sogenannte alternative Lebensform. Und viele meistern die Situation sogar richtig gut! 

Der ganz normale Patchwork-Wahnsinn

Gute Nerven sind allerdings hilfreich, um den ganz normalen Patchwork-Wahnsinn vor allem vor einem Wochenende nicht ohne Schreianfall zu überstehen: Elternteile packen hastig Klamotten und Hygieneartikel für den Nachwuchs und diskutieren mit den Menschen, mit denen sie die Kinder gezeugt haben, aber nicht mehr zusammen sind, über richtige und falsche Ernährung, Ausgehzeiten, Fernsehkonsum. Und dabei immer ein wenig zwischen den Stühlen: die neuen Partnerinnen und Partner. Etwa 145.000 Ehen wurden in Deutschland 2020 geschieden. Rund die Hälfte dieser Paare hatte minderjährige Kinder. Viele Mütter und Väter finden nach einer Trennung wieder einen Partner: Eine Stieffamilie entsteht. In Patchwork-Familien gibt es viele Variationsmöglichkeiten: Stiefeltern, Stiefvaterfamilien, Stiefmutterfamilien, Familien mit gemeinsamen Kindern und Stiefkindern, solche, in denen die Kinder dauerhaft leben und solche, bei denen die Kinder nur zeitweise zu Besuch sind. 

Einfühlungsvermögen und Geduld gefragt

Zwei Männer, zwei Frauen, zwei Männer und eine Frau oder andersherum und dazu ein, zwei, drei oder mehr Kinder, die gemeinsam unter einem Dach leben: Alles ist heute möglich. Warum auch nicht? Doch was macht das mit den Kids? Klar ist: Kommt ein neuer Partner ins Spiel, reagieren Kinder getrennter Eltern oft mit Ablehnung. Damit die Patchwork-Familie zusammenwachsen kann, bedarf es da vor allem Einfühlungsvermögen und Geduld, sagt Felicitas von Lovenberg, Autorin des Patchwork-Bestsellers: „Und plötzlich war ich zu sechst“. Leseprobe: „Patchwork heißt Familie von Anfang an, hier gibt es keine Aufwärmphase als Paar ohne Verantwortung für Kinder. Insofern ist Patchwork etwas für Fortgeschrittene.“ Auch wenn die Eltern das Zusammenwürfeln gut hinbekommen, hat das in der Regel Auswirkungen auf ihre Kinder, heißt es in einer Studie des Bundesfamilienministeriums: Das Pendeln zwischen Mutter und Vater kann ein Gefühl des Hin- und Hergerissenseins erzeugen. Darum sind Kinder mit Patchworkhintergrund oft auch misstrauisch, was die Haltbarkeit von Beziehungen angeht. Das beeinflusst ihr eigenes Liebesverhalten als Erwachsene. Andererseits haben Familienforscher festgestellt, dass Kinder, die in alternativen Familienformen aufwachsen, eher in der Lage sind, Verantwortung zu übernehmen, sensibler auf gesellschaftliche Diskriminierungen reagieren und über flexiblere Rollenauffassungen von Mann und Frau verfügen.

Mal ganz toll, mal super-blöd 

Vielleicht ist Patchwork also weder Himmel noch Hölle – sondern einfach das Leben. In der Mitte also, wo sich alles vermischt und es mal toll und mal super-blöd ist. Das glaubt jedenfalls Caro aus Reppenstedt (18, Name geändert). Ihre Eltern trennten sich, als sie zölf war, danach zog die Mutter mit einer Frau zusammen, der Vater lebt seit Kurzem in einer WG in Kiel. „Ich war beim Papa nur einmal im Monat, aber es war ok. Er hatte sehr schnell eine jüngere Freundin, die mochte ich zunächst aber nicht so. Erst als sie schwanger wurde, haben wir uns besser verstanden. Jetzt ist sie fast wie wie eine große Schwester.“ Weihnachten, erinnert sich die Abiturientin, war es anfangs besonders schwierig: „Immerhin gab es mehr Geschenke, ich hatte ja plötzlich mehr als vier Großeltern.“ Wie Caro bleiben die meisten Kinder nach einer Trennung beziehungsweise Scheidung der Eltern bei der Mutter. Diese muss dann einerseits als Vermittlerin zwischen dem Kind und dem neuen Partner herhalten. Gleichzeitig hat sie auch Einfluss auf die Beziehung des Kindes zu seinem leiblichen, getrennt lebenden Vater. Der Prozess des Zusammenwachsens einer Stieffamilie zieht sich so durchschnittlich über etwa fünf Jahre hin. Eine lange Zeit, voller Konflikte, aber auch voller Chancen, so Felicitas von Lovenberg in ihrem Buch: „Patchwork macht glücklich, dankbar und demütig, aber manchmal ist man eben auch ratlos und frustriert. Darüber hinaus ist die Zeit ein Verbündeter dieser Familienform: Je länger sie währt, desto besser funktioniert sie.“ Das zumindest, kann man ja nicht unbedingt von jeder Ehe sagen … (RT)

