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Interview Felix Meyer: Straßenliebe

Felix Meyer und seine Band lieben die Straße. Regelmäßige Gigs in Fußgängerpassagen, eine „Streettour“ im letzten Sommer und eine sogenannte Straßen-Version des aktuellen Albums „Von Engeln und Schweinen“ sind das Resultat. stadtlichter begegnete ihnen – wo? Natürlich auf der Straße ...

Es ist Samstag am frühen Nachmittag und die Lüneburger Bäckerstraße ist gerappelt voll. Einige Menschen schlendern mit Einkaufstüten bepackt durch die Passage, andere hetzen aneinander vorbei. Stehen bleiben sie jedoch alle am Ende der Bäckerstraße, vor dem Marktplatz. Grund: Ein großes Publikum umringt bereits sechs Typen, die live Musik spielen und eine eindringliche Männerstimme ist zu hören. Es ist Felix Meyer, der zusammen mit seiner Band das neue Album promotet. Wenig später finden sich die Sechs in einem Café zusammen, um bei Heißgetränken über ihr Album, die Straßentour und sich selbst zu sprechen. Die Band Felix Meyer sind: Felix, 33, Gesang, Sebastian, 42, Bass, Benjamin, 31, Akkordeon, Erik, 31, Rhythmusgitarre und Perkussion, Niklas, XX, Schlagzeug, und Olaf, 31, Leadgitarre.

Felix, Du sagst, Ihr lebt quer durchs Land verteilt. Wie habt Ihr Euch kennen gelernt?

Felix: „Erik und ich kommen ursprünglich aus Berlin.“

Erik: „Auf einer Frankreichtour lernten wir die Lüneburger Band Shayan kennen. Olaf war zu der Zeit Gitarrist bei Cheyenne und wir hießen noch Project île (île wie die französische Insel). Es folgten gemeinsame Konzerte in Lüneburg. Kurz darauf begannen wir mit der Straßenmusik, um einen Urlaub zu finanzieren. Anfangs zu zweit, später zu fünft. Als fester Kern kristallisierten sich Felix, Olaf, und ich heraus.“

Olaf: „In dieser Dreier-Besetzungen spielten wir auch mal auf dem Stint- und Schröderstraßenfest, fanden aber, dass etwas fehlte. Deswegen suchten wir einen Bassisten – das wurde dann Sebastian –, einen Schlagzeuger – Niklas – und einen Akkordeonspieler – Benjamin.“

Wie habt Ihr Peter Hoffmann kennen gelernt?

Felix: „Peter sah uns eines Tages Am Sande, Ecke Bäckerstraße. Vormittags traten wir häufig auf der Straße auf, um für den Gig am Abend Promo zu machen. An diesem Abend waren wir im Schallander und Peter kam mit seiner Familie, um uns spielen zu sehen. Er sprach mich in einer Pause an, fragte, wer ich denn sei und was ich mache. Ich antwortete und fragte ihn daraufhin dasselbe. Er erklärte, er sei Musikproduzent und produziere unter anderem Ben Becker, Falko und auch Tokio Hotel. Das war vor zwei Jahren. Wir hatten ein dreiviertel Jahr Kontakt, haben uns immer mal wieder gesehen, besprochen, was man machen kann und irgendwann kam das Liederschreiben dazu. Dann kam ein entscheidender Schritt: Peter stellte uns seinen alten Freund Franz Plasa vor, der beispielsweise Selig, Echt und Keimzeit produziert. Mit Franz nahmen wir dann das Album von Engeln und Schweinen auf. Einmal als Studioversion und einmal als Straßenversion. Zweitere kann man gegen eine Spende von 10 Euro bei unseren Auftritten erstehen.“ (lacht)

Felix, Du bist eigentlich Fotograf. Wie kommt man vom Fotografieren zur Musik?

Felix: „Gar nicht.“ (lacht) „In der Schulzeit habe ich mit der Musik angefangen, zwar nicht fotografiert, aber viel gezeichnet und die Straßenmusik lief von alleine. Das war übrigens auch ein super Studentenjob, als ich in Kiel angefangen hab, Fotografie zu studieren. Mir war klar, ich möchte Kameramann und Fotograf werden – was ich bis jetzt auch bin. Zum Beispiel habe ich dieses Jahr (2009) die Fotos zu einer Ausstellung vom Bund der deutschen Architekten in Berlin gemacht. Irgendwann wurde es bei Peter zum Thema, dass die Musik zeitaufwendiger werden könnte und das war mir nur recht.“

Lieber Musik als Fotografie?

