Angst-Räume

-und wie sich die beseitigen lassen…

Sie jagen unseren Puls in die Höhe und beschleunigen unseren Schritt: Angst-Räume. Diese „Unwohlfühlorte“ sind unabhängig von der Größe einer Stadt. Es gibt sie überall – auch in Lüneburg. Kriminelle aus Wohnquartieren fernhalten, das soll in Niedersachsen zukünftig durch eine enge Zusammenarbeit zwischen Polizei, Wohnungsunternehmen und Kommunen geschehen. Vier Jahre lang haben diese Akteure im Forschungsprojekt „Transit“ (Transdisziplinäre Sicherheitsstrategien für Polizei, Wohnungsunternehmen und Kommunen) untersucht, was Menschen in ihrer Wohngegend Angst macht und wie sich sogenannte Angst-Räume beseitigen lassen. Als Angst-Raum bezeichnet man einen öffentlichen (oder halböffentlichen) Ort, an dem Menschen zunehmende Angst haben, Opfer von Kriminalität zu werden. Das kann ein kleiner Bereich sein wie beispielsweise eine schlecht ausgeleuchtete Tiefgarage, eine dunkle Unterführung, eine Parkanlage oder eine verlassene Einkaufspassage in den Abendstunden. Ein solcher Angst-Raum entsteht immer dann, wenn sich die Menschen dort, wo sie sich gerade befinden, nicht mehr wohl und sicher fühlen. Das subjektive Sicherheitsgefühl ist dann so stark beeinträchtigt, dass die Menschen ihre Lebensgewohnheiten ändern und bestimmte Straßen, Plätze, Wege oder Parks zu meiden beginnen.

Vor allem Tunnel und dunkle Ecken stressen. Der Grund: Menschen sind nun einmal Augentiere, denn das menschliche Gehirn bezieht 80 Prozent aller Umweltinformationen über die Augen. Fehlen diese Eindrücke von außen aber oder werden sie erheblich erschwert, fühlen die meisten sich zumindest beklommen. Frauen noch weit mehr als Männer, obwohl sie nachweislich zu Hause, im trauten Heim, deutlich stärker gefährdet sind, das Opfer von Gewalt zu werden, als im öffentlichen Raum. „Wenn wir solche Orte aufsuchen, wirken evolutionäre Alarmsysteme in uns, die tief in uns stecken“, sagt der Göttinger Psychologe Karsten Lange. „Dagegen können wir überhaupt nichts machen – außer unheilvoll wirkende Stellen zu meiden, nach der Maxime: „Überall, wo jemand lauern könnte: gar nicht gut, weg dort oder am besten – gar nicht dahingehen.“ Denken viele so und handeln danach, hat das einen negativen Effekt: Den Orten, die gemieden werden, fehlt es an sozialer Kontrolle. Das wiederum zieht oft Vandalismus nach sich, die „Unwohlfühlorte“ verwahrlosen, was das Gefühl, dort nicht sicher zu sein, noch verstärkt.

Typische Merkmale eines Angst-Raumes, den man am liebsten meiden würde oder dem man schnell wieder entfliehen möchte sind: • Un-überschaubares Gebiet, z.B. durch dichte Hecken oder Nischen im Mauerwerk • Nicht einsehbare Funktionsbereiche, z.B. zurückgesetzte Hauseingänge • Fehlende Blickbeziehungen, z.B. in verwinkelten Unterführungen • Fehlende oder mangelhafte Orientierungsmöglichkeiten, z.B. fehlende Straßenschilder oder Hinweis auf Notrufeinrichtungen • Keine Polizeistreifen (Aber: erhöhte Polizeipräsenz kann denselben Effekt auslösen!) • Fehlende Wahlmöglichkeiten bei der Durchquerung des Raumes, keine Ausweichmöglichkeiten • Fehlende oder mangelhafte Beleuchtung. Wie kriminalpräventive Aspekte in die Stadtplanung einfließen können, um zu mehr Sicherheit im Wohnumfeld zu gelangen und so die Lebensqualität zu erhöhen, wurde im Projekt „Transit“ neben Braunschweig (Weststadt) und Emden (Barenburg) auch in Lüneburg (Mittelfeld) untersucht. Der Stadtteil Mittelfeld wurde unter anderem ausgesucht, weil er als besonders repräsentativ über Lüneburg hinaus gilt. Rund 5.150 Einwohner leben hier. Zahlreiche städtebauliche Strukturen sind erkennbar. Neben kleinteiligen eingeschossigen Wohngebäuden im Bereich Meinekenhop und Ernst-Braune-Straße, die der Typologie der Gartenstadt nachempfunden sind, bestimmen Zeilenbauten in der Ringstraße und Auf der Höhe das städtische Bild. Auffallend sind Gebiete aus den 1960er Jahren wie das Wohngebiet Mittelfeld. Die neun Mehrfamilienhäuser mit verputzten Fassaden sind als Erweiterungsgebiet erkennbar und heben sich von der umgebenden Bebauung ab. Auch die Hochhäuser Am Weißen Turm, Hinter der Saline, Bögelstraße und  Am Bargenturm fallen durch eine andere Architektursprache auf.

Die kriminologische Auswertung für Lüneburg-Mittelfeld ergab ein recht eindeutiges Bild. 31 Prozent der Befragten konnten auf die Nachfrage „Gibt es in Ihrem Stadtteil bestimmte Orte, Straßen, Wege oder Plätze, an denen Sie sich unsicher fühlen?“ solche Orte benennen. Die drei am häufigsten genannten Angst-Räume befinden sich in unmittelbarer Abfolge am Weißen Turm, An der Saline und in den Sülzwiesen. Obwohl zahlenmäßig mehr Delikte in der städtischen Klinik (!) und im Schulzentrum stattgefunden haben, werden die jedoch von den Befragten nicht als Angst-Räume wahrgenommen. Auch das ist typisch: Nicht immer decken sich Angst-Räume mit Gefahrenorten, wo tatsächlich vermehrt Kriminalität stattfindet.

Die Befragung fand ohne Kartenmaterial statt, es wurde jedoch darum gebeten, den Ort möglichst exakt zu beschreiben, damit ein Auffinden im Fallstudienort möglich war. Entweder wurden abstrakte Orte wie Park, Bushaltestelle oder Straße / Platz genannt, oder es wurden zuzuordnende Angaben wie hausnummerngenaue Straßennamen oder vor Ort bekannte Bezeichnungen der Stadtviertel gemacht. Darüber hinaus wurden häufig Orte genannt, die auch außerhalb des untersuchten Stadtteils lagen (vor allem Kaltenmoor). Bemerkenswert ist, dass sich die Befragten sicherer fühlen, je höher sie die Qualität des eigenen Wohnumfeldes einschätzen. Hier sollte Stadtplanung zukünftig verstärkt ansetzen, ist dann auch eines der Ergebnisse des Forschungsprojektes Transit.

Polizei, Wohnungsunternehmen und Kommunen unterzeichneten Absichtserklärungen mit dem Ziel, ab sofort gemeinsam für mehr Sicherheit zu sorgen. Erste Maßnahmen, die auch in Lüneburg – nicht nur in Mittelfeld – umgesetzt werden sollen: Mehr Beleuchtung, mehr Übersichtlichkeit, weniger Versteckmöglichkeiten. Die Erkenntnisse des Projektes sollen nicht nur in Braunschweig, Emden und Lüneburg, sondern landesweit zur Anwendung kommen. (RT)