Reportage

Wie eine grosse Black Box

Snus, Badesalze & Co – Legale Drogen und die folgen für die Gesundheit

Kennen Sie Snus? Wenn nicht, fragen Sie doch ihre Kinder. Viele Jugendliche greifen zu dem Zeug, weil es angeblich cool ist und manche Sportler auch ganz heiß darauf sind. Snus kommt aus Schweden und wird daher auch schwedisch ausgesprochen, also „Snüs“. Ganz süß also, möchte man meinen. Doch Snus ist alles andere als das.

Snus ist eine legale Droge und wird in Dosen verkauft, die entweder kleine Beutelchen oder losen Tabak mit jeweils unterschiedlichen Mengen an Nikotin enthalten. Es besteht hauptsächlich aus fein gemahlenem Tabak, den die Hersteller mit Wasser, Feuchthaltemittel, Salz und Aromastoffen behandeln. Das Salz hat die Funktion, den Tabak dem PH-Wert im Mund anzupassen. Dadurch können die Schleimhäute die Inhaltsstoffe besser resorbieren. Die Aromastoffe sollen über den Tabakgeschmack hinwegtäuschen. Der Verkauf des Lutsch-Tabaks, der zwischen Lippe oder Wange auf das Zahnfleisch geschoben wird, wo der Speichel ihn in einen braunen Saft verwandelt, ist in Deutschland illegal – der Konsum hingegen nicht. Vor allem Fußballer, Vorbilder für viele Kids, scheinen Snus zu lieben.

Bundesligaprofis gehören zu den Snus-Fans genauso wie Provinzkicker aus Lüneburg. Der Autor dieses Textes sprach mit zwei Lüneburger Spielern, die beide sogar etwas Geld verdienen mit ihrem Sport. Sie geben den Snus-Gebrauch ganz offen zu: „Ist doch nix dabei“, meinte der eine. „Völlig harmlos“, sagt der andere. Allerdings gibt er auch zu: „Es kommt schon vor, dass das Zahnfleisch wie die Hölle zu brennen anfängt und der Schweiß rinnt. Aber wenn das vorbei ist, kommt man richtig gut drauf und spielt übrigens auch besser.“

Dass Snus wirklich so harmlos ist, glaubt man selbst in Schweden, dem einzigen Land in der EU, in dem der Oraltabak legal gekauft werden kann, nicht mehr. Es mehren sich auch hier die kritischen Stimmen. Die große Lobby der Befürworter wehrt sich allerdings heftig gegen erste Verbotsaufrufe. Snus ist in dem skandinavischen Land bereits seit dem frühen 19. Jahrhundert verbreitet.

In Deutschland ist die Medizin sich ziemlich einig: Die Trend-Droge putscht auf, stärkt die mentale Aufnahmefähigkeit, verursacht aber eine starke Abhängigkeit, wird Ingo Froböse, Professor für Sportrehabilitation und Prävention an der Sport-hochschule Köln, von der „Zeit“ zitiert. Gefährlich wird’s, wenn maßlos konsumiert wird, was leider unter Kindern und jungen Erwachsenen oft geschieht. Manche „Snus“-Beutel enthielten immerhin 44 Milligramm oder mehr Nikotin, das sind drei bis vier Zigaretten auf einmal. Was viele zudem außer Acht lassen, ist, dass Snus-Produkte schwedischer Erzeuger strengeren Standards unterliegen, um die Schadstoffe gering zu halten. Asiatische Produkte hingegen, mit einem Klick per Internet zu bekommen, enthalten einen Tausendfach so hohen Schadstoffgehalt.

