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Sexueller Missbrauch

Wenn Kinder die Täter sind…

In Deutschland werden jeden Tag durchschnittlich 43 Kinder Opfer von sexueller Gewalt. Erschreckend: Immer öfter sind Kinder auch Täter. Lügde, Bergisch Gladbach, Münster: monströse Fälle von massenhaftem Kindesmissbrauch, über die jetzt in den Medien rauf und runter berichtet wird. Hier sind die Täter bekannt, es sind Erwachsene, die, nachdem man sie überführt hat, hart bestraft gehören. Die Politik denkt – getrieben von einer fassungslosen Öffentlichkeit – bereits über Gesetzesverschärfungen nach. Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul, in dessen Bundesland die schrecklichen Taten geschehen konnten: „Kindesmissbrauch kann nicht bestraft werden wie Ladendiebstahl, es ist Mord. Nicht körperlich, aber seelisch.“

Grenze des Erträglichen

Doch was im Zuge der aktuellen Ermittlungen, die selbst erfahrene Kriminalbeamte an die Grenzen des menschlich Erträglichen bringen, dabei oft untergeht: Der sexuelle Missbrauch an Kindern in seiner grausamsten Form ist – glücklicherweise – immer noch die Ausnahme. Alltäglich dagegen ist der sexuelle Missbrauch „im Kleinen“. Und der hat eine Besonderheit: Immer häufiger sind die Täter minderjährig. In einer Umfrage erklärten über 30 Prozent aller Kinder und Jugendlichen bis 16 Jahren, bereits Opfer von sexuellen Übergriffen von Gleichaltrigen geworden zu sein. Diese sexuellen Übergriffe sind laut „Hilfeportal Sexueller Missbrauch“ sehr unterschiedlich in ihrer Intensität, reichen von einmaligen oder weniger intensiven Übergriffen, wie dem Herunterziehen der Turnhose im Sportunterricht, bis hin zu intensiven Übergriffen, wenn beispielsweise ein Mädchen oder Junge gezwungen wird, den Penis eines Jungen zu lecken. Manche sexuellen Übergriffe erinnern in ihrer strategischen Ausführung sehr an Taten von erwachsenen Tätern beziehungsweise Täterinnen. Den Tausch von kinderpornografischen Videos über Messenger-Dienste wie Whatsapp unter Jugendlichen bezeichnete die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) kürzlich bereits als ein „Massenphänomen“. Am 12. Mai berichtete die FAZ von einem 14-jährigen Jungen, der auf Instagram ein kinderpornografisches Video hochlud. Bei der Durchsuchung der Polizei erklärte er: „Das machen doch alle“. Weitere Fälle aus den vergangenen Wochen ließen aufhorchen: In München sollen drei 12- bis 13-jährige Jungs auf einem Schulhof ein gerade elf Jahre altes Mädchen dazu gezwungen haben, ihnen ihr Geschlechtsteil zu zeigen. In Berlin forderte eine Bande von Minderjährigen zwei 14-jährige Mädchen zu gegenseitigen Zungenküssen auf und filmte das. Man könnte noch viele Beispiele nennen, es ist ein bundesweites Phänomen. Keine Region ist frei davon.

Täter und Täterinnen

Laut Bundeskriminalamt (BKA) hat die sexuelle Gewalt gegen Kinder 2019 um neun Prozent auf 15.936 (2018: 14.606) Fälle zugenommen. Außerdem ermittelte die Polizei im vergangenen Jahr in 12.262 Fällen (2018: 7449) wegen kinderpornografischer Delikte. Das entspricht einem Anstieg um fast 65 Prozent. Die Zahlen sind in den vergangenen Jahren stetig angestiegen, im Vergleich zu 2016 haben sie sich mehr als verdoppelt. Immerhin zirka ein Fünftel der registrierten Tatverdächtigen sind dabei Jugendliche. Die Dunkelziffer ist sehr hoch. Auffällig: Taten von Kindern und Jugendliche gegen andere Kinder werden noch weniger angezeigt als die Taten, die von Erwachsenen begangen werden.

Erhebliches Risiko

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig warnte nach Veröffentlichung der letzten Kriminalstatistik im Januar, es bestehe „ein erhebliches Risiko“ für sexuelle Übergriffe durch andere Kinder und Jugendliche. So genanntes sexuell übergriffiges Verhalten von Jugendlichen kann verschiedene Ursachen haben – eigene Gewalterfahrungen als Kind oder Jugendlicher können eine Rolle spielen. Der Wunsch, Macht auszuüben sowie Defizite bei der Einhaltung von Grenzen können dem Verhalten zugrunde liegen. Manche Kinder und Jugendliche wurden unangemessen mit erwachsener Sexualität in der Familie oder durch pornografisches Material konfrontiert. Einige der übergriffigen Mädchen und vor allem Jungen versuchen, eigene Gefühle von Ohnmacht oder Hilflosigkeit zu kompensieren.

Mögliche Kindeswohlgefährdung

Bei sehr jungen Kindern ist manchmal noch die fehlende Kontrolle von Impulsen ursächlich.Massive sexuelle Übergriffe von Jugendlichen und Kindern, die wiederholt stattfinden und die sich nicht durch pädagogische Maßnahmen allein stoppen lassen, können ein Indiz auf eine mögliche Kindeswohlgefährdung des übergriffigen Kindes oder Jugendlichen sein. Pädagogische Fachkräfte sind in diesen Fällen verpflichtet, sich entsprechend Paragraph 8a Sozialgesetzbuch (SGB) VIII fachliche Unterstützung zu holen, auch andere Berufsgruppen, die in beruflichem Kontakt mit Kindern und Jugendlichen stehen, haben einen Anspruch auf diese Unterstützung. Das Problem: Jugendämter sind oft so lausig besetzt, dass ein Sozialarbeiter in den schlimmsten Fällen mehr als 100 Familien betreuen muss. Das kann nicht funktionieren. Welche Spuren sexuelle Gewalt bei Kindern hinterlässt, hängt von vielen Faktoren ab, heißt es vom Kinderschutzbund Lüneburg. Die Folgen sind dabei umso schwerer, je intensiver die Tat war, je häufiger sie geschehen ist, je länger das Opfer mit der Erfahrung allein bleibt, ohne Hilfe zu finden, je mehr an seiner Glaubwürdigkeit gezweifelt wird und je weniger Trost und Zuwendung es erhält. Umgekehrt bedeutet das, dass frühe Hilfe und zugewandte, einfühlsame Reaktionen der Familie und des sozialen Umfelds (auch der Schule) erhebliche Auswirkungen darauf haben, wie gut ein betroffenes Kind diese Erfahrung verarbeiten kann. (RT)

Hier gibt’s Hilfe und Beratung

Pro Familia Lüneburg, Glockenstraße 1, 21335 Lüneburg Tel. (0 41 31) 3 42 60

Kinder- und Jugendtelefon Tel. 116 111
montags bis samstags 14 bis 20 Uhr sowie neu: montags, mittwochs und donnerstags zusätzlich 10 bis 12 Uhr

Deutscher Kinderschutzbund Orts- und Kreisverband Lüneburg e.V. ,  Soltauer Str. 5a, 21335  Lüneburg, Tel. (0 41 31) 8 28 82

www.trau-dich.de
Diese Website klärt Kinder zwischen 8 und 12 Jahren über ihre Rechte, körperliche Selbstbestimmung und sexuellen Kindesmissbrauch auf.

