Reportage

Lernen in Ruinen

In vielen Schulen herrscht dringender Sanierungsbedarfn“

Es sind die wichtigsten Jahre unserer Kinder. Die Jahre, die sie aufs Leben vorbereiten, auf eigentlich alles. Doch an den Schulen im Land wird immer häufiger am Limit gearbeitet, nicht nur weil Lehrer fehlen, sondern auch, weil die schulische Infrastruktur verfällt. Es herrscht ein Investitionsstau, der so groß ist wie beim Straßenbau. Aber Schlaglöcher bekommen häufig mehr Aufmerksamkeit. Fragt man Politiker jedweder Couleur nach den für sie wichtigsten Themen, wird ganz schnell von Bildung gesprochen. Sie sei unsere Zukunft, unser Schicksal und so weiter … Was ist davon zu halten? Wer sich den maroden Zustand vieler Schulen im Land ansieht, muss konstatieren: Nicht viel!

Zahlreiche Schulen bundesweit sind in einem verheerenden Zustand. Undichte Dächer, Schimmel, kaputte Toiletten und Umkleiden, die ihre beste Zeit schon längst hinter sich haben: Die Liste der Mängel beziehungsweise Schäden an Schulgebäuden ist lang. Ein Armutszeugnis! Für die Gebäude sind in der Regel die Städte und Gemeinden verantwortlich. Doch würden viele Kommunen zu wenig in den Bestand investieren, kritisieren Lehrerverbände und Elternvertreter. Die niedersächsische Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Laura Pooth, fordert im Gespräch mit dem NDR eine bessere finanzielle Ausstattung für die Schulen. Die Politik solle die „Schwarze Null“ nicht länger als ihren „Fetisch“ betrachten. Sie müsse endlich das nötige Geld für die Schulsanierungen zur Verfügung stellen. Das NDR-Fernsehmagazin „Hallo Niedersachsen“ hat bei den mehr als 400 Kommunen und Gemeinden, die Träger einer Schule in Niedersachsen sind, nachgefragt. Rund 110 Schulträger – verantwortlich für 737 Schulen – haben geantwortet: 471 Schulen, also rund 60 Prozent, sind danach sanierungsbedürftig. Ungefähr 1,4 Milliarden Euro müssten alleine diese Schulträger bereitstellen, um ihre Gebäude zu sanieren. Hochgerechnet auf alle 2.775 Schulen in Niedersachsen wären das zirka fünf Milliarden Euro für Sanierungen.

Wie ist die Situation Lüneburgs? Auch so düs-ter wie in anderen Regionen Niedersachsens? Offenbar hat die Lüneburger Politik etwas besser gearbeitet. Millionenschwere Bildungs- und Infrastrukturfonds-Pakete zeigen Wirkung.

 

Zahlen für die Stadt Lüneburg

In städtischer Trägerschaft sind 18 Schulen, an 14 dieser Schulen besteht Sanierungsbedarf in Höhe von insgesamt rund 22,5 Millionen Euro. Stadt-Pressesprecherin Suzanne Moenck: „2,5 Millionen Euro wollen wir allein im laufenden Jahr in die Sanierung von Schulen investieren – nicht gerechnet sind Bauunterhaltungen und Erweiterungen, diese kommen da noch hinzu.“

Was ist alles noch geplant?

„Wir arbeiten seit 2015 ein Paket namens Bildungsfonds kontinuierlich ab, Laufzeit bis 2020/21, Volumen mehr als 40 Millionen Euro. Ein weiteres Paket ist ebenfalls aufgelegt, es umfasst neben Bildung (Kita, Krippe, Schule) auch Radwege, Straßen, Brücken usw., Name Bildungs- und Infrastrukturfonds II. Dieses läuft erst an. Aber insofern fühlen wir uns, was den festgestellten Sanierungsbedarf angeht, gut aufgestellt.“

Wo muss am meisten investiert werden?

„Zu den größten Baustellen in diesem Jahr zählt sicherlich die Grundschule Hagen / Igelschule. Dort war kürzlich Spatenstich für den vierten Erweiterungsbau. Die Gesamtkosten des mehrjährigen Bauvorhabens belaufen sich auf 4,125 Millionen Euro. In den Planungen / Umsetzung ab 2020/21 sind das Johanneum (Erweiterung) und die Grundschule Lüne (grundlegende Sanierung und Umbau/Erweiterung für den Ganztagsbetrieb).“

150 Millionen Euro für Landkreis-Schulen

Auch der Landkreis sieht die Lage insgesamt positiv. In den Jahren 2004 bis 2019 flossen rund 150 Millionen Euro in die Schulinfrastruktur. Das hat sich ausgezahlt, sagt Landkreis-Pressesprecherin Urte Modlich. Dennoch bleibe natürlich noch eine Menge zu tun.

Wie hoch ist der geschätzte Sanierungsbedarf pro Schule/Einrichtung im Landkreis?

„Die Schulen haben deutlich unterschiedliche Größen und befinden sich in einem unterschiedlichen Sanierungszustand. Von daher kann kein Durchschnittswert angegeben werden

Wie hoch ist also der Gesamt-Sanierungsbedarf?

„Für jede kreiseigene Schule wird eine jährlich aktualisierte Sanierungslis-te geführt. Der dort gelistete Sanierungsbedarf in allen 18 kreis-eigenen Schulen beläuft sich mit Stand 1.1.2019 auf 37.653.000 Euro.“

Wie hoch sind die geplanten Sanierungs-Investitionen 2019?

„Das Jahresprogramm 2019 umfasst einschließlich Haushaltsresten aus Vorjahren ein Investitionsvolumen von rund 16 Millionen Euro.“ (RT)

„Ganz verleibt in Baby Emiliy!“

Babyboom im Norden, doch es fehlt an Klinikpersonal

Mehr Wonneproppen für den Norden: Der Babyboom hält an, doch viele Schwangere und junge Mütter finden keine Hebammen und in den zu wenigen und zu kleinen Kreißsälen ist teilweise Schlange stehen angesagt …

„Sie ist sooo süß!“, Julie A. ist ganz verzaubert von ihrer Tochter. Erst ein paar Stunden ist diese auf der Welt. Rund 3.400 Gramm schwer und 49 Zentimeter groß und mit einem niedlichen kleinen Stupsnäschen. Natürlich findet Julie A. – wie könnte es anders sein – dass ihre Tochter die schönste und lieb-ste auf der Welt ist, der Vater René sieht das genauso: „Ich bin ganz verliebt in meine Kleine!“ Die Geburt im Klinikum Lüneburg verlief problemlos: „Ich habe eine tolle Hebamme gefunden“, erzählt die junge Mutter. „Und die hat mir schon sehr geholfen, ich weiß aber, dass nicht alle so ein Glück haben.“ Tatsächlich wird es für schwangere Frauen in Niedersachsen immer schwieriger, eine Hebamme und eine nahegelegene Geburtshilfe-Station zu finden. Das geht aus einem aktuellen Bericht des Landesgesundheitsamtes hervor, den Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) in Hannover präsentiert hat. Die Zahl der Kliniken, in denen Kinder auf die Welt gebracht werden können, ging seit 2003 von 107 auf 71 zurück. Die Zahl der überwiegend im Krankenhaus arbeitenden Hebammen ist laut dem Bericht mit etwas mehr 900 konstant geblieben. Allerdings mussten sie deutlich mehr Geburten betreuen. Außerdem gibt es in Niedersachsen noch knapp 1.200 freiberufliche Hebammen. Von ihnen betreuen aber nur noch rund 100 außerklinische Geburten. 2009 boten dies noch 184 Hebammen an.

