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Wenn aus bösen schwere Jungs werden

Intensivtäter Maik (18) lebt seit kurzen in Lüneburg

Wegsperren oder Rundum-Betreuung? Was tun mit jungen Menschen, die immer wieder kriminell werden?

Knapp zwei Millionen Straftäter hat es 2018 in Deutschland gegeben – knapp 74.000 davon sind Intensivstraftäter. Das bedeutet, sie haben mindestens fünf schwere, aktenkundige Straf- oder Gewalttaten innerhalb nur eines Jahres verübt. Viele dieser Straftäter sind noch sehr jung, Kinder fast noch. Maik, 18, ist einer von ihnen. Er lebt seit wenigen Wochen in Lüneburg. Eigentlich stammt Maik aus einem kleinen Ort bei Göttingen. Doch dort wollte man ihn nicht mehr. Was verständlich ist, wenn man seine Geschichte kennt. Maik heißt natürlich nicht wirklich so, den richtigen Namen zu schreiben gefährde seine Persönlichkeitsrechte, wurde dem Autor dieses Textes von offizieller Seite mitgeteilt. Auf die Frage, ob er denn die Persönlichkeitsrechte anderer Menschen jemals akzeptiert hätte, gab es als Antwort lediglich ein Schulterzucken.

Dicke Strafakte

Tatsächlich darf man daran zweifeln. Maik hat schon mehrfach Erfahrungen mit der Polizei gemacht. Seine Akte ist dicker als die vieler Berufsverbrecher. Von Beleidigung bis hin zu Einbruch und immer wieder Körperverletzungen ist so ziemlich alles vertreten. Dazu kommen immer wieder Drogendelikte. Mehr als 50 Straftaten werden ihm zugeschrieben – vor einem Richter stand er dafür bislang nicht, was allein schon ein Skandal ist. Sitzt man ihm gegenüber, wirkt er zunächst gar nicht bedrohlich, sondern eher etwas schüchtern. Das ändert sich jedoch bereits nach wenigen Minuten Gespräch. Er fuchtelt mit den Armen herum, seine Aussagen werden aggressiver: „Mich können alle mal. Ich leb’ nur für mich“, sagt er mit heiserer Stimme. Wie wohl seine Zukunft aussehen könnte? Maik lacht. „Zukunft ist mir doch egal …“ Angst vor dem Knast habe er jedenfalls nicht, behauptet er. „Ist doch schön da. Man hat seine Ruhe.“

Gesellschaftliches Problem seit Jahrzehnten

Mit seinen kruden Ansichten steht Maik für die meisten der so genannten Problemkids. Ihre Zahl wächst, das Phänomen an sich ist nicht neu. Denn die bösen Jungs, aus denen in der Folge leider sehr oft schwere Jungs werden, sind ein gesellschaftliches Problem seit Jahrzehnten. Das Versagen des Staates im Umgang mit ihnen ist genauso alt. Das typische Problemkid ist zwischen 11 und 19 Jahre alt, zu fast 90 Prozent männlich, vorrangig deutscher Nationalität (die Zahl der polizeilich auffälligen Flüchtlingskinder vor allem aus den nordafrikanischen Ländern nimmt allerdings zu). Früher waren es hauptsächlich Diebstähle, auch Autodiebstähle, mit denen die kriminellen Kids auffielen, heute sind es vor allem Raub und Körperverletzungen. Im Raum Lüneburg soll es mehrere Intensivtäter geben, wie viele Delikte auf ihr Konto gehen, kann jedoch keiner sagen. Eine solche Statistik existiert nur landesweit. Maik fehle es an Empathie, hat ein Psychologe schon vor fünf Jahren über ihn geurteilt. Er ist einer, der austeilt, aber auch früh einstecken musste, versucht er sich selbst zu erklären: Schon mit unter zehn Jahren Drogen konsumiert, die eigenen Unterarme geritzt, bei Pflegeeltern aufgewachsen.

Erlebnispädagogik gescheitert

In den 80er und 90er Jahren begann man damit, kriminelle Kids wie Maik auf Staatskosten um die ganze Welt zu schicken. Diese Segel- und Reiseprojekte der deutschen Kinder- und Jugendhilfe waren allerdings nie mehr als ein Hoffnungsstreif am Horizont – selbst große Verfechter von Erlebnispädagogik im Ausland sehen viele einst angepriesenen Maßnahmen und Projekte heute als weitgehend ineffizient an. In Niedersachsen versucht man mit einer engen Zusammenarbeit aus Jugendhilfe, Polizei und Schule, des wachsenden Kriminalitätsproblems von Heranwachsenden Herr zu werden. Je nachdem, wie weit sich die kriminelle Karriere bei den Kids bereits verfestigt hat, wird dabei auch mithilfe des Strafrechts versucht, mehr Druck aufzubauen. Nicht jeder jedoch lässt sich davon beeindrucken. Neu-Lüneburger Maik erzählt, wie er einmal Besuch von einem Sozialarbeiter bekam: „Der hat mich gefragt, ob ich denn immer so weiter machen wolle. Er hätte da so einen Kurs, ob ich den nicht mal besuchen will. Ich hab’ nur gesagt, er soll sich verpissen und ihn weggeschubst, weil er mir im Weg stand. Das war eine ganze arme Wurst, der hat dann gleich die Bullen gerufen …“ (RT)