Im Einsatz für den Kaiser

Holger Böttcher arbeitet ehrenamtlich für den
Lauenburger Raddampfer Kaiser Wilhelm

 

Holger Böttcher hat von klein auf ein besonderes Verhältnis zum historischen Raddampfer Kaiser Wilhelm. Der Lauenburger arbeitet ehrenamtlich als Zahlmeister auf dem Museumsschiff. In Lauenburg aufgewachsen und mit einem ständigen Blick auf den Schornstein des Raddampfers, soll „Mein Kaiser Wilhelm” zu den ersten Worten gehört haben, die Böttcher als Kind von sich gab. Für den 50-Jährigen gehörte das Schiff, das in diesem Jahr ebenfalls 50 Jahre in Lauenburg beheimatet ist, immer zu seinem Leben. Seine erste Erinnerung: Als Schüler sollte er im Werkunterricht ein Fahrzeug mit Gummiantrieb bauen. „Da dachte ich mir, ich baue den Kaiser Wilhelm nach”, erinnert sich Böttcher. Das Ergebnis aus Styropor kam so gut an, dass es in Serie gehen sollte: Böttchers Vater hatte Kontakt zum „Vater” des Kaiser Wilhelm, Dr. Ernst Schmidt, und berichtete diesem von seinem Sohn und seinen Werken. Der 13-Jährige erhielt die Erlaubnis, seine Styropormodelle bei der Abfahrt des Raddampfers in Lauenburg an die Fahrgäste zu verkaufen. Zwei, drei Jahre waren Böttchers Modelle ein Verkaufsschlager – dann wollte der Jugendliche mehr. „Das hat mir irgendwann nicht mehr gereicht, ich wollte auf dem Schiff mithelfen”, erzählt er. Als Decksjunge begann Holger Böttcher schließlich seine Karriere auf dem Kaiser Wilhelm. „Ich habe Messing geputzt, Mülleimer geleert und Spinnweben entfernt. Außerdem saß ich als stellvertretender Zahlmeister mit in der Zahlmeisterei”, berichtet der 50-Jährige. „Ich habe vieles durch Learning by doing gelernt.” Zehn Jahre war er in seiner Jugend auf den Fahrten des Raddampfers dabei. „Disco und Frauen waren mir damals gleichgültig.” 1995 war ein Punkt erreicht, als es Böttcher genug war. „Aber den Kaiser habe ich nie aus den Augen verloren.” Erst Jahre später, im Jahr 2013, sollte Holger Böttcher wieder auf dem Kaiser Wilhelm anheuern. „Das Schiff war nicht mehr im optimalen Zustand, und die damalige Crew hatte aufgehört”, so Böttcher. Ein Jahr zuvor waren das Schiff und der dazugehörige Verein zur Förderung des Lauenburger Elbschifffahrtsmuseums führungslos geworden. Der neue Vorsitzende und Kapitän wurde der Lauenburger Reeder Markus Reich. Bei einem Treffen der beiden fragte Reich ihn, ob er nicht wieder auf dem Kaiser Wilhelm anheuern wolle. „Ich habe eine Nacht überlegt, es war wirklich eine Herzenssache”, so Böttcher.

Gebaut für die Oberweser

Vier Jahre lang war Holger Böttcher ab 2013 ehrenamtlicher Geschäftsführer des Fördervereins, außerdem einige Jahre als Mitarbeiter der Stadt Lauenburg Museumsmanager des Elbschifffahrtsmuseums. Heute ist er als „Zahlmeister” für die Erstellung der Fahrpläne, Organisation von Sonderfahrten und das Abkassieren der Fahrgelder an Bord zuständig. Auch den Internet- und Facebook-Auftritt des Schiffes pflegt er. Die erste große Tour, die der Zahlmeister von vorne bis hinten planen sollte, war eine Sonderfahrt mit dem Raddampfer nach Dresden, wo er im Jahr 1900 gebaut worden war. 2015 fand die Fahrt, die für Böttcher mit einem riesigen Organisationsaufwand verbunden war, schließlich statt. „In ein bis anderthalb Jahren habe ich gelernt, wie man sowas organisiert”, berichtet er. Dazu gehören unter anderem die Berechnung der Etappen und die Zusammenarbeit mit Reiseunternehmen, die sich um Gepäck und Unterkünfte an Land kümmern. 2017 war das Schiff dann zum ersten Mal in Berlin. Gebaut wurde der Raddampfer Kaiser Wilhelm ursprünglich für die Oberweser-Dampfschifffahrt. Das 1910 noch einmal verlängerte Schiff hat seitdem eine Länge von gut 57 Metern und kann maximal 270 Fahrgäste transportieren. Es hat eine gemächliche Reisegeschwindigkeit von maximal 14,5 Stundenkilometern. Von 1900 bis 1970 war das Schiff ausschließlich im Liniendienst auf der Weser, bis es schließlich verschrottet werden sollte. „Dr. Ernst Schmidt ergriff die Initiative und sagte 1970: Ich hole das Schiff als Eins-zu-eins-Modell für unser Museum”, erzählt Böttcher. Wie viel Geld der Lauenburger Verein für das Schiff damals zahlte, ist unbekannt. Schmidt und seine Crew überführten das Schiff im Oktober 1970 schließlich über den Mittellandkanal, Magdeburg und die damalige DDR nach Lauenburg, wo es inzwischen zu einem Wahrzeichen geworden ist. „Seit 20, 30 Jahren finden es die Leute an der Weser schade, dass das Schiff nach Lauenburg verkauft wurde”, sagt Böttcher. „Es ist heute noch sehr beliebt an der Weser. Die Leute kommen extra von da, um sich das Schiff hier anzusehen.” Als er im vergangenen Jahr an der Oberweser zu Besuch war, war er fasziniert, wie herzlich die Leute auf ihn in seiner Kaiser-Wilhelm-Jacke reagierten und wie oft er angesprochen wurde.

Doppeljubiläum im Jahr 2020

Lauenburg kann stolz sein auf das Museums-Exponat in Originalgröße. Mit der Aufnahme der historischen Elbfahrten des Kaiser Wilhelm von Lauenburg aus wurde die erste deutsche Museumsdampferlinie begonnen. Das Schiff ist einer von weltweit nur fünf Raddampfern, die noch mit Kohle befeuert werden. „In seiner Lebenszeit hat er jetzt den dritten Dampfkessel, aber die Maschine ist weitestgehend im Originalzustand”, so Böttcher. Rund 1,5 Millionen Euro wurden gerade in Dampfkessel, Heck und Rudermaschine investiert. Dazu gab es 950.000 Euro Fördermittel vom Bund, den Rest muss der Verein selbst tragen. In diesem Jahr feiert der Raddampfer ein Doppeljubiläum: Zum einen ist er seit genau 50 Jahren in Lauenburg heimisch, zum anderen ist er genau 120 Jahre alt. „120 Jahre lang ist das Schiff jedes Jahr gefahren, selbst in Kriegszeiten. Es hat immer alles funktioniert”, so Böttcher. Das Doppeljubiläum sollte 2020 der Anlass sein für eine besondere Fahrt zur Weser, wo es einst im Einsatz war. Am 17. Juli sollte es in Lauenburg losgehen zu einer 17-tägigen Tour mit zahlreichen Zu- und Ausstiegen und Übernachtungen an Land. „Wir hatten über 3.000 Anmeldungen”, erklärt Holger Böttcher, der die gesamte Reise organisiert hat – und alles wegen der Corona-Pandemie wieder stornieren musste. „Mir persönlich war das relativ früh klar, dass die Reise ausfallen muss”, so Böttcher. Um den Sohn des letzten Weser-Kapitäns Adolf Kruse, Jan, als Lotsen mitnehmen zu können, musste die Weserfahrt nun um ganze zwei Jahre verschoben werden. Holger Böttcher freut sich, dass viele Gäste, die die Reise gebucht hatten, ihre Buchung aufrecht erhalten. „Es ist etwas sehr Emotionales, wieder an die Weser zu fahren”, meint er. 25 bis 30 Ehrenamtliche waren als Besatzung für die Weser-Reise eingeplant. Fährt das Schiff nach Plan von Lauenburg nach Bleckede oder Hitzacker, sind in der Regel 15 Ehrenamtliche an Bord. Der Verein ist auf die Mitwirkung von Ehrenamtlichen angewiesen und kann immer Hilfe gebrauchen. „Man muss da nichts gelernt haben, nur bereit sein, von anderen Rat anzunehmen”, erklärt der Zahlmeister. Zwar verfüge der Verein über rund 350 Mitglieder, doch die wenigsten würden vor Ort leben und könnten in irgendeiner Form mithelfen.