„Mehr ist mehr“

Marco Wenzig  ist Maskenbildner am Theater Lüneburg

Marco Wenzig liebt es, anderen Menschen die Haare zu frisieren und ihnen Make-Up aufzutragen. Der 42-Jährige arbeitet seit zwölf Jahren als Maskenbildner am Theater Lüneburg. Mit Haaren kennt sich Marco Wenzig gut aus, schließlich machen sie einen Großteil seiner Arbeit aus. Als der gebürtige Einbecker beschloss, sich als Maskenbildner ausbilden zu lassen, war für die Bewerbung noch eine abgeschlossene Friseurlehre oder eine artverwandte Ausbildung Voraussetzung. Das änderte sich 2003, als Maskenbildner als Beruf mit dreijähriger dualer Ausbildung staatlich anerkannt wurde. Den Wunsch, Maskenbildner zu werden, hatte Marco Wenzig schon im Alter von 14 Jahren. „Ich habe viel gemalt und Porträts gezeichnet. Meine jüngere Schwester musste immer als Modell herhalten”, erinnert sich der 42-Jährige. Nach der dreijährigen Ausbildung zum Friseur und dem Zivildienst ging er 2001 für ein Jahrespraktikum an die Landesbühne Hannover, wo er im Anschluss seine dreijährige Ausbildung zum Maskenbildner aufnahm. Sein Vorteil: „Wenn man sich am Theater bewirbt, wird man mit Friseurausbildung bevorzugt.” Als die Landesbühne Hannover mit dem Stadttheater Hildesheim zum Theater für Niedersachsen fusionierte und die Spielstätte in Hannover schließen sollte, wollte Marco Wenzig nicht mit nach Hildesheim gehen. Er suchte sich freiberufliche Engagements, bevor er seine erste feste Anstellung am Opernhaus Kiel, einem spartenübergreifenden Theater, erhielt. Hier blieb er nur ein Jahr, bis er durch Kontakte an das Theater Lüneburg geholt wurde. Seit 2009 lebt und arbeitet der Maskenbildner nun mitten in Lüneburg, gerade hat für ihn die 13. Spielzeit in der Hansestadt begonnen. Am Theater Lüneburg sind neben Marco Wenzig vier weitere Maskenbildnerinnen angestellt, hinzu kommt ein Auszubildender. Zu seinen Tätigkeiten gehören Schminken und Make-Up, aber auch das Anfertigen, Fixieren und Schneiden von Perücken. „Der Beruf entstammt dem Beruf des Perückenmachers”, weiß der Lüneburger. Rund 40 Stunden, so schätzt der Maskenbildner, koste ihn die Anfertigung einer passgenau auf den Schauspieler zugeschnittenen Perücke. „Es gibt klassische Produktionen, wo alle Schauspieler eine Perücke tragen, die sind im Bereich großer Oper im 19. Jahrhundert angesiedelt”, so Wenzig, „aber der Trend geht zum Natürlichen.” Perücken können für andere Darsteller durchaus geändert werden, so dass sie mehrmals verwendet werden. „Das Theater hat einen großen Fundus an Perücken. Wir haben bestimmt 300 Stück auf Halde – das ist ‘ne Menge für so ein kleines Haus.” Nach der Aufführung wäscht Marco Wenzig die Perücken und bringt sie in Form. „Sie stehen so lange, wie das Stück läuft”, erklärt er. „Ansonsten werden sie in Schubladen und Schränken aufbewahrt.” 

Nervosität in der Maske 

Während andere Maskenbildner eine Vorliebe für das Erstellen von Wunden und Narben haben, bevorzugt Wenzig das Frisieren und Make-Up der Darsteller. Bis zur Premiere eines Stückes werden am Theater Lüneburg gewöhnlich sechs Wochen Probenzeit eingeplant. Die drei Hauptproben, die Generalprobe eingeschlossen, finden schon komplett mit Kostüm und Maske statt. Zurzeit steht für Marco Wenzig die Oper „Così fan tutte” von Mozart auf dem Plan. Für das Stück kümmern sich zwei Maskenbildner um jeweils drei Darsteller. „Coronabedingt fällt der Chor weg. Aber normalerweise sind das 20 Leute, die zurecht gemacht werden müssen”, erklärt er. Je nach Produktion werden zwei Stunden Maskenzeit eingeplant. Es gibt einen Maskenplan, der streng eingehalten werden muss. „Die Darsteller müssen pünktlich sein, denn jeder hat seine Maskenzeit.” Ein Standard-Make-Up dauere nur etwa zehn Minuten, während zum Beispiel das Kleben einer Glatze mit Make-Up rund 40 Minuten in Anspruch nehme. „Einer braucht zehn Minuten, einer eine Stunde in der Maske”, so Wenzig. In der Maske herrscht oft eine angespannte Stimmung, denn jeder ist ein bisschen aufgeregt. Marco Wenzig bildet da keine Ausnahme: „Bei den Hauptproben bin ich auch aufgeregt, aber das setzt sich.” Bei der ersten Hauptprobe werden auch die Werbe- beziehungsweise Pressefotos für das Stück erstellt. Sollten danach noch Veränderungen an Kostüm oder Maske nötig sein, wird nachgebessert. „Wir achten bei der Hauptprobe auf das Zusammenspiel mit dem Licht – wirkt eine Person zum Beispiel zu grün?” Dies geschehe in Absprache mit den Kostümbildnern und der Regie. Grundsätzlich diene das Maskenbild dazu, den Charakter der gespielten Person zu unterstützen. „Dann fällt auch mal eine Perücke weg. Die Frisur oder ein Kostüm werden oft noch verändert.” Maskenbildner arbeiten nach Figurinen, Modellentwürfen für jede Person. Dazu gibt es Vorgespräche mit den Kostümbildnern. „Je ungenauer die Figurine ist, desto mehr Freiheiten haben wir. Es ist natürlich toll, eine detailgetreue Figurine zu haben, aber es ist auch toll, selbst kreativ zu werden”, so der Maskenbildner. Über die Inhalte der Stücke werden alle Beteiligten bei einem Konzeptionsgespräch inklusive Leseprobe informiert. „Meistens kennt man die Stücke”, fügt Wenzig hinzu. Mit den Kostümbildnern arbeiten die Maskenbildner eng zusammen, sie sind nicht immer aus dem Haus: „Der Spielplan ist sehr groß und vielfältig. Regisseure bringen gerne ihre Kostümbildner mit.”

