Ab in die Tonne

Der Online-Handel boomt-und mit ihm die Retouren

Kaufen, kaufen, kaufen – und was nicht gefällt, einfach zurücksenden … Doch was geschieht eigentlich mit den Retouren und mit nicht verkaufter Neuware? Kaum jemand weiß, dass ein großer Teil der Retouren nicht wieder verkauft wird, sondern im Müll landet! Nach Zahlen des Versandhandel-Fachverbands bevh verschicken die deutschen Internet-Händler Jahr für Jahr Waren für zirka 60 Milliarden Euro an ihre Kundschaft – verpackt in rund 2,9 Milliarden Kurier-, Express- und Paketsendungen. Tendenz: steigend.

Eine mittlere dreistellige Millionenzahl dieser Pakete schicken die deutschen Online-Shopper pro Jahr an Amazon, Otto, Zalando und Co. zurück. Warum das so ist? Wohl vor allem, weil es so einfach ist und nichts oder wenig kostet. Verantwortungsbewusstsein gleich null sowohl bei Konsumenten als auch den Unternehmen. Viele dieser Produkte, die eigentlich noch gut verwendbar sind, werden von den Versandriesen einfach weggeschmissen. Ein Grund: Für die Händler ist die Vernichtung der „Destroy-Ware“ offenbar einfacher und wirtschaftlicher, als darauf zu hoffen, sie zukünftig zu verkaufen. Ladenhüter etwa nehmen nur Platz weg, so die Rechnung. Profit ist mit ihnen nicht zu machen, dafür kostet die Lagerung. Also ab damit in die Tonne beziehungsweise die Müllverbrennungsanlage! „Es darf nicht sein, dass der Platz im Regal für den Onlinehändler anscheinend wertvoller ist als das Produkt, das drin liegt“, wird Viola Wohlgemuth von Greenpeace vom NDR zitiert. Insgesamt landeten in Deutschland 2019 einer Studie der Forschungsgruppe Retourenmanagement der Universität Bamberg zufolge deutlich über 20 Millionen zurückgeschickter Artikel auf dem Müll. Und gerade in den shoppingintensiven letzten Wochen des Jahres wurde offenbar wieder besonders viel Neuware vernichtet.  Das belegen unter anderem interne Fotos und Dokumente aus dem Amazon-Logistikzentrum in Winsen (Luhe), die über die Umweltorganisation Greenpeace an Reporter des NDR weitergegeben wurden.

Ein- bis zweimal pro Woche wurde in Winsen ein Container mit unbenutzter und nicht versendeter Neuware beladen und dieser dann zur Müllverbrennungsanlage nach Hamburg gebracht. Im Abfall-Container zu sehen sind Halogen-Heizstrahler, Trinkflaschen und Bücher. Doch auch Kühlschränke, Wasch- und Spülmaschinen, Handys, Tablets, Matratzen und Möbel werden in großer Zahl vernichtet. Sie werden zerhäckselt, gepresst, verbrannt – zerstört. Verrückt: Die Waren sind bei ihrem Abtransport offensichtlich nicht beschädigt und teilweise sogar noch originalverpackt. Amazon lehnte ein Interview zu dem Thema ab. Auch zwei Nachfragen der stadtlichter wurden ignoriert. Die Vernichtung von Neuwaren am Standort Winsen (Luhe) bestreitet der US-Konzern allerdings nicht, wies allerdings darauf hin, dass das die gesamte Branche der Versandhändler beträfe. Fakt ist: Die Bilder aus Winsen sind und bleiben beunruhigend, aber vermutlich nur die Spitze des Eisbergs, so Greenpeace: „An anderen Amazon-Standorten in Deutschland wird vermutlich noch viel mehr vernichtet. Das ist aus vorangegangenen Recherchen bekannt. Ein Insider berichtete von Warenwerten in Höhe von 23.000 Euro pro Tag, die von einer Person täglich vernichtet wurden.“

Obhutspflicht für den Umgang mit Retouren

Mit einer sogenannten Obhutspflicht für den Umgang mit Retouren und nicht verkaufter Neuware soll das sinnlose Wegwerfen zukünftig erschwert werden. Die Obhutspflicht soll die Händler dazu anhalten, die Produktion stärker an der Nachfrage auszurichten. Transport und Aufbewahrung neuer Waren soll so gestaltet werden, dass die Produkte länger nutzbar bleiben. Vernichtung solle zur Ultima Ratio werden. Zudem sollen Händler zu mehr Transparenz gezwungen werden, was die Entsorgung von unbenutzter Ware angeht. Erste Kritik an der Obhutspflicht gibt es jedoch bereits: Sicher würde so der Druck auf Unternehmen etwas steigen, einen noch höheren Anteil ihrer Produkte weiterzuverwenden. Global agierende Konzerne könnten die Entsorgung bei einem Verbot in Deutschland aber auch einfach ins Ausland verlagern. Und würden dies wohl auch umgehend veranlassen.

Erlass der Mehrwert-steuer bei Spenden

Die Bamberger Forscher schlagen dagegen mehrere Strategien vor: ein Siegel, um Kunden über den Umgang mit zurückgeschickten Waren zu informieren, ein Register von Spendenempfängern, um Händlern das Spenden zu erleichtern, und Veränderungen im Steuerrecht. Denn bislang gilt: Wer zurückgesendete Ware spendet, zahlt Umsatzsteuer. Das beklagt unter anderem auch der Discounter Aldi: „Eine unkomplizierte Weitergabe an gemeinnützige Zwecke wird so erschwert“, heißt es. Neben einem Erlass der Mehrwertsteuer für gespendete Produkte könnte die Regierung auch das Widerrufsrecht ändern. Wenn Kunden wenigstens zum Teil für die Kosten der Rücksendungen aufkommen müssten, würden sie eventuell nicht ganz so wahllos bestellen. Das, so Wirtschaftswissenschaftler Björn Asdecker, Initiator der Bamberger Studie, würde vielleicht zu einem Umdenken bei vielen Onlinekäufern führen. Denn genau das braucht es: ein verändertes Kaufverhalten von uns allen. Nicht nur Amazon und Co. sorgen für steigende Müllberge. Trotz gelobter Plastikvermeidung und Pappbecher-Bashing lebt Deutschland weiter munter in einer Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Ob Kleidung, Lebensmittel, technische Geräte: Neues wird gekauft, altes viel zu schnell entsorgt. Mit steigender Einwohnerzahl wachsen die Abfallmengen. Auch in Lüneburg. Man muss Bequemlichkeit und Komfort aufgeben, wenn man diese Entwicklung aufhalten wolle, so Asdecker. Das müssen jedoch keine großen Verluste für den einzelnen sein, es sind Verhaltensänderungen, die eher im kleinen wirken und dennoch wichtig sind. (RT)