Geburt auf dem Klinikparkplatz

Die Situation in und um Lüneburg ist zwar etwas entspannter als beispielsweise in den schwer gebeutelten Landkreisen Wittmund, Diepholz, Vechta und Peine, wo sich rechnerisch weniger als sechs Krankenhaus-Hebammen um tausend Geburten kümmern, doch Personalengpass bei Hebammen (und Ärzten) und überfüllte Kreißsäle gibt es auch hier. Noch ist zwar in Lüneburg kein Kind auf dem Klinikparkplatz zur Welt gekommen wie die Tochter von Julia K. Ihren Fall schilderten der Deutsche Hebammenverband und die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG): Die 35-Jährige war in einem Krankenhaus von einer Ärztin weggeschickt worden, weil alle Kreißsäle belegt waren. Das Kind werde schon nicht in den nächsten 20 Minuten kommen, hatte die Ärztin beschwichtigend gesagt – dabei war die Fruchtblase bereits geplatzt und der Muttermund einige Zentimeter geöffnet. Aber zweifellos schlägt auch am Klinikum Lüneburg der anhaltende Babyboom inzwischen voll durch. Denn das Einzugsgebiet ist riesig, umfasst neben dem Landkreis auch große Teile der Kreise Harburg, Lüchow-Dannenberg, Herzogtum Lauenburg, Ludwigslust, Salzwedel und Uelzen. Um auch in Zukunft eine bestmögliche Versorgung für Mutter und Kind sicherstellen können, muss weiter expandiert und modernisiert werden.

Das bestätigt auch Prof. Dr. Josef Sonntag, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Lüneburg: „In den letzten Jahren hat die Zahl der Geburten faktisch zugenommen. Das führt zu Kapazitätsengpässen.“ Die ganz kleinen Patienten wie Baby Emily sind die ersten, die das zu spüren bekommen. Als wir sie und ihre Mutter frühmorgens wiedertreffen, sind sie gerade erneut in der Klinik – Grund ist eine erhöhte Konzentration von Bilirubin, was auf eine Neugeborenen-Gelbsucht hinweist. Eigentlich relativ harmlos, wenn man die Werte genau im Blick behält. Doch das erwies sich bei Emily offenbar als schwierig. Julie A.: „Die Schwestern waren überfordert, für mich und Emily gab es kein richtiges Zimmer und es fand sich kein Arzt, der bei meinem Kind einen Zugang legen konnte. Die Kleine ist richtig zerstochen, hat sehr gelitten. Immer wieder wurde neu Blut abgenommen.“ Auf Nachfrage bestätigt das Klinikum, dass auf der Station in der Nacht der Aufnahme von Emily und ihrer Mutter alle Zimmer belegt waren, man war an der „Grenze des Machbaren“ und „da laufe eben nicht immer alles so, wie es eigentlich soll.“ Eine Situation, die in Zukunft sogar häufiger eintreten könnte, so eine Klinikmitarbeiterin: „Wir brauchen einfach mehr Zimmer auf der Station und spätestens dann natürlich auch mehr Mitarbeiter. Das würde den Stress vermindern. Wir tun schon alles, aber manchmal ist es eben zu viel.“

Nachtrag: Glücklicherweise hat Emily ihre Gelbsucht inzwischen gut überstanden, es hat sich alles auf natürlichem Weg reguliert. Auch von den vielen Einstichen ist nichts mehr zu sehen. Das kleine Schätzchen ist längst wieder zu Hause und liebt es, auf dem Arm der Mutter zu schlafen und dabei am Daumen zu nuckeln. (RT)

„Das war nicht ich…“

Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom: wie aus Müttern Monster werden

Nach außen hin sind sie die liebevollsten Mütter, doch hinter verschlossenen Türen misshandeln sie ihr Kind. Es sind Frauen, die am sogenannten Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom leiden. Hinter der Krankheit mit dem sperrigen Namen (auch Münchhausen-by-proxy-Syndrom genannt, kurz MBPS), angelehnt an den bekannten Lügenbaron, verbirgt sich eine Sonderform des Münchhausen-Syndroms. Während bei letzterem die Betroffenen sich selbst Schaden zufügen, um ärztlich behandelt werden zu müssen, machen die Betroffenen des Münchhausen-Stellvertreter-Syndroms andere Menschen absichtlich krank, damit diese eine ärztliche Behandlung brauchen. In den meisten Fällen werden dabei die eigenen Kinder die Opfer – also zum Stellvertreter – für die körperliche Misshandlung. Und in über 90 Prozent sind Mütter die von der Krankheit Betroffenen. Was treibt die psychisch kranken Täterinnen an? Und warum werden sie erst so spät entlarvt? Ob Kinderärzte, Polizisten, Staatsanwälte, erst recht die Öffentlichkeit: Die erste Reaktion auf solche Fälle ist fast immer Entsetzen, Unverständnis. Manchmal Ekel oder Verachtung. Der versagende Mutterinstinkt, die unfassbare Perfidie in der Durchführung verstören. Auch weil MBPS so selten, so wenig erforscht und komplex ist. Und das Mutterbild, das jeder von uns in sich trägt, so völlig auf den Kopf stellt. Es sind Fälle wie diese, die fassungslos machen: In Hamburg brachte eine Mutter ihren dreijährigen Sohn mit verdreckten Spritzen (Fäkalien, Speichel, stinkendem Blumenwasser) an den Rand des Todes. Der Junge war immer wieder in lebensbedrohlichem Zustand ins Krankenhaus eingeliefert worden, 41,3 Grad Fieber! Eitrige Abs-zesse! Intubiert! Als die Ärzte auf der Intensivstation nicht mehr weiter wussten, versuchten sie es sogar mit einer Chemo-Therapie. Und die Verursacherin saß immer mit am Bett, voller Sorge um ihr Kind… In einem anderen Fall in der Nähe von Berlin nahm eine Mutter, sie arbeitete als Krankenschwester, ihrem Sohn jede Woche einen halben Liter Blut ab. Die Ärzte konnten sich den regelmäßigen Blutverlust nicht erklären, das Kind kam stationär in die Klinik, dort wurde die Mutter auf frischer Tat ertappt. Im Großraum Hannover brach eine Mutter ihrem Kind absichtlich die Arme, eine andere gab ihren Zwillingstöchtern Unmengen an Salz zu essen. Auch Lüneburger Richter mussten sich vor einigen Jahren schon mit MBPS beschäftigen, nachdem eine Frau ihre behinderte Tochter monatelang mit Medikamentencocktails und Abführmitteln gequält hatte.

Suche nach Aufmerksamkeit und Zuneigung

Was treibt diese Frauen zu ihren Taten? Was lässt sie so unglaublich grausam und scheinbar mitleidlos werden? Sie tun das mutmaßlich, um Aufmerksamkeit, Lob und Zuneigung durch Ärzte, Krankenhauspersonal und ihr persönliches Umfeld zu bekommen, sagen Psychologen. Sie tun es aber auch, so erklärt es der Therapeut einer Betroffenen, um einen „unerträglichen inneren Zustand zu regulieren“. Es gibt verschiedene psychoanalytische Theorien zur Natur dieses nur wenig erforschten Syndroms. Eine besagt, dass die Mutter sich mit der Quälerei auch einen Traum erfüllt: den des missbrauchten, vernachlässigten Mädchens, das auf eine Mutter hofft, die ihm zur Seite steht, es schützt, heilt und rettet. Es geht dabei um Projektion: Die Mutter schiebt ihr eigenes seelisches Kranksein (Borderline, Depressionen etc.) quasi in das Kind hinein und behandelt es von außen.

Die Krankheit besitzt drei Phasen:

Phase 1

In Phase 1 berichten die Mütter dem Arzt von Symptomen, die das Kind gar nicht hatte, z.B. epileptische Anfälle, Atemstillstand oder Herz-Probleme.

Phase 2

In Phase 2 fälschen die Mütter tatsächlich Daten und Messwerte, um eine Krankheit des Kindes vorzutäuschen.