Schwimmendes Museum

Auch für Holger Böttcher, der hauptberuflich als Kaufmännischer Angestellter arbeitet, geht für sein Ehrenamt viel Freizeit drauf. „Ich bin jeden Tag mit dem Schiff beschäftigt. Ich habe auch schon am ersten Weihnachtstag einen Anruf bekommen von jemandem, der das Schiff chartern wollte.” Über „das Schiff” hat Böttcher vor einigen Jahren auch seine Lebensgefährtin Magret kennengelernt, die als Schatzmeisterin für den Verein tätig ist und auch Dienste an Bord übernimmt. Magret lebt in Hohnstorf auf der anderen Elbseite und ist mit dem Anblick des Raddampfers vor Lauenburg ebenfalls aufgewachsen. Der Raddampfer Kaiser Wilhelm ist gewöhnlich jedes Jahr von April bis Anfang Oktober an 12 bis 13 Wochenenden unterwegs, von Lauenburg nach Bleckede, Hitzacker oder Hamburg – oder als Mottofahrt mit Musik. Pro Saison werden rund 5.000 bis 6.000 Fahrgäste befördert. „Wir sind zum Glück nicht immer ausgebucht”, so Böttcher, „das würde die Besatzung nicht immer schaffen.” So seien samstags und sonntags immer 250 bis 270 Fahrgäste an Bord, 200 seien aber angenehmer. Der Raddampfer ist eine Art „schwimmendes Museum”: Wer Interesse hat, kann während der Fahrt auch einen Blick in den Maschinen- und Kesselraum werfen. Auch Deutschlands einzige Schiffs-Poststelle befindet sich seit 2006 an Bord. 2016 war ein Fernsehteam des NDR an Bord des Kaiser Wilhelm, um eine Fahrt mit dem Raddampfer von Lauenburg nach Hamburg in Echtzeit aufzunehmen. Diese wurde Pfingsten 2017 unter dem Titel „Die Elbe. Ganz in Ruhe” ausgestrahlt – fünf Stunden lang. „Danach konnten wir uns bei Hamburg-Fahrten vor Fahrgästen nicht mehr retten”, berichtet Holger Böttcher. Grundsätzlich empfiehlt er, sich für alle Fahrten rechtzeitig anzumelden.

Zu schmal für Mindestabstand

Die Corona-Pandemie macht dem Fahrplan des Kaiser Wilhelm zurzeit noch einen Strich durch die Rechnung. „Das Schiff ist 4,50 Meter breit, da ist das mit dem Mindestabstand ganz schwer“, meint Holger Böttcher. Aus Denkmalschutzgründen sei das Aufstellen von Plexiglasscheiben nicht erlaubt, zudem gebe es Probleme mit dem Durchfahren verschiedener Länder und Landkreise, da überall unterschiedliche Bestimmungen gelten würden. „Ich hoffe, dass wir im August wieder anfangen können, aber dann bestimmt mit einem anderen Fahrplan. Wir wissen noch nicht, was wir dürfen”, erklärt er. Auch der Förderverein des Lauenburger Elbschifffahrtsmuseums kann in Krisenzeiten jeden Cent gebrauchen, denn Fixkosten wie Versicherungen und Miete fallen natürlich trotzdem an. Der Raddampfer liegt zurzeit noch in der Hitzler-Werft in Lauenburg und wäre nicht sofort fahrbereit. Holger Böttcher weiß aus Erzählungen viel über das Schiff und ist der Einzige der heute noch Aktiven, der Dr. Ernst Schmidt persönlich kannte. Er kann sich momentan nicht vorstellen, seinen Einsatz für den Raddampfer irgendwann aufzugeben, zu groß ist die emotionale Bindung: „Es gibt Momente, wo ich sage, ich höre auf. Aber es gibt noch einige Ideen für Projekte. Ich will in fünf Jahren noch den 125. feiern und noch eine größere Reise machen. Es macht verdammt viel Arbeit und verdammt viel Spaß, eine Dampferfahrt wie 1900 für die Nachwelt aufrecht zu erhalten.” (JVE)

Normal. Normal!

editorial

Noch hat sie nicht begonnen, die Zeit nach Corona. Noch muss man von der Zeit mit Corona reden – und vor allem denken. Dass das einigen egal ist oder besonders schwer fällt, sieht man hin und wieder bei ausgelassenen Partys, die geplant oder spontan stattfinden – jedenfalls ohne Distanz und Schutz. Sich anzustecken ist das Eine, aber in Kauf zu nehmen, andere zu infizieren, das Andere. Nur weil es immer neue Lockerungen gibt, die Kulturbetriebe wie Theater und Kino wieder aufleben, die Gaststätten wieder rege werden, auch Reisewarnungen aufgehoben werden, ist das Virus ja nicht einfach weg. Wir werden uns wohl daran gewöhnen müssen, dass „Normal“ eine andere Bedeutung gewinnt. Der Tourismus wächst nur verhalten wieder, die Urlaubspläne fallen bescheidener aus, das Fahrrad als Verkehrsmittel erfreut sich steigender Beliebtheit – überall verändert Corona unser Leben. Bis es wieder normal ist, Großveranstaltungen wie Konzerte, Volksfeste, Open-Air-Festivals nach Lust und Laune unbeschwert buchen zu können, in der Gewissheit, dass sie auf jeden Fall stattfinden, wird noch dauern. Veranstalter, Veranstaltungstechniker, die Schausteller und viele mehr bangen derweil immer noch um ihre Existenz. Dass kreative Ideen auch oder vielmehr besonders in Krisenzeiten Platz haben, sehen wir tagtäglich, und davon zeugt auch das aktuelle Magazin für Juli/August, für das wir wieder viel zusammentragen konnten – es liegt nun in Eurer Hand, diese Angebote anzunehmen und das vielfältige Engagement zu honorieren. Außer vielen Veranstaltungen für Geist und Seele findet Ihr in den Karriereseiten dieser Ausgabe interessante Stellenangebote, diesmal vor allem für Ausbildungsstellen, Studienplätze und FSJ-Plätze, Ihr findet Gastronomiebetriebe, die sich durch besondere Lage und Angebote zu Lieblingsplätzen mausern können, Interessantes zum Thema Mobilität und last but not least ein paar reizvolle „Must Haves“ und leckere Rezepte.

Wir wünschen Euch allen eine wunderschöne coronafreie Sommerzeit, bleibt uns gewogen und freut Euch auf die nächsten stadtlichter, die wir Euch wie gewohnt nach unserer Sommerpause Ende August liefern werden.

Eure stadtlichter

„Der Feind hört mit!“

Nimmt häusliche Gewalt wegen Corona zu oder doch nicht? Viele Opfer haben offenbar Angst, sich zu melden …

Werden der Lockdown und die Corona-Quarantäne zu mehr häuslicher Gewalt führen? Viele Psychologen, Politiker, aber auch Polizei und der Opferschutzverein „Weisser Ring“ haben zu Beginn der Virus-Beschränkungen einen signifikanten Anstieg prophezeit.