Abenteuer ohne Grenzen

Ingo Kuhli-Lauenstein hat mit einem Inklusionsteam mit dem Sup Fehmarn umrundet

Einmal auf der Ostsee die Insel Fehmarn umrunden: Was sich so idyllisch anhört, kann knochenharte Arbeit sein. Der einseitig unterschenkelamputierte Ingo Kuhli-Lauenstein unternahm diese Tour mit einem Lüneburger Inklusionsteam auf einem extragroßen SUP-Board. Stand Up Paddling (SUP) ist ein absoluter Trendsport, wohl auch, weil er für jedermann schnell zu erlernen ist. Im Stehen paddeln und die Balance halten, mehr gibt es nicht zu wissen. Der SUP- und Outdoor-Verein Lüneburg (SOV) hat es sich zur Aufgabe gemacht, wirklich jeden aufs Board zu holen, ob mit oder ohne Handicap. Seit 2018 bietet der Verein insbesondere Rollstuhlfahrern die Möglichkeit, auf speziellen SUP-Boards mit besonderen Spannsystemen im Rollstuhl mitzufahren. Im Juli wagte ein Inklusionsteam des SOV um Geschäftsführer Adrian Wachendorf die besondere Tour. Gemeinsam mit dem Rollstuhlfahrer Simon Kunst und Ingo Kuhli-Lauenstein, der eine Unterschenkelprothese trägt, paddelte das Team im Rahmen des SUP & Beachsports Festivals innerhalb von drei Tagen auf einem SUP rund um Fehmarn.

Ingo Kuhli-Lauenstein sucht gerne das Abenteuer. Der 27-Jährige wurde mit dem Bewusstsein erzogen, dass er alles schaffen kann – obwohl er mit einem fehlgebildeten Bein zur Welt kam. „Meine Eltern haben mir viel ermöglicht und viel ausprobiert”, erzählt der Sauerländer. „Für mich ist das selbstverständlich gewesen.” Er wuchs auf dem Dorf auf und besuchte eine Regelschule. „Bis zur Volljährigkeit hatte ich nur wenig Kontakt zu anderen körperlich eingeschränkten Kindern. Natürlich wurde ich auch ausgelacht. Dafür habe ich auch über dicke Kinder gelacht, wie Kinder halt so sind”, erinnert sich Ingo, der sich nicht wirklich ausgegrenzt fühlte. „Mit mir wollten die Kinder nur kein Fußball spielen.” Er ist seinen Eltern dankbar, dass sie ihn nicht vor allem beschützt haben. „Auch negative Erfahrungen gehören zum Leben dazu”, meint er. Lange Zeit suchte Ingo Kuhli-Lauenstein keinen Kontakt zu Behindertensport-Vereinen. Schon das Projekt Rollstuhlbasketball an seiner Regelschule hatte ihm nicht gefallen. Erst während seines Maschinenbau-Studiums in Gummersbach wurde er auf dem Campus direkt dazu angesprochen. Weil er eine kurze Hose trug und seine Unterschenkelprothese zu sehen war, fragte ihn ein junger Mann, ob er Interesse an Para-Eishockey habe, einer Behindertensportart, bei der die Sportler auf einem speziellen Schlitten in Sitzposition festgeschnallt Eishockey spielen. Das war 2012, und inzwischen spielt Ingo in der Deutschen Para-Eishockey-Nationalmannschaft. „Nach zwei Jahren war ich im Nationalteam”, erzählt der 27-Jährige. Vor dem Eishockey war er jahrelang Rennrad und Mountainbike gefahren, hatte früher voltigiert. „Eishockey ist für mich jetzt der wahre Sport. Jeder muss für sich finden, was für ihn richtig ist.”

Vergnügen an der Erschöpfung

Zu der Fehmarn-Umrundung kam Ingo durch einen weiteren Zufall. Sein Eishockey-Teamkollege und Torwart der Mannschaft Simon Kunst lernte bei seinem Besuch der Rollstuhlbasketball-WM in Hamburg Adrian Wachendorf vom SUP-Verein aus Lüneburg kennen. Adrian eröffnete ihm seine Idee von der SUP-Fehmarn-Umrundung mit einem Inklusionsteam, wofür er Simon sofort gewinnen konnte. Als weiterer Mitstreiter für die Tour interessierte sich Ingo, der aber auch skeptisch war. „Ich wusste nicht, ob das rein körperlich machbar ist”, erklärt er. Einige Wochen vor dem SUP-Event auf Fehmarn trafen Ingo und Simon am Sorpesee im Sauerland auf Adrian Wachendorf und ein Team aus Lüneburg, um das Stand Up Paddling auf dem großen Board auszuprobieren. „Danach haben wir es festgemacht”, erzählt Ingo, dem klar war, dass die Trainingsbedingungen ohne Wellengang und Wind nicht den Bedingungen auf der Ostsee entsprechen würden. „Klar haben wir das sportliche Grundgerüst und sind körperlich fit, aber ich habe mir das auf dem Meer ziemlich anstrengend vorgestellt.” Da Ingo Kuhli-Lauenstein für seinen Sport vor allem die Rumpfmuskulatur, also den Oberkörper, trainiert und lange kein Beintraining mehr gemacht hatte, fuhr er zur Vorbereitung auf die SUP-Tour vier Wochen wieder intensiv Rennrad. „Untrainiert wäre das nicht gegangen”, ist er rückblickend überzeugt. Das SUP-Training am Sorpesee war Ingos erste Wassersporterfahrung. Er freute sich auf die Fehmarn-Umrundung, „wegen der sportlichen Herausforderung und des Vergnügens an der Erschöpfung”, wie er erklärt. Adrian Wachendorf und sein Kollege Arne Stiller organisierten die Tour mit ihrem Team so, dass sie für die beiden beeinträchtigten Sportler so angenehm wie möglich wurde. Nichts wurde dem Zufall überlassen. „Auch sicherheitsmäßig war alles gut durchdacht”, so Ingo. Sein Teamkollege Simon, der auf seinen Rollstuhl angewiesen ist, wurde mit dem Rollstuhl mit speziellen Spanngurten am Board fixiert. Alle Paddler auf dem Board – neben Ingo und Simon sechs weitere Vereinssportler – waren mit einer Art automatische Rettungsweste ausgestattet, Simons Rollstuhl hatte zusätzlich selbstauslösende Patronen. Angst, ins Wasser zu fallen, hatte Ingo nicht, zumal seine Prothese eher Auftrieb gibt, als dass sie ihn runterzieht. „Mit Prothese kann ich sehr gut schwimmen, das geht aber ohne Prothese besser”, erklärt er. So passierte es dem 27-Jährigen am dritten Tag der Umrundung in einem unaufmerksamen Moment doch, dass er bei stärkerem Seegang aus dem Tritt kam und ins Wasser fiel. Es gelang ihm aber schnell, unbeschadet zum Board zurückzuschwimmen.