Phase 3

In Phase 3 fügen sie dem Kind körperlichen Schaden zu, sei es durch Verletzungen oder die Gabe von Medikamenten, die eine Vergiftung oder Krankheitssymptome auslösen. Auch ein Erstickungsversuch mit einem Kissen ist möglich. Die Therapie des Münchhausen-by-proxy-Syndroms ist keine leichte Angelegenheit. Denn die Betroffenen sind sich selbst meist keiner Schuld bewusst. Vor Gericht gestellt, äußern sich viele Frauen oft ähnlich, beteuern ihre Kinder zu lieben und das auch durchaus glaubhaft. Konkret zu ihren schlimmen Taten befragt, fällt von den Täterinnen fast immer derselbe Satz: „Das war nicht ich…“ (RT) 

Darum wird MBPS so selten entdeckt

  • Die Mütter, oft schwer kranke, potenziell hochgefährliche Frauen, sind meist sehr gute Schauspielerinnen. Sie verschleiern ihr Tun geschickt (auch vor ihren Partnern bzw. den Kindesvätern), präsentieren sich kompetent, hilfsbereit, verständnisvoll
  • Die Mütter kommen oft selbst aus Pflegeberufen oder haben medizinische Vorbildung
  • Die von ihnen erzeugten Symptome bei den Opfern sind unspezifisch und sehr schwer zu diagnostizieren
  • Auch Ärzte und Krankenhauspersonal können sich schwer vorstellen, dass eine Mutter ihr Kind bewusst schädigt. Bei Verdacht zögern sie mitunter (zu) lange, bevor sie ihre Schweigepflicht brechen und die Behörden informieren. Dazu sind sie im Notfall laut § 34 des Strafgesetzbuches und dem „Gesetz zur Kooperation und Information im Kinderschutz“ berechtigt.
  • Eine Videoüberwachung im Krankenzimmer oder einer Privatwohnung ist in Deutschland rechtlich sehr schwer durchzusetzen

Es ist auch darum sehr kompliziert, der Mutter die Tat nachzuweisen.

Verlogene Liebesschwüre

„LOVE SCAM“ – Das miese Geschäft der Internet-Betrüger

Sie haben die große Liebe im Internet gefunden – und am Ende sind sie ihr Vermögen los: Opfer von Liebes-Abzocke im Internet, sogenannten „Love Scams“. Auch Silke D. (43, Name geändert) fiel auf einen solchen Liebes-Betrüger herein. Am Ende blieb der bei Winsen lebenden Kfz-Kauffrau ein gebrochenes Herz und ein geplündertes Bankkonto. „Ich war total blind, kann heute selbst nicht verstehen, wie dumm ich war“, erzählt sie. Mehrere tausend Euro hat sie einem Mann überwiesen, der vorgab, sie sei seine große Liebe. Er hatte sich als erfolgreicher Architekt aus den USA ausgegeben, sei unheimlich attraktiv gewesen, erzählt Silke D. Sie habe sich gewundert, dass so ein Mann Single ist, aber er habe ihr in gutem Deutsch (angeblich hatte er deutsche Vorfahren) erklärt, seine Ex-Frau hätte ihn mit einem Kollegen betrogen und nun würde er sich eben allein um seinen 11-jährigen Sohn Jus-tin kümmern. Manchmal sei sie während der vielen Gespräche schon misstrauisch geworden, auch weil bei ihm Skype nie geklappt habe aus den unterschiedlichsten Gründen, erzählt Silke D. „Ich habe ihn sogar einmal gegoogelt. Ohne ein Ergebnis natürlich. Die Alarmglocken waren danach auf Höchststufe. Trotzdem hat er mich wieder einlullen können mit seiner nächsten süßen SMS.“

Irgendwann ging es nur noch ums Geld

Kurz nach Weihnachten wollten sie sich dann erstmals in Hamburg treffen. Zuvor musste der Mann aber angeblich geschäftlich nach Singapur. Er sprach von Problemen bei einem Immobilienkauf, ein Anwalt müsste zügig bezahlt werden und jetzt hätte man ihm auch noch die Kreditkarte gestohlen. Sie sollte ihm Geld überweisen für Anwalt und Flugticket. „Er machte mir so ein schlechtes Gewissen. Und ja, ich dumme Gans überwies das Geld …“ In Internetforen wie „romancescambaiter.de“ oder „gofeminin.de“ gibt es zahlreiche ähnliche Berichte von geschröpften und frustrierten Frauen wie Männern. Teilweise verzweifelte Berichte. Und immer wieder die Fragen der Opfer: Warum ich? Wie konnte ich nur darauf hereinfallen? Fast immer läuft der Betrug gleich ab: Die kriminellen Liebesschwindler geben sich freundlich und erzählen eine seriöse und interessante Lebensgeschichte. Beißt das Opfer an, wird diese bald von Liebesschwüren überschüttet. Über Wochen und Monate bauen die Betrüger eine Beziehung zu ihren Opfern auf, die sie unverzichtbar im emotionalen Leben der Betroffenen macht, ohne sich jemals getroffen zu haben. Dann schreiben die Scammer von angeblichen geschäftlichen oder privaten Problemen, gefolgt von konkreten Geldanfragen.

Fotos sind meist gestohlen

In der Regel verwenden die Liebesbetrüger auch gestohlene Fotos: Die abgebildeten Personen wissen selbst gar nicht, dass ihre Bilder benutzt werden. Oder es werden extra Fotostrecken von einem Model angefertigt. Dies erkennt man an der gleichen Kleidung oder den ähnlichen Posen. Laut Erkenntnissen ermittelnder Staatsanwälte stammen die meisten der Betrüger – männlich wie weiblich – aus Westafrika. Männer geben sich überwiegend als attraktive, gut ausgebildete weiße Personen aus USA oder Europa aus. Frauen sagen, die seien Krankenschwestern, Ärztinnen, Lehrerinnen oder Geschäftsfrauen jeder Art aus Russland, Südamerika, Thailand oder auch Europa. Insider gehen davon aus, dass rund 95 Prozent der englisch sprechenden Kontakte auf deutschen Dating-Seiten Romance- oder Love-Scammer sind. Allerdings können einige der Kriminellen auch im perfekten Hochdeutsch auf „große Liebe“ machen. Das rät die Polizei: Denken Sie immer daran: Echte Liebe kostet nichts und ein wahrhaft Verliebter verlangt niemals Geld von Ihnen …(RT)

Was Opfer von „Love Scams“ tun können

  • Brechen Sie sofort jeglichen Kontakt zu dem vermeintlichen Geliebten ab.
  • Geleistete Zahlungen sollten, wenn noch möglich, sofort rückgängig gemacht werden. Vorsicht: Gerade Überweisungen durch die Western Union oder das Übersenden von Schecks können nicht verfolgt werden.
  • Auch wenn die Strafverfolgung von Tätern sehr schwierig ist, weil sie aus dem Ausland agieren, sollten Opfer bei der Polizei Anzeige erstatten.
  • Wenn Sie es nicht selbst können, dann lassen Sie sich von computererfahrenen Bekannten und Freunden den so genannten E-Mail-Header auslesen. Daran erkennen Sie, woher die Mail geschickt wurde.
  • Zudem sollten sämtliche Nachrichten bzw. Chat-Texte als Beweis abgespeichert werden, z.B. auf dem bevorzugten Cloud-Dienst, einer externen Festplatte oder einem USB-Stick.
  • Heben Sie alle Überweisungsbelege usw. auf.

Wann sollte man stutzig werden?

  • Die Betrüger interessieren sich sehr für die finanzielle Situation ihres Opfers.
  • Sie wollen alles über ihr Opfer wissen, wie Hobbys, Kinder, Freunde.
  • Sie verlieben sich schnell unsterblich. Viele Scammer bezeichnen ihre neuen Partner schon bald als „Ehemann“ oder „Ehefrau“ und schmieden schnell Heiratspläne. Deswegen scheint die Bitte um ein Visum oder ein gemeinsames Konto gerechtfertigt.
  • Sie gaukeln Notsituationen vor und setzen so ihr Opfer emotional unter Druck.
  • Sie schaffen Vertrauen, indem sie sich am Anfang vom Opfer ein wenig Geld leihen und dieses dann rasch zurückzahlen.
  • Häufig geben die Betrüger vor, ein gemeinsames Konto mit dem Opfer eröffnen zu wollen und bitten um Kopien von Ausweisen. Die Daten werden dann für Fälschungen von Pässen genutzt.
  • Ein Bekannter bringt ein Päckchen vorbei, dass zum Scammer geschickt werden soll. Das könnten gefälschte Papiere sein und somit macht sich das Opfer strafbar.
  • Oft werden Geschichten über verstorbene Ehepartner und Kinder aufgetischt.

