Abtauchen ins Mittelalter

Marcel Brill verbringt seine Freizeit mit mittelalterlicher Darstellung

Im echten Leben ist Marcel Brill Fachinformatiker bei einem Sicherheitsunternehmen. Doch wenn er mal so richtig abtauchen und sich entspannen will, dann geht er seinem Hobby nach. Der 28-Jährige hat sich dem Mittelalter verschrieben. Das Interesse für das Mittelalter war bei Marcel Brill schon im Jugendalter vorhanden. Der Lüneburger ging gerne auf Mittelaltermärkte und spielte gern Rollenspiele mit mittelalterlichem Hintergrund. Und auch die mittelalterlichen Kämpfe interessierten ihn. Mit 16 Jahren hegte er zusammen mit ein paar Freunden aus der Gothic-, Fantasy- und Mittelalterszene den Wunsch, sich professioneller mit dem Zeitalter auseinanderzusetzen. „Zunächst haben wir es gemacht wie wahrscheinlich alle Anfänger und haben uns lange, schwarze Gewänder angeschafft. Wir haben einfach die Klamotten ausgesucht, die wir gut fanden“, erinnert er sich. Auf den Märkten suchte Marcel Kontakt zu den Darstellern und lernte so jemanden kennen, der ihn unter seine Fittiche nahm. So zeigte sich schnell, dass er sich nicht nur für die historische Darstellung des Mittelalters, sondern auch für die Kämpfe und das Training begeisterte. Die Kämpfer waren ein „bunter Haufen von Leuten“, erzählt Marcel. Für den Sport schaffte er sich Wollhosen, Tuniken und ein Schild an.

Keine einstudierten Schaukämpfe

Die mittelalterlichen Kämpfe, die Marcel fortan trainierte, haben nichts mit den Schaukämpfen zu tun, die man oft auf Mittelaltermärkten erlebt und die einer einstudierten Choreografie folgen. „Das hat ja nicht mit Kämpfen zu tun“, meint er. „Wir kämpfen mit Stahlwaffen, die aber stumpf sind.“ Zum Training ging es zunächst auf eine Wiese in Deutsch Evern oder in den Lüneburger Kurpark. Als die Gruppe professioneller wurde, fuhr sie auch mal in eine Trainingshalle nach Lüchow. Das mittelalterliche Freikampftraining ist anstrengend. „Man muss Schwert und Schild gut beherrschen und braucht Ausdauer“, erklärt Marcel. Zunächst stand für den Mittelalterfan das Training im Vordergrund. Doch als sich seine Gruppe auflöste, pausierte er damit.

Heute geht es dem 28-Jährigen nicht nur um den Kampfsport. Viel mehr hat er sich genau überlegt, welche Zeit und welche Gegend er mit seiner Gewandung darstellen möchte. Da ihn die slawische Mythologie interessierte, arbeitete er sich in dieses Thema ein. Das, was er darstellt, läuft unter der Überschrift „Wikinger“: Er hat sich der Zeit 1050 nach Christus – dem Ende des Frühmittelalters – verschrieben, genauer der Gegend um Gnezdovo bei Smolensk im heutigen Russland.

Recherche der slawischen Mythologie

Herauszufinden, wie es bei den Slawen war, ist schwerer, als sich mit den Germanen auseinanderzusetzen. Erster Anlaufpunkt sind die bekanntesten archäologischen Fundstätten, in Marcels Fall Haithabu (Schleswig-Holstein) und Birka (Schweden). Gnezdovo ist ein ebenfalls bedeutender Ort für Fundstücke. Auf der Suche nach

Informationen knüpfte er Kontakte übers Internet und telefonierte viel mit Gleichgesinnten. Das größte Interesse an der slawischen Darstellung findet man in der Ukraine und in Polen, wohin er auch Kontakt aufnahm. Inzwischen gehört Marcel Brill, der sich als Kämpfer „Skrauti“ nennt, dem freien frühmittelalterlichen Kampfverband Red Wall an, der Mitglieder aus ganz Deutschland hat. Hier gibt es keine strikten Regeln, doch man sollte im Jahr an mindestens zwei Lagern teilnehmen. Und davon gibt es im Jahr Hunderte in ganz Deutschland. Fast alle sind öffentliche Veranstaltungen wie Mittelaltermärkte. „Man macht ja die Darstellung nicht nur für sich selber“, sagt Marcel. Der Mittelalterfan will anderen Leuten ein Gefühl geben, wie damals gelebt wurde. „In diese andere Welt einzutauchen ist ein guter Kontrast zu meiner Arbeit“, erklärt er. Viel gekämpft wird vor allem unter den Darstellern des Frühmittelalters, und dann auch gleich in großen Gruppen im direkten Freikampf gegeneinander, dem Line Fight. Eins-gegen-eins-Kämpfe sind selten.

