Aufgeklärt!
Bereits 1987 wurde sie gegründet: Die AIDS-Hilfe Lüneburg e.V.. Stadtlichter sprach mit drei der engagierten Mitarbeiter, die versuchen, das Unmögliche möglich zu machen, um Betroffene und Angehörige mit Rat und Tat zu unterstützen und ganz nebenbei noch qualifizierte Aufklärungsarbeit zu leisten.
Vereinzelt sieht man sie noch an Plakatwänden: Die originelle Werbung „Mach´s mit“, in der junges Gemüse für Safer Sex mit Kondom wirbt. Was in den Achtzigern in aller Munde war, nimmt heute in Medien und Bildungsinstituten nur noch eine geringe Präsenz ein. Und dies trotz steigender Zahlen: AIDS. Treffen kann es jeden, die Mär von dem Drogen konsumierenden Homosexuellen ist längst aus den Köpfen verbannt. Diejenigen, die sich hier engagieren, tun dies meist ehrenamtlich mit einem hohen Zeitaufwand. Die Gelder sind knapp, ihr Einsatz ist unbezahlbar.
AIDS – heute kein Thema mehr?
Kristian Gerdsen: „Und ob! Fatal ist, dass aktuell ein Rückgang im Schutzverhalten zu beobachten ist. Das zeigt sich vor allem an der selteneren Kondomnutzung in riskanten Situationen. Sinkende Absatzzahlen bei den Kondomherstellern belegen dies.“
Gibt es eine Statistik über die Zahl der an AIDS erkrankten in Lüneburg?
Kristian Gerdsen: „Für Städte unter 100.000 gibt es leider keine Statistiken. Lediglich für Niedersachsen, und das wären etwa 1.253 bekannte AIDS-Fälle. Im gesamten Bundesgebiet sind es rund 60.000, die gemeldet sind. Allerdings darf man die Dunkelziffer derer nicht außer Acht lassen, bei denen die Krankheit zwar noch nicht ausgebrochen ist, die aber bereits infiziert sind. Das Virus ist häufig bis zu 15 Jahren im Körper, ohne, dass man etwas bemerkt.“
Wer ist denn heute am stärksten gefährdet?
Kristian Gerdsen: „Das geht quer durch alle Schichten und Altersgruppen. Bundesweit stehen immer noch die Männer an erster Stelle, ob sie homosexuell sind oder regelmäßig in Ländern mit hoher AIDS-Rate Urlaub machen. Dann folgen die Drogenabhängigen und Migranten. Doch generell ist, wie gesagt, jeder gefährdet. Besonders die Frauen, die sich durch ihre anatomische Beschaffenheit sehr schnell anstecken können.“
Wo könnte man sich testen lassen?
Petra Speckmaier: „ Kostenpflichtig bei jedem Arzt, oder im Gesundheitsamt, dort ist es kostenlos und anonym.“
Was alles zählt zu den Aufgaben der AIDS-Hilfe Lüneburg e.V.?
Petra Speckmaier: „Das beginnt beim Telefon- und Beratungsdienst und geht bis zur Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Viele Projekte sind in Planung, wie zum Beispiel ein Herantreten an Arbeitgeber. Es ist wichtig, aufzuklären, dass HIV-Positive nicht gleich entlassen werden brauchen und durchaus auch neu eingestellt werden können. Eine Infektion bedeutet längst nicht, dass derjenige nicht mehr arbeitsfähig ist. Was krank macht, ist meist die psychische Komponente. Der Druck, den man sich selbst und das Umfeld einem macht, ist enorm.“
Anja Fischer: Wir übernehmen selbst die Spendenorganisation, präsentieren uns mit Infoständen in der Innenstadt, arbeiten mit Schulen zusammen und haben natürlich auch unsere jährlichen Jugendfilmtage im Cinestar, die wir sehr erfolgreich seit einigen Jahren veranstalten, und in denen Schüler und Lehrer auf lockere, unterhaltsame Weise an das Thema herangeführt werden.“
Kristian Gerdsen: „Und natürlich bieten wir Hilfestellung bei der Durchsetzung notwendiger Therapie- und Pflegeleistungen, geben Tipps für die zuständigen Behörden und unterstützen Betroffene, ihre Familienmitglieder und Hinterbliebenen. Wir unterstützen auch auf der psychosozialen Schiene. Da gibt es die Möglichkeit, sich in der Selbsthilfegruppen mit Gleichgesinnten zu treffen oder aber wir leiten an einen Psychologen weiter. Auch die Ernährung wird ein enorm wichtiger Punkt, zu dem wir ausführlich beraten.“
Wie sind Sie zur AIDS-Hilfe Lüneburg gekommen?