Sind sie ein Lebensretter?

Menschen sterben, weil es zu wenige Organspender gibt – eine nachhaltige Lösung ist (noch) nicht in Sicht

Gut 10.000 Menschen warten in Deutschland verzweifelt auf eine Niere, eine Leber, Lunge oder ein Herz. Doch nicht einmal 1.000 Tote wurden im vergangenen Jahr in Deutschland zu Organspendern. Immerhin: Es waren schon einmal deutlich weniger …

Mehr Zeit, mehr Geld, mobile Expertenteams für kleine Krankenhäuser: Um zu mehr lebensrettenden Organspenden in Deutschland zu kommen, sollen Kliniken dafür künftig bessere Bedingungen erhalten. Darauf zielt ein Gesetz von Gesundheitsminister Jens Spahn, das im Bundestag erst Mitte Februar mit breiter Mehrheit beschlossen wurde. Konkret geht es darum, mehr geeignete Spender finden zu können. „Das gibt den 10.000 Patienten Hoffnung, die auf ein Spenderorgan warten“, so der CDU-Politiker. Die meisten Mediziner sehen allerdings weiteren Handlungsbedarf, ein kleiner Schritt in die richtige Richtung reicht nicht. Denn auch im vergangenen Jahr überließen nur 955 Menschen nach ihrem Tod Organe für andere Patienten, wie die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) mitteilte. Das war zwar ein Plus von knapp 20 Prozent im Vergleich zu 2017 mit 797 Spendern und der erste größere Anstieg seit 2010. Doch: Immer noch sterben jeden Tag im Schnitt drei Menschen, weil sie nicht rechtzeitig ein passendes Organ bekommen. Auch Eisenbahner Werner L. (53) wartet auf ein Spenderorgan, und das bereits seit sechs Jahren. Der Lüneburger leidet an einer chronischen Entzündung der Gallenwege, Primär sklerosierende Cholangitis (PSC) genannt.

Die Gallenflüssigkeit, die normalerweise von der Leber aus die Gallenwege passiert, kann bei einer PSC nicht mehr ungehindert fließen – sie staut sich an bestimmten Stellen. Auf lange Sicht führt die Primär sklerosierende Cholangitis zu Schäden in der Leber, so dass diese nicht mehr richtig arbeiten kann. Eine Leberzirrhose kann die Folge sein – wie bei Werner L. Meist stellt der Arzt die Diagnose PSC, wenn die Patienten zwischen 30 und 50 Jahre alt sind. Männer sind häufiger betroffen als Frauen. „Die Krankheit kommt schleichend, man merkt lange nichts, ich war immer häufiger müde, bekam so einen schrecklichen Juckreiz. Da erst ging ich zum Arzt. Die Diagnose war ein Schock!“ Die Leber von Werner L. hat kaum noch Funktion. Glaubt er noch daran, rechtzeitig ein Spenderorgan zu erhalten? „Natürlich, immer“, sagt er. „Wenn nicht, würde ich dem allen noch heute ein Ende setzen. Dann wäre ja alles sinnlos.“ Peter Mohr vom Verein Lebertransplantierte Deutschland e.V. Koordinationsbereich Nord, der seinen Sitz in Lüneburg hat, würde gerne mehr Optimismus verbreiten können. Doch Mohr, selbst ein „Transplantierter“, weiß auch, dass das Thema komplex ist: „Objektiv ist es eben immer noch einfach so, dass wir viel mehr Organspenden benötigen, von daher reicht es nicht, jemand nur Hoffnung zu machen. Die muss sich auch auf etwas begründen.“ Was es braucht, ist die permanente Information über das Leid derjenigen, die auf ein Organ warten, heißt es von der DSO. Eine Schlüsselrolle dabei spielen die Hausärzte: Wie eine aktuelle Erhebung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zur Organspende zeigt, genießen sie bei Patienten besonders hohes Vertrauen und sind auch beim Thema Organ- und Gewebespende wichtige Ansprechpersonen. So gibt etwa jeder vierte Befragte zwischen 14 und 75 Jahren in der Repräsentativbefragung der BZgA an, mit seinen Ärztinnen und Ärzten über das Thema sprechen zu wollen. 15 Prozent derjenigen, die einen Organspendeausweis besitzen, haben diesen in ihrer Arztpraxis erhalten.

Warum dennoch so viele Menschen davor zurückscheuen, einen Organspende-Ausweis auszufüllen, erklärt sich Werner L. so: „Das Thema ist ja keines, über das man leichthin spricht und mit dem man auf Partys neue Freunde gewinnt. Man muss sich mit dem eigenen Tod oder dem von Angehörigen beschäftigen. Das ist tabu. Wer macht das schon gerne?“

In der aktuellen Debatte um die gesetzliche Regelung der Organspende setzen viele Betroffene – auch der Lüneburger L. – darum jetzt auf die so genannte Widerspruchslösung. Danach soll jeder Deutsche automatisch ein Spender sein, wenn man nicht selbst oder jemand aus der Familie widerspricht. Dass die Widerspruchslösung aber wirklich kommen wird, ist wohl eher zweifelhaft. Ärztekammer-Präsident Frank Ulrich Montgomery fasste die Mehrheitsmeinung unter seinen Kollegen so zusammen: „Als Arzt vertrete ich die Widerspruchslösung. Ich halte sie in unserem Rechtssys-tem, in dem man für jeden Pieks eine Einwilligung geben muss, jedoch für schwer durchsetzbar.“

Wie wird man selbst Organspender?

Die persönliche Entscheidung kann in einem Organspendeausweis oder in der Patientenverfügung schriftlich dokumentiert werden. Gleichwertig ist das Gespräch mit den Angehörigen. Füllen Sie den Organspendeausweis einfach aus und legen ihn in die Brieftasche. Dort schauen Ärzte im Ernstfall zuerst nach. Tragen Sie dort Name, Vorname, Geburtsdatum und Adresse ein. Dann kreuzen Sie auf der Rückseite an, für welche Form der Organspende Sie zur Verfügung stehen. Wichtig: Unterschreiben Sie den Ausweis, nur damit wird das Dokument gültig. Und: Informieren Sie Ihre Angehörigen, dass Sie Organspender sind, dann gibt es im Notfall keine Probleme.

Wann werden Organe zur Spende freigegeben?

Dafür muss beim Patienten der Hirntod festgestellt werden. Heißt: Die Gesamtfunktion des Großhirns, Kleinhirns und Hirnstammes sind unwiederbringlich und unumkehrbar ausgefallen. Eine Rückkehr ins Leben ist ausgeschlossen. Zwei Ärzte müssen diesen Zustand unabhängig voneinander feststellen, machen dafür bestimmte Tests. (RT)

Information zur Organ- und Gewebespende  www.organspende-info.de

www.bundesgesundheitsministerium.de/Organspende.

Kostenfreies Infotelefon Organspende: 0800 / 90 40 400.

Lebertransplantierte Deutschland e.V. Koordinationsbereich Nord

Telefon: 04131 / 53217.

Wie eine grosse Black Box

Snus, Badesalze & Co – Legale Drogen und die folgen für die Gesundheit

Kennen Sie Snus? Wenn nicht, fragen Sie doch ihre Kinder. Viele Jugendliche greifen zu dem Zeug, weil es angeblich cool ist und manche Sportler auch ganz heiß darauf sind. Snus kommt aus Schweden und wird daher auch schwedisch ausgesprochen, also „Snüs“. Ganz süß also, möchte man meinen. Doch Snus ist alles andere als das.