Stressfaktoren steigen – Aggressionen nehmen zu

„Die Corona-Krise zwang und zwingt die Menschen weitgehend, in der Familie zu bleiben, hinzu kommen Stressfaktoren wie finanzielle Sorgen und Zukunftsunsicherheit. Diese Spannung kann sich ganz schnell in Gewalt entladen“, warnte Jörg Ziercke, Bundesvorsitzender des Weissen Rings. Zumindest die Rückmeldungen aus den 550 bundesweiten Jugendämtern scheinen dieses „Horrorszenario“ jedoch nicht zu bestätigen. Noch nicht. „Aus den Ländern bekommen wir derzeit unterschiedliche Rückmeldungen. Es gibt ein Stadt-Land-Gefälle“, sagt Bundesfamilienministerin Franziska Giffey. In ländlichen Regionen, wo es mehr Möglichkeiten gebe rauszugehen und wo Menschen nicht so sehr auf engem Raum lebten, sei das Konfliktpotenzial nicht so hoch. Auch die Polizei Lüneburg meldet „eine aktuell ruhige Einsatzlage“. Das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) will sich zum Thema nur vorsichtig äußern: Bundesweit habe es im März keinen, in den ersten drei Aprilwochen etwa 20 Prozent mehr an Beratungskontakten gegeben. „Ob sich daraus ein stabiler Trend entwickelt, gilt abzuwarten und lässt sich derzeit schwer beurteilen“.

Hohe Dunkelziffer -befürchtet

Gewarnt wird allenthalben vor einer hohen Dunkelziffer. Niedersachsens Justizministerin Barbara Havliza ruft darum dazu auf, in diesen Wochen bei dem Thema „Häusliche Gewalt“ besonders wachsam zu sein. „Wir wissen nicht, was hinter den vielen geschlossenen Türen passiert. Umso wichtiger ist es, dass Nachbarn, Freunde und Verwandte jetzt ganz genau hinsehen und hören, was in ihrer unmittelbaren Nähe passiert“.  Statistisch, also von den Behörden beziehungsweise der Polizei erfasst, wird knapp alle vier Minuten ein Mensch Opfer von Gewalt in den privaten vier Wänden. Das sind etwa 135.000 Fälle im Jahr. Tatsächlich sollen es aber mehr als eine Million sein. Und Corona könnte da jetzt noch einmal zu einer Verdopplung geführt haben. Verwiesen wird von Experten in diesem Zusammenhang sehr oft auf die Erfahrungen während der Weihnachtsfeiertage. Denn rund um das Fest der Liebe steige die häusliche Gewalt regelmäßig an, da Familien „deutlich mehr Zeit miteinander verbringen als üblich“.

Alarmsysteme beeinträchtigt oder blockiert

Gemeldet würde diese wiederkehrende weihnachtliche Gewalt aber erst sehr viel später, weil die meisten Alarmsysteme und Meldekanäle beeinträchtigt oder ganz blockiert seien – insbesondere für Kinder und Jugendliche: Ihre regelmäßige Begegnung mit und Beobachtung durch Lehrkräfte oder Kita-Personal entfällt. Generell sind zudem unbeobachtete Anrufe für Opfer dann auch seltener als sonst möglich, schließlich „hört der Feind mit…“

Barrieren durchbrechen

Eine ähnliche Situation, nur eben noch strikter, sei auch jetzt gegeben: Behördliche und freie Jugendhilfe seien zwar weiter mit den Familien in Kontakt, die dem Jugendamt bekannt sind, heißt es. Wenn es nun aber auch in anderen Haushalten zu Gewalt komme, stelle sich die Frage, ob wahrheitsgetreue Informationen darüber überhaupt bei der Jugendhilfe und anderen helfenden Institutionen ankommen. Wichtig sei es darum, so schnell wie nur möglich die Barrieren von drinnen nach draußen zu durchbrechen. Damit jeder auch wieder die Hilfe bekommt, die er benötigt. (RT)

Hilfe in der Not

Kinder- und Jugendliche, die Hilfe suchen, können sich an die deutschlandweite, kostenfreie Nummer 116 111 wenden. Für Mütter, Väter oder Großeltern gibt es die 0800 111 0550.

Die Opferhelferinnen und Opferhelfer des Weissen Rings sind täglich von 7 bis 22 Uhr unter der bundesweiten Rufnummer 116 006 erreichbar.

Beratungs- und Interventionsstelle Lüneburg: Tel. (0 41 31) 2 21 60 44

Weitere Informationen: gegen-gewalt-in-der-familie.de; www.opferhilfe.niedersachsen.de.

Zur Sensibilisierung für Taten in der Nachbarschaft hat die Koordinierungsstelle „Häusliche Gewalt“ beim Landespräventionsrat Niedersachsen im Justizministerium gemeinsam mit dem Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung Flyer und Poster entwickelt. Diese verdeutlichen, dass eine aufmerksame Nachbarschaft die beste Prävention ist. Und sie zeigen auf, was man tun kann, wenn man häusliche Gewalt in der Nachbarschaft bemerkt. Die Papierversion von Flyer und Poster können bei der Geschäftsstelle des Landespräventionsrates Niedersachsen bestellt werden (info@lpr.niedersachsen.de). Digital sind sie unter lpr.niedersachsen.de abrufbar.

Wenn die Kirmes stillsteht

Die Adendorfer Schaustellerfamilie Voß bangt um ihre Zukunft

Familie Voß ist in dieser Jahreszeit normalerweise nicht zu Hause. Für die Schausteller wäre jetzt Hochsaison. Doch wegen der Corona-Pandemie können sie bis mindestens Anfang September nicht arbeiten. „Ich bin so durcheinander, dass ich nicht einmal weiß, wo wir jetzt gerade wären”, so Paul Voß. Mitte März wäre für die Schaustellerfamilie die Saison losgegangen, dann wären sie mit ihren Lastwagen mitsamt Greifer-Automaten nach Hamburg gefahren, um ihr Geschäft für den Hamburger Frühlingsdom aufzubauen, der am 27. März beginnen sollte. Doch dann kam das Coronavirus, und alles wurde anders. „Als wir vom Verband gehört haben, dass der Frühlingsdom ausfällt, ist für uns schon eine Welt zusammengebrochen”, erzählt Peggy Voß. „Wir hatten gehofft, den Dom mit besonderen Hygienemaßnahmen noch hinzubekommen.” Schon während der ausgefallenen 31 Spieltage des Doms hofften die Schausteller, ihre Saison nur etwas verspätet beginnen zu können. „Wir hatten das Thema jeden Tag im Kopf, hofften auf Mai, auf kleine Veranstaltungen” so Paul Voß. Dass Mitte April von Bund und Ländern alle Großveranstaltungen bis zum 31. August untersagt wurden, ist für die Schausteller eine Katas-trophe. Familie Voß arbeitet in der Regel von März bis Weihnachten, je nach Fest mit Greifer-Automaten, Crepesstand oder Schwenkgrill. Auf dem Weihnachtsmarkt in Lüneburg fällt am 23. Dezember gewöhnlich die letzte Klappe. Doch durch das Verbot fällt nun mindestens mehr als die Hälfte ihres Jahreseinkommens weg. Die Zeit der Coronakrise bedeutet für sie eine Achterbahn der Gefühle. „Einen Tag ist man optimistisch, und den nächsten will man manchmal gar nicht aufstehen”, so Peggy Voß. Sie hofft auf Lockerungen zum September, damit sie irgendwie durch den Winter kommen. „Das Oktoberfest in Lüneburg wäre das erste für uns. Aber wir wissen noch nicht, wie die Leute dann weggehen und Geld ausgeben, sie müssen sich ja erst daran gewöhnen”, meint Paul Voß. Die Familie hat Verständnis für die Absagen der Großveranstaltungen. „Gesundheit geht natürlich vor. Aber kleinere Veranstaltungen wie Schützenfeste oder Dorffeste wären vielleicht gegangen”, meint Peggy Voß, „für die Gastronomie gibt es ja auch Regelungen.” Ihr und ihrem Mann fällt es zunehmend schwer zu verstehen, dass sie ihre Arbeit komplett einstellen müssen. „Das Verständnis hört langsam auf”, sagt sie.