Bereits 2007 fanden Forscher des schwedischen Karolinska-Instituts heraus, dass Snuskonsumenten neben noch recht harmlosen Folgen wie Zahnfleischschwund, verfärbten Zähnen oder Zahnverlust auch mit einem erhöhten Risiko für Bauchspeicheldrüsenkrebs leben müssen. US-Wissenschaftler bestätigten das in einer Studie aus 2015. Genau wie auf Zigarettenpackungen gibt es auf den Snus-Dosen inzwischen den Warnhinweis, dass „dieses Tabakprodukt“ der Gesundheit schaden kann. Hilft ein Konsum-Verbot? Eher wohl Aufklärung. Denn neben Snus gibt es reichlich andere Substanzen im Netz, die eine entstehende Lücke füllen würden. Die sogenannten Legal Highs zum Beispiel, die als vermeintliche legale und harmlose Rauschmittel beworben werden, und online ganz einfach ins Haus bestellt werden können. Und vermutlich oft weitaus schädlicher für die Gesundheit sind als der gelutschte Tabak aus Schweden. Fachleute warnen vor diesen psychoaktiven Substanzen (NPS), die teilweise stärker als etwa Cannabis oder andere herkömmliche Drogen wirken können. Sie werden im Netz zum Beispiel als Kräutermischung, getarnt als Badesalz oder Lufterfrischer angeboten, und tragen dort Namen wie   „Party Beast“ „Bonzai Summer Boost“ oder auch „Amazonas Vanilla“. Wer solche Drogen im Internet bestellt, weiß nicht, was er bekommt und wie die Wirkung ausfallen wird. Das ist wie eine große Black Box. Schon Rattengift ist in Legal Highs entdeckt worden. Nach Erkenntnissen der Polizeigewerkschaft GdP wurden allein im vergangenen Jahr mindestens 60 neue, zum Teil hochgefährliche Wirkstoffe erstmals auf dem deutschen Markt festgestellt. Als besonders experimentierfreudige Nutzer der Legal Highs gilt übrigens die Gruppe der 16- bis 25-jährigen. Und genau diese Altersgruppe steht auch beim Snus-Gebrauch an der Spitze … (RT)

“Eine der innovativsten Hochschulen Deutschlands!”

Interview mit UNI-Präsident Prof. Dr. Sascha Spoun über das Selbstbild der Leuphana und wie die Hochschule in 50 Jahren aussehen könnte

Deutschland ist das Land der Vielfalt – das gilt auch und besonders für seine Hochschulen. Über 400 staatlich anerkannte Hochschulen gibt es zwischen Flensburg und Konstanz, darunter mehr als 100 Universitäten. Eine davon ist die Lüneburger Leuphana, bei Studenten durchaus beliebt, wie neueste Zahlen zeigen, aber auch nicht immer unumstritten. An der Spitze der Uni, die in der öffentlichen Debatte zuletzt vor allem durch Auseinandersetzungen um den sogenannten Libeskind-Bau, das neue Zentralgebäude, von sich reden machte, steht seit Mai 2006 Sascha Spoun. Ein Interview über den Status und die Zukunft der Lüneburger Hochschule.

Worin ist die Leuphana Spitze?

Sascha Spoun: „Ich würde sagen, dass die Leuphana seit Jahren zu den innovativsten Hochschulen Deutschlands gehört. Mit ihrem mehrfach ausgezeichneten, deutschlandweit einmaligen Studien- und Universitätsmodell hat sie bereits 2007 Maßstäbe gesetzt. Die Einführung eines gemeinsamen ersten Hochschulsemesters für alle Studienanfänger und das Komplementärstudium, mit dem alle Studierenden zu einem ‚Blick über den Tellerrand‘ gebracht werden, sind echte Innovationen gewesen. Mit dem EU-geförderten Innovations-Inkubator konnten wir ab 2009 unter anderem das Thema Digitale Medien an der Leuphana etablieren und zu einem heute weithin sichtbaren Profil-Element unserer Universität entwickeln. Als erste deutsche Hochschule haben wir schon 2010 eine Fakultät für Nachhaltigkeit eingerichtet, ein Thema, das heute alle bewegt. Außerdem zählen wir seit Jahren zu den gründerfreundlichsten Universitäten in Deutschland.“ 

Entspricht die Wertschätzung in der Bevölkerung dem Anspruch der Universität?