Snus ist eine legale Droge und wird in Dosen verkauft, die entweder kleine Beutelchen oder losen Tabak mit jeweils unterschiedlichen Mengen an Nikotin enthalten. Es besteht hauptsächlich aus fein gemahlenem Tabak, den die Hersteller mit Wasser, Feuchthaltemittel, Salz und Aromastoffen behandeln. Das Salz hat die Funktion, den Tabak dem PH-Wert im Mund anzupassen. Dadurch können die Schleimhäute die Inhaltsstoffe besser resorbieren. Die Aromastoffe sollen über den Tabakgeschmack hinwegtäuschen. Der Verkauf des Lutsch-Tabaks, der zwischen Lippe oder Wange auf das Zahnfleisch geschoben wird, wo der Speichel ihn in einen braunen Saft verwandelt, ist in Deutschland illegal – der Konsum hingegen nicht. Vor allem Fußballer, Vorbilder für viele Kids, scheinen Snus zu lieben.

Bundesligaprofis gehören zu den Snus-Fans genauso wie Provinzkicker aus Lüneburg. Der Autor dieses Textes sprach mit zwei Lüneburger Spielern, die beide sogar etwas Geld verdienen mit ihrem Sport. Sie geben den Snus-Gebrauch ganz offen zu: „Ist doch nix dabei“, meinte der eine. „Völlig harmlos“, sagt der andere. Allerdings gibt er auch zu: „Es kommt schon vor, dass das Zahnfleisch wie die Hölle zu brennen anfängt und der Schweiß rinnt. Aber wenn das vorbei ist, kommt man richtig gut drauf und spielt übrigens auch besser.“

Dass Snus wirklich so harmlos ist, glaubt man selbst in Schweden, dem einzigen Land in der EU, in dem der Oraltabak legal gekauft werden kann, nicht mehr. Es mehren sich auch hier die kritischen Stimmen. Die große Lobby der Befürworter wehrt sich allerdings heftig gegen erste Verbotsaufrufe. Snus ist in dem skandinavischen Land bereits seit dem frühen 19. Jahrhundert verbreitet.

In Deutschland ist die Medizin sich ziemlich einig: Die Trend-Droge putscht auf, stärkt die mentale Aufnahmefähigkeit, verursacht aber eine starke Abhängigkeit, wird Ingo Froböse, Professor für Sportrehabilitation und Prävention an der Sport-hochschule Köln, von der „Zeit“ zitiert. Gefährlich wird’s, wenn maßlos konsumiert wird, was leider unter Kindern und jungen Erwachsenen oft geschieht. Manche „Snus“-Beutel enthielten immerhin 44 Milligramm oder mehr Nikotin, das sind drei bis vier Zigaretten auf einmal. Was viele zudem außer Acht lassen, ist, dass Snus-Produkte schwedischer Erzeuger strengeren Standards unterliegen, um die Schadstoffe gering zu halten. Asiatische Produkte hingegen, mit einem Klick per Internet zu bekommen, enthalten einen Tausendfach so hohen Schadstoffgehalt.

Bereits 2007 fanden Forscher des schwedischen Karolinska-Instituts heraus, dass Snuskonsumenten neben noch recht harmlosen Folgen wie Zahnfleischschwund, verfärbten Zähnen oder Zahnverlust auch mit einem erhöhten Risiko für Bauchspeicheldrüsenkrebs leben müssen. US-Wissenschaftler bestätigten das in einer Studie aus 2015. Genau wie auf Zigarettenpackungen gibt es auf den Snus-Dosen inzwischen den Warnhinweis, dass „dieses Tabakprodukt“ der Gesundheit schaden kann. Hilft ein Konsum-Verbot? Eher wohl Aufklärung. Denn neben Snus gibt es reichlich andere Substanzen im Netz, die eine entstehende Lücke füllen würden. Die sogenannten Legal Highs zum Beispiel, die als vermeintliche legale und harmlose Rauschmittel beworben werden, und online ganz einfach ins Haus bestellt werden können. Und vermutlich oft weitaus schädlicher für die Gesundheit sind als der gelutschte Tabak aus Schweden. Fachleute warnen vor diesen psychoaktiven Substanzen (NPS), die teilweise stärker als etwa Cannabis oder andere herkömmliche Drogen wirken können. Sie werden im Netz zum Beispiel als Kräutermischung, getarnt als Badesalz oder Lufterfrischer angeboten, und tragen dort Namen wie   „Party Beast“ „Bonzai Summer Boost“ oder auch „Amazonas Vanilla“. Wer solche Drogen im Internet bestellt, weiß nicht, was er bekommt und wie die Wirkung ausfallen wird. Das ist wie eine große Black Box. Schon Rattengift ist in Legal Highs entdeckt worden. Nach Erkenntnissen der Polizeigewerkschaft GdP wurden allein im vergangenen Jahr mindestens 60 neue, zum Teil hochgefährliche Wirkstoffe erstmals auf dem deutschen Markt festgestellt. Als besonders experimentierfreudige Nutzer der Legal Highs gilt übrigens die Gruppe der 16- bis 25-jährigen. Und genau diese Altersgruppe steht auch beim Snus-Gebrauch an der Spitze … (RT)

„Eine der innovativsten Hochschulen Deutschlands!“

Interview mit UNI-Präsident Prof. Dr. Sascha Spoun über das Selbstbild der Leuphana und wie die Hochschule in 50 Jahren aussehen könnte

Deutschland ist das Land der Vielfalt – das gilt auch und besonders für seine Hochschulen. Über 400 staatlich anerkannte Hochschulen gibt es zwischen Flensburg und Konstanz, darunter mehr als 100 Universitäten. Eine davon ist die Lüneburger Leuphana, bei Studenten durchaus beliebt, wie neueste Zahlen zeigen, aber auch nicht immer unumstritten. An der Spitze der Uni, die in der öffentlichen Debatte zuletzt vor allem durch Auseinandersetzungen um den sogenannten Libeskind-Bau, das neue Zentralgebäude, von sich reden machte, steht seit Mai 2006 Sascha Spoun. Ein Interview über den Status und die Zukunft der Lüneburger Hochschule.

Worin ist die Leuphana Spitze?

Sascha Spoun: „Ich würde sagen, dass die Leuphana seit Jahren zu den innovativsten Hochschulen Deutschlands gehört. Mit ihrem mehrfach ausgezeichneten, deutschlandweit einmaligen Studien- und Universitätsmodell hat sie bereits 2007 Maßstäbe gesetzt. Die Einführung eines gemeinsamen ersten Hochschulsemesters für alle Studienanfänger und das Komplementärstudium, mit dem alle Studierenden zu einem ‚Blick über den Tellerrand‘ gebracht werden, sind echte Innovationen gewesen. Mit dem EU-geförderten Innovations-Inkubator konnten wir ab 2009 unter anderem das Thema Digitale Medien an der Leuphana etablieren und zu einem heute weithin sichtbaren Profil-Element unserer Universität entwickeln. Als erste deutsche Hochschule haben wir schon 2010 eine Fakultät für Nachhaltigkeit eingerichtet, ein Thema, das heute alle bewegt. Außerdem zählen wir seit Jahren zu den gründerfreundlichsten Universitäten in Deutschland.“ 

Entspricht die Wertschätzung in der Bevölkerung dem Anspruch der Universität?

Sascha Spoun: „Das Ausmaß der tatsächlich vorhandenen Wertschätzung in der Bevölkerung ist immer schwer zu beurteilen. Aus einzelnen Gesprächen und Begegnungen weiß ich aber, dass viele Lüneburger die Bedeutung der Universität für Stadt und Region hoch einschätzen. Dabei geht es nicht nur um den Wirtschaftsfaktor Universität als einer der größten Arbeitgeber in der Region. Anerkannt wird auch, dass die Universität mit vielen Initiativen für kulturelle Vielfalt, wirtschaftliche Impulse und nachhaltige Stadtentwicklung sorgt. Das neue Zentralgebäude als Ort der Begegnung zwischen Stadtgesellschaft und Universitätsgemeinschaft wird in den kommenden Jahren sicher zu einer weiteren Verbesserung in der Wahrnehmung führen.“ 

Bei aktuellen Hochschulrankings spielt die Uni Lüneburg keine Rolle. Was läuft da schief?