Mehr Aufwand durch Auflagen

Die Corona-Pandemie brachte zwischenzeitlich auch den Betrieb am Theater Lüneburg zum Erliegen. Marco Wenzig ging, wie viele seiner Kollegen, für einige Monate in Kurzarbeit und konnte rund vier Monate überhaupt nicht arbeiten. Da der Auszubildende trotzdem seine Prüfung ablegen musste – coronabedingt an Gipsköpfen statt an Menschen –, durfte Marco Wenzig einmal die Woche ins Theater kommen, um ihn auf seine Prüfung vorzubereiten. Seit der Maskenbildner wieder unter Corona-Hygieneauflagen arbeiten darf, dauern seine Arbeitsschritte deutlich länger. Gearbeitet wird in der Maskenwerkstatt und der Abendmaske grundsätzlich mit FFP2-Maske und Handschuhen. Pinsel müssen desinfiziert werden, und jeder Maskenbildner hat für jeden Darsteller eigenes Material. Die Maskenbildner richten sich dabei nach den aktuellen Richtlinien für Friseure und Kosmetiker. „Es dauert durch Putzen und Desinfizieren alles viel länger, wenn man es gewissenhaft macht. Deshalb wurden die Maskenzeiten verlängert – nun gibt es für drei Leute anderthalb Stunden Maskenzeit”, so Wenzig. Coronabedingt werden am Theater Lüneburg einige Produktionen mit Doppelvorstellungen aufgeführt, auf viele Personen auf der Bühne wird verzichtet. Für jeden Raum wurde genau errechnet, wie viele Personen sich gleichzeitig dort aufhalten dürfen. „Die Maske ist nicht mehr so voll mit vielen Leuten”, meint Wenzig. „Normalerweise ist dort reger Betrieb, es geht zu wie im Taubenschlag.” In der Maske dürfen sich zurzeit maximal sechs Personen aufhalten, warten dürfen die Darsteller im Raum nicht. Der Theatersaal habe zudem eine vorbildliche Abzugsanlage mit Luftwechsler für die Bühne. „Die Bühne inklusive Zuschauerraum ist jetzt der sicherste Ort im Theater”, so seine Vermutung. Mit der Aufführung von „Così fan tutte”, das Mitte September Premiere feierte, geht die Saison am Theater Lüneburg richtig los. „Ich habe Così fan tutte schon mal gemacht, aber komplett anders – mit anderen Darstellern, anderem Bühnenbild und vom Optischen ganz anders”, erzählt der 42-Jährige. Das Maskenbild für die Oper macht ihm viel Spaß, weitere Highlights der Vergangenheit waren für ihn die Oper „Rigoletto”, der „Struwwelpeter” oder auch der Solo-Abend mit Philip Richert. Nach dem Motto „Mehr ist mehr” macht er gerne viel Make-Up. „Aber wenn es der Kunst dient, kann es auch weniger sein”, räumt er ein. Für ihn ist es wichtig, dass die Zuschauer auch in der letzten Reihe noch die Augen und Konturen der Darsteller erkennen können. „Im Zusammenspiel mit dem Licht werden die Augen größer gesetzt.” Die Pigmentierung der Theaterschminke sei höher als beispielsweise beim Fernsehen. „Im Fernsehen soll die Schminke aussehen wie nichts”, weiß er aus seiner Zeit als Freiberufler, als er auch für Fernsehproduktionen tätig war. „Ich habe mehr Spaß, wenn ich in die Vollen gehe.”

Endlich wieder  Applaus

Wenn Darsteller mehrere Figuren spielen, gehören zu den Stücken auch Umzüge, die nicht nur einen Kostümwechsel, sondern auch das Umschminken in Windeseile an der Seitenbühne erfordern. „Das ist immer wieder aufregend, aber das wird geprobt.” Vom Stück selbst bekommt der Maskenbildner während der Aufführung nicht viel mit. Während der Proben setzt er sich jedoch mal in den Zuschauerraum. Sobald ein Stück Premiere hatte, sollte an der Maske nichts mehr verändert werden. Auch bei Wiederaufnahmen wird alles wie zuvor auf die Bühne gebracht, es sei denn, es gab einen Schauspielerwechsel. Ursprünglich wollte Marco Wenzig nur zwei bis drei Jahre am Theater Lüneburg bleiben – er wollte noch andere Theater kennenlernen. Doch mit dem Intendantenwechsel kam ein festes Schauspielensemble. „Das hat das ganze Haus verändert”, meint er. „Das hat es für mich interessanter gemacht. Man ist sich sehr nah, fast freundschaftlich. Wir haben Glück, dass wir uns alle gut verstehen.” Die Kollegen wegen der Pandemie über Monate nicht sehen zu können, habe in der Belegschaft die Stimmung gedrückt: „Jeder ist froh, wieder arbeiten zu dürfen. Die Stimmung ist gut und alle sind voller Tatendrang. Als bei der Gala zum Theaterfest zum ersten Mal wieder das Klatschen des Publikums zu hören war, war das sehr schön. Da weiß man, warum man das macht.” Bei seinem Arbeitspensum hat der Maskenbildner kaum Zeit für ein Privatleben. Zu seinem Glück arbeitet sein Lebenspartner ebenfalls am Lüneburger Theater. In der Regel fängt seine Arbeitszeit um 9 Uhr an und geht bis zum Probenschluss um 14 Uhr, abends geht der Dienst dann weiter. „Man muss schon auf Familienfeiern verzichten, und der Urlaub muss immer in der sechswöchigen Spielzeitpause genommen werden”, erklärt Wenzig. Auch Weihnachten und Silvester müsse gearbeitet werden, „aber das weiß man ja vorher.” Als Weihnachten 2020 das Theater geschlossen war, konnte Marco Wenzig das erste Mal seit Jahren drei volle Weihnachtstage mit der Familie verbringen. „Das war dann die positive Seite der Pandemie”, meint er. Der Maskenbildner empfindet den Stress, den sein Beruf mit sich bringt, nicht als negativ: „Ich habe einen sehr interessanten und vielfältigen Beruf. Es bereicherte mein ganzes Wesen, mit vielen offenen und kreativen Menschen zu tun zu haben. ” (JVE)