Fähre sorgt für Wellen

Gut 60 Kilometer, also rund 20 Kilometer am Tag, legten die acht Sportler mit und ohne Handicap in den drei Tagen zurück, trotzten Wind und Wellen und mussten zeitweilig zur Sicherheit von einem DLRG-Boot begleitet werden. Zeitweise war ihr übergroßes Board mehrere hundert Meter vom Land entfernt, ins Wasser fiel jeder mal – bis auf Simon mit seinem Rollstuhl. Die Fähre, die von Puttgarden im Norden Fehmarns zum dänischen Rødby hinüberfährt, sorgte für meterhohe Wellen, mit denen das Team zu kämpfen hatte. Mit der Wasserschutzpolizei hatte der Lüneburger Verein zuvor die Überquerung der Fährlinie besprochen. Auch an Land gab es um das Inklusionsteam und seine SUP-Umrundung einen großen Rummel. Arne Stiller vom Lüneburger Verein war mit einem Stand beim SUP-Festival vor Ort, die Route konnte über GPS und Live-Standort verfolgt werden. Abends, nach Abschluss der jeweiligen Etappen, ging es für alle zurück zum Festivalstandort an den Südstrand, wo der sportliche Erfolg gefeiert werden musste. Zwar war man in geselliger Runde noch ausgelassen zusammen, doch der Körper machte sich von Tag zu Tag mehr bemerkbar. So hatte Ingo mit Ausgelaugtheit und allgemeiner Erschöpfung zu kämpfen und fühlte sich am dritten Tag schon nicht mehr so leistungsfähig. Ingo war froh, mit Simon einen ebenfalls so ambitionierten und durchtrainierten Para-Sportler an seiner Seite zu haben. Er war aber ebenso dankbar, Experten vom SUP-Verein dabei zu haben, die die richtige Technik beherrschten. Das stundenlange Paddeln erwies sich als besonders anstrengend für die Rumpfmuskulatur. „Die Wellenausgleichsbewegungen, die man macht, gehen in die Wade und die Gesäßmuskulatur”, so Ingos Erfahrung. „Und ich hatte sogar Muskelkater auf dem Fußrücken.” Sein ganzer Körper wurde beansprucht, „und das macht ja auch den Reiz daran aus.” Sie fuhren ohne Pause durch, legten mal gemütlichere, mal kurze Sprintdistanzen zurück. Dem Para-Sportler ist klar: Diese Distanz wäre für sportlich nicht durchtrainierte Personen unmöglich gewesen. „Nicht die Sportart ist das Extreme, sondern die Distanz war extrem”, meint er. Ingo Kuhli-Lauenstein ist jederzeit wieder für ein solches Abenteuer mit dem SUP- und Outdoor-Verein Lüneburg zu haben, auch wenn er nicht in der Nähe wohnt. „Es war auf jeden Fall ein ziemlich cooles Erlebnis.” Ihm und den anderen Tour-teilnehmern schwebt noch etwas Anderes vor, „wir sind offen für eine Steigerung, zum Beispiel Wildwasser mit dem SUP.” (JVE)

Gretchenfrage?

editorial

Es ist ja schon eine Art Gretchenfrage, die die junge Schwedin Greta Thunberg in den Raum stellt. Im August jährte sich der Tag, an dem sie begann, für ein Umdenken in der Klimapolitik zu streiken, diejenigen, die das Ganze für eine Eintagsfliege hielten, strafte sie Lügen. In vielen Ländern gehen inzwischen jeden Freitag junge Leute auf die Straße, um ihr Recht auf ein lebenswertes Klima einzufordern – auch in Lüneburg. Und Greta polarisiert: Die einen knüpfen große Hoffnungen an die 16-Jährige, andere hassen sie wegen des Rummels um ihre Person. So oder so – es tut sich was! Wir haben übrigens auch Lüneburger Stimmen zu diesem Thema an unserem monatlichen Stammtisch einfangen können. (Seite 18).