Viel Zeit zu viert

Nicht nur Paul und Peggy Voß (beide 42) wohnen zurzeit dauerhaft in ihrem Wohnwagen auf dem Betriebsgrundstück im Gewerbegebiet in Adendorf, auch ihre Kinder Henry (14) und Helene (12), die die Schule am Katzenberg besuchen, sind seit Mitte März zu Hause. Für die vierköpfige Familie heißt das: Hausaufgaben auf engem Raum, Arbeiten auf dem Gelände und ungewöhnlich viel Zeit zu viert. „Meine Frau managet jetzt alles mit der Schule, denn die Kinder haben tausend Fragen”, so Paul Voß. Auf dem Plan stehen nun plötzlich Radtouren, Sport und Grillen mit der Familie. „Für uns als Familie ist das natürlich schön, wir kommen ja sonst nicht dazu”, sagt der Familienvater. „Ich kann mich auch schon mal in Ruhe hinsetzen, aber sobald die Sonne scheint, denken wir: Heute hätten wir schön Geld verdienen können. Wenn man bedenkt, wie der April war und wir waren zu Hause, dann brennt einem das Herz.”

Stillstand kennt die Schaustellerfamilie nicht. Die Eltern und ihre Kinder nutzen die Zeit, um ihren Crepesstand auf Vordermann zu bringen, der gewöhnlich in der Winterzeit auf Märkten ebenso zum Einsatz kommt wie ihr markanter Schwenkgrill mit Weihnachtspyramide. Renovierungsarbeiten laufen normalerweise nebenher, während das Geschäft an anderer Stelle brummt – nun kann die ganze Familie mit anpacken. Ein Aspekt, den Paul Voß durchaus auch positiv bewertet. „Vor allem unser Sohn weiß manchmal gar nicht, was es bedeutet, Schausteller zu sein. Die Kinder sind ja sonst in der Schule, und wir haben Personal, das uns hilft, an den Hütten was zu machen. Durch diese Zeit hat gerade unser Sohn sehr viel gelernt, was Werkzeug und Material angeht”, erklärt er. Ihre Tochter Helene sei da anders, habe schon immer das Geschäft mehr durchblickt. Zwar gab es auch für Familie Voß eine Corona-Soforthilfe für die laufenden Betriebskosten – doch auch diese ist bereits aufgebraucht. Die Familie spart nun, wo sie kann, lebt von kleinen Rücklagen. Noch im vergangenen Jahr hatten sie neue Greifer-Automaten angeschafft, viel Geld inves-tiert. Kredite müssen nun zurückgezahlt werden. Einen Laster wollten sie neu lackieren lassen, hatten über die Vergrößerung ihres Grundstücks nachgedacht, doch das können sie jetzt vergessen. Stattdessen hat Familie Voß mehrere Laster abgemeldet und Versicherungen auf Eis gelegt. Auch auf Reisen, wie sie sie normalerweise im Januar oder Februar machen, um mal zu viert wegzukommen, müssen sie wahrscheinlich in den nächsten Jahren verzichten. Ihren rumänischen Saisonarbeitern mussten sie vorerst absagen – auch diese wissen nun nicht, wie sie über die Runden kommen sollen. Zudem mussten sie bei ihren Lieferanten Bestellungen stornieren, zum Beispiel von Plüschtieren für die Greifer. „Nun haben wir natürlich auch Angst, dass unsere Zulieferer pleite gehen”, so Peggy Voß.

Hoffen auf den Rettungsschirm

In der Krise wird für die Schausteller deutlich, dass die jeweilige Branche entscheidend dafür ist, wie sie jetzt über die Runden kommen. „Wir haben von Kollegen gehört, die ihre Buden an der Tankstelle oder vor dem Supermarkt aufgestellt haben, aber einen Crepes kann man nicht gut mitnehmen, er muss ja warm sein”, so Paul Voß. Ihre Greifer können sie ebenfalls nicht einfach irgendwo aufstellen. Genauso geht es den Karussellbetreibern. Alle Schausteller hoffen nun auf einen Rettungsschirm von der Regierung. Krisen wie diese kannte Familie Voß bisher nicht. „Meine Mutter hat erzählt, selbst im Krieg durfte man seine Buden noch aufbauen”, berichtet Peggy Voß. „Sie hat nicht geglaubt, dass sie mit 80 noch mal Stubenarrest bekommt.” Die Schaustellerkollegen in ihrem Lüneburger Verband stehen im regelmäßigen Kontakt. „Die Stimmung ist überall am Boden”, so Paul Voß. Für das Ehepaar bedeutet der Ausfall der Arbeit nicht nur einen hohen finanziellen Verlust. „Als Schausteller mischen sich das private Leben und die Arbeit, denn das Leben findet ja den ganzen Tag auf dem Fest statt. Uns fehlen auch die ganzen Freunde und Bekannten”, meint Peggy Voß. Sollte es keinen Rettungsschirm für die Schausteller geben, fürchtet Familie Voß um das Aussterben ihres Gewerbes. „Wir reden nicht nur über die Kirmes, sondern über ein großes Stück Kultur”, meint Paul Voß. „Das Karussell ist 400 Jahre alt und muss sich immer weiter drehen”, ergänzt seine Frau. „Das Volksfest ist ein Antidepressivum für die Gesellschaft, und es ist ja auch unsere Berufung, den Leuten Freude zu bringen. Es wäre also auch wichtig für die Gesellschaft, dass es weiter geht, vom Finanziellen ganz abgesehen.”

Als Schausteller geboren

Paul und Peggy Voß stammen beide aus Lüneburger Schaustellerfamilien. Schon ihre Mütter waren Freundinnen, lernten sich im Krankenhaus kennen, als Paul und Peggy geboren wurden. Die beiden kannten sich bereits als Kinder, verloren sich aber aus den Augen, als Pauls Mutter mit ihm nach Kassel zog. Seine Großeltern betrieben ein Karussell und einen Zuckerwattestand. Mit 20 Jahren traf er Peggy auf dem Weihnachtsmarkt in Lüneburg wieder, und sie wurden ein Paar. Auch wenn es heute nicht mehr selbstverständlich ist, übernehmen gewöhnlich die Kinder von Schaustellern den elterlichen Betrieb. „Schausteller ist ja kein Beruf, da wird man reingeboren”, meint Peggy Voß. „Es ist selten, dass man einen anderen Beruf erlernt.” Auch für ihre Kinder ist schon klar, dass sie später Schausteller werden wollen. „Unsere Tochter hat es im Blut, sie ist geborene Schaustellerin und hat das schon total im Blick. Sie ist geprägt durch unseren Beruf.” Paul und Peggy Voß sind „Kirchturmreisende”, das heißt, sie reisen mit ihrem Geschäft in einem relativ kleinen Radius rund um ihr Zuhause. Gearbeitet wird auf Festen in nicht mehr als 80 Kilometern Entfernung, Ausnahmen bilden Paderborn und Cuxhaven. Durch den kleinen Radius sind die Eltern regelmäßig zwischendurch in Adendorf, wohnen dort sogar, wenn die Märkte nah dran sind. Aus diesem Grund können ihre Kinder eine feste Schule vor Ort besuchen und bei Peggys Eltern wohnen, wenn sie nicht da sind.