Alles Bestens!?

editorial

Alles bestens, könnte man meinen, die Dramatik ist ja irgendwie auch raus aus dem Infektionsgeschehen. Mehr als die Hälfte der Bundesbürger ist geimpft, die anderen wähnen sich in der trügerischen Sicherheit, ihnen könne ja nichts passieren, denn die anderen haben ja schließlich Vorsorge getroffen. Die Pandemie scheint für manche aus dem Fokus geraten zu sein…für andere gar vorbei. Alles bestens? Mitnichten. So lange die augenblickliche Impf-Lethargie anhält, bleibt‘s ein Spiel mit dem Feuer. Und ob der Wegfall der Lohnfortzahlung bei Quarantäne tatsächlich der richtige Weg ist, um aus der Gleichgültigkeit zu erwecken, ist strittig, das mögliche Abgleiten in die Anonymität könnte ein fataler Irrweg sein. Das Schließen der Impfzentren ohne neue Angebote ist das falsche Signal! Neue, spektakulär niedrigschwellige Ersatzangebote abseits der Hausarztpraxen wären jetzt wichtig, finden wir. Warum nicht jeder Teststation eine Impfstation andocken? Mitten in der Fußgängerzone, vor dem Supermarkt, vor dem Baumarkt, dem Fußballplatz, der Autobahnraststätte, dem Kirchenparkplatz oder gleich als Drive-in? Wo bleibt die Fantasie? Fantasie beweisen jedenfalls wieder einmal die vielen Akteure aus Handel, Gewerbe, Schaustellerei in den Städten – Verkaufsoffene Sonntage als Erlebnistage für die ganze Familie, Kleinkunst, Straßenmusikanten, Kulinarik & Karussell locken in die Zentren. Jeden Monat wird unser Veranstaltungsteil, unser Terminkalender voller und bunter, nutzt die tollen engagierten Angebote der Bühnen, Kinos, Veranstalter. Wir können zum Schluss nur einstimmen in die Appelle der Kunst- und Kulturszene, der Veranstaltungs- und Freizeitbranche, der Gastronomie: Macht komplizierte Hygienekonzepte einfach überflüssig – wollt Ihr genießen, dann lasst Euch impfen!

In diesem Sinne: Seid achtsam!

Eure stadtlichter

Das nächste Extremwetter kommt bestimmt…

Schwere Stürme, Dürren, Hagel, Hochwasser: Extreme Wetterphänomene wie zuletzt das Tiefdruckgebiet „Bernd“ treten immer häufiger auf. Die verheerenden Schäden können jeden treffen. Flüsse traten über ihre Ufer, ganze Wohnsiedlungen wurden geflutet. Innerhalb weniger Stunden wandelten sich kleine Bäche zu reißenden Flüssen, die alles mitrissen, was ihnen im Weg stand. Die Flutkatastrophe, die jüngst über Westdeutschland hereingebrochen ist, wurde von einer einzelnen Wetterlage heraufbeschworen: dem Tiefdruckgebiet „Bernd“. Sowohl Heftigkeit als auch Dauer des sintflutartigen Regens überraschten selbst Meteorologen. Dabei sind solche unheilvollen Wetterlagen keineswegs mehr einzigartig, erklärt Frank Böttcher, einer der führenden Wetter- und Klimaexperten Deutschlands mit Schwerpunkt Extremwetter. Er warnt: „Wir müssen darauf gefasst sein, dass wir das in Zukunft noch deutlich häufiger erleben werden.“ Auch der aktuelle Weltklimabericht ist alles andere als beruhigend: „Es ist wahrscheinlich, dass Episoden mit Starkniederschlägen in vielen Regionen auf dem Globus – Europa und Deutschland nicht ausgenommen – intensiver werden“, heißt es in dem Bericht. Das Problem: Ein heftiges Gewitter reicht manchmal schon, um selbst Gebäude, die nicht an Bächen, Flüssen oder an Hängen liegen, in kürzester Zeit zu überfluten. Für Sofortmaßnahmen ist es dann oft zu spät. Der Horror für Hausbesitzer.

Sirenen sollen wieder heulen

Inwieweit in Lüneburg Bewohnerinnen und Bewohner sowie Sachwerte ausreichend vor den Gefahren von Starkregenereignissen geschützt sind, war im Juli auch Thema des städtischen Bauausschusses. Eines der Ergebnisse: Schon bald sollen auch in Lüneburg die (abgeschalteten) Sirenen wieder heulen. Der Bund will den Ländern rund 90 Millionen Euro zum Aufbau und zur Ertüchtigung von Sirenen zur Verfügung stellen, neun bis zehn Millionen Euro gehen nach Niedersachsen. Genehmigungen für Neubauvorhaben im vorläufig gesicherten Überschwemmungsgebiet der Ilmenau soll es nur im Ausnahmefall und unter strengen Auflagen geben. Unter anderen dann, wenn das Bauvorhaben „hochwasserangepasst“ umgesetzt wird. Was immer das bedeuten soll …