Jede Gegend hat anderes Schönheitsideal

Welche Gegend und welche Zeit Marcel Brill darstellt, können Außenstehende an der Kleidung erkennen – vorausgesetzt, sie kennen sich ein bisschen aus. Ob jemand weißes oder gebleichtes Leinen trägt, mit Applikationen, Stickereien oder Besätzen – jede Gegend hatte ein eigenes Schönheitsideal, das auch ihre Darsteller zur Schau stellen. Das Nähen und Sticken übernimmt Marcels Freundin Annika, die das Hobby mit ihm teilt. Schnittmuster, die sich nach archäologischen Funden richten, sind in Vielzahl im Internet zu finden. Es gehört zum Hobby, die Gewandung dafür auch selbst herzustellen. „Das ist schließlich gelebte Historie“, erklärt der Lüneburger. Nur die klassischen Wendeschuhe, die jeder trägt, kaufen Marcel und seine Freundin. Vieles für die Kleidung gibt es auch auf den Lagern zu kaufen. Seine mittelalterliche Gewandung – „saubequeme Sachen“, wie Marcel betont – trägt er zwar nur auf Lagern und bei Trainings. Dennoch kann er inzwischen auf einen guten Fundus an mittelalterlicher Kleidung zurückgreifen. Sieben Tuniken, vier Hosen sowie die Kampfkleidung inklusive Kampfkaftan und Helm nennt der Mittelalterfan sein Eigen. Marcel Brills Hobby, das Reenactment oder die Darstellung des Mittelalters, ist weltweit verbreitet, besonders aber in Frankreich, Polen, der Ukraine und Russland. So erklärt sich auch die Teilnahme vieler internationaler Gäste bei den Lagern. Besonders die Lager in Neustadt-Glewe und im polnischen Wolin haben Darsteller aus aller Welt.

Man muss viel lesen

Auch seine Arbeitskollegen kennen Marcels besonderes Hobby. Seine Erfahrung: „Die meisten finden es cool und interessant.“ Viele schauen sich schon mal die Videos von seinen Lagern an, aber „ es selber zu machen, ist schon ein großer Schritt“, fügt Marcel hinzu. Das Hobby setzt voraus, dass man viel liest, sich mit Völkern und Kulturen auseinandersetzt. „Die eigentliche Arbeit ist dieses Studium, um sich die Darstellung zu erarbeiten“, erklärt er. Es kam ihm zugute, dass er sich schon vorher für Geschichte interessierte. Irgendwann kommt man bei der Ausarbeitung der Darstellung an einen Punkt, wo fast alles perfekt ist. So kann sich Marcel inzwischen vorstellen, sich parallel zu seiner ersten eine zweite Darstellung zu erarbeiten, vielleicht diesmal auch aus seiner Heimatstadt. Das eben macht für ihn einen der Reize an seinem Hobby aus: immer wieder Neues über ein Volk und seine Kultur zu entdecken.

Schöne Art der Entspannung

Am Anfang verbrachte Marcel viel Zeit für die Recherche. Inzwischen schätzt er vielerlei an seinem Mittelalter-Hobby. Der Austausch mit Gleichgesinnten, das Kämpfen, gemeinsame Abtauchen und Zusammenleben auf den Lagern – all das bietet ihm eine gute Möglichkeit, den Kopf frei zu bekommen. „Als Fachinformatiker ist das Leben hektisch“, erzählt er. „Es ist eine schöne Art der Entspannung, mit den Händen zu arbeiten.“ Vier bis sechs Lager pro Jahr besuchen Marcel und Annika gemeinsam. Der Urlaub wird für längere Lager genommen. Hauptzeit für Mittelaltermärkte ist von Mai bis Oktober. Wenn Saisonpause ist, beginnt die Bastelzeit, und es müssen Gewandungen repariert oder neu hergestellt werden. Ab und zu gibt es im Winter auch Training, doch das ist im Raum Lüneburg selten geworden. Marcel Brills persönliche Jahres-Highlights sind das Burgfest in Neustadt-Glewe, die Schlacht um Suentana im Erlebniswald Trappenkamp sowie der Mittelaltermarkt im polnischen Wolin. Feste wie das Mittelalterlich Phantasie Spectaculum in Hamburg-Öjendorf sind nichts für ihn. Thematisch mische sich hier für ihn das Mittelalter zu sehr mit Fantasy und einstudiertem Rollenspiel. Auch die Lüneburger Sülfmeistertage bieten ihm nicht das, was er sich vorstellt. Zu zart besaitet darf man nicht sein, wenn man am mittelalterlichen Freikampf teilnehmen will. „Blaue Flecken sind gang und gäbe. Verletzungen sind normal“, berichtet der Lüneburger. Zwar kämpfen auch einige wenige Frauen mit, aber seine Annika ist für diesen Sport zu zierlich. (JVE)