Sascha Spoun: „An den klassischen Hochschulrankings beteiligen wir uns gar nicht, da sie nicht in der Lage sind, unser Studienmodell richtig abzubilden und mit den Angeboten anderer Hochschulen zu vergleichen. Das ist für uns aber kein Problem, denn mit Blick auf die Nachfrage nach den von uns angebotenen Studienplätzen kann man sagen, dass solche Rankings für uns praktisch keine Rolle spielen. Wir registrieren Jahr um Jahr eine Nachfrage, die unser Angebot bei Weitem übersteigt. Zuletzt hatten wir rund sechs Bewerbungen um jeden der 1.500 Studienplätze, die wir pro Jahr im College vergeben.“ 

Was sind Schwerpunkte in der Zukunft, wo ist die Leuphana Vorreiter?

Sascha Spoun: „Anders als viele andere Universitäten arbeitet die Leuphana themengeleitet. Das heißt, wir beschäftigen uns in Forschung und Lehre mit Themen, die unmittelbaren Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung haben: Bildung, Wirtschaft, Kultur und Nachhaltigkeit. Auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit etwa hat das dazu geführt, dass wir unbestritten im deutschen und europäischen Kontext als ein wichtiger Akteur wahrgenommen werden. Aber auch auf anderen Feldern gelingt es uns immer wieder, mit unseren Beiträgen zu punkten. Das Thema Gründerfreundlichkeit hatte ich schon erwähnt. Auch bei den Themen Digitalisierung, digitale Medien und digitale Kulturen gehört die Leuphana zweifellos zu den Vorreitern.“

Etwas spekulieren ist erlaubt: Wo sehen Sie die Uni in zehn und in 50 Jahren?

Sascha Spoun: „Gerade weil die Entwicklung – nicht zuletzt mit Blick etwa auf die Digitalisierung – so rasant verläuft, ist es außerordentlich schwierig, sinnvolle Voraussagen für so lange Zeiträume zu machen. Vielleicht kann man sagen, dass Kontinuität im Wandel hier eine wichtige Formel ist. Die Bereitschaft, Innovationen zu entwickeln und auszuprobieren, muss man sich erhalten. Nur so kann es gelingen, immer neuen Anforderungen gerecht zu werden, aber auch selbst neue Ideen zu entwickeln und damit voranzugehen. Dafür sind wir gut aufgestellt. Eines aber scheint mir sicher: Die Leuphana wird in den kommenden Jahrzehnten noch wesentlich internationaler werden, bei der Studierendenschaft ebenso wie bei den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Und die Zahl der englischsprachigen Studiengänge und -angebote wird weiter zunehmen.“ Interview: Ronald Tietjen

Herz aus dem Takt

Immer mehr Menschen leiden an „Vorhofflimmern“

Unser Herz ist ein Workaholic, es macht niemals Pause, ist der Motor unseres Lebens. Was die wenigsten wissen: Es ist eigentlich ein Elektromotor. Denn das Herz wird von Stromstößen angetrieben, die es selbst produziert. Wenn dieser Elektromotor ins Stottern gerät, zu schnell oder zu langsam Impulse sendet, sinkt die Lebensqualität und es kann es zu schlimmen Folgeerkrankungen kommen. Unser Herz meistert eine wahre Mammutaufgabe: Es schlägt etwa 60 bis 100 mal pro Minute. Das bedeutet 80.000 bis 150.000 mal am Tag, im Lauf eines 80-jährigen Lebens sind das durchschnittlich drei Milliarden Schläge. Jede Minute pumpt es fünf Liter Blut in alle Regionen unseres Körpers. Rund 100.000 Kilometer Blutgefäße werden somit von dem 300 bis 500 Gramm leichten Organ versorgt. Diese Ausdauerleistung ist in der Natur und in der Technik einzigartig. Dass das Herz gelegentlich aus dem Takt gerät, ist daher nicht allzu verwunderlich. Lebensbedrohliche Rhythmusstörungen, zum Beispiel das Kammerflimmern, sind zum Glück selten. Sehr weit verbreitet ist dagegen das Vorhofflimmern. Bei rund zwei Millionen Deutschen ist Vorhofflimmern – oftmals als Herzstolpern wahrgenommen – die Ursache für den unregelmäßigen Herzrhythmus. Auffällig in den letzten fünf Jahren: Die Patientenzahlen dieser häufigsten Herzrhythmusstörung steigen stark. Und: Die Patienten werden immer jünger …

Noch weiß man nicht genug über diese Volkskrankheit. Führende Herzspezialisten haben sich deshalb im Kompetenznetz Vorhofflimmern zusammengeschlossen, um diese Rhythmusstörung genauer zu erforschen. Ziel ist es, die Diagnostik, Behandlung und letztendlich damit die Versorgung der Patienten zu verbessern. Unbehandelt ist das Vorhofflimmern mit einem stark erhöhten Risiko für Folgeerkrankungen verbunden – insbesondere für Schlaganfälle. Jeder fünfte der jährlich etwa 270.000 auftretenden Schlaganfälle in Deutschland ist zum Beispiel auf Vorhofflimmern zurückzuführen. Die gute Nachricht ist jedoch: Jeder kann selbst zum frühzeitigen Erkennen von Vorhofflimmern beitragen. Schon bei kleinen Unregelmäßigkeiten ist es ratsam, diese frühzeitig vom Arzt abklären zu lassen. Bei Daria M. aus Lüneburg kamen die Beschwerden „quasi über Nacht“. Die Mitarbeiterin in einem Maklerbüro fühlte sich gleich nach dem Aufwachen trotz acht Stunden Schlafs schlapp und müde, von einer Sekunde auf die andere raste ihr Puls dann plötzlich. Daria M. bekam Atemnot und Angstgefühle. Zwar beruhigte sich ihr Puls auch sehr schnell wieder, aber die typischen Anzeichen einer Herzrhythmusstörung traten bei der 45-jährigen Mutter zweier Töchter danach immer häufiger auf. Und meist dann, wenn sie nach einem stressigen Tag zur Ruhe kam, die Füße hochlegte, um ein Buch zu lesen oder in der Badewanne ein wenig entspannen wollte: „Es war die Hölle, ich wartete direkt darauf, dass mein Herz wieder aus dem Takt gerät, und dann passierte es auch schon.“

Nach einer umfangreichen Untersuchung erklärte ein Kardiologe der besorgten Lüneburgerin, was ihr Herz von einem völlig gesunden unterscheidet: Jedes Herz ist in zwei Hälften aufgeteilt, besteht aus einem Vorhof und einer Kammer. Eine Hälfte versorgt den Körperkreislauf mit Blut, die andere den kleinen Lungenkreislauf. Zieht sich der Herzmuskel zusammen, wird das Blut aus den Kammern ausgestoßen; erschlaffen sie, fließt erneut Blut in die Kammern. Damit sich der Herzmuskel zusammenziehen kann, ist ein elektrischer Reiz (Impuls) nötig, der vom Sinusknoten ausgeht und sich im Normalfall 60 bis 100 mal pro Minute wiederholt – ein gesundes Herz schlägt so im Takt. Bei Daria M. jedoch werden die elektrischen Impulse nicht nur vom Sinusknoten ausgesendet, sondern es treten zusätzliche Signale direkt im Vorhof auf. Dadurch wird der rhythmische Vorgang des Zusammenziehens und Erschlaffens gestört. Die Folge: Die Vorhöfe ziehen sich nicht mehr vollständig zusammen, sie flimmern. Daraufhin werden die Herzkammern unregelmäßig aktiviert, das Herz gerät aus dem Takt, der Puls kann stark absinken oder sich auf über 100 Schläge pro Minute erhöhen. Das Blut fließt nun unregelmäßig. Es staut sich in den Vorhöfen, kann verklumpen und Blutgerinnsel bilden. Löst sich ein Gerinnsel und wandert mit dem Blutstrom ins Gehirn, kann das dramatisch enden. Rauchen, Übergewicht, zu wenig Bewegung und ungesunde Ernährung – alles das können Gründe für das „Herzstolpern“ sein. Die Ursache kann aber auch in den Genen liegen. So können etwa Fehlfunktionen im Reizbildungs- und Leitungssystem angeboren sein oder eine Störung der Erregbarkeit von Nerven- oder Muskelzellen vererbt werden (Brugada-Syndrom). Kommt Vorhofflimmern in der Familie vor, haben die direkten Angehörigen laut Statistik ein 2,5- bis 5-fach erhöhtes Risiko, dass es bei ihnen ebenfalls auftritt.