Auch ein neues Starkregenkonzept für Lüneburg ist „in Arbeit“. Erforderliche Grundlagendaten zur Erstellung eines ortsbezogenen Starkregenkonzeptes trägt die Verwaltung derzeit zusammen und validiert diese. Im nächsten Schritt soll eine Starkregengefahrenkarte erstellt werden. Sie ist Basis, um mit den beteiligten Akteuren das Starkregenkonzept weiter zu erarbeiten (bis Mitte 2022). Bereits vor rund 700 Jahren wurde anlässlich der Erbauung der Ratsmühle der Lösegraben – ein Ausweichgraben für die Ilmenau wenn diese zu viel Wasser führt – hergestellt und vor rund 150 Jahren (1873, mit dem Bau der Eisenbahn) noch einmal leicht nach Westen verlegt. Derzeit wird das Lösegrabenwehr umfangreich saniert, um seine Funktionsfähigkeit durchgehend sicherstellen zu können (Quelle: hansestadtlueneburg.de).

Jetstream deutlich verlangsamt

Zwar sträuben sich Meteorologen und Wissenschaftler zu Recht, einzelne Wetter-Phänomene wie das Milliardenschäden verursachende Tief „Bernd“ auf die Klimakrise zurückzuführen. Aber die Häufung solcher Extremwetter-Ereignisse hat weltweit die gleiche Ursache: Auf dem Planeten bleibt immer mehr Wärme zurück. Die Schicht der Treibhausgase schottet uns ab und so entweicht weniger Wärmestrahlung in den Weltraum. So sehr, dass sogar die oberen Schichten abkühlen, wie eine aktuelle Nasa-Untersuchung zeigt. Die Erhitzung des Planeten verändert das Grundgefüge auf der Erde, die Stellschrauben im System. Die stärkere Erhitzung der Arktis und der daraus entstehende geringere Temperaturunterschied zwischen der Arktis und dem Äquator bewirkt, dass der Jetstream messbar langsamer verläuft und sich darum auch Hoch- und Tiefdruckgebiete langsamer bewegen. Folge: Es bleibt über Wochen heiß oder regnet tagelang in Strömen.

Was kann jeder selbst tun?

Gegen Blitzschäden hilft eine Blitzschutzanlage. Selbst wenn das eigene Haus gar nicht getroffen wird, sorgt sie für mehr Sicherheit. Denn viele wissen nicht, dass auch Blitze, die in der näheren Umgebung einschlagen, durch die hohe elektrische Spannung Schäden an einer elektrischen Anlage und an elektrischen Geräten verursachen können. Sein Eigenheim vor Starkregen zu schützen, ist meist aufwendiger: Es gibt aber kleine bauliche Vorsorgetricks, um sich vor unerwarteten Wassermassen besser zu schützen. Entscheidend ist die Grundstücksbeschaffenheit und Topografie des Grundstücks. Das Oberflächengefälle sollte nicht direkt auf Gebäude und Anlagen zulaufen. Haben Haus oder Wohnung eine Hanglage, kann man mit der Schaffung von gezielten Flutmulden Abhilfe schaffen. Mit Bodensenken, die das Wasser auf dem Grundstück verteilen, so dass es etwa großflächig versickert, ist die Gefahrensituation etwas entschärft. Auch Grundstückseinfassungen wie Mauern, Verwallungen, Schwellen oder Zufluss-Sperren können Abhilfe schaffen. Der größte Schwachpunkt eines Hauses ist der Keller – und das nicht nur bei Hochwasser. Auch Grundwasser kann bei großen Regenmengen steigen und nach oben gedrückt werden. Genauso wie Abwasser, das durch nicht gesicherte Rohre austritt. Hier können unter anderem Rückstauklappen, -ventile, -verschlüsse oder Abwasserhebeanlagen helfen. (RT)

Achterbahn für Alle

editorial

Achterbahn fahren, das ist für die einen Freud, für die anderen Leid. Freud für die Lüneburger Schaustellerbetriebe, die wieder ihr Vergnügen zumindest in begrenztem Umfang anbieten dürfen, wie gerade jetzt an zwei Wochenenden im September auf den Sülzwiesen. „LüneSpaß-Freizeitpark“ heißt denn auch das Angebot des hiesigen Schaustellerverbandes, das vom 9. bis 12. und vom 16. bis 19. September jeweils in der Zeit von 14 bis 23 Uhr die Stimmung lockern will. Aufatmen mit Abstand ist hier also angesagt. Die erfolgreiche Generalprobe war ja der Hamburger Dom. Achterbahn. Mit großer Sorge beäugen das Achterbahnähnliche Auf und Ab auch unsere Virus- und Pandemieexperten und die Vielen, die für die Pflege im Speziellen und die für das „Wiederlaufenlernen“ in Reha-Einrichtungen sorgen. Das Getöse der Impfgegner sei in diesen Einrichtungen gar nicht mehr zu hören, sagt man. Aktuell sind ja trotz Wiederanstieg der Infektionszahlen Lockerungen in Sicht, in jedem der vier Nordländer natürlich anders, wie sollte es auch sein. Gleichwohl ist allen Überlegungen eines gemein: Die Inzidenz, also die Zahl der im Sieben-Tage-Schnitt je 100.000 Einwohner neu Infizierten, ist nicht mehr allein das Maß der Dinge. Die Zahl der Infizierten, die tatsächlich erkranken und in eine Klinik müssen, sinkt. Auch dank der Vielen, die bereits geimpft sind. Diese Entwicklung macht Gesundheitsbehörden ebenso wie den Kulturschaffenden Mut: Endlos viele Termine in den Veranstaltungsseiten dieser Ausgabe zeugen davon. Alle Events/Locations sind natürlich mit viel Engagement und Fantasie gesichert, viele davon finden nach wie vor unter freiem Himmel statt. Die mit Abstand spannendste Achterbahnfahrt legen derweil die Umfragewerte für die große Politik hin… sie wird spätestens am 12. beziehungsweise am 26. September mit der Auszählung der Wählerstimmen beendet sein. Mehr zu den bevorstehenden Wahlen auf den Seiten 11 bis 15. Briefwähler können ja jetzt schon loslegen, in aller Ruhe ihre Kreuzchen machen und sich dann entspannt zurücklehnen.

