100 Kilo leichter

Ramona und Dennis Moewe haben dank Magenbypass jeder 50 Kilogramm abgenommen

Wenn Ramona Moewe (26) ein halbes Brötchen frühstückt, ist sie satt. Den Rest isst ihr zweijähriger Neffe auf. Ihr Mann Dennis (32) schafft gerade mal ein ganzes Brötchen. Vor zwei Jahren sah das noch ganz anders aus: „Früher bestand mein Frühstück aus drei Brötchen, drei Eiern und drei Kaffee“, erinnert sich Dennis. Er und seine Partnerin haben sich vor anderthalb Jahren den Magen verkleinern lassen. Seitdem haben sie jeder 50 Kilogramm abgenommen.

Als Ramona aus Celle und Dennis aus Reppenstedt sich vor gut zehn Jahren übers Internet kennen lernten, waren sie beide übergewichtig. Ramona, die in der Grundschulzeit noch normalgewichtig war, wog zum Zeitpunkt des Kennenlernens bereits rund 100 Kilogramm bei einer Größe von 1,68 Meter. „Als sich meine Eltern getrennt haben, habe ich mit dem Frustfressen angefangen“, erinnert sich die 26-Jährige. Immer wieder nahm sie durch Diäten ab, verlor sogar mal 20 Kilogramm. „Aber den Jojo-Effekt hatte ich früher oder später jedes Mal“, erzählt sie. Ihr Gewicht über lange Zeit zu halten, gelang ihr nie.

Immer „der Dicke“

Dennis hingegen zählte vom Kleinkindalter an immer zu den Dicken. In der Schule wurde er gehänselt, einmal sogar getreten und geschlagen. „Da hat mich meine Mutter zum Judo geschickt, damit ich mehr Selbstbewusstsein bekomme“, erinnert er sich. Ab dieser Zeit wusste sich der Grundschüler zu wehren, und seine Mitschüler ließen ihn in Ruhe. Sein Gewicht schoss in die Höhe, nachdem sein Vater gestorben war. Er war 17, mit der Schule fertig, und ihm war „alles egal“. „Ich war leicht depressiv und habe mir die Kilos so angefressen“, erzählt der 32-Jährige. Sein Maximum erreichte er mit etwa 180 Kilogramm bei einer Größe von 1,78 Meter. „Ich habe gemerkt, dass es mir nicht gut ging. Ich wurde immer schwerfälliger und war nur noch zu Hause“, sagt Dennis. Auch sein Hausarzt riet ihm zum Abnehmen.

Als Dennis und Ramona ein Paar wurden, nahmen bei- de zunächst eher zu – Liebe geht ja bekanntlich durch

den Magen. Für Ramona kam der Wendepunkt, als ihre Mutter ihr sagte, sie mache sich Sorgen um sie. Als eine Verwandte von ihr nach einer Magenbypass-Operation zügig abnahm, begannen sie und Dennis, sich mit dem Thema zu befassen.

Bei der Magenbypass-Operation wird der Magen verkleinert, damit die Sättigung schneller eintritt. Bei der OP wird eine kleine Magentasche (Pouch) vom restlichen Magen abgetrennt, der quasi stillgelegt wird und in der Bauchhöhle bleibt. Danach wird der Dünndarm unterhalb des Zwölffingerdarms durchtrennt und der untere Teil mit dem Magenpouch verbunden. Damit die Gallenflüssigkeit und Enzyme der Bauchspeicheldrüse trotzdem mit dem Nahrungsbrei in Kontakt kommen können, wird der obere Teil des Dünndarms mit dem vom Magenpouch wegführenden Dünndarm weiter unten wieder verbunden. Erst unterhalb dieser Verbindung findet die normale Verdauung statt.

OP als Unterstützung

Bevor sich Ramona und Dennis Moewe zu dieser Operation entschieden, informierten sie sich im Internet und ließen sich von Ärzten beraten. In der Kontaktstelle und Selbsthilfegruppe der Adipositas-Hilfe Nord in Lüneburg lernte das Pärchen Gleichgesinnte kennen. Inzwischen leitet Ramona die Kontaktstelle sowie die Selbsthilfegruppe.

Bis es wirklich zum OP-Termin kam, musste das Reppenstedter Paar ein multimodales Konzept durchlaufen, das unter anderem Ernährungsberatung und Bewegungstherapie über sechs Monate beinhaltete. Auch Gutachten von Ärzten waren dafür nötig, dass die Krankenkasse die Kosten für die Operation übernimmt. Bedenken gab es im Vorwege der OP immer wieder. „Man hat sich gefragt, ob man es sich mit der OP zu einfach macht“, sagt Dennis. „Aber das machen wir nicht! Es ist nur eine Unterstützung zum Abnehmen“, fügt Ramona hinzu. Und auch nach dem Eingriff bestehe weiterhin die Möglichkeit, sich durch zu viel Essen den Magen wieder „größer zu futtern“.

Nach monatelangen Vorbereitungen war es am 10. Februar 2014 soweit: Direkt hintereinander wurden

Ramona und Dennis am Klinikum Lüneburg operiert, sogar auf der Intensivstation lagen sie zusammen. In Lüneburg gehörten sie mit zu den ersten Patienten, bei denen diese Operation durchgeführt wurde.