Apropos Stimmen: Ganz schön rockige Stimmen werden zu hören sein beim 1000 Rocks-Festival am 21. September auf dem Lüneburger Let‘s Rock-Gelände in der Lise-Meitner-Straße. Neugierig, Damn Escape und Bartellos sind die Headliner – mehr zu dem Benefiz-Konzert zugunsten des 1000-Steine-Projektes auf Seite 14. Übrigens, immer mehr Festivalcharakter nimmt auch die Neuauflage der Barnstedter Musikmeile an, die am 7. September startet (Seite 5).

Um Start, also einen guten Start ins Berufsleben, dreht es sich bei zwei speziellen Veranstaltungen in Lüneburg und Uelzen. Zum einen lädt die Uelzener Arbeitsagentur zu ihrem jährlichen Ausbildungsmarkt ein, bei dem sich mehr als 60 Betriebe und Behörden mit ihren Ausbildungs- und Studienangeboten präsentieren, zum andere laden am 26. September das IfT und eine stattliche Anzahl an Betrieben und Behörden zur Messe parentum in die Lüneburger Oberschule am Wasserturm ein, um mit jungen Leuten und deren Eltern zum Thema Karrierestart ins Gespräch zu kommen. Infos hierzu und auch attraktive Stellenangebote auf den Seiten 44 bis 47.

Einen Ausblick auf den Oktober möchten wir uns schon mal gestatten, denn die Vorbereitungen zu den 17. Lüneburger Sülfmeistertagen sind in vollem Gange. Noch mehr Spannung möchten die Organisatoren aus den Reihen der Lüneburg Marketing in die Spiele dadurch bringen, dass sie die Teams verkleinern. So können mehr Teams starten und auch kleinere Betriebe antreten. Wir dürfen gespannt sein. Entspannt werden dann sicherlich schon die Lüneburger Oktoberfestmacher sein, denn das Programm und die aktuellen Festzeltreservierungen für das 34. Fest vom 6. bis 9. September – übrigens das größte Bayerische Oktoberfest im Norden – deuten darauf hin, dass die Erfolgsgeschichte heuer eine Fortsetzung findet…

In diesem Sinne bleibt uns nur übrig, Euch zuzurufen: LOSST‘S KRACHEN!

Eure stadtlichter

Lernen in Ruinen

In vielen Schulen herrscht dringender Sanierungsbedarfn“

Es sind die wichtigsten Jahre unserer Kinder. Die Jahre, die sie aufs Leben vorbereiten, auf eigentlich alles. Doch an den Schulen im Land wird immer häufiger am Limit gearbeitet, nicht nur weil Lehrer fehlen, sondern auch, weil die schulische Infrastruktur verfällt. Es herrscht ein Investitionsstau, der so groß ist wie beim Straßenbau. Aber Schlaglöcher bekommen häufig mehr Aufmerksamkeit. Fragt man Politiker jedweder Couleur nach den für sie wichtigsten Themen, wird ganz schnell von Bildung gesprochen. Sie sei unsere Zukunft, unser Schicksal und so weiter … Was ist davon zu halten? Wer sich den maroden Zustand vieler Schulen im Land ansieht, muss konstatieren: Nicht viel!

Zahlreiche Schulen bundesweit sind in einem verheerenden Zustand. Undichte Dächer, Schimmel, kaputte Toiletten und Umkleiden, die ihre beste Zeit schon längst hinter sich haben: Die Liste der Mängel beziehungsweise Schäden an Schulgebäuden ist lang. Ein Armutszeugnis! Für die Gebäude sind in der Regel die Städte und Gemeinden verantwortlich. Doch würden viele Kommunen zu wenig in den Bestand investieren, kritisieren Lehrerverbände und Elternvertreter. Die niedersächsische Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Laura Pooth, fordert im Gespräch mit dem NDR eine bessere finanzielle Ausstattung für die Schulen. Die Politik solle die „Schwarze Null“ nicht länger als ihren „Fetisch“ betrachten. Sie müsse endlich das nötige Geld für die Schulsanierungen zur Verfügung stellen. Das NDR-Fernsehmagazin „Hallo Niedersachsen“ hat bei den mehr als 400 Kommunen und Gemeinden, die Träger einer Schule in Niedersachsen sind, nachgefragt. Rund 110 Schulträger – verantwortlich für 737 Schulen – haben geantwortet: 471 Schulen, also rund 60 Prozent, sind danach sanierungsbedürftig. Ungefähr 1,4 Milliarden Euro müssten alleine diese Schulträger bereitstellen, um ihre Gebäude zu sanieren. Hochgerechnet auf alle 2.775 Schulen in Niedersachsen wären das zirka fünf Milliarden Euro für Sanierungen.

Wie ist die Situation Lüneburgs? Auch so düs-ter wie in anderen Regionen Niedersachsens? Offenbar hat die Lüneburger Politik etwas besser gearbeitet. Millionenschwere Bildungs- und Infrastrukturfonds-Pakete zeigen Wirkung.

 

Zahlen für die Stadt Lüneburg

In städtischer Trägerschaft sind 18 Schulen, an 14 dieser Schulen besteht Sanierungsbedarf in Höhe von insgesamt rund 22,5 Millionen Euro. Stadt-Pressesprecherin Suzanne Moenck: „2,5 Millionen Euro wollen wir allein im laufenden Jahr in die Sanierung von Schulen investieren – nicht gerechnet sind Bauunterhaltungen und Erweiterungen, diese kommen da noch hinzu.“

Was ist alles noch geplant?