Sascha Spoun: „Das Ausmaß der tatsächlich vorhandenen Wertschätzung in der Bevölkerung ist immer schwer zu beurteilen. Aus einzelnen Gesprächen und Begegnungen weiß ich aber, dass viele Lüneburger die Bedeutung der Universität für Stadt und Region hoch einschätzen. Dabei geht es nicht nur um den Wirtschaftsfaktor Universität als einer der größten Arbeitgeber in der Region. Anerkannt wird auch, dass die Universität mit vielen Initiativen für kulturelle Vielfalt, wirtschaftliche Impulse und nachhaltige Stadtentwicklung sorgt. Das neue Zentralgebäude als Ort der Begegnung zwischen Stadtgesellschaft und Universitätsgemeinschaft wird in den kommenden Jahren sicher zu einer weiteren Verbesserung in der Wahrnehmung führen.“ 

Bei aktuellen Hochschulrankings spielt die Uni Lüneburg keine Rolle. Was läuft da schief?

Sascha Spoun: „An den klassischen Hochschulrankings beteiligen wir uns gar nicht, da sie nicht in der Lage sind, unser Studienmodell richtig abzubilden und mit den Angeboten anderer Hochschulen zu vergleichen. Das ist für uns aber kein Problem, denn mit Blick auf die Nachfrage nach den von uns angebotenen Studienplätzen kann man sagen, dass solche Rankings für uns praktisch keine Rolle spielen. Wir registrieren Jahr um Jahr eine Nachfrage, die unser Angebot bei Weitem übersteigt. Zuletzt hatten wir rund sechs Bewerbungen um jeden der 1.500 Studienplätze, die wir pro Jahr im College vergeben.“ 

Was sind Schwerpunkte in der Zukunft, wo ist die Leuphana Vorreiter?

Sascha Spoun: „Anders als viele andere Universitäten arbeitet die Leuphana themengeleitet. Das heißt, wir beschäftigen uns in Forschung und Lehre mit Themen, die unmittelbaren Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung haben: Bildung, Wirtschaft, Kultur und Nachhaltigkeit. Auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit etwa hat das dazu geführt, dass wir unbestritten im deutschen und europäischen Kontext als ein wichtiger Akteur wahrgenommen werden. Aber auch auf anderen Feldern gelingt es uns immer wieder, mit unseren Beiträgen zu punkten. Das Thema Gründerfreundlichkeit hatte ich schon erwähnt. Auch bei den Themen Digitalisierung, digitale Medien und digitale Kulturen gehört die Leuphana zweifellos zu den Vorreitern.“

Etwas spekulieren ist erlaubt: Wo sehen Sie die Uni in zehn und in 50 Jahren?

Sascha Spoun: „Gerade weil die Entwicklung – nicht zuletzt mit Blick etwa auf die Digitalisierung – so rasant verläuft, ist es außerordentlich schwierig, sinnvolle Voraussagen für so lange Zeiträume zu machen. Vielleicht kann man sagen, dass Kontinuität im Wandel hier eine wichtige Formel ist. Die Bereitschaft, Innovationen zu entwickeln und auszuprobieren, muss man sich erhalten. Nur so kann es gelingen, immer neuen Anforderungen gerecht zu werden, aber auch selbst neue Ideen zu entwickeln und damit voranzugehen. Dafür sind wir gut aufgestellt. Eines aber scheint mir sicher: Die Leuphana wird in den kommenden Jahrzehnten noch wesentlich internationaler werden, bei der Studierendenschaft ebenso wie bei den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Und die Zahl der englischsprachigen Studiengänge und -angebote wird weiter zunehmen.“ Interview: Ronald Tietjen

