Woher weiss der Joghurt, wann er schlecht ist?

Wie lange Lebensmittel noch gut sind und was „Mindesthaltbarkeit“ wirklich bedeutet

Jeder Bundesbürger wirft im Durchschnitt über 80 Kilogramm Lebensmittel weg und das jedes Jahr. Jedes achte Lebensmittel, das Verbraucher kaufen, landet im Müll – manchmal noch originalverpackt. Zwei volle Einkaufswagen im Wert von ca. 240 Euro kippen die Deutschen so jährlich in die Abfalltonne. Dabei hätte ein Großteil der Nahrungsmittel noch gut verzehrt werden können. Als größten Feind im Kampf gegen die Verschwendung hat Bundesernährungsminister Christian Schmidt das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) ausgemacht.

Wahr ist: Viele Verbraucher wissen nicht, was das Mindesthaltbarkeitsdatum eigentlich bedeutet, dass es wenig bis nichts mit dem Verfalldatum zu tun hat – und wie lange manche Produkte wirklich genießbar sind. Auch darum landet so viel Essbares in der Tonne.

Tatsächlich ist das MHD nicht mehr als ein Gütesiegel. Es gibt an, bis zu welchem Datum mindestens das ungeöffnete und richtig gelagerte Lebensmittel seine spezifischen Eigenschaften wie Geschmack, Geruch, Farbe, Konsistenz und Nährwert behält. Damit ist es im Grunde auch nur die Garantie des Herstellers für bestimmte Qualitätseigenschaften.

Heißt andersherum: Bis zum Erreichen des MHD sollte ein Produkt normalerweise in absolutem Top-Zustand sein – also seinen vollen Geschmack behalten oder nicht matschig werden. Die Hersteller legen das Mindesthaltbarkeitsdatum ganz nach eigenem Ermessen fest. Mit der Zeitangabe sichern sie sich gegen Regressansprüche ab, falls ein Produkt irgendwann nicht mehr ganz so schön aussieht oder der Quark an der Oberfläche Wasser ansetzt.

Ganz anders verhält es sich mit dem Verfalldatum: Dies gilt z.B. für leicht verderbliche Ware wie Fisch, Fleisch und Wurst. Nach Ablauf des Verbrauchsdatums sollten Lebensmittel nicht mehr gegessen werden. Denn da geht es nicht mehr um die hübsche Optik und den Geschmack sondern um mögliche Gesundheitsgefährdung.

Nicht alle Verbraucherschützer unterstützen die Regierung bei ihrem Kampf gegen das Mindesthaltbarkeitsdatum. Statt das als Lösung für die Verschwendungssucht abzufeiern, sollte lieber der Unterschied zum Verfallsdatum deutlicher kommuniziert werden, heißt es. Das wäre wesentlich effektiver.

Fakt ist: Das Auge isst mit. Auch diese Einstellung muss sich unter den Verbrauchern ändern. Nicht alles, was nicht mehr optimal und frisch aussieht, muss schlecht sein. Wie erkennt man nun aber, ob Lebensmittel tatsächlich noch genießbar sind, deren MHD abgelaufen ist?

„Testen Sie doch einfach selbst“, rät die Verbraucherzentrale Hamburg. „Prüfen Sie das Lebensmittel mit allen Sinnen. Hat es sich verfärbt, hat sich Schimmel gebildet, riecht es komisch, hat eine Gasbildung stattgefunden: Dann seien Sie achtsam und werfen es im Zweifelsfall lieber weg. Schimmelige Lebensmittel gehören ohnehin in den Müll. Eine Ausnahme ist Marmelade mit einem Zuckergehalt von mehr als 50 Prozent. Hat sich Schimmel gebildet, kann man die Stelle großzügig entfernen und das Produkt weiter essen. Auch bei Hartkäse gilt: Schimmelige Stellen großzügig abschneiden, dann besteht keine Gefahr.