„Wir arbeiten seit 2015 ein Paket namens Bildungsfonds kontinuierlich ab, Laufzeit bis 2020/21, Volumen mehr als 40 Millionen Euro. Ein weiteres Paket ist ebenfalls aufgelegt, es umfasst neben Bildung (Kita, Krippe, Schule) auch Radwege, Straßen, Brücken usw., Name Bildungs- und Infrastrukturfonds II. Dieses läuft erst an. Aber insofern fühlen wir uns, was den festgestellten Sanierungsbedarf angeht, gut aufgestellt.“

Wo muss am meisten investiert werden?

„Zu den größten Baustellen in diesem Jahr zählt sicherlich die Grundschule Hagen / Igelschule. Dort war kürzlich Spatenstich für den vierten Erweiterungsbau. Die Gesamtkosten des mehrjährigen Bauvorhabens belaufen sich auf 4,125 Millionen Euro. In den Planungen / Umsetzung ab 2020/21 sind das Johanneum (Erweiterung) und die Grundschule Lüne (grundlegende Sanierung und Umbau/Erweiterung für den Ganztagsbetrieb).“

150 Millionen Euro für Landkreis-Schulen

Auch der Landkreis sieht die Lage insgesamt positiv. In den Jahren 2004 bis 2019 flossen rund 150 Millionen Euro in die Schulinfrastruktur. Das hat sich ausgezahlt, sagt Landkreis-Pressesprecherin Urte Modlich. Dennoch bleibe natürlich noch eine Menge zu tun.

Wie hoch ist der geschätzte Sanierungsbedarf pro Schule/Einrichtung im Landkreis?

„Die Schulen haben deutlich unterschiedliche Größen und befinden sich in einem unterschiedlichen Sanierungszustand. Von daher kann kein Durchschnittswert angegeben werden

Wie hoch ist also der Gesamt-Sanierungsbedarf?

„Für jede kreiseigene Schule wird eine jährlich aktualisierte Sanierungslis-te geführt. Der dort gelistete Sanierungsbedarf in allen 18 kreis-eigenen Schulen beläuft sich mit Stand 1.1.2019 auf 37.653.000 Euro.“

Wie hoch sind die geplanten Sanierungs-Investitionen 2019?

„Das Jahresprogramm 2019 umfasst einschließlich Haushaltsresten aus Vorjahren ein Investitionsvolumen von rund 16 Millionen Euro.“ (RT)

Im Garten zu Hause

Heinrich Burmester und Marianne Burmester-Müller haben einen großen Bauerngarten mit verschiedenen Themengärten

Heinrich Burmester und seine Frau Marianne Burmester-Müller nennen seit mehr als 45 Jahren einen Historischen Rosen- und Bauerngarten in Niendorf bei Bienenbüttel ihr Eigen. Seit sie im Ruhestand sind, können sie sich mit ihrem Hobby noch mehr ausleben. Das Bauernhaus in Niendorf, in dem das Ehepaar lebt, ist das Elternhaus von Heinrich Burmester. Der Garten macht ungefähr die Hälfte des 4.000 Quadratmeter großen Grundstücks aus. Angelegt wurde dieser schon von Heinrich Burmesters Großvater im Jahr 1909, damals noch mit dem Schwerpunkt der Selbstversorgung. Auch Marianne Burmester-Müller, die aus Velgen kommt, wuchs mit einem Selbstversorgungsgarten auf. „Der grüne Daumen wurde mir in die Wiege gelegt”, meint sie. Das stellt sie mit dem gemeinsamen Garten unter Beweis, den die beiden liebevoll und durchdacht gestalten und pflegen. Jetzt im Sommer erblüht der Garten in bunter Farbenpracht. Heinrich Burmester, der zunächst eine landwirtschaftliche Ausbildung absolvierte, schulte schließlich um auf eine Banklehre und arbeitete lange bei der Sparkasse. Seine Frau unterrichtete an der BBS, war jahrelang Ratsfrau und Ortsvorsteherin. Schon während dieser Jahre kümmerte sich das Paar neben dem Job um seinen besonderen Garten. „Nach der Arbeit hieß es: nach Hause, Jeans an und raus”, erinnert sich Heinrich Burmester. Heute können die beiden es auch manchmal kaum glauben, wann sie die Zeit für den Garten fanden, denn zwei Söhne zogen sie auch noch groß. Marianne Burmester-Müller legt auch heute noch größten Wert auf die Selbstversorgung mit eigenem Gemüse. Sie baut, wie heute vielerorts üblich, für den Eigenbedarf Radieschen und Tomaten an, aber in ihrem Garten finden sich auch alte Sorten aus Großmutters Zeiten, zum Beispiel Rote-Beete-Arten, frostharter Kohl und die alte Stangenbohnen-Sorte Türkische Erbse.