Schön, dass wir die freie Wahl haben! In diesem Sinne – man sieht sich an der Urne.

Eure stadtlichter

Gegen die Ausgrenzung

José Mommertz ist HIV- und Gesundheitsberater im Checkpoint Queer

José Mommertz weiß, was es bedeutet, als Homosexueller in einer kleinen Stadt zu wohnen, in der jeder jeden kennt. Der gebürtige Kolumbianer kam als Kind nach Deutschland, wo er in einem Dorf aufwuchs. Nach der Schulzeit zog er zurück nach Kolumbien, wählte bewusst die Anonymität der Millionenstadt Bogotá. Inzwischen lebt der 35-Jährige in Hamburg und arbeitet in Lüneburg beim Checkpoint Queer als HIV- und Gesundheitsberater. José Mommertz denkt nicht gerne an seine Kindheit und Jugend im Taunus zurück. „Es war ein kleines Dorf, und ich habe einige homophobe Erfahrungen gemacht”, erzählt er, „was mir dort passierte, hat mich traumatisiert.” Mit etwa 13 Jahren wurde er sich dessen bewusst, dass er nicht auf Mädchen steht. „Das Outing war ein sehr langer Prozess”, erinnert er sich. Seine Mutter habe es zwar schon lange vermutet, José Mommertz suchte aber erst mit Anfang zwanzig mit ihr das klärende Gespräch. Seine Mitschüler erfuhren auf einer Klassenfahrt von seiner Homosexualität. Er hatte sich einem Freund anvertraut, der es weitererzählte. „Das war sehr unangenehm. Es wäre am besten gewesen, wenn meine Mitschüler mich danach in Ruhe gelassen hätten, aber einige wollten mir ständig helfen”, so Mommertz. Erst als er aus dem Dorf wegzog, verbesserte sich seine Situation. 2004 ging José Mommertz zurück in sein Heimatland Kolumbien, um dort Politikwissenschaften zu studieren. Kolumbien ist zwar ein eher konservatives Land, doch in der Großstadt Bogotá geht es etwas lockerer zu. „Bogotá ist riesengroß und anonym. Sehr viele queere Menschen sind nach Bogotá gezogen, denn oft werden sie noch verfolgt, vor allem auf dem Land”, erklärt der 35-Jährige. „Die Anonymität hat mir geholfen, aber ich war ein bisschen einsam und habe versucht, Anschluss zu finden. Ich brauchte Gleichgesinnte.” In einem Viertel ähnlich dem Hamburger Stadtteil St. Georg fand Mommertz schließlich durch seine Mitarbeit im queeren Referat der Universität ein queeres Zentrum mit Selbsthilfegruppe, für die er sich ehrenamtlich engagierte. In der großen queeren Community von Bogotá wurde José Mommertz mit offenen Armen empfangen. Hier organisierte er Kampagnen und Flashmobs sowie einmal im Semester eine queere Party an der Uni.

Viel Beratungsbedarf

Nach dem Bachelor-Abschluss in Kolumbien zog Mommertz schließlich 2012 zurück nach Deutschland. Er entschied sich für Hamburg, wo er zusätzlich Lateinamerikanische Studien studierte. „Hamburg ist eine sehr weltoffene Stadt, in der ich mich wohlfühle”, meint er. Das Gleiche kann er auch von Lüneburg sagen, wo er seit 2019 als Angestellter der „bunt gesund”-Abteilung im Checkpoint Queer arbeitet. „Für die Größe der Stadt gibt es hier eine große queere Community”, meint er. Was HIV und Aids angeht, gibt es nach seiner Erfahrung durchaus Beratungsbedarf. Um die HIV-Beratung in Lüneburg zu übernehmen, absolvierte José Mommertz eine Fortbildung der Aidshilfe für Beratende, gelegentlich bildet er sich weiter fort. Die Aidshilfe ist ein Kooperationspartner des Checkpoint Queer. Seine Zielgruppe in der Beratung sind junge queere Menschen. „Vieles dreht sich um den Schutz vor HIV und wie es übertragen wird”, erklärt er. „Es gibt noch viel Unwissen. Viele haben noch die alten Bilder aus den Achtzigern im Kopf, aber es hat sich viel geändert.” So wüsste ein Großteil der Ratsuchenden zum Beispiel nicht, dass HIV-Infizierte unter der Therapie andere nicht anstecken können. HIV-Infizierte suchen José Mommertz in Lüneburg selten auf. „Sie fahren für die Anonymität lieber nach Hamburg”, weiß der Gesundheitsberater, „das ist leider immer noch ein Tabuthema.” Menschen, die glauben, sich infiziert zu haben, kommen hingegen häufiger in den Checkpoint Queer. Einige stellen bei der Beratung dann fest, dass für sie keine Ansteckungsgefahr bestand. Auch einen Aidstest, einen Schnelltest, bei dem ein wenig Blut aus der Fingerkuppe entnommen wird, kann man im Checkpoint Queer gegen eine Spende machen. Ein HIV-Selbsttest ist auch in der Apotheke erhältlich (wichtig ist hierbei immer das CE-Zeichen). „Man hat das Ergebnis nach zehn Minuten”, so Mommertz. Diese Art von Schnelltest gibt es in Deutschland erst seit einigen Jahren, das Testangebot wird im Checkpoint Queer gut angenommen. „In der Pandemie ist die Nachfrage zurückgegangen. Vor der Pandemie haben sich bei uns 15 bis 20 Leute pro Jahr getestet – in Hamburg wäre das pro Woche.” Zeigt der Schnelltest zwei Striche, ist das Ergebnis also reaktiv, schickt José Mommertz die Person direkt zum Arzt zu einem Bestätigungstest.