Auch noch Monate nach Ablauf des Haltbarkeitsdatums gut sind u.a. Konserven, Tütensuppen, Nudeln, Reis, Schokolade und Getränke wie Mineralwasser und Bier, wenn sie kühl und trocken gelagert werden. Backpulver ist verschlossen fast unbegrenzt haltbar, ebenso übrigens wie Salz und Zucker – geöffnet lässt die Treibwirkung nach ca. einem Monat nach. Milch ist nach Ablauf des MHD in der Regel noch mindestens etwa drei Tage haltbar. Auch Milchprodukte wie Joghurt sind ungeöffnet in der Regel auch nach Ablauf des MHDs noch mehrere Tage gut. Das gilt auch für Eier (auch ca. zehn Tage „über der Zeit“ noch genießbar) Ab einem Alkoholgehalt von zehn Volumenprozent gibt’s für Spirituosen keine MHD-Pflicht. Auch abgepackte Kartoffeln müssen nach der Lebensmittelkennzeichnungsverordnung kein entsprechendes Datum tragen. Bei heller Lagerung können allerdings grüne Stellen – sie sind giftig, also sollten grüne Kartoffeln entsorgt werden. Handelt es sich nur um kleine Stellen: großzügig wegschneiden und schälen. Ketchup oder Mayo halten nach dem Öffnen zwei bis drei Monate. Am besten notiert man mit einem Marker das Datum der Öffnung auf der Flasche. Honig hat zwar ein MHD, ist aber ebenfalls nahezu unbegrenzt haltbar. Tee, Kaffee oder Gewürze sind mehrere Jahre haltbar, verlieren aber an Geschmack.

Und die Zukunft? Das Bundesernährungsministerium trommelt aktuell nicht nur gegen das MHD, sondern verstärkt auch für „intelligente Verpackungen“, was besonders die Chip-Industrie erfreuen wird. Denn in Verpackungen wie z.B. in Joghurtbechern sollen schon bald elektronische Chips eingebaut werden. Sie ermitteln dann, wie sich ein Produkt von Tag zu Tag verändert. Eine Farbskala von Grün bis Rot soll anzeigen, wie es um die Verzehrbarkeit steht. Ergebnisse eines Forschungsprojektes werden aber erst in etwa drei Jahren vorliegen.

So lange halten Medikamente

Wegwerfen oder doch noch einnehmen? Die Frage stellt sich, wenn das Haltbarkeitsdatum eines Medikaments überschritten ist.

Mit Arzneimittel verhält es sich anders als mit Lebensmitteln. Sie sind tatsächlich immer nur für eine mehr oder weniger „begrenzte Zeit“ haltbar. Darum ist auf dem Behältnis und der Verpackung aller Medikamente auch das Datum aufgedruckt, bis wann das ungeöffnete Mittel verwendet werden kann und der Hersteller für die Produktqualität haftet. Wie lange ein flüssiges (Tinktur, Tropfen, Saft) oder halbfestes Arzneimittel (Creme, Lotion, Salbe) nach Anbruch tatsächlich noch angewendet werden darf, ist in der Packungsbeilage beschrieben. Im Allgemeinen ist zwar davon auszugehen, dass sich Arzneistoffe nicht mit der Zeit in gesundheitsschädliche Produkte verwandeln, doch sie können stark an Wirkung verlieren. . Salben beispielsweise zerfallen bei längerer Lagerung in ihre Bestandteile. Weil Bakterien darin siedeln können, sollten sie nach Ablauf des Haltbarkeitsdatums unbedingt entsorgt werden. Feuchtigkeit, höhere Temperaturen und in bestimmten Fällen Licht können zudem dazu führen, dass sich ein Wirkstoff schneller zersetzt. Es gibt aber auch Medikamente, die sehr viel länger haltbar sind, als man zunächst denken mag. In einem Labor wurden z.B. Proben eines im Zweiten Weltkrieg von den US-Streitkräften eingesetzten Antibiotikums getestet – über 70 Jahre alt. Verblüffendes Ergebnis: Alle Tests ergaben, dass das Antibiotikum noch zu 100 Prozent wirksam ist.

Unabhängig vom Verfallsdatum sollte man ein Arzneimittel lieber aussortieren, wenn man folgendes bemerkt:

  • Tabletten haben dunkle Flecken bekommen.
  • Dragees sind nicht mehr gleichmäßig gefärbt oder rissig.
  • In einer ursprünglich klaren Flüssigkeit schweben Flocken oder es hat sich etwas
  • am Boden abgesetzt.
  • Salben oder Cremes sind eingetrocknet oder haben sich verflüssigt.
  • Zäpfchen haben glitzernde, kristalline Auflagerungen.

So wird das Verfallsdatum bei Medikamenten ermittelt:

Vor der Zulassung eines Medikaments müssen Stabilitätsstudien durchgeführt werden. Was passiert, wenn man es verschiedenen Temperaturen aussetzt? Drei Klimazonen werden simuliert, beim Stresstest ist es 40 Grad warm, die Feuchte der Luft liegt bei 75 Prozent.

Untersucht wird, ob der Wirkstoff abbaut, aber auch, ob die „galenische Formulierung“ stabil bleibt. Damit ist die Form gemeint, in der ein Wirkstoff verpackt ist. Nach drei Monaten werden die Tests zum ersten Mal wiederholt, nach 36 Monaten zum letzten Mal. Die Ergebnisse werden den Zulassungsbehörden vorgelegt, die das Verfallsdatum festlegen.