Herz aus dem Takt

Immer mehr Menschen leiden an „Vorhofflimmern“

Unser Herz ist ein Workaholic, es macht niemals Pause, ist der Motor unseres Lebens. Was die wenigsten wissen: Es ist eigentlich ein Elektromotor. Denn das Herz wird von Stromstößen angetrieben, die es selbst produziert. Wenn dieser Elektromotor ins Stottern gerät, zu schnell oder zu langsam Impulse sendet, sinkt die Lebensqualität und es kann es zu schlimmen Folgeerkrankungen kommen. Unser Herz meistert eine wahre Mammutaufgabe: Es schlägt etwa 60 bis 100 mal pro Minute. Das bedeutet 80.000 bis 150.000 mal am Tag, im Lauf eines 80-jährigen Lebens sind das durchschnittlich drei Milliarden Schläge. Jede Minute pumpt es fünf Liter Blut in alle Regionen unseres Körpers. Rund 100.000 Kilometer Blutgefäße werden somit von dem 300 bis 500 Gramm leichten Organ versorgt. Diese Ausdauerleistung ist in der Natur und in der Technik einzigartig. Dass das Herz gelegentlich aus dem Takt gerät, ist daher nicht allzu verwunderlich. Lebensbedrohliche Rhythmusstörungen, zum Beispiel das Kammerflimmern, sind zum Glück selten. Sehr weit verbreitet ist dagegen das Vorhofflimmern. Bei rund zwei Millionen Deutschen ist Vorhofflimmern – oftmals als Herzstolpern wahrgenommen – die Ursache für den unregelmäßigen Herzrhythmus. Auffällig in den letzten fünf Jahren: Die Patientenzahlen dieser häufigsten Herzrhythmusstörung steigen stark. Und: Die Patienten werden immer jünger …

Noch weiß man nicht genug über diese Volkskrankheit. Führende Herzspezialisten haben sich deshalb im Kompetenznetz Vorhofflimmern zusammengeschlossen, um diese Rhythmusstörung genauer zu erforschen. Ziel ist es, die Diagnostik, Behandlung und letztendlich damit die Versorgung der Patienten zu verbessern. Unbehandelt ist das Vorhofflimmern mit einem stark erhöhten Risiko für Folgeerkrankungen verbunden – insbesondere für Schlaganfälle. Jeder fünfte der jährlich etwa 270.000 auftretenden Schlaganfälle in Deutschland ist zum Beispiel auf Vorhofflimmern zurückzuführen. Die gute Nachricht ist jedoch: Jeder kann selbst zum frühzeitigen Erkennen von Vorhofflimmern beitragen. Schon bei kleinen Unregelmäßigkeiten ist es ratsam, diese frühzeitig vom Arzt abklären zu lassen. Bei Daria M. aus Lüneburg kamen die Beschwerden „quasi über Nacht“. Die Mitarbeiterin in einem Maklerbüro fühlte sich gleich nach dem Aufwachen trotz acht Stunden Schlafs schlapp und müde, von einer Sekunde auf die andere raste ihr Puls dann plötzlich. Daria M. bekam Atemnot und Angstgefühle. Zwar beruhigte sich ihr Puls auch sehr schnell wieder, aber die typischen Anzeichen einer Herzrhythmusstörung traten bei der 45-jährigen Mutter zweier Töchter danach immer häufiger auf. Und meist dann, wenn sie nach einem stressigen Tag zur Ruhe kam, die Füße hochlegte, um ein Buch zu lesen oder in der Badewanne ein wenig entspannen wollte: „Es war die Hölle, ich wartete direkt darauf, dass mein Herz wieder aus dem Takt gerät, und dann passierte es auch schon.“

Nach einer umfangreichen Untersuchung erklärte ein Kardiologe der besorgten Lüneburgerin, was ihr Herz von einem völlig gesunden unterscheidet: Jedes Herz ist in zwei Hälften aufgeteilt, besteht aus einem Vorhof und einer Kammer. Eine Hälfte versorgt den Körperkreislauf mit Blut, die andere den kleinen Lungenkreislauf. Zieht sich der Herzmuskel zusammen, wird das Blut aus den Kammern ausgestoßen; erschlaffen sie, fließt erneut Blut in die Kammern. Damit sich der Herzmuskel zusammenziehen kann, ist ein elektrischer Reiz (Impuls) nötig, der vom Sinusknoten ausgeht und sich im Normalfall 60 bis 100 mal pro Minute wiederholt – ein gesundes Herz schlägt so im Takt. Bei Daria M. jedