Auf den Wolf gekommen

Die angehende Dokumentarfilmerin Sandra Spethmann macht einen Film über den Wolf in Deutschland

Ncht, dass der Wolf ihr besonders am Herzen läge. Aber sie ist auch nicht gegen die Ausbreitung des Wolfes in Deutschland. Was Sandra Spethmann am meisten während ihrer Recherche über den Wolf in Deutschland überraschte, ist, wie sehr das Tier polarisiert. Gerade deshalb ist er der ideale Protagonist für ihren Dokumentarfilm. Sandra Spethmann wuchs in Lüneburg mit einem starken Bezug zur Natur auf. Ihre Mutter kommt aus einer Landwirtsfamilie und besitzt zahlreiche Bücher über Hunde und Wölfe, die Sandra schon als Kind verschlang. Zu Hause hatten sie Hunde, Schafe und andere Tiere. Von Tier- und Naturdokumentationen im Fernsehen war die gesamte Familie fasziniert. Und zum Fotografieren zog es sie immer wieder in die Natur.

Die 28-Jährige landete immer wieder bei den Themen Tier und Natur, wie auch ihre 31-jährige Schwester, die als Försterin in Brandenburg arbeitet oder ihre Eltern, die beide Jäger sind. Einzig Sandras Zwillingsschwester arbeitet nicht in diesem Bereich.

Weltweite Unterschiede
im Naturschutz

Nach ihrem Abitur in Melbeck zog es Sandra Spethmann ins Ausland. „Ich bin durch Afrika gereist und habe Blut geleckt“, erzählt sie. „Ich habe so viele Unterschiede entdeckt – bei den Menschen, aber auch in Sachen Natur und Naturschutz.“ Immer wieder suchte sie neue Herausforderungen, nahm Jobs für gemeinnützige Organisationen auf – und konnte irgendwann nicht mehr aufhören. Inzwischen kann die 28-Jährige auf ein Jahr in Estland, ein Jahr in Südafrika, vier Monate Madagaskar und ein paar Monate in Indien zurückblicken. „Ich wollte andere Kulturen kennen lernen“, erzählt Sandra. „Ich wollte mich nie irgendwo niederlassen und hab mich immer selbst ins kalte Wasser geworfen.“ Der Vernunft halber studierte sie außerdem BWL in Stralsund, ging danach aber zum Arbeiten für drei Jahre nach Paris. Hier erhielt sie Einblicke in das Unternehmerleben, stellte aber fest, dass das nicht ihre Welt ist. So zog Sandra Spethmann direkt von Paris nach London, wo sie seit 2014 lebt. „Paris war mir irgendwann zu stickig und groß. London ist grüner und weitflächiger“, erklärt sie. Zunächst arbeitete sie hier für eine Kampagne zum Schutz der Weltmeere, bevor sie sich ihrem lang gehegten Wunsch, dem Dokumentarfilmen, näherte. Am London College of Communication, das zur University of the Arts gehört, nahm sie ein Dokumentarfilm-Studium auf, das sie im Dezember beenden wird. Nun arbeitet sie an ihrer Abschlussarbeit.

BBC-Filmer als Vorbild

Sandra Spethmanns großes Vorbild ist der britische Tierfilmer und Naturforscher David Attenborough, der für seine preisgekrönten Naturdokumentationen bekannt wurde, die er für die BBC produzierte. „Es ist mein Traum, in der Wildnis zu hocken und Filme zu machen“, sagt sie. Die junge Lüneburgerin kann sich vorstellen, in London als selbstständige Dokumentarfilmerin zu arbeiten. Doch auch in Deutschland würde sie gerne langfristig Fuß fassen. „Es gibt nicht so viele Naturfilmer in Deutschland“, meint sie. „Ich habe das Gefühl, die werden nicht so gefördert wie in England.“ Zu wenig werde in ästhetisch schöner Art über die deutsche Wildnis berichtet. Für ihre Abschlussarbeit hat sich Sandra Speth-mann eines Themas angenommen, das in Deutschland zu einem wahren Politikum gewachsen ist. Vom Hund kam sie auf den Wolf, und das Thema ließ sie nicht mehr los. „Gibt es einen Platz für den Wolf in Deutschland?“ heißt der Arbeitstitel des Dokumentarfilms, den die Jungfilmerin gerade produziert, und sie möchte sich damit bewusst nicht auf eine Seite schlagen.

Wolf ist immer noch
ein Wildtier

Als sie im Dezember 2015 mit ihren Recherchen begann, stieß sie auf erbitterte politische Debatten zwischen Politikern, Nutztierhaltern und Naturschützern. „Und ich habe während der Recherche gemerkt, dass viele Leute keinen Bezug mehr zur Natur haben.“ Für Sandra Spethmann ist der Wolf genau die richtige Hauptfigur für ihren Film, „weil ich darstellen kann, dass der Wolf immer noch ein Wildtier ist und dass die Menschen sich wieder daran gewöhnen müssen.“ 150 Jahre war der Wolf in Deutschland durch den Menschen nahezu ausgerottet. Seit er unter anderem durch das Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt ist, lebt der Wolf seit etwa 15 Jahren wieder selbstständig in einigen Teilen Deutschlands. In Niedersachsen konnte er um 2006 erstmalig wieder nachgewiesen werden. Laut NABU leben in Niedersachsen zurzeit neun Wolfsrudel. Sandra Spethmann legt den Fokus in ihrem Film auf Niedersachsen. Von London aus recherchierte sie bis Juni dieses Jahres übers Internet, lernte verschiedene Gruppen kennen, die sich für oder gegen den Wolf aussprechen. Auch Anfeindungen und Hetzereien wurde sie übers Internet ausgesetzt. „Die Hetze entsteht durch Ignoranz und Unwissenheit von beiden Seiten“, meint die Filmerin. „Aber man muss sich emotional davon abkoppeln.“ Und so sollen auch die sozialen Netzwerke in ihrem Film Erwähnung finden und eine faktische Aufklärung stattfinden.

Dreharbeiten in
Deutschland

Anfang Juli begann die Lüneburgerin in Deutschland mit der Produktion. In Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Niedersachsen interviewte sie vor der Kamera ehrenamtlich tätige Wolfsberater, Politiker, aber zum Beispiel auch eine Dozentin der Lüneburger Leuphana-Universität, die über den Einfluss des Menschen auf das Raubtier forschte. Schließlich besuchte die Filmerin auch die Wolfsexpertin Tanja Askani im Wildpark Lüneburger Heide, die seit zwölf Jahren mit Wölfen arbeitet. Im Nindorfer Wildpark kam Sandra Spethmann zum dritten Mal seit dem Beginn ihres Filmprojekts mit Wölfen in Kontakt – allerdings mit handaufgezogenen. Wie Hunde kamen der Filmerin die Wolfswelpen vor. Sie wollten gestreichelt werden und waren lieb. Aber sie will nicht missverstanden werden: „In der Regel sind Wölfe scheu.“ Riskant werde es erst, wenn ein Gehege- oder handaufgezogener Wolf ausbricht und sich dem Menschen nähert. „Ein frei lebender Wolf würde keine Menschen angreifen. Sie meiden Menschen, es sei denn, sie sind krank oder konditioniert, zum Beispiel durch Futter.“

Wolf gehört zum Ökosystem

Sandra Spethmann hat während ihrer Filmvorbereitungen viel gelernt über den Wolf. „Aber ich sehe ihn immer noch als Wildtier. Für mich ist er genauso wichtig wie der Bär, der Otter oder andere nicht so niedliche Tierarten.“ Sandra erklärt: „Der Wolf hat ein schlechtes Image. Als der Mensch angefangen hat, Nutztiere zu halten, stand der Wolf zum Menschen in Konkurrenz. Er hat quasi die Bevölkerung beraubt.“ Trotz neutraler Haltung ist sie der Meinung, dass der Wolf ein Bestandteil des Ökosystems ist. „Einige Interessengruppen sehen ihn als Problem, weil sie ihn nicht mehr kennen.“ Und darum geht es ihr in ihrem Dokumentarfilm: Mehr Verständnis über den Wolf herzustellen und Konfliktlösungen für ein friedliches Zusammenleben aufzuzeigen. Sandra verweist auf eine Studie aus dem Yellowstone Nationalpark, in der ein positiver Effekt der Rückkehr des Wolfs nachgewiesen werden konnte. Wildbestände gingen zurück, Pflanzen kehrten im Gegenzug zurück und boten Nahrung für Bären und Vögel. Die „Topische Kaskade“ führte zu einer positiven Veränderung von Flora und Fauna. Das erhoffen sich auch viele in Deutschland, wo es vielerorts einen Wildüberschuss gibt. „Der Otter, Biber, Seeadler und auch der Wolf sind zurück – auch durch Natur- und Artenschutz“, erklärt die Filmerin.

Aufwendiges
Abschlussprojekt

Politische Diskussionen sollen in Sandra Spethmanns Dokumentarfilm nicht vorkommen, alleine schon, weil sich die Sachlage bis zur Fertigstellung des Films verändert haben kann. Nach zwei Monaten Dreharbeiten in Deutschland geht es zurück nach London zur Postproduktion. Anfang 2017 soll der Film, den sie mit deutschem und englischem Sprecher produziert, fertig gestellt sein. Eine 20-minütige Version soll das Abschlussprojekt für die Hochschule sein, eine 40-minütige Version will sie bei Fernsehsendern wie arte und dem ZDF einreichen. 25.000 Euro kostet die Lüneburgerin ihr Filmprojekt – für eine Abschlussarbeit viel. Einen Teil holte sie durch Crowdfunding im Internet wieder rein, andere Teile sollen durch Filmfördermittel gedeckt werden – aber auch Ersparnisse buttert die Jungfilmerin zu. Sandra Spethmann ist klar, dass der Beruf der Dokumentarfilmerin kein Job zum Reichwerden ist, aber Natur und Tiere sind ihre Leidenschaft. „Es ist ein kost- und zeitaufwendiger Beruf, aber wenn man am Ball bleibt und abwechslungsreiche Ideen hat, kann das was werden.“ (JVE)