Noch lange nichts normal

Weil Pauls Mutter nach der Trennung von seinem Vater in einem großen Radius reiste, kam er als Grundschüler in eine Pflegefamilie in Kassel, wo er zehn Jahre lang unter der Woche lebte. Seine Mutter sah er an den Wochenenden, seine Großeltern besuchten ihn oft. Neben der Pflegefamilie war für Schausteller früher auch die Beschulung im Internat eine Alternative, doch beides ist nicht mehr so verbreitet. Peggy, die zunächst in Adendorf zur Schule ging und bei ihrer Großmutter lebte, wenn ihre Eltern unterwegs waren, reis-te nach dem Tod ihrer Oma mit den Eltern mit und besuchte so fünf bis sechs Schulen im Jahr. Doch nicht alle Schulen waren gut, der ständige Wechsel schwierig. Um für mehr Kontinuität im Schulalltag zu sorgen, bildeten die Schaustellerkollegen schließlich Fahrgemeinschaften und brachten ihre Kinder zum Beispiel vom Hamburger Dom jeden Morgen zu ihren Schulen im Landkreis Lüneburg. „Alle Kinder waren im verschiedenen Alter und in verschiedenen Schulen”, erinnert sich Peggy Voß, die ab der 7. Klasse wieder fest in Adendorf zur Schule ging. Auch wenn ihre Kinder ab Juni wahrscheinlich wieder eingeschränkt zur Schule gehen können, wird für Familie Voß noch lange nichts wieder normal sein. „Wir waren die ersten, die eingesperrt wurden und sind die letzten, die freigelassen werden”, meint Paul Voß schmunzelnd. Ihm ist bewusst, dass es hätte schlimmer kommen können: „Wir haben hier trotz allem nichts auszustehen. Wir können viel raus, alle machen viel Sport, und es ist für uns keine Umstellung, immer zusammen zu sein.” (JVE)

Maskenball

editorial

Ja, zugegeben, das Shoppen mit Maske macht (noch) nicht so richtig Spaß, aber so langsam gewöhnt man sich dran. Und für den Notfall haben wir sogar schon die Einmal-Papierversion zwischen den Geldscheinen deponiert… wir wollen ja schließlich nicht schon an der Security hängen bleiben. Etwas, was schon zu Disco-Zeiten prima geklappt hat, soll nun nicht beim Brötchen holen scheitern. Man kann dem Maskenball auch eine sympathische Variante abgewinnen, denn was ist schöner, als Leute, die man trotz Maske erkannt hat, beim Einkauf mit Namen zu begrüßen – um sie dann im Regen stehen zu lassen, weil sie uns auf die Schnelle gar nicht erkannt haben. Übrigens, sollte Euer Gegenüber mal ein vermeintlich asiatisches Aussehen haben, so liegt‘s nicht etwa an der in China hergestellten Maske, sondern an seinem Lächeln unter der Maske… probiert es mal vor Eurem Spiegel. So kann man sich das Dilemma versüßen und wieder neuen Spaß beim Einkaufen gewinnen…

Dass wir so langsam wieder zu mehr Normalität zurückgekehrt sind, lässt sich besonders daran erkennen, dass sich schon wieder Staus auf den Zufahrtsstraßen bilden und die Touris wieder um die Ecken schauen – wenngleich auch noch zaghaft.  Am 16. März gab Lüneburgs Landrat den ersten am Coronavirus Erkrankten bekannt, kurz vor Druck dieses Magazins am 22. Mai kam von ihm die erlösende Botschaft „Der Landkreis Lüneburg ist coronafrei“, hat also keinen aktuell Erkrankten mehr. Gleichwohl sind die immensen Auswirkungen der Pandemie, der Stillstand des öffentlichen Lebens in nahezu allen Bereichen, zu spüren – viele leiden, viele werden auf der Strecke bleiben. Nicht wegen der Einschränkungen, sondern wegen der in Schwere und Verbreitung nicht einzuschätzenden Krankheit.  Mit aller gebotenen Vorsicht arbeiten auch wir weiter daran, den Wunsch unserer Leser nach Information, Unterhaltung und Abwechslung zu bedienen – gleichwohl überholen uns trotz sorgfältiger Themenauswahl immer wieder die Ereignisse, erst im Negativen, nun zum Glück auch schon wieder im Positiven. Also lasst uns gemeinsam mit genügend Distanz die steigende Zahl der Dinge genießen, die wieder möglich sind. Darunter insbesondere die Freizeitaktivitäten, die kreativen Ideen der Kulturschaffenden, die köstlichen und geselligen Angebote der heimischen Gastronomen.

In diesem Sinne wünschen wir Euch einen schönen und coronafreien Monat Juni – bleibt gesund und munter!

Eure stadtlichter

„F…Dich, DFB!“

Was die Fussball-Ultras denken und wirklich wollen

Von den Ultras in den Fußballstadien hört man derzeit nichts. Kein Hurensohn-Gegröle, kein Fadenkreuz-Plakat. Wie auch? Ihre Bühne wurde ihnen genommen. Seuchen-Pause in der Bundesliga. Doch wenn wieder angepfiffen wird, und es gibt ganz sicher ein Fußball-Leben nach Corona, kriechen auch die Ultras, die sich als die einzig wahren Fans der Fußball-Klubs verstehen, rund 25.000 an der Zahl, aus ihren Löchern … Über die Ultras hat jeder Fußballfan eine eigene Meinung. Für die einen sind sie Spinner, die Pyros und Hassplakate ins Stadion bringen. Für die anderen sind sie die Einzigen, die auf den Tribünen für Stimmung sorgen und ohne die es keine spektakulären Choreos geben würde. Wie so oft im Leben ist beides richtig. Dass im Fußball der Kommerz überhand genommen hat, wird wohl auch der Nicht-Ultra kaum bestreiten. Dass dagegen protestiert werden kann, vielleicht sogar sollte, bleibt auch die Wahrheit. Und dass Fußball ohne Fans, die bei Wind und Wetter ihren Teams die Treue halten, wie ein Swimmingpool ohne Wasser ist, ebenso. Doch es muss Grenzen des Protestes geben. Und ein Ende der kitschigen Fußball-Romantik, denn die ist wie religiöser Fanatismus. Unbelehrbar.

Hass-Symbol der Ultras

Multimiliardär Dietmar Hopp ist das Hass-Symbol der Ultras, sein Konterfei ist auf den Fadenkreuz-Plakaten zu sehen. Ein Ehrenmann, der eigentlich ein Denkmal verdient hätte, meint Bayern-Präses Rummenigge. Tatsächlich hat der SAP-Mitgründer in der Rhein-Neckar-Region viele Millionen aus seinem Vermögen für soziale Zwecke und den Sport gegeben. Vor allem natürlich für seinen Heimatverein 1899 Hoffenheim, bei dem er in der Nachkriegszeit selbst als Stürmer gekickt hatte. Aus dem einstigen Dorfclub wurde mit den Hopp-Euros ein etablierter Bundesligist und Europapokal-Teilnehmer. Und genau das stößt vielen Ultras übel auf. Zwar gibt es auch Bayer Leverkusen und den VfL Wolfsburg. Hinter diesen Klubs stehen aber große Unternehmen, kein einzelner Gönner. An RB Leipzig, den Red-Bull-Konzern und Brause-Tycoon Dietrich Mateschitz war 2008, als die ers-ten Schmähungen gegen Hopp begannen, noch nicht zu denken. Man fragt sich: Sind den Ultras alle die Millionäre und Milliardäre lieber, die ihr Geld für ein Luxus-Lotterleben in Saus und Braus rausschmeißen? So scheint es wohl zu sein.