Für Vorhofflimmern gibt es verschiedene Behandlungsmöglichkeiten. Es gibt Medikamente, die die Herzfrequenz regulieren. Sie wirken aber leider nicht bei jedem Patienten. Eine andere Möglichkeit ist die Katheterablation, mit der gestörtes Herzgewebe durch Hitze oder Kälte verödet wird. Ihr Kardiologe hat Daria M. zur Katheterablation geraten, im UKE in Hamburg war sie dafür zwei Tage stationär unterbracht. Der Eingriff war erfolgreich, das Herz schlägt wieder normal. Daria M. hofft inständig, dass es auch so bleibt: „Ein wenig Angst ist noch da, dass das Vorhofflimmern zurückkehrt, was tatsächlich passieren kann, wie mir die UKE-Ärzte sagten. Inzwischen kann ich die Tage aber wieder mehr genießen!“ (RT)

Drei Formen von Vorhofflimmern

  • Paroxysmales Vorhofflimmern:

Dieses kurzeitige Herzstolpern endet in der Regel innerhalb von 48 Stunden von allein. Auch Vorhofflimmer-Episoden, die im Laufe von sieben Tagen selbst in den Sinusrhythmus zurückkehren oder durch eine Therapie zum Ende gebracht werden, zählen dazu.

  • Persistierendes Vorhofflimmern:

Bei dieser Form hält Vorhofflimmern länger als sieben Tage an.

  • Permanentes Vorhofflimmern:

Ärzte sprechen von permanentem Vorhofflimmern, wenn die Erkrankung länger als ein Jahr besteht und der Patient in Abstimmung mit dem Arzt auf eine Rhythmus erhaltende Behandlung verzichtet.

Der teure Traum vom schöneren Wohnen

Der Kauf- und Mietpreise kennen auch in Lüneburg nur eine Richtung-steil nach oben

Wohnen Sie im eigenen Haus oder der eigenen Wohnung oder haben zumindest einen guten Vermieter, der Sie mit Mieterhöhungen nicht belästigt und dennoch das Sanieren nicht unterlässt? Dann können Sie sich beglückwünschen und sich reich beschenkt fühlen. An Umzug sollten Sie da ganz zuletzt denken. Denn die neue Immobilie könnte sie ganz schnell ganz arm machen…

Nicht nur in den Metropolen wie Hamburg, München, Frankfurt oder Berlin steigen die Immobilienpreise, auch die meisten der sogenannten Mittelstädte wie Lüneburg sind teure Pflaster geworden. Wer hier seinen Traum von den eigenen vier Wänden verwirklichen möchte, muss eine Menge Geld bewegen. Erst im Dezember sorgte eine Untersuchung des Portals immowelt.de für Furore, die die enormen Preissprünge seit 2012 aufdeckte. Aufgelistet waren dort 108 deutsche Städte mit 50.000 bis 100.000 Einwohnern. Mit einer enor-men Verteuerung von 67 Prozent beim Wohneigentum landete Lüneburg auf Platz 2. Bundesweit hatte nur Rosenheim in Oberbayern mit 79 Prozent im selben Zeitraum einen noch größeren Sprung erlebt. Und heute: Gebessert hat sich nichts! Im Gegenteil. Die Preise steigen sogar noch weiter. Für eine 30-Quadratmeter-Wohnung in Lüneburg liegt aktuell der durchschnittliche Kaufpreis bei 2.486,28 Euro pro Quadratmeter. Bei einer 60-Quadratmeter-Wohnung zahlt man derzeit 2.900,24 Euro pro Quadratmeter. Der durchschnittliche Kaufpreis für eine 100-Quadratmeter-Wohnimmobilie in Lüneburg liegt zurzeit bei 3.263,97 Euro pro Quadratmeter. Und auch die Mieten klettern: Für eine 30-Quadratmeter-Wohnung liegt der durchschnittliche Mietpreis bei 11,93 Euro pro Quadratmeter. Für eine 60-Quadratmeter-Wohnung muss man durchschnittlich 9,59 Euro pro Quadratmeter auf den Tisch legen. Der Preis für eine 100-Quadratmeter-Wohnung in Lüneburg liegt bei 9,99 Euro pro Quadratmeter. Die Gründe für den Irrsinn am Wohnungsmarkt sind bundesweit (fast überall) gleich und gelten auch für Lüneburg:

Baukosten steigen!

Die Kosten stiegen im Vorjahresvergleich um 4,1 Prozent (Statistisches Bundesamt). Dazu trägt auch der Staat bei: Die Zahl der Bauvorschriften hat sich seit 1990 auf 20.000 vervierfacht, so der Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen.

  • Die Mietpreisbremse funktioniert  nicht!

Ziel der Mietpreisbremse war: Eigentümer dürfen bei Wiedervermietung höchstens zehn Prozent mehr als die ortsübliche Vergleichsmiete verlangen. Aber: Häufig wissen Verbraucher nicht, ob die Mietbremsbremse für sie gilt. Dazu kommt: Vermietern drohen bei Verstößen keine Sanktionen. Und: Für modernisierte Wohnungen und Neubauten gilt die Bremse nicht.

  • Mieter müssen für Modernisierung zahlen!

Bei einer Modernisierung darf der Vermieter elf Prozent der Baukosten auf die Jahresmiete aufschlagen. In bestimmten Gegenden soll dies auf acht Prozent reduziert werden – bringt viele Mieter aber immer noch in finanzielle Not.

  • Nebenkosten steigen!

Mieter zahlen mehr für Nebenkosten. Der Deutsche Mieterbund rechnet gegenüber BILD für das Abrechnungsjahr 2017 mit 14 Prozent höheren Kosten fürs Heizen mit Öl. Bei einer 70-Quadratmeter-Wohnung würden die Heizkosten um 93 Euro auf 758 Euro pro Jahr steigen. Auch für Dienstleistungen (u. a. Hausmeister, Hausreinigung) liegen die Kosten etwa um zwei Prozent höher. Bei den Betriebskos-ten rechnet man mit moderaten Aufschlägen (Wasser +1,3 %, Strom +1,7 %, Abwasser und Müllabfuhr je +0,2 %).

  • Der wichtigste Grund: Es wird zu wenig gebaut!