19 Rosenfamilien

Wirklich angetan haben es der Niendorferin aber die Rosen. 19 verschiedene Rosenfamilien lassen sich im Garten der Burmesters finden, und zu den meis-ten kann die Pflanzenexpertin auch etwas erzählen. In den sechziger Jahren seien Historische Rosen abgeschafft worden, weil sie nicht als modern galten, weiß sie zum Beispiel. „In den siebziger, achtziger Jahren kam dann eine Nostalgiewelle für wurzelechte Duftrosen, und man besann sich auf die Vielfalt von Gemüse.“ Auch heutzutage sei das Interesse an Gemüsesorten bei den jungen Leuten wieder groß, so ihre Beobachtung. Sie und ihr Mann bekommen mit, was in der Gesellschaft gefragt ist, denn sie bieten seit Jahrzehnten Führungen durch ihren Historischen Rosen- und Bauerngarten an und kommen so mit vielen Garteninteressierten und Fachleuten ins Gespräch. Seit mehr als 30 Jahren gibt es im Raum Uelzen die Aktion Offene Gartenpforte, und schon lange vorher öffnete das Niendorfer Paar seine Pforten für die Öffentlichkeit. Vor allem Radgruppen finden ihren Weg zu dem herrlich gelegenen Grundstück und lassen sich in anderthalb bis zwei Stunden die Höhepunkte des Gartens zeigen. Der Garten wird auch von internationalen Gartenfreunden besucht, zum Beispiel aus Belgien, den Niederlanden, England oder Frankreich. Geöffnet ist der Garten jederzeit – wenn die Besitzer da sind, eine Anmeldung ist erwünscht. Der Garten von Heinrich Burmester und Marianne Burmester-Müller weist eine Besonderheit auf: Im Lauf der Jahre haben die beiden Hobbygärtner zahlreiche kleine „Zimmer” und Themengärten entwickelt, die man hier in Norddeutschland so nicht erwartet. So gibt es neben dem Rosen- und Bauerngarten auch einen Kräutergarten im Klos-terstil, eine englische Buchenlaube mit einem gepflasterten Labyrinth, einen Garten der Stille in Anlehnung an einen japanischen Garten, einen toskanischen Wasserlauf sowie einen New-York-Garten mit Manhattan-Skyline. Auch rund 200 verschiedene, zum Teil seltene Gehölze und Bäume pflanzten sie mit der Zeit. Themengärten dieser Art sind selten, das wissen die beiden. Seine Inspiration und Ideen holte sich das Ehepaar auf verschiedenen Gartenreisen durch Deutschland, die Niederlande und Spanien. Auch Gartenschauen und Gartenliteratur gaben immer wieder neue Anstöße. Marianne Burmester-Möller ist an einer zurückhaltenden Dekoration gelegen, und die Gestaltung mit Steinen ist ihr Steckenpferd.

In ständiger Bewegung

Was sich nach viel Arbeit anhört – und auch danach aussieht – empfinden die Burmesters nur halb so anstrengend. „Wir haben eine ausgefeilte Bewirtschaftungstechnik entwickelt. Der Garten muss ja auch Spaß machen”, erklärt Marianne Burmester-Müller. „Es geht immer darum, dass die Pflege einfach ist. Und wenn etwas nicht funktioniert, wird es abgeschafft.” Der Garten ist in ständiger Bewegung, so dass auch Gäste, die regelmäßig wieder kommen, Veränderungen wahrnehmen. Manche Anregungen von Besuchern greifen die Hobbygärtner in der Gestaltung auf. „Zum Beispiel meinten Gäste aus Süddeutschland, im New-York-Garten fehle ein Trump-el-Pfad. Auch diese Gästeidee haben wir umgesetzt”, sagt sie schmunzelnd. „Inzwischen ranken sich schon einige Geschichten um diesen Gag.” Einer ihrer Söhne lebt in New York, und so gaben Besuche in den USA den Anstoß für den New-York-Garten. Ortsschilder dafür brachte sie gleich von dort mit. Der Garten der Burmesters ist in der Umgebung bekannt, auch im Fernsehen und in Gartenratgebern und -büchern tauchte er schon auf. So verwundert es nicht, dass Marianne Burmester-Müller regelmäßig Anrufe von Gartenbesitzern erhält, die Ratschläge suchen – ob zu Sorten, dem Schneiden oder Bezugsquellen von Pflanzen. Mit Schädlingen haben die Burmesters selten zu kämpfen. „Wir arbeiten sehr gezielt mit Pflanzenschutz”, so Marianne Burmester-Müller. Bauerngärten seien traditionell zum Schutz mit kleinen Buchshecken umsäumt, deren Geruch beispielsweise die Raupen vom Kohl fernhalte. Sei der Buchs von Spitzenpilz befallen, könne man diesen zurückschneiden. Auch Unkraut habe sie durch geschickte Bepflanzung und Mulchen kaum. Es gibt unzählige Insekten, Schmetterlinge und sogar das Taubenschwänzchen. Durch das Mulchen entsteht ein Kleinklima mit vielen wichtigen Kleinstlebewesen. Für die Planung der Themengärten liest sich das Ehepaar viel Wissen an – zum Beispiel über japanische Gärten. „Das ist ein sehr schwieriges Planungsthema, da muss man sich sehr schlau machen”, so Marianne Burmester-Müller. Die Trittsteine müssen richtig liegen, denn man schreitet und meditiert am Teich, dabei beobachtet man den Wasserspiegel. Der Teich hat die Form des japanischen Schriftzeichens für Wasser, dieses haben Gäste aus Naruto und Tokio schon bestätigt. Zum Kaiserwechsel in Japan pflanzte sie extra Chrysanthemen, die Wappenblume des Kaisers.