Solidarisierung nach Kollektivstrafe

In den letzten Wochen nahmen die Fan-Beleidigungen gegen Hopp jedenfalls wieder zu. Aus Dortmunder Sicht hatte das Zeigen eines Hass-Plakats dazu geführt, dass das DFB-Sportgericht Anhänger des BVB für zwei Jahre von Auswärtsspielen bei den Hoffenheimern ausgeschlossen hat. Diese DFB-Entscheidung führte zu einer – bisher einmaligen – Ultra-Solidarisierung. In einer Stellungnahme mit dem Titel „Kollektivstrafen zum „Schutze“ eines Milliardärs – der DFB zeigt erneut sein wahres Gesicht“ heißt es vom Zusammenschluss „Fanszenen Deutschlands“, in dem zahlreiche deutsche Ultra-Gruppen organisiert sind, unter anderem: „Es geht schlichtweg um die Bekämpfung unserer Fankultur und unserer Werte. Die Profiteure des Geschäfts „Fußball“ versuchen mit diesem scheinbar verfänglichen Thema die Fankurven zu spalten, um letztlich die aktiven Fanszenen zu entfernen. Denn diese sind es, die stets den Finger in die Wunde legen und sich für demokratische Vereine, effektive Mitbestimmung im Fußball, für den Erhalt der 50+1-Regel, für bezahlbare Eintrittskarten und fangerechte Anstoßzeiten einsetzen und somit letztlich für das, was uns Fans die Identifikation mit diesem Sport noch halbwegs gelingen lässt.“

Unterzeichnet ist der Brief mit: „Fick dich, DFB!“

Rainer P., HSV-Ultra aus Lüneburg glaubt, dass der Protest gegen Hopp & DFB weiter eskalieren wird: „Noch ist doch alles harmlos, Plakate und so. Es gibt einzelne Gruppen, die wollen aber mehr machen, weil sie glauben, sonst kriegt man einfach keine Aufmerksamkeit. Wenn da keine Seite auf die andere zugeht, endet das schlimm.“

Expertenrat: An einen Tisch setzen

Auch Deutschlands bekanntester Fan-Forscher Harald Lange plädiert dafür, sich an einen Tisch zu setzen: „Der DFB sollte mit Vernunft reagieren und mit Angeboten an die Fan-Szene die Luft aus dem Ganzen rauslassen.“ Dafür dürfe man sich nicht zu stolz sein. Eventuell helfe dabei der Blick in die Vergangenheit: In den achtziger Jahren sei in den Stadien viel mehr los gewesen, Gewalt an jedem Spieltag, und da gab es noch gar keine Ultras. Ansonsten müsse es der Corona-Virus richten: Ob Fußballfunktionär oder Ultra – jeder könne spätestens jetzt erkennen, dass es Wichtigeres gäbe, als 22 Spieler beim Kampf um den Ball …

Übrigens: Eine führende Rolle bei der weltweiten Suche nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus, der die Welt in Atem hält und den Fußballbetrieb und seine Ultras lahmlegt, spielt die Tübinger Biotechfirma CureVac. Einer der größten

Ein Leben für die Schafe

Stefan Erb ist Berufsschäfer am bleckeder Deich

Mit Tieren zu arbeiten und mit ihnen den Tag zu verbringen, hat in diesen unsicheren Zeiten etwas Beruhigendes. Für Stefan Erb aus Bleckede war und ist es schon immer der Lebenstraum, Schäfer zu sein. Deshalb erfüllte er ihn sich schon in jungen Jahren. Stefan Erb, in Gifhorn aufgewachsen, stammt nicht aus einer Schäferfamilie. Dennoch interessierte ihn der Beruf des Schäfers schon zu Schulzeiten so sehr, dass er die Schule dafür abbrach und mit 16 Jahren in die Lehre ging. „Es war wie eine Berufung, es hat mich irgendwie im Kopf magisch angezogen”, erinnert sich der 49-Jährige. Der Traditionsberuf des Schäfers hat sich über die Jahrhunderte kaum verändert. „Wir brauchen unsere Hunde, ziehen zu Fuß übers Land, und auch die Schafhaltung ist so geblieben wie früher. Das macht für mich den besonderen Reiz aus.” In Esbeck bei Hildesheim ging er in die Ausbildung. Als ausgelernter Schäfermeister von gerade einmal 20 Jahren hatte er dann das große Glück, die freie Heisterbusch-Hofstelle in Bleckede zu bekommen. So landete der junge Schäfer am Elbdeich. Für den Start lieh ihm ein alter Schäfer Geld, um erste Schafe zu kaufen – damals 40.000 D-Mark für rund 400 Schafe. Stefan Erb startete als Schäfer allein, später stieg sein alter Freund Klaus Hentschel mit ein, mit dem er eine GbR gründete. Die Ausbildung zum Schäfer ist fast komplett praktisch. Zur Theorie gehören unter anderem Krankheiten und Pflegemaßnahmen der Tiere. Die harten Arbeitsbedingungen eines Schäfers lernt man jedoch schon früh kennen. „Es gibt noch Lehrstellen, aber der Nachwuchs fehlt”, erklärt Stefan Erb. „Die Arbeit ist mit vielen Stunden verbunden, und die Schäfereien stehen heute unter enormem Druck.” Er versteht, wenn sich junge Menschen gegen den Beruf entscheiden: „Es ist schwierig, von Schafen zu leben. Arbeit fällt an sieben Tage die Woche an 365 Tagen im Jahr an, und man hat hohe Lohnkosten. Wenn dann nicht einmal etwas übrig bleibt, ist es schwierig, jemanden dafür zu begeistern.” Auch wenn die Wirtschaftlichkeit regelmäßig auf der Kippe stehe und der Wolf ein massives Problem darstelle, kann sich der 49-Jährige für sich keine andere Arbeit vorstellen und ist weiterhin froh über seine Berufswahl. 

Deich- und Landschaftspflege 

Gebraucht werden Stefan Erbs Schafe in Bleckede vor allem auf den Deichen, um das Gras kurz zu halten, auch die Moorgebiete der Region werden mit ihnen beweidet. „Die Kleinschafhaltung ist immer ein Stück Landschaftspflege”, erklärt er. Während seine Schäferei zu 50 Prozent vom Verkauf des Lammfleisches lebt, finanziert sie sich ansonsten aus Agrarsubventionen. Die Lämmerpreise schwanken stark und hängen von den Importen ab. Nur 40 Prozent des in Deutschland konsumierten Lammfleisches stammten aus Deutschland, erläutert der Schäfer. Der Rest werde aus Großbritannien und Neuseeland eingeführt, was den Preis nach unten drücken könne. Eine Mutterschaftsprämie, die in mehr als 20 EU-Staaten eingeführt wurde, lehnte die deutsche Regierung bisher ab. „Vieles ist immer in der Schwebe.” Stefan Erb schaut auf viele schöne Momente, aber auch schwere Zeiten zurück. Er lebt weiterhin auf seinem Hof am Heisterbusch, wo er mit der Schafhaltung begann. Wegen des alle paar Jahre wiederkehrenden Hochwassers baute er als Schutz für seine Schafe vor zehn Jahren ein paar Kilometer weiter im Ortsteil Garze eine 1.800 Quadratmeter große Halle als Stall. Im Winter ist ein Teil von Stefan Erbs Schafen zur Lammung im Stall, während einige Herden bei Landwirten in der Region auf den Flächen weiden. Zu beweiden gibt es dann Ernterückstände und Zwischenfruchtflächen – eine Gefälligkeit der Landwirte, bevor der Pflegeauftrag auf den Deichen wieder losgeht. Bis dahin besteht der Tag darin, vormittags die Schafe im Stall zu versorgen und nachmittags die Herden draußen. Im Winter werden außerdem die Klauen der Tiere geschnitten. „Jeder hat immer irgendwo was zu tun”, so Stefan Erb. 

