Abenteuer ohne Grenzen

Ingo Kuhli-Lauenstein hat mit einem Inklusionsteam mit dem Sup Fehmarn umrundet

Einmal auf der Ostsee die Insel Fehmarn umrunden: Was sich so idyllisch anhört, kann knochenharte Arbeit sein. Der einseitig unterschenkelamputierte Ingo Kuhli-Lauenstein unternahm diese Tour mit einem Lüneburger Inklusionsteam auf einem extragroßen SUP-Board. Stand Up Paddling (SUP) ist ein absoluter Trendsport, wohl auch, weil er für jedermann schnell zu erlernen ist. Im Stehen paddeln und die Balance halten, mehr gibt es nicht zu wissen. Der SUP- und Outdoor-Verein Lüneburg (SOV) hat es sich zur Aufgabe gemacht, wirklich jeden aufs Board zu holen, ob mit oder ohne Handicap. Seit 2018 bietet der Verein insbesondere Rollstuhlfahrern die Möglichkeit, auf speziellen SUP-Boards mit besonderen Spannsystemen im Rollstuhl mitzufahren. Im Juli wagte ein Inklusionsteam des SOV um Geschäftsführer Adrian Wachendorf die besondere Tour. Gemeinsam mit dem Rollstuhlfahrer Simon Kunst und Ingo Kuhli-Lauenstein, der eine Unterschenkelprothese trägt, paddelte das Team im Rahmen des SUP & Beachsports Festivals innerhalb von drei Tagen auf einem SUP rund um Fehmarn.

Ingo Kuhli-Lauenstein sucht gerne das Abenteuer. Der 27-Jährige wurde mit dem Bewusstsein erzogen, dass er alles schaffen kann – obwohl er mit einem fehlgebildeten Bein zur Welt kam. „Meine Eltern haben mir viel ermöglicht und viel ausprobiert”, erzählt der Sauerländer. „Für mich ist das selbstverständlich gewesen.” Er wuchs auf dem Dorf auf und besuchte eine Regelschule. „Bis zur Volljährigkeit hatte ich nur wenig Kontakt zu anderen körperlich eingeschränkten Kindern. Natürlich wurde ich auch ausgelacht. Dafür habe ich auch über dicke Kinder gelacht, wie Kinder halt so sind”, erinnert sich Ingo, der sich nicht wirklich ausgegrenzt fühlte. „Mit mir wollten die Kinder nur kein Fußball spielen.” Er ist seinen Eltern dankbar, dass sie ihn nicht vor allem beschützt haben. „Auch negative Erfahrungen gehören zum Leben dazu”, meint er. Lange Zeit suchte Ingo Kuhli-Lauenstein keinen Kontakt zu Behindertensport-Vereinen. Schon das Projekt Rollstuhlbasketball an seiner Regelschule hatte ihm nicht gefallen. Erst während seines Maschinenbau-Studiums in Gummersbach wurde er auf dem Campus direkt dazu angesprochen. Weil er eine kurze Hose trug und seine Unterschenkelprothese zu sehen war, fragte ihn ein junger Mann, ob er Interesse an Para-Eishockey habe, einer Behindertensportart, bei der die Sportler auf einem speziellen Schlitten in Sitzposition festgeschnallt Eishockey spielen. Das war 2012, und inzwischen spielt Ingo in der Deutschen Para-Eishockey-Nationalmannschaft. „Nach zwei Jahren war ich im Nationalteam”, erzählt der 27-Jährige. Vor dem Eishockey war er jahrelang Rennrad und Mountainbike gefahren, hatte früher voltigiert. „Eishockey ist für mich jetzt der wahre Sport. Jeder muss für sich finden, was für ihn richtig ist.”