Offen reden

José Mommertz berät in Lüneburg auch zu anderen sexuell übertragbaren Krankheiten (abgekürzt STI), zum Beispiel zu Hepatitis B., wogegen es eine Impfung gibt. „Für Risikogruppen, also zum Beispiel Schwule, ist die Hepatitis-B-Impfung kostenlos – das wissen viele Ärzte nicht”, erläutert er. Auch die Übertragung von Papilloma-Viren lässt sich durch die HPV-Impfung verhindern, während Krankheiten wie Syphilis, Chlamydien und Gonnorrhoe (Tripper) gut behandelbar sind. „Syphilis muss entdeckt werden, sonst gibt es einen längerfristigen Schaden an der Haut und Organen”, so Mommertz. Die Gesundheitsberatung, die er montags von 15 bis 19 Uhr ohne Anmeldung anbietet, läuft ähnlich wie eine Sprechstunde beim Arzt ab, jedoch ohne Untersuchung des Körpers. Oft leitet er die Ratsuchenden dafür zum Arzt weiter – meist zum Hausarzt, aber auch zum Frauenarzt oder zur Lüneburger HIV-Schwerpunktpraxis. Einmal die Woche hilft José Mommertz auch queeren Geflüchteten im „Safe Space”, zum Beispiel mit Anträgen. „Unter queeren Geflüchteten herrschen viele Traumata”, weiß er, hier gehe es um seelische Gesundheit. Seit Beginn der Corona-Pandemie arbeitet er viel im Homeoffice, im begrenzten Rahmen findet die Beratung weiterhin persönlich statt. „Telefonisch berate ich nicht, es ist wichtig, dass die Leute da sind”, meint er, „außerdem gebe ich auch Infomaterial weiter.” Normalerweise gehören zu seinen Aufgaben auch das Vorbereiten von Aufklärungsveranstaltungen, Workshops sowie das Organisieren von Spieleabenden im Checkpoint Queer. Offen über all diese vermeintlichen Tabuthemen zu reden, musste José Mommertz auch erst lernen. „Ich musste mich selbst daran gewöhnen, aber nun ist es für mich kein Thema mehr. Ich wünsche mir, dass offener darüber geredet wird”, sagt er. Durch das queere Zentrum Checkpoint Queer seien die Leute offener geworden: „Es ist ein sehr beruhigender Ort, die Leute sind entspannt.” Der Checkpoint Queer kooperiert auch mit der Initiative „Schlau”, die Bildungs- und Antidiskriminierungsarbeit zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt anbietet. In diesem Rahmen besuchen sie Schulen und geben Workshops. Mommertz selbst hätte sich diese Form von Aufklärung in seiner Jugend auch gewünscht. „Ich habe das Gefühl, der Sexualkunde-Unterricht ist sehr auf Hetero-Menschen ausgerichtet”, meint er.

HIV-Schutz durch Medikament

Die häufigsten Fragen in Mommertz‘ Sprechstunde sind: Wie kann man sich vor HIV schützen? Wie infiziert man sich? „Es herrscht da nur rudimentäres Wissen”, so seine Erfahrung. Ein zentrales Thema ist auch die PrEP, die so genannte Präexpositionsprophylaxe – ein noch recht neues Medikament, mit dem sich HIV-Negative fast so effektiv wie mit einem Kondom vor der Infektion schützen können. „Seit 2019 wird die PrEP von den Krankenkassen übernommen”, erläutert der 35-Jährige. Ein Rezept dafür ist in den Schwerpunktpraxen erhältlich. Dass die PrEP auch in Lüneburg erhältlich ist, findet José Mommertz fortschrittlich. Durch Kontakte mit anderen Beratern weiß er, dass das Präparat oft nur in Großstädten zu bekommen ist. „Ich würde mir von der Politik wünschen, dass ländliche Gegenden mehr bedacht werden”, meint er. José Mommertz‘ Erfahrung zeigt, dass Heterosexuelle mehr Angst vor einer HIV-Infektion haben als Homosexuelle. Junge schwule Männer von 18, 19 Jahren würden oft blauäugig und mit vielen Wissenslücken an das Thema herangehen, während die knapp 30-Jährigen gut Bescheid wüssten. „Häufig sind die Menschen sehr übervorsichtig. Viele Situationen stellen gar kein Risiko der Ansteckung dar.” Eins haben die Ratsuchenden bei der Sorge vor einer HIV-Infektion gemeinsam: „Sie haben keine Angst zu sterben, sondern Angst vor Ausgrenzung”, so der Gesundheitsberater. (JVE)

Angst essen Seele auf

Cave-Syndrome: Wenn die Rückkehr zur Normalität zur Bedrohung wird…

 

DIe Sonne scheint, der Sommer ist da, fast überall wurden dank sinkender Infektionszahlen und voranschreitender Durchimpfung die Corona-Maßnahmen gelockert: Doch nicht alle Menschen atmen auf, einige bleiben skeptisch, scheuen nach wie vor menschliche Kontakte. Was kann helfen, wenn sogar das Zurück zum normalen Alltag Angst macht? Viele Experten haben immer wieder auf die psychischen Folgen der Corona-Krise aufmerksam gemacht. Diese wurden lange Zeit vernachlässigt, treten jetzt aber umso deutlicher hervor. Rund eineinhalb Jahre der Isolation haben Spuren bei vielen Menschen hinterlassen.