Lammzeit Januar bis März 

Die Hauptlammzeit beginnt Mitte Januar, die arbeitsreiche Frühjahrslammung ist Mitte März abgeschlossen. Im März hatte der Schäfer gut tausend Muttertiere, die lammen. Mit vier Monaten werden die Lämmer verkauft, 20 Prozent seiner Lämmer behält Stefan Erb als Nachzucht. „Bei einem Lebendgewicht von 45 Kilogramm sollten sie verkauft werden”, erklärt er. Die Schafe bleiben bei dem Schäfer bis zu sieben Jahre, dann werden sie verkauft und geschlachtet – auch eine Nachfrage nach Schaffleisch besteht in Deutschland. Die Lammzeit ist die arbeitsintensivste Zeit in den Schäfereien. Zwar schaffen einen Großteil der Lammung die Tiere alleine, doch es ist wichtig, dass nach der Geburt das Lamm und seine Mutter für 24 bis 48 Stunden in einer „Einzelbucht” separiert werden. „Die Mutter-Kind-Bindung muss sich festigen. Wenn man sie nicht separiert, kann auch mal ein Lamm verloren gehen”, erklärt der Schäfermeister. „In den ersten Stunden würde vieles durcheinander gehen, und wir hätten viele Flaschenlämmer.” Mitte März hatten er und seine vier Mitarbeiter 40 Flaschenlämmer zu versorgen, darunter auch Drillinge, für die die Mutter nicht genug Milch hatte. Während der dreimonatigen Lammzeit stehen die Tiere permanent unter Beobachtung, das bedeutet: drei Monate Nachtschicht. Zwar ist es nachts schon recht still im Stall, doch einzuschlafen droht man nicht, denn es gibt immer etwas zu tun. Für Stefan Erb bedeutet diese Zeit, nicht vor 3 Uhr nachts ins Bett zu kommen.

Elementare Verantwortung

Stefan Erbs Familie musste in all den Jahren viel auf ihn verzichten. Seine Ehe ging in die Brüche, und seine beiden erwachsenen Kinder (24 und 18) verfolgen eigene Ziele, so dass sie seine Arbeit später nicht weiterführen werden. „Das gibt es schon, dass Schäfereien in der sechsten oder siebten Generation geführt werden. Aber das ist anders als in anderen landwirtschaftlichen Betrieben”, sagt Erb. Er habe es nie forciert, dass seine Kinder sein Erbe antreten, denn er hat auch die vielen harten Tage im Sinn, die er ihnen nicht zumuten möchte. „Bei minus 15 oder 20 Grad unterwegs zu sein oder bis zu den Knien im Schlamm zu stehen – das wünscht man seinen Kindern nicht unbedingt”, so Stefan Erb. Ihm ist bewusst, dass nicht jeder seine Bindung zu den Tieren nachvollziehen kann. „Man macht alles nur für die Schafe, nur um sie zu versorgen. Man muss irgendwie an der Sache hängen und mental stark sein.” Es gebe keine Wahl: „Ich kann nicht einfach nach Hause gehen, die Verantwortung ist elementar.” Während die Versorgung der Schafe im Stall einfach sei, müsse man auf dem Feld nach Futter suchen. Ein Problem für die Schäfereien ist der Wolf. Auch Stefan Erb hatte im September und Oktober 2019 mit schweren Übergriffen zu kämpfen. „Die Überlegung war damals, wir hören auf oder wir schützen die Schafe mit Hunden.” Sie entschieden sich für die Hunde: Seine Schäferei verfügt nun neben zehn Hütehunden um sechs Herdenschutzhunde. „Seitdem haben wir keine Probleme mehr mit dem Wolf”, berichtet der 49-Jährige. Im April beginnt für die Schafe die Beweidung der Deiche, die bis spätestens Mitte November durchgeführt wird. 35 Kilometer Elbdeich haben Stefan Erbs Herden abzugrasen, eine vergleichsweise angenehme Zeit im Vergleich zum Winter – wenn er hart und kalt ist. „Winter ist immer härter. Der Sommer ist hart, wenn es über 30 Grad sind”, erklärt der Deichschäfer. Den Tieren mache das alles nichts aus: Da das Schaf ursprünglich ein Steppentier sei, könne es warme genauso wie kalte Temperaturen gut ab.

Wichtiges Stück Kulturgut

Mit den Schafen auf dem Deich wird es dem Berufsschäfer nie langweilig. Sein Handy, gegen das er sich lange gewehrt hat und das tagsüber ständig klingelt, stört ihn eher, als dass er es für die Ablenkung nutzen würde. „Ich bin auf die Schafe fokussiert. Man muss wach sein und seine Sinne beieinander haben.” Was auf dem Deich zählt, sei die intensive Zusammenarbeit und Kommunikation mit den Hütehunden. Auch an Gesprächspartnern fehle es ihm unterwegs nicht, denn er werde regelmäßig angesprochen. „Es wird immer besonderer, dass jemand mit Schafherden durchs Land zieht”, meint er. „Manche zücken auch ihr Smartphone und machen Fotos – das hat sich sehr verändert in den letzten 30 Jahren. Ich glaube, das ist ein wichtiges Stück Kulturgut, das wir haben. Das Vermögen, eine Herde ohne Zaun hüten zu können, sollte aufrecht erhalten werden.” Stefan Erb ist einer von schätzungsweise 50 Berufsschäfern in Niedersachsen. Vier bis fünf Herden mit je rund 400 Schafen und Lämmern nennt er momentan sein Eigen, davon am meisten schwarzköpfige Fleischschafe, außerdem weiße Leineschafe – die vom Aussterben bedroht sind – sowie Coburger Fuchsschafe. Für die Weidenpflege besitzt er zusätzlich 16 Ziegen. „Wir halten immer so viele Schafe, wie wir für die Flächenpflege brauchen”, erklärt Stefan Erb. Der Deichschäfer kennt seine Schafe in- und auswendig. Er kann die Tiere auseinanderhalten und erkennt sofort, ob es einem nicht gut geht. „Man muss eine emotionale Bindung aufbauen”, meint er. „Jedes Tier ist ein Individuum, und man muss auf jedes eingehen.” Man sei so viel zusammen unterwegs, dass man automatisch eine Bindung zur Herde habe. So ist der Schäfer sich auch sicher, dass seine Herden nicht ohne Weiteres fremden Menschen folgen würden.

Schaf ist ein Nutztier

Trotz der engen Bindung zu seinen Tieren vergisst Stefan Erb nie, dass das Schaf ein Nutztier ist und bleibt. Auch wenn bei ihm einige Tiere bis zu 14 Jahre alt werden, sind viele für den Verzehr gedacht, auch schon als junges Lamm. Aber: „In der Schafhaltung sind eigentlich immer alle Tiere glücklich aufgewachsen, man kann immer von glücklichen Lämmern sprechen. Im Stall ist genug Platz, und sie freuen sich auch, wenn es raus geht”, so Stefan Erb. Mit Krankheiten wie Euterentzündung (Mastitis), Lungenentzündung oder Durchfall haben auch die Schafe zu kämpfen. Krankheiten wie Covid-19 oder das Coronavirus an sich machen dem Berufsschäfer aber keine Angst. Den Betrieb kann er auch nicht einfach einstellen. „Die Tiere müssen versorgt werden, wir können den Laden nicht dicht machen.” Wenn jemand krank sei, müsse man auf ihn verzichten, doch selbst das komme selten vor: „Wir sind alle so robuste Naturburschen, das kriegen wir hin.” In Zeiten der Corona-Pandemie ist es für den Berufsschäfer ausnahmsweise von Vorteil, dass er ohnehin kaum Zeit für soziale Kontakte hat und den Tag kaum mit Menschen, sondern mit Tieren verbringt. Er sieht nicht nur seine Freunde kaum, sondern war auch seit drei Jahren nicht mehr im Urlaub. Er ist höchstens in seinem Ehrenamt als zweiter Vorsitzender des Landesschafzuchtverbandes unterwegs. Bis zum Rentenalter hat der 49-Jährige noch ein paar Jahre, dann möchte er seine Schäferei an jemand Anderen weitergeben. „Man hört aber, dass man schlecht davon wegkommt. Man hat immer wenig Freizeit und verbringt sein Leben damit. Es gibt viele Kollegen, die das bis ins hohe Alter gemacht haben”, weiß Stefan Erb. (JVE)