Vergnügen an der Erschöpfung

Zu der Fehmarn-Umrundung kam Ingo durch einen weiteren Zufall. Sein Eishockey-Teamkollege und Torwart der Mannschaft Simon Kunst lernte bei seinem Besuch der Rollstuhlbasketball-WM in Hamburg Adrian Wachendorf vom SUP-Verein aus Lüneburg kennen. Adrian eröffnete ihm seine Idee von der SUP-Fehmarn-Umrundung mit einem Inklusionsteam, wofür er Simon sofort gewinnen konnte. Als weiterer Mitstreiter für die Tour interessierte sich Ingo, der aber auch skeptisch war. „Ich wusste nicht, ob das rein körperlich machbar ist”, erklärt er. Einige Wochen vor dem SUP-Event auf Fehmarn trafen Ingo und Simon am Sorpesee im Sauerland auf Adrian Wachendorf und ein Team aus Lüneburg, um das Stand Up Paddling auf dem großen Board auszuprobieren. „Danach haben wir es festgemacht”, erzählt Ingo, dem klar war, dass die Trainingsbedingungen ohne Wellengang und Wind nicht den Bedingungen auf der Ostsee entsprechen würden. „Klar haben wir das sportliche Grundgerüst und sind körperlich fit, aber ich habe mir das auf dem Meer ziemlich anstrengend vorgestellt.” Da Ingo Kuhli-Lauenstein für seinen Sport vor allem die Rumpfmuskulatur, also den Oberkörper, trainiert und lange kein Beintraining mehr gemacht hatte, fuhr er zur Vorbereitung auf die SUP-Tour vier Wochen wieder intensiv Rennrad. „Untrainiert wäre das nicht gegangen”, ist er rückblickend überzeugt. Das SUP-Training am Sorpesee war Ingos erste Wassersporterfahrung. Er freute sich auf die Fehmarn-Umrundung, „wegen der sportlichen Herausforderung und des Vergnügens an der Erschöpfung”, wie er erklärt. Adrian Wachendorf und sein Kollege Arne Stiller organisierten die Tour mit ihrem Team so, dass sie für die beiden beeinträchtigten Sportler so angenehm wie möglich wurde. Nichts wurde dem Zufall überlassen. „Auch sicherheitsmäßig war alles gut durchdacht”, so Ingo. Sein Teamkollege Simon, der auf seinen Rollstuhl angewiesen ist, wurde mit dem Rollstuhl mit speziellen Spanngurten am Board fixiert. Alle Paddler auf dem Board – neben Ingo und Simon sechs weitere Vereinssportler – waren mit einer Art automatische Rettungsweste ausgestattet, Simons Rollstuhl hatte zusätzlich selbstauslösende Patronen. Angst, ins Wasser zu fallen, hatte Ingo nicht, zumal seine Prothese eher Auftrieb gibt, als dass sie ihn runterzieht. „Mit Prothese kann ich sehr gut schwimmen, das geht aber ohne Prothese besser”, erklärt er. So passierte es dem 27-Jährigen am dritten Tag der Umrundung in einem unaufmerksamen Moment doch, dass er bei stärkerem Seegang aus dem Tritt kam und ins Wasser fiel. Es gelang ihm aber schnell, unbeschadet zum Board zurückzuschwimmen.

Fähre sorgt für Wellen

Gut 60 Kilometer, also rund 20 Kilometer am Tag, legten die acht Sportler mit und ohne Handicap in den drei Tagen zurück, trotzten Wind und Wellen und mussten zeitweilig zur Sicherheit von einem DLRG-Boot begleitet werden. Zeitweise war ihr übergroßes Board mehrere hundert Meter vom Land entfernt, ins Wasser fiel jeder mal – bis auf Simon mit seinem Rollstuhl. Die Fähre, die von Puttgarden im Norden Fehmarns zum dänischen Rødby hinüberfährt, sorgte für meterhohe Wellen, mit denen das Team zu kämpfen hatte. Mit der Wasserschutzpolizei hatte der Lüneburger Verein zuvor die Überquerung der Fährlinie besprochen. Auch an Land gab es um das Inklusionsteam und seine SUP-Umrundung einen großen Rummel. Arne Stiller vom Lüneburger Verein war mit einem Stand beim SUP-Festival vor Ort, die Route konnte über GPS und Live-Standort verfolgt werden. Abends, nach Abschluss der jeweiligen Etappen, ging es für alle zurück zum Festivalstandort an den Südstrand, wo der sportliche Erfolg gefeiert werden musste. Zwar war man in geselliger Runde noch ausgelassen zusammen, doch der Körper machte sich von Tag zu Tag mehr bemerkbar. So hatte Ingo mit Ausgelaugtheit und allgemeiner Erschöpfung zu kämpfen und fühlte sich am dritten Tag schon nicht mehr so leistungsfähig. Ingo war froh, mit Simon einen ebenfalls so ambitionierten und durchtrainierten Para-Sportler an seiner Seite zu haben. Er war aber ebenso dankbar, Experten vom SUP-Verein dabei zu haben, die die richtige Technik beherrschten. Das stundenlange Paddeln erwies sich als besonders anstrengend für die Rumpfmuskulatur. „Die Wellenausgleichsbewegungen, die man macht, gehen in die Wade und die Gesäßmuskulatur”, so Ingos Erfahrung. „Und ich hatte sogar Muskelkater auf dem Fußrücken.” Sein ganzer Körper wurde beansprucht, „und das macht ja auch den Reiz daran aus.” Sie fuhren ohne Pause durch, legten mal gemütlichere, mal kurze Sprintdistanzen zurück. Dem Para-Sportler ist klar: Diese Distanz wäre für sportlich nicht durchtrainierte Personen unmöglich gewesen. „Nicht die Sportart ist das Extreme, sondern die Distanz war extrem”, meint er. Ingo Kuhli-Lauenstein ist jederzeit wieder für ein solches Abenteuer mit dem SUP- und Outdoor-Verein Lüneburg zu haben, auch wenn er nicht in der Nähe wohnt. „Es war auf jeden Fall ein ziemlich cooles Erlebnis.” Ihm und den anderen Tour-teilnehmern schwebt noch etwas Anderes vor, „wir sind offen für eine Steigerung, zum Beispiel Wildwasser mit dem SUP.” (JVE)