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Start Magazin Mutmacher-Geschichten Mutmacher: Reinhard

Burnout  – wenn der Körper streikt

Weiter, höher, schneller, Zeitdruck, immer Erfolg haben – der Alltagsstress hat viele von uns im Griff. Doch unsere Reserven sind nicht unendlich, irgendwann streiken Körper und Seele – der Burnout ist vorprogrammiert. Jens Reinhardt gewährt Q-GUIDE einen Einblick, wie es bei ihm war. Seit 1994 ist Jens Reinhardt selbstständig, kämpft jeden Tag in der freien Wirtschaft um Kunden und Geld, gibt alles.

Neben dem Job spielt das Familienleben eine große Rolle: im November 2006 Hochzeit, zwei Kinder, eine Stieftochter, Hausverkauf, Hauskauf. Pflichtbewusstsein, Disziplin, Leistung bringen, Bestehendes verbessern, Entscheidungen treffen – Eigenschaften und Ziele, die Reinhardt immer angetrieben haben. Alles schien zu laufen, doch dann kam Ende Mai 2007 der große Knall: Der Lüneburger wirkte hilflos, verunsichert, hatte Angst, konnte nichts mehr entscheiden, wirkte wie ein Fremdkörper, sein Kopf schien zu platzen, leere Blicke – der totale Zusammenbruch! Burnout ist kein Modewort, sondern betrifft mehr Menschen als man denkt.

Jens, wie sah Dein Tagesablauf vor dem Burnout aus?

Jens Reinhardt: „Ich bin um 7 Uhr aufgestanden, war zwischen 9 und 10 Uhr im Laden, bin um 20 Uhr nach Hause gefahren. Dazu zwei bis drei Abendtermine in der Woche, 50 bis 60 Stunden kamen da locker in der Woche zusammen, aber das hat Spaß gemacht.“

Was hat sich familiär geändert?

„In den Jahren 2006 und 2007 kamen unsere beiden Kinder zur Welt, 2007 haben wir mit dem Hausbau angefangen, dadurch blieb für andere Dinge wenig Zeit, auch Freundschaften haben gelitten, weil ich mich nur noch selten habe sehen lassen.“

Woran glaubst Du lag es, dass irgendwann alles zu viel wurde?

„Der Job und die Familie haben mich nicht gestresst, der Knackpunkt war der Hausbau, da habe ich mich zeitlich total übernommen. Ursprünglich wollten wir zum ersten September 2007 das neue Haus beziehen, doch plötzlich wollte der Käufer unseres alten Hauses schon zum ersten Juli einziehen. Ich habe einen Zeitplan aufgestellt, der sah in der Theorie gut aus, war aber in der Realität zeitlich nicht zu bewältigen, weil vier Wochen für einen Umbau von 250 Quadratmetern viel zu wenig sind.“

Was passierte dann?

„Ich bin nachts aufgewacht, die Aufgaben liefen wie ein Laufband durch meinen Kopf. Im Laden war Hochsaison, ich musste 100 Dinge für das Haus klären, meine Frau war im achten Monat schwanger, der kleine Sohn konnte noch nichts selber machen … Immer wieder schoss es durch meinen Kopf: das schaff ich nicht, die Sache pack ich nicht, das bekomme ich bis dahin nicht geregelt. Und durch jeden weiteren Tag verstrich wertvolle Zeit.“

Was hat Dir am meisten zugesetzt?

„Es gab keinen Weg, um diese Dinge zu regeln, das habe ich nicht verstanden, so etwas gab es noch nie in meinem Leben. Innerhalb von acht Wochen habe ich durch den Hausver- und Ankauf eine halbe Million Euro bewegt. Plötzlich bekam ich Versagungsängste, dann Existenzängste, denn es ging nicht nur um mich. Die Eigenschaften, die mich sonst nach vorne trieben, haben mich erdrückt, denn ich habe meiner Familie gegenüber verantwortungslos gehandelt.“

Wie hat sich der Höhepunkt der Krise bei Dir ausgewirkt?

„Ich war leichenblass, konnte nicht mehr schlafen, die Probleme haben mich förmlich erdrückt, ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen und keine Entscheidungen treffen. Nicht einmal, ob ich links oder rechts lang gehen wollte.“

Und dann kam der große Knall …

„Ja, Ende Mai habe ich eingesehen, ohne externe Hilfe schaffe ich es nicht mehr. Ich bin ’raus aus dem Laden, nach Hause gefahren, mein Vater ist gekommen und hat mich ins Krankenhaus gebracht. Dort habe ich mich wie auf einer Insel gefühlt, ich war aus allem ’raus und konnte endlich wieder schlafen.“

Wann bist Du wieder nach Hause gekommen?

„Nach 16 Tagen, aber ich hatte immer noch Ängste. Da kam mein Geschäftspartner Andreas Schmull zu mir, sagte, ich soll zwei Monate zu Hause bleiben, mich um Haus und Familie kümmern, dann erst wieder in den Laden kommen. Das war eine große Hilfe, ich habe das Geschäft losgelassen und wurde von Tag zu Tag stärker.“

Jetzt haben wir Oktober 2008 – was hat sich in Deinem Leben geändert?

„Eigentlich nicht viel, aber mein Tagesplan ist bedeutend besser strukturiert. Es gibt auch derzeit keine großen Entscheidungen, die mich unter Druck setzen. Ich treibe wieder mehr Sport, genieße Zeit mit der Familie!“

Hast Du Menschen, denen Du danken möchtest?

„Ja, meiner Frau und Familie, meinem Bruder und meinen Eltern, Andreas Schmull und Matthias Merz. Sie alle standen hinter mir – ohne sie hätte ich es nicht gepackt!“

Was rätst Du, damit andere keinen Zusammenbruch erleiden?

„Das seelische Gleichgewicht ist ganz wichtig, man muss sich Auszeiten gönnen. Und man muss sich die Krankheit eingestehen, auf Freunde und Familie hören, denn ich selber habe die Zeichen falsch interpretiert. Nur Stress bringt es nicht, denn der Friedhof ist voll von Menschen, die keine Zeit hatten!“

Was ist eigentlich aus dem neuen Haus geworden?

„Meine Planungen haben geklappt. Mein Vater, der mir viel abnahm und umgesetzt hat, fragte mich oft, warum ich solche Panik hatte, denn alles war super vorbereitet. Im Nachhinein war der ganze seelische Druck überflüssig.“ (VM)

 

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