Felix: „Lieber nicht. Ich würde auch gerne als Fotograf weiterarbeiten. Film ist auch sehr interessant. Aber irgendwann muss ich mich wahrscheinlich entscheiden und das eine – zumindest zeitweise – nur am Rand machen. Wenn wir in den nächsten Jahren auf Tour sein sollten und es so erfolgreich wird, dass es sich lohnt, die Musik in den Fokus zu rücken, werde ich bestimmt immer eine Kamera dabei haben und filmen und fotografieren. Es schließt sich ja Gott sei Dank nicht aus.“

Was macht Ihr, wenn Ihr nicht auf Deutschlands Straßen musiziert?

Felix: „Ich bin freischaffender Fotograf, Kameramann und Sänger.“

Olaf: „Ich bin privater Gitarrenlehrer.“

Erik: „Ich bin noch mit anderen Bands unterwegs, gebe Unterricht und studiere in Leipzig Perkussion und Schlagzeug. Ich muss nur noch mein Abschlusskonzert geben, dann bin ich fertig.“

Benjamin: „Ich mache zur Hälfte Musik und zur Hälfte bin ich selbstständig und mach Webdesign und Software.“

Sebastian: „Ich bin Pädagoge bei der Kirche. Viel Musik- und Jugendarbeit. Ich mache aber auch viel Musik.“

Erzählt bitte von Eurem Album ...

Felix: „Es heißt „Von Engeln und Schweinen“, ist eine Mischung aus deutschem Chanson, Folk und Pop und ist als Straßen-Version bei unseren Auftritten erhältlich. Außerdem erscheint im Frühjahr 2010 die Studio-Version, die wir mit dem Produzenten Franz Plasa aufnahmen.“

Wie ist das Album entstanden?

Felix: „Wir haben alles in Hamburg aufgenommen, dort ist es auch entstanden …“

Olaf: „Felix hat sämtliche Texte geschrieben und die Musik kam von unterschiedlichen Leuten. Einige kamen von mir und Erik, aber auch Peter Hoffmann und Franz Plasa haben einige Stücke beigesteuert.“

Felix: „Die melodiöseren Sachen kamen dabei eher von Olaf und Erik und die experimentelleren von Franz und Peter.“ (lacht)

Olaf: „Die Arrangements entstanden im Studio. Wir haben uns als Band dort ’reingestellt und die Teile durchstrukturiert …“

Und die Songs?

Felix: „In der Schublade hatte ich gar nichts. Ich hab tatsächlich vor zwei Jahren angefangen die ersten zwei, drei Stücke zu schreiben und kam langsam wieder rein. Als ich das letzte Mal Texte fabrizierte, war während der Schulzeit und dazwischen gar nicht. Es lief jedoch gut an und ich mir kamen immer weitere musikalische Ideen. Wenn es ein Stück Musik gab, hörte ich mir die Aufnahmen ein paar Mal an und es entstand dazu der Text.“

Ihr wart diesen Sommer auf Straßentour. Wie kommt man auf die Idee?

Niklas: „Das ist unsere Form des Marketings. Wir machten die Erfahrung, dass wir auf diesen Weg viele Leute erreichen und wie gut unsere eigenen Lieder ankommen. Daraufhin haben wir die Aktion mit einer Booking Agentur geplant und waren zwei Monate unterwegs. Allerdings haben wir nicht, wie üblich auf einer Tour, nur abends gespielt, sondern meistens zwei Mal auf der Straße tagsüber und noch einmal spät in Clubs. Mitunter haben wir so locker drei Stunden durchmusiziert.“

Welche Tour-Erlebnisse waren für Euch besonders?

Erik: „Ein Auftritt in Strahlsund. An diesem Abend war die Nacht des offenen Denkmals und wir stellten uns an einen Platz, an dem wir tagsüber schon gespielt hatten. Nur diesmal hing über uns eine Laterne mit einem tollen Lichtkegel, der wie ein Bühnenlicht direkt auf uns fiel. Das war ein außergewöhnliches Nachtkonzert ...“

Felix: Ich bringe Erik's Geschichte zu Ende. In Strahlsund am Abend des offenen Denkmals, gab es die Szene, wie er sie beschrieben hat und nach ein paar Liedern kam ein schwarzer Ritter zu Ross ganz langsam auf den Kreis von Zuschauern zugeritten. Der Kreis öffnete sich langsam, der Ritter stand mit seinem Pferd in der ersten Reihe, hörte sich ein, zwei Lieder an – wir haben extra für ihn auch ein spanisches Stück gespielt – irgendwann legte er dann den Rückwertsgang ein, sein Pferd ritt zurück und er hat sich wieder verabschiedet. Als wollt er nur gucken, was das Volk so tut.