Anja Fischer: „Ich studiere Sozialpädagogik und machte im letzten Jahr mein Hauptdiploms-Praktikum in Südafrika. Dort arbeitete ich mit einer Sozialarbeiterin zusammen, die ihr Büro wiederum mit ortsansässigen Krankenschwestern teilte, die mit ihren mobilen Kliniken, kleinen weißen Bussen, auf abgelegene Farmen fuhren, um dort Medizinische Betreuung zu leisten. Des Öfteren fuhr ich mit, hatte dadurch Kontakt mit AIDS-Infizierten und HIV. Das Thema hat mich nicht mehr losgelassen. Später leitete ich einen Aufklärungsworkshop für Schulkinder und las mich immer mehr in das Thema ein. So kam ich schließlich zur AIDSHilfe Lüneburg e.V..“
Petra Speckmaier: „Ich bin seit September 2006 mit dabei und ebenso wie Kristian in allen Bereichen tätig, unterstütze ihn vor allem auch organisatorisch und in der Öffentlichkeitsarbeit. Ursprünglich fing ich als Ehrenamtliche hier an, dann wurde für mich eine 1-Euro-Stelle geschaffen, in der Hoffnung, dass letztendlich eine Halbtagsstelle gefördert wird, denn der Bedarf ist da! Ursprünglich bin ich gelernte Krankenschwester, wurde arbeitslos und wollte mich dort engagieren, wo man tatsächlich gebraucht wird.“
Kristian Gerdsen: „Ich bin seit langem hauptamtlicher Mitarbeiter und kümmere mich um alle Bereiche, wie Beratung, Prävention und Veranstaltungen. Wir sind hier ja nicht so groß (lacht). Unser Einsatzgebiet reicht allerdings weit über den Landkreis Lüneburg hinaus, bis Munster und Dannenberg. Was uns tatsächlich fehlt, sind junge Mitarbeiter, die das Thema auf eine zeitgemäße Art transportieren. Das Problem ist nur immer wieder dasselbe: Es gibt zu wenig Gelder, deshalb sind wir auf Ehrenamtliche angewiesen.“
Die finanzielle Unterstützung scheint ein Problem zu sein
Kristian Gerdsen: „Das ist richtig. Die Gelder wurden stark gekürzt, das Spendensammeln ist mühsam. AIDS ist nun mal kein Prestigeobjekt, mit dem man sich schmücken kann, wie mit Kunstsponsoring.
Petra Speckmaier: „Ich habe mich maßlos erschrocken, was noch in den Köpfen rumgeistert. Bittet man um Spenden, bekommt man zu hören: „das geht mich nichts an, ich bin doch nicht schwul“ oder „Ich unterstütze keine perversen Männe“. Ein wirkliches Bewusstsein für diese Erkrankung ist in unserer Gesellschaft, die ja angeblich so offen mit Sexualität umgeht, kaum vorhanden. Das macht betroffen. Es geht jeden an, der (ungeschützten) Sex hat!“
Und wie weit ist die Forschung derzeit gediehen?
Kristian Gerdsen: „Früher kamen die Medikamente nahezu ohne Testphase auf den Markt, da man davon ausging, dass Infizierte sowieso bald starben. Wenn sie Wirkung zeigten, umso besser. Heute verfährt man nicht mehr ganz so drastisch, doch gibt es auch jetzt noch keine Erfahrungswerte darüber, welche Langzeitschäden die heutigen Medikamente auslösen. Die Nebenwirkungen waren und sind gravierend: Leber- und Nierenprobleme sowie hohes Herzinfarktrisiko inklusive. Viele schlagen auch extrem auf die Nerven, was einen starken Tremor verursacht, ähnlich der Parkinsonschen Zitterlähmung. Der ultimative Impfstoff ist noch nicht gefunden, da sich das Virus ständig verändert. Und nach wie vor gilt: Wer gegen ein Medikament resistent ist, ist es häufig gegen andere auch. Die Chancen sind dann relativ Gering.“
Ein Erkrankter muss sich an völlig neue Lebensumstände gewöhnen...
Anja Fischer: „Richtig. Es nützt nichts, wenn ich nur Medikamente nehme, sondern ich muss auch meinen gesamten Lebenswandel und meine Ernährung umstellen, um das Immunsystem zu stabilisieren. Hinzu kommt der hohe Stressfaktor: Die Intoleranz der Mitmenschen, gegebenenfalls Arbeitslosigkeit und hohe Medikamentenkosten. Gerade die engsten Angehörigen reagieren anfänglich oft ablehnend. Es braucht Zeit, um den Mut zu fassen, sich zu outen, und Zeit, sich als Angehöriger dem Thema anzunähern.“
Kristian Gerdsen: „Vieles bleibt einem HIV-Positiven verwehrt. Man kann sich nicht mehr privat krankenversichern, der Abschluss einer Lebensversicherung ist unmöglich, zum Teil werden Umschulungsmaßnahmen nicht gewährt und selbst das Aufnehmen eines Kredits kann schwierig werden. Dies alles bedeutet ein Ausschluss aus der Gemeinschaft. Ein Negativfaktor, der zusätzlich psychischen Stress verursacht. Und genau den können Erkrankte am wenigsten gebrauchen.“ (NM)
((Info-Kasten))
AIDS (Acquired Immune Deficiency Syndrome, englisch für ein erworbenes Immundefektsyndrom) wird durch die Infizierung mit dem HI-Virus ausgelöst. Übertragen wird das Virus über Sperma, Blut, Scheidenflüssigkeit und Muttermilch. Im Krankheitsverlauf tritt eine Kombination von Symptomen auf, die häufig auf Sekundärinfektionen und Tumoren basieren. Schon während der mehrjährigen, symptomfreien Inkubationsphase können antivirale Medikamente eingesetzt werden, die die Lebenserwartung steigern können.
Kontakt:
AIDS-Hilfe Lüneburg e.V.
Am Sande 50
21335 Lüneburg
http://lueneburg.aidshilfe.de
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(04131) 40 35 50
Beratungstelefon:
(0700) 44 53 34 13
BU: Mit hohem Engagement und Kompetenz dabei: Anja Fischer, Kristian Gerdsen, Petra Speckmaier (v.l.n.r.)
Foto: stadtlichter