Das gilt auch und besonders für die Hansestadt Lüneburg. Nur rund 62 Prozent des zu erwartenden Wohnbedarfs könnten abgedeckt werden, so eine aktuelle Studie. Dabei ist die Stadtverwaltung nicht untätig, das sieht jeder, der mit offenen Augen durch die Straßen geht. Gerade erst wurde das Tor zum neuen Hanseviertel-Ost weit geöffnet: 2019 soll mit dem Bau von über 1.400 Wohnungen und Einfamilienhäusern auf dem knapp 22 Hektar großen Areal begonnen werden. Das haben die Hansestadt und der Erschließungsträger, die Sparkassen Hanse Immobilien GmbH (SHI), bekanntgegeben. Doch Experten glauben nicht, dass das ausreicht, um die angespannte Wohnungssituation in der Stadt nachhaltig zu entspannen. Denn weiter suchen sich immer mehr Menschen in Lüneburg eine neue Heimat, nicht nur Studenten, auch viele junge Familien sind darunter, angelockt durch die gute Infrastruktur und die ÖPNV-Anbindung an die nahe Millionenstadt Hamburg. Manfred Neuhöfer, Geschäftsführer des Instituts F+B Forschung und Beratung für Wohnen, Immobilien und Umwelt: „Lüneburg gehört zu den interessantesten Städten in Deutschland.“ Ein schnelles Ende des anhaltenden Preis-Höhenflugs zeichnet sich darum nicht ab. Das gilt übrigens auch fürs Umland. Deutlich teurer geworden sind Häuser und Wohnungen auch zum Beispiel in Wittorf, Hohnstorf (Elbe), Bleckede und Melbeck. Neben der Wohnungsknappheit erschweren auch schwarze Schafe unter den Vermietern die Lage für Wohnungssuchende. Sie nutzen die Notlage von Menschen mit wenig Geld aus (auch ihre Zahl hat sich in den letzten zehn Jahren in Lüneburg massiv erhöht) und belegen Wohnungen oft doppelt und dreifach. Die Stadt will jetzt eine Koordinierungsstelle einrichten, um derartigem Missbrauch möglichst schnell auf die Spur zu kommen. „Wir wollen eine Stelle schaffen, die genauer hinguckt und auch die Indikatoren festlegt, wann prekäre Wohnverhältnisse vorliegen und was es an Mindeststandards geben muss“, sagte Pia Steinrücke, Stadträtin für Bildung, Jugend und Soziales, gegenüber NDR 1 Niedersachsen. Wichtig wäre die Einführung eines Wohnraumschutzgesetzes für Niedersachsen. Denn nur dann hätten Kommunen die Handhabe, problematischen Mietverhältnissen von sich aus leichter nachgehen zu können. Lüneburgs Oberbürgermeister Ulrich Mädge hatte ein solches Gesetz zuletzt gefordert, doch vor 2019/2020 ist damit – wenn überhaupt – nicht zu rechnen. Mädge: „Viel zu spät. Wir brauchen das Gesetz besser heute als morgen. Das Land sollte hier so schnell wie möglich beschließen.“ (RT)

Entwicklung des Immobilien-marktes und aktuelle -Wohnungspreise in Lüneburg: www.wohnungsboerse.net/immobilienpreise-Lueneburg/4778

 

 

PROBLEMZONEN, ANGSTZONEN, NO-GO-AREAS …

… Gibt es das auch in Lüneburg?

Wir leben in einem Rechtsstaat? Prinzipiell ja … Doch in manchen Gegenden herrscht scheinbar das Recht des Stärkeren! Solche sogenannten No-go-Areas, also Viertel, die man lieber meiden sollte, gibt es leider nicht mehr nur in Großstädten. Duisburg-Marxloh, Köln-Chorweiler, Bremerhaven-Lehe, Berlin-Neukölln: Sie alle stehen symbolisch für heruntergekommene Stadtteile, in die sich viele im Dunkeln nur mit Unwohlsein hinein trauen. Auch die Polizei ist in besonders berüchtigten Straßen ausschließlich mit mehreren Beamten unterwegs. Das Schlimme: Das Phänomen der sogenannten Problem- und Angstzonen ist inzwischen im Umland großer Metropolen angekommen, von No-Go-Areas kann allerdings (glücklicherweise) nicht die Rede sein. Das gilt auch für Lüneburg, obwohl man sich auch hier in manchen Ecken lieber nicht im Dunkeln alleine herumtreiben sollte, warnen hinter vorgehaltener Hand selbst Polizeibeamte.

Kaltenmoor war lange Spitze, was die Kriminalität angeht: Während der Wohnungsnot in den sechziger Jahren hoch und schnell gebaut, leben in keinem anderen Lüneburger Stadtteil so viele Menschen auf so wenig Raum. Noch immer ist Kaltenmoor nicht „befriedet“ – es gibt immer wieder Ausbrüche brutaler Gewalt wie zuletzt wieder im April: Da wurde nach Mitternacht aus einem Audi heraus auf eine Personengruppe von zirka sechs Personen geschossen, die sich in der Carl-Friedrich-Goerdeler-Straße in Höhe des St.-Stephanus-Platzes aufhielt. Ein 20-Jähriger wurde durch die Schüsse schwer verletzt. Es ging um Drogen. Und um obskure Verbrecherehre. Wörtlich sprach Kriminaldirektor Steffen Grimme, Leiter der Ermittlungsgruppe, von „Störungen im BTM-Handel innerhalb einer multinationalen Gruppe“. Generell jedoch, so die Ansicht der Lüneburger Polizeiführung, herrsche ein insgesamt doch eher friedliches Miteinander sehr vieler Nationen in und um Kaltenmoor. Das Kriminalitäts-Problem, auch das der Drogen, habe sich schon lange aus dem Stadtteil weg verlagert.

Der Clamartpark ist seit Jahren verrufen als Drogenumschlagsplatz, und die Entwicklung dort sorgt für große Besorgnisse. Auch und gerade bei Anwohnern. „Hier kann man sich, wenn es dunkel ist, nun wirklich nicht mehr reintrauen“, sagt Horst P. „Hier wird offen gedealt. Als ich einmal Fotos machen wollte, um die Straftaten bei der Polizei anzuzeigen, wurde ich übelst beschimpft und mir wurden Schläge angedroht. Das ist hier ein rechtsfreier Raum. Schlimm!“ Der Polizei sind die Verhältnisse rund um den Clamartpark durchaus bekannt, heißt es auf Nachfrage. Dass in dem Park jedoch inzwischen ein „rechtsfreier Raum“ entstanden sein soll, weise man entschieden zurück. Zwar wisse man, dass durch die sich dort aufhaltenden Personengruppen das subjektive Sicherheitsempfinden einiger Menschen gestört werden könne, doch, so Kriminaldirektor Roland Brauer (laut LZonline), müsse unsere Gesellschaft „Lebensgestaltungen“ wie diese aushalten.

Muss sie das wirklich? Offenen Drogenkonsum und Beschaffungskriminalität als „Lebensgestaltungen“ zu bezeichnen, scheint mindestens fragwürdig zu sein.

Immerhin begnügen sich die Ordnungshüter nicht mit euphemistischen Betrachtungen, sondern versuchen über unregelmäßig stattfindende Razzien den Park als Erholungs- und Begegnungsraum der Bürger zurückzugewinnen. Immer wieder werden dabei Personen im Clamartpark und den unmittelbar angrenzenden Straßen von der Polizei „auf frischer Tat“ ertappt, wie sie gerade Drogen rauchen beziehungsweise sich gespritzt haben.

Viele dieser Süchtigen sind als Tagestouristen aus Hamburg angereist. Sie wissen: Koks oder Heroin ist an der Ilmenau deutlich günstiger zu bekommen als an Alster und Elbe. Dahinter steckt eine Marktoffensive einheimischer Dealer, die mit ihren Discountpreisen immer mehr Kunden anlocken wollen. Das Problem: An die Hintermänner der Drogen, die in Lüneburg aktuell vermehrt im Umlauf sind, ist schwer heranzukommen. Das ginge eventuell über einige der Händler und Junkies aus dem Clarmartpark. Doch wenn diese aufgegriffen werden, erhalten sie entweder nur wirkungslose „Platzverweise“ oder sind nach wenigen Stunden in Gewahrsam wieder am Ort des Geschehens zurück. So etwas ist letztlich auch frustrierend für die Polizei, die den Kampf gegen die Lüneburger Drogenszene so wohl kaum gewinnen kann. Von der Politik ist hier offenbar auch kaum Hilfe zu erwarten, den Regierenden in Stadt und Land scheint auszureichen, wenn die Polizei die „Szene beobachtet“ statt sie zu zerschlagen. Ein Fahnder: „Wir kommen nicht weiter, wenn Drogenhandel und -konsum ignoriert und verharmlost werden. Die Verhältnismäßigkeiten stimmen einfach nicht mehr…“ (RT)