Olaf: „Mir fällt auch noch eins ein: Wir hatten auf Rügen eigentlich einen Auftritt auf der Seebrücke Selin. Zur Seebrücke beförderte uns eine Zahnradbahn. In der Bahn kam uns spontan der Einfall, dort ein Video zu drehen. Wir fuhren also, im Wagen spielend, einige Male hin und her, Leute stiegen ein und aus – einige waren verwundert. Aber als wir ausstiegen, gab’s sogar Szenenapplaus.“

Am 18. Dezember seid Ihr in der Diskothek Garage. Was erwartet die Gäste?

Benjamin: „Wir spielen die Straßen-Version unseres Albums, die natürlich auch schon Club-erprobt ist.“

Sebastian: „Der große Unterschied zur Straße wird sein, dass man in der Garage alles überall gleich gut hören kann, was wir spielen und singen.“ (lacht)

Felix: „Und vielleicht spielen wir auf Wunsch auch ein paar Coversongs. Aber wenn Ihr bestimmte Lieder hören möchtet, dann vielleicht lieber etwas von unserem Album ...“ (grinst)

Felix, man könnte meinen, Du seiest ein nachdenklicher Mensch, wenn man die Songs hört. Charakterisiere Dich bitte einmal …

Felix: „Das war mir auch schon ein relativ großes Anliegen. Unsere Musik fällt ja schon ein bisschen in den Sektor Popmusik. Ich bin vielleicht eher nachdenklich, was aber nicht heißt, dass ich keinen Spaß am Leben habe. Was ich nicht bin, ist der Highlife-, Party- und Mach-die-Nacht-zum-Tag-Typ – als Lebensinhalt sozusagen. Ich bin als Fotograf auch mehr dokumentarisch unterwegs. Mich interessieren Dinge, die am Rande der Gesellschaft passieren … Man kann mit Musik sicherlich nicht die Welt verändern, da bin ich ganz sicher, aber man kann zeigen, dass Unterhaltung zum Mitdenken anregt.“

Wohin möchtet Ihr als Künstler?

Felix: „Natürlich möchten wir den Erfolg, den wir auf der Straße haben, auch gerne auf der Bühne erleben. Was natürlich nicht heißt, dass es die ganz großen Bühnen sein müssen. Ich glaube, wir gehen dazu einen schönen und für uns richtigen Weg, weil wir uns langsam heran tasten.“

Glaubt Ihr, Ihr habt es „geschafft“?

Felix: „Nee – bisher haben wir noch gar nichts geschafft. Wir haben es geschafft eine ganze Menge Leute zu erreichen. Klar könnte man es wie eine Tour de Force anlegen und die nächsten fünf Jahre immer auf der Straße sein. Sicherlich ist man dann irgendwann irre bekannt. Aber ich denke, der nächste Schritt wird die Albumveröffentlichung sein, die damit einhergehende Promogeschichte und dann wird man sehen, ob es auf diese Art funktioniert. Also, dass uns die Leute beim Hören der Songs im Radio mit den spielenden Typen auf der Straße verbinden und sie danach zu einem unserer Konzerte kommen.“

Olaf: „Was wir aber auf jeden Fall geschafft haben ist, dass wir eigene Lieder geschrieben und sie so arrangiert haben, dass sie auf der Straße funktionieren. Wir bekommen normalerweise 150 bis 250 Leute dazu, stehen zu bleiben und sich auf unsere Musik einzulassen. Ich dachte immer, man muss auf der Straße etwas spielen, das die Leute kennen, damit sie stehen bleiben. Aber dass es auch mit eigener Musik so gut funktioniert, hätten wir nicht gedacht. Das haben wir geschafft, aber mehr noch nicht.“

Felix: „Wir hatten auf der Tour auch ein Gästebuch dabei und haben die Leute etwas ’rein schreiben lassen. Man merkt an diesen Texten, dass es ihnen etwas bedeutet hat, uns an diesem Tag spielen gesehen zu haben.“

Sebastian: „Zudem haben wir um die 5.000 Tonträger weggegeben, die bundesweit verteilt sind. Auf der Tour haben wir in den Ferienorten an der See gespielt, wo Menschen aus ganz Deutschland waren, um Urlaub zu machen – letztendlich sind wir also bundesweit bekannt.“ (grinst)

Erik: „Und geschafft haben wir auf jeden Fall, dass wir uns, bei dem, was wir tun, treu bleiben. Erfolg ist ebenso eine Sache von jedem selbst. Was will man als Band oder Künstler schaffen? Wenn die Leute irgendwann über Felix Meyer reden und mit uns, unseren Sound und unseren Stil verbinden oder beim Namen wissen „Das sind doch die mit der Straßenmusik …“, dann haben wir’s geschafft. Man hat es sicherlich aber auch dann geschafft – und dass ist mir sehr wichtig –, wenn man mit seiner Musik jemanden berührt.“
 

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