Erschöpfung und -Antriebslosigkeit als Warnzeichen

Bei einer Befragung deutscher Psychiater und Psychotherapeuten im Auftrag der Betriebskrankenkasse Pronova stellten 92 Prozent der befragten Fachärzte fest, dass sich die seelischen Leiden ihrer Patienten in diesem Jahr verstärkt haben. Das betrifft vor allem Symptome wie Nervosität, Erschöpfung und Antriebslosigkeit. Bekommt man diese Symptome „nicht in den Griff“, können diese sich verselbstständigen, werden mächtiger. Es kommt zu Angstschüben, die bewusst oder unbewussst mit dem Virus verbunden werden. Was vor der Pandemie normal war, erscheint dann plötzlich befremdlich: Wie soll man sich begrüßen? Die Hand reichen oder gar umarmen? Bus oder Bahn fahren? Einfach wieder rausgehen, als wäre alles normal? Sich vielleicht sogar mit Freunden im Biergarten, Freibad oder bei einer Gartenparty treffen? Diese Vorstellung scheint für manche Menschen ein wahrer Albtraum zu sein. Auch Elke B. (51) aus Lüneburg hat mehrere Wochen ihre Wohnung kaum verlassen. Ihren Teilzeitjob konnte sie per Home-Office erledigen, in der kommenden Woche soll sie sich jedoch wie der im Büro einfinden und kann darum kaum noch schlafen, wie sie erzählt: „Ich traue dem ganzen einfach nicht, die Menschen sind viel zu unvorsichtig. Ich will mich nicht anstecken, habe seit Wochen meine Eltern nicht gesehen, meine Geschwister seit über einem Jahr nicht – und da soll ich jetzt einfach wieder an meinen Arbeitsplatz zurück? Das mache ich nicht, eher kündige ich.“ Die Angst, wieder in das frühere Leben vor der Corona-Pandemie zurückzukehren, bezeichnet man in der Medizin als sogenanntes „Cave Syndrome“ (auf deutsch „Höhlensyndrom“). Dabei haben Betroffene Probleme damit, sich an die neuen Freiheiten anzupassen, nehmen die wiedergekehrte Normalität als etwas „Bedrohliches“ wahr und schotten sich ab – wie in einer „Höhle“.

Anstieg an posttraumatischen Belastungs-störungen

Viele Psychologen überrascht die neue Angst vor dem Miteinander nicht. Forschende der University of British Columbia warnten bereits im Jahr 2020 vor psychischen Problemen wie Angststörungen oder Posttraumatischen Belas-tungsstörungen als Folge der Pandemie. Auch in der Psychiatrischen Klinik Lüneburg ist das „Cave-Syndrome“ nicht unbekannt. Besonders ängstliche Menschen, die dann vielleicht noch Schicksalsschläge treffen und die in der Corona-Zeit besonderen Stress-Situationen ausgesetzt waren, könnten nun zu Angsterkrankungen neigen. Dann würde sich die Angst vermutlich chronifizieren. Der Chef der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik an der Asklepios Klinik Nord in Hamburg, Dr. Claas-Hinrich Lammers, spricht davon, dass den Menschen zu Beginn der Pandemie die sinnvolle Angst vor dem Virus erst antrainiert werden musste. Diese antrainierte Angst jedoch kann bei manchen Menschen in einen Automatismus übergehen, und den kann man dann so schnell nicht wieder ablegen.

Ab wann sollten Betroffene sich helfen lassen?

Wer sich einfach nur unsicher fühlt, dass bei der ersten unmaskierten persönlichen Begegnung mit Bekannten oder Freunden das Gesicht entgleitet, muss keinen Arzt aufsuchen… Dieses Gefühl wird bald, vielleicht zu bald vorübergehen. Anders verhält es sich in Fällen wie dem von Elke B. Hier hilft eigentlich nur die rationale Beschäftigung mit der Einschätzung der Corona-Gefahrenlage, um diese Ängste zu besiegen. Klappt das nicht allein, sollte man sich immer ärztliche, psychologische oder psychiatrische Hilfe holen. Sonst steigt möglicherweise das Risiko, eine extreme Version des sozialen Rückzugs zu entwickeln (als Hikikomori bezeichnet). Hikikomori ist ein gesellschaftliches Phänomen, das sich in Japan ausbreitet. Oft beginnt die Form der gesteigerten Sozialphobie mit einigen wenigen Tagen, an denen sich die Betroffenen zuhause einschließen. Sie brauchen Zeit für sich, der Lärm der Welt ist ihnen schlicht zu laut. Doch es bleibt nicht bei Tagen. Über mehrere Monate, oft sogar viele Jahre hinweg igeln sie sich zuhause ein und schotten sich von der Außenwelt ab. Soziale Kontakte werden auf ein Minimum beschränkt und gehen in der Regel nicht über Chats im Internet hinaus. Viele Betroffene leiden irgendwann unter Einsamkeit und schlimms-ten Depressionsschüben. Wer Sorge vor der zurückkehrenden Normalität hat, sollte versuchen, auch das als „normal“ anzusehen, sagen Psychologen Es kann ja sogar etwas Schönes sein, wenn die zurückkehrende Normalität sich noch wie die Ausnahme anfühlt. Denn erst dann merkt man, was man in der Zeit vor der Pandemie verschwendet hat an Gesten und Gefühlen, weil es so selbstverständlich war. (RT)

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