Schlechtes Wetter gibt es nicht

Marianne Burmester-Müller würde gerne noch einen maurischen Garten anlegen, doch es ist zunächst ein mediterraner Garten geworden. „Mich interessiert immer die Kulturgeschichte dazu, und die muslimische Richtung eines maurischen Gartens ist in der Umsetzung ebenso schwierig”, sagt sie. Die schweren Arbeiten bei der Gartengestaltung übernimmt in der Regel ihr Mann, doch für einige Arbeiten haben sie inzwischen einen Helfer eingestellt. „Unfallträchtige Sachen muss man irgendwann abgeben”, meint sie. Die Burmesters verbringen viel Zeit in ihrem Garten, doch die Arbeit hält sich in Grenzen. Die Gartenbesitzerin betont: „Ich muss auf keinen Fall von vorne anfangen, wenn ich gerade hinten fertig geworden bin. Ich will nicht nur mit Pflege beschäftigt sein, ich gestalte lieber.” Das Ehepaar legt Wert darauf, den Spaß am eigenen Garten zu behalten. „Es hat ja auch einen Gesundheitswert. Und schlechtes Wetter gibt es nicht”, so die Niendorferin. Die Hobbygärtnerin setzt auf Pflanzen, die bei uns gut wachsen. Viele Pflanzen würden sich auch aussamen, so dass man manchmal von einem „gepflegten Durcheinander” sprechen könne. Natürlich kann auch ihnen mal eine Pflanze eingehen, und ein heißer Sommer wie in 2018 oder ein frostiger Winter kann zu starken Schäden führen. Doch beregnet werde nicht, wenn die Pflanzen noch gut aussehen. Dafür hat die Expertin eine Erklärung: „Man muss die Pflanzen zum Tiefwurzeln erziehen, und das machen sie erst, wenn sie nicht so viel gegossen werden.” Während sie die größten Vorlieben für ihre Rosen, Alpenveilchen, Christrosen oder Zaubernuss hat, hängt das Herz ihres Mannes eher an den Bäumen, wie der besonderen Mahagonikirsche oder dem rotlaubigen Buchenbogen. Bei der Führung gibt es individuelle Hinweise auf besondere Gewächse wie die alten Rittersporn-Sorten, die beständiger sind als die neuen, die alte Moosrose Cristata Chapeau de Napoleon oder die im Herbst blühenden Sieben Söhne des Himmels. Irgend etwas gibt es immer zu entdecken, auch das Ehepaar Burmester erspäht bei jedem Rundgang etwas Neues. Gerne setzen sich die beiden selbst auf eine Sitzbank in einem ihrer Gartenabschnitte und genießen den Anblick und die friedliche Stille. Doch zur Ruhe setzen sie sich deshalb noch lange nicht. (JVE)

TERMIN: Offene Gartenpforte bei Heinrich Burmester und Marianne Burmester-Müller, Im Dorfe 12, Niendorf bei Bienenbüttel, Samstag und Sonntag, 7. und 8. September, jeweils 10 bis 18 Uhr, Führungen auch ganzjährig nach Vereinbarung, Kosten 3 € pro Person, Tel.
(0 58 23) 3 42, E-Mail burmester.niendorf@gmail.com, www.rosengarten-niendorf.de

Blühende Landschaften

editorial

Blühende Landschaften. Einst versprach der „Kanzler der Einheit“ sie zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung, und inzwischen kann man auch wirklich viel von ihnen sehen und erleben. Die Wirtschaft boomt (zurzeit jedenfalls) 30 Jahre danach in vielen Regionen der Republik. Die meis-ten Menschen sind in Arbeit, und die Feldränder blühen in herrlichen Farben wie nie zuvor. Ein paar braune Streifen sind in diesem Bild leider auch zu sehen, und sie verlangen durchaus nach Beachtung. Die Schauplätze weltpolitischer Kapriolen, im Wesentlichen von Trumps Unberechenbarkeit verursacht, dürfen uns nicht davon ablenken, dass unsere Demokratie hausintern gefährdet ist, heimtückischer, mutmaßlich politisch motivierter Mord inbegriffen. Im Moment ist vieles in unserer Gesellschaft im Umbruch, auch die (ganz) junge Generation wird aktiv und meldet sich mahnend zu Wort, reklamiert ihr Recht auf ihre körperliche Unversehrtheit in der Zukunft und legt den Finger genau in die Wunde unserer Bequemlichkeit. Sie wollen eigentlich nur eins von uns „Älteren“, welcher Generation auch immer: Wachrütteln und ernst genommen werden. Zurück auf die lokale Bühne geblickt heißt das aber trotz aller Unwägbarkeiten, jede Gelegenheit zu nutzen, mit anderen Menschen Gemeinsames anzugehen, Kultur zu gestalten, Kultur zu leben und zu erleben, die nachfolgenden Seiten sind voll von diesen Gelegenheiten, die sich im Juli und August in unserer Region in Stadt und Land bieten. Bedeutsame Festivals in Luhmühlen, Oldtimer ausgestellt und auch on Tour, Gastspiele des Circus Krone in Lüneburg und Uelzen, Stadtfeste in Uelzen und Bevensen, Theater – und sogar eine Oper unter freiem Himmel kann man mitten in Lüneburgs City erleben. Unsere Termine-Seiten sind also trotz Sommers gespickt mit tollen Angeboten – das klassische Sommerloch gibt’s ja schon längst nicht mehr, und wegfahren lohnt sich daher eigentlich nicht mehr… Highlight: Auf einigen Seiten stellen wir Euch besonders lauschige Plätze in der heimischen Gastronomie vor.

Wir wünschen Euch allen also eine wunderschöne, unbeschwerte Sommerzeit, bleibt uns gewogen, bis Ihr das nächste Heft am 1. September in Händen halten könnt!