Man geniesst mehr

Dass beide die gleichen Gewichtsprobleme hatten und nach der OP ähnliche Nachwirkungen haben würden, ist ein Segen für Ramona und Dennis. „Man weiß, wie der andere sich fühlt. Das ist ein großer Vorteil“, sagt Ramo- na. Die Anfangszeit nach der Operation war nicht leicht, denn der Magen musste sich erst umgewöhnen. Vertrug Ramona zunächst keinen frischen Knoblauch, waren es bei Dennis Eier. „Der Magen ist jetzt empfindlicher“, meint Dennis. Und es passt natürlich weniger rein.

Im Restaurant kann sich das Pärchen, das sich nach der überstandenen OP im Mai 2015 das Ja-Wort gegeben hat, ein Essen teilen, und auch bei Kinderportionen bleibt schon mal was übrig. Eine Tasse Reis oder Nudeln reicht ihnen bereits, um beim Selberkochen gemeinsam satt zu werden. Selbst Snacks wie Schokoriegel, die früher gerne mal zwischendurch genossen wurden, sind schon fast zu viel für eine Zwischenmahlzeit. „Ich genieße heute mehr als vorher, man lernt, die Menge anders zu schätzen. Aber es gibt schon so Momente – zum Beispiel, wenn meine Mama Kohlrouladen gekocht hat, davon würde ich gerne mehr essen“, sagt Ramona.

Wenig zu essen, ist eine Sache. Da aber durch eine geringe Nahrungszufuhr dem Körper weniger Vitamine zugeführt werden, müssen Ramona und Dennis diese jetzt in Tablettenform zu sich nehmen, auch auf die Aufnahme von genug Fett müssen sie achten. Dennis trinkt regelmäßig Eiweißshakes, um nicht zu viele Muskeln abzubauen. Trinken sollte man auch mit Magenbypass so viel wie vorher, doch man braucht dafür jetzt länger. „Und das Durstgefühl kommt zu spät“, erklärt Dennis. Alkohol wirkt jetzt fast sofort nach dem Trinken. „Man muss ein Leben lang mehr auf sich achten“, meint Dennis. Selbst einige Medikamente würden nicht mehr wirken und müssten im Notfall intravenös gegeben werden. So wirkt auch die Pille bei Ramona nun nicht mehr. Regelmäßige Blutuntersuchungen sind lebenslang angesagt.

Ständig neue Klamotten

Die geringe Nahrungsaufnahme sowie die Ernährungsumstellung führten auch bei Ramona und Dennis schnell zur gewünschten Gewichtsabnahme. Von einem Startgewicht von rund 125 Kilogramm bei der OP hat Ramona inzwischen 50 Kilogramm abgenommen und wiegt jetzt rund 75 Kilogramm. Dennis brachte es von 150 Kilogramm bisher auf rund 100 Kilogramm. Zwar isst das Pärchen nun weniger, doch durch die starke Gewichtsreduktion müssen natürlich ständig neue Klamotten her. Ramona, die früher Kleidergröße 52/54 trug, kann nun Konfektionsgröße 40/42 tragen, Dennis ist von Hosengröße 64/66 bei Größe 50 gelandet und trägt Oberteile in L statt in 4XL.

Um Geld zu sparen, kaufen sie neue Klamotten auch gebraucht. „Aber Klamottenkaufen macht jetzt natürlich mehr Spaß“, meint Ramona. Nie waren die beiden zu- frieden mit dem Kleidungsangebot in großen Größen,

jetzt können sie sich viel moderner kleiden. „Man achtet jetzt wieder mehr darauf, was man trägt“, erklärt Dennis. Besonders glücklich machte es beide, für ihre Hochzeit Brautkleid und Sakko „von der Stange“ kaufen zu können. Ramonas Brautkleid musste bis kurz vor ihrer Hochzeit immer wieder enger genäht werden, weil sie stetig an Gewicht verlor. Und auch weiterhin verändern sich die Körper der beiden ständig.

Lebensfreude und Energie

Wie sich ihre Lebensqualität seit der Operation verändert hat, spüren Ramona und Dennis auch im Berufsleben. Ramona, die als Erzieherin im Kindergarten arbeitet, kann nun wieder beim Wettrennen mit den Kindern mitlaufen. Und Dennis, der als Kfz-Mechatroniker arbeitet, kann besser heben und ist viel beweglicher geworden. „Wir haben viel mehr Lebensfreude und Energie gewonnen“, meint Dennis. Er spürt, dass er heute anders wahrgenommen wird und nicht mehr

nur „der Dicke“ ist. „Man geht jetzt viel offener und gelassener auf andere zu.“

Einen Traum konnten Ramona und Dennis sich diesen Sommer endlich erfüllen: Der 32-Jährige ist seit seinem 16. Lebensjahr begeisterter Motorradfahrer, doch zusammen waren sie zu schwer für seine Maschine. „Außerdem hätte ich hinten drauf gar nicht gewusst, wo ich mich bei ihm festhalten soll“, ergänzt Ramona. Alleine das Aufsteigen war für Dennis früher schwierig, nun können sie gemeinsam auf Tour gehen.

Auch das Radfahren macht ihnen wieder Spaß, und kürzere Strecken, die sie früher sofort mit dem Auto gefahren wären, gehen sie heute zu Fuß. Um sich fit zu halten und den Körper in Form zu bringen, geht Dennis zudem ins Fitnessstudio, während Ramona Walken geht. Der nächste Schritt ist für Dennis, die überschüssige Haut loszuwerden, die nun schlaff an seinem Körper hängt und ihm Rückenschmerzen bereitet. Ramona und Dennis haben ihre OP noch keinen Tag bereut. Und sie würden jeden ermutigen, auch diesen Schritt zu wagen. (JVE)