Eure stadtlichter

„Ganz verleibt in Baby Emiliy!“

Babyboom im Norden, doch es fehlt an Klinikpersonal

Mehr Wonneproppen für den Norden: Der Babyboom hält an, doch viele Schwangere und junge Mütter finden keine Hebammen und in den zu wenigen und zu kleinen Kreißsälen ist teilweise Schlange stehen angesagt …

„Sie ist sooo süß!“, Julie A. ist ganz verzaubert von ihrer Tochter. Erst ein paar Stunden ist diese auf der Welt. Rund 3.400 Gramm schwer und 49 Zentimeter groß und mit einem niedlichen kleinen Stupsnäschen. Natürlich findet Julie A. – wie könnte es anders sein – dass ihre Tochter die schönste und lieb-ste auf der Welt ist, der Vater René sieht das genauso: „Ich bin ganz verliebt in meine Kleine!“ Die Geburt im Klinikum Lüneburg verlief problemlos: „Ich habe eine tolle Hebamme gefunden“, erzählt die junge Mutter. „Und die hat mir schon sehr geholfen, ich weiß aber, dass nicht alle so ein Glück haben.“ Tatsächlich wird es für schwangere Frauen in Niedersachsen immer schwieriger, eine Hebamme und eine nahegelegene Geburtshilfe-Station zu finden. Das geht aus einem aktuellen Bericht des Landesgesundheitsamtes hervor, den Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) in Hannover präsentiert hat. Die Zahl der Kliniken, in denen Kinder auf die Welt gebracht werden können, ging seit 2003 von 107 auf 71 zurück. Die Zahl der überwiegend im Krankenhaus arbeitenden Hebammen ist laut dem Bericht mit etwas mehr 900 konstant geblieben. Allerdings mussten sie deutlich mehr Geburten betreuen. Außerdem gibt es in Niedersachsen noch knapp 1.200 freiberufliche Hebammen. Von ihnen betreuen aber nur noch rund 100 außerklinische Geburten. 2009 boten dies noch 184 Hebammen an.

Geburt auf dem Klinikparkplatz

Die Situation in und um Lüneburg ist zwar etwas entspannter als beispielsweise in den schwer gebeutelten Landkreisen Wittmund, Diepholz, Vechta und Peine, wo sich rechnerisch weniger als sechs Krankenhaus-Hebammen um tausend Geburten kümmern, doch Personalengpass bei Hebammen (und Ärzten) und überfüllte Kreißsäle gibt es auch hier. Noch ist zwar in Lüneburg kein Kind auf dem Klinikparkplatz zur Welt gekommen wie die Tochter von Julia K. Ihren Fall schilderten der Deutsche Hebammenverband und die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG): Die 35-Jährige war in einem Krankenhaus von einer Ärztin weggeschickt worden, weil alle Kreißsäle belegt waren. Das Kind werde schon nicht in den nächsten 20 Minuten kommen, hatte die Ärztin beschwichtigend gesagt – dabei war die Fruchtblase bereits geplatzt und der Muttermund einige Zentimeter geöffnet. Aber zweifellos schlägt auch am Klinikum Lüneburg der anhaltende Babyboom inzwischen voll durch. Denn das Einzugsgebiet ist riesig, umfasst neben dem Landkreis auch große Teile der Kreise Harburg, Lüchow-Dannenberg, Herzogtum Lauenburg, Ludwigslust, Salzwedel und Uelzen. Um auch in Zukunft eine bestmögliche Versorgung für Mutter und Kind sicherstellen können, muss weiter expandiert und modernisiert werden.

Das bestätigt auch Prof. Dr. Josef Sonntag, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Lüneburg: „In den letzten Jahren hat die Zahl der Geburten faktisch zugenommen. Das führt zu Kapazitätsengpässen.“ Die ganz kleinen Patienten wie Baby Emily sind die ersten, die das zu spüren bekommen. Als wir sie und ihre Mutter frühmorgens wiedertreffen, sind sie gerade erneut in der Klinik – Grund ist eine erhöhte Konzentration von Bilirubin, was auf eine Neugeborenen-Gelbsucht hinweist. Eigentlich relativ harmlos, wenn man die Werte genau im Blick behält. Doch das erwies sich bei Emily offenbar als schwierig. Julie A.: „Die Schwestern waren überfordert, für mich und Emily gab es kein richtiges Zimmer und es fand sich kein Arzt, der bei meinem Kind einen Zugang legen konnte. Die Kleine ist richtig zerstochen, hat sehr gelitten. Immer wieder wurde neu Blut abgenommen.“ Auf Nachfrage bestätigt das Klinikum, dass auf der Station in der Nacht der Aufnahme von Emily und ihrer Mutter alle Zimmer belegt waren, man war an der „Grenze des Machbaren“ und „da laufe eben nicht immer alles so, wie es eigentlich soll.“ Eine Situation, die in Zukunft sogar häufiger eintreten könnte, so eine Klinikmitarbeiterin: „Wir brauchen einfach mehr Zimmer auf der Station und spätestens dann natürlich auch mehr Mitarbeiter. Das würde den Stress vermindern. Wir tun schon alles, aber manchmal ist es eben zu viel.“

Nachtrag: Glücklicherweise hat Emily ihre Gelbsucht inzwischen gut überstanden, es hat sich alles auf natürlichem Weg reguliert. Auch von den vielen Einstichen ist nichts mehr zu sehen. Das kleine Schätzchen ist längst wieder zu Hause und liebt es, auf dem Arm der Mutter zu schlafen und dabei am Daumen zu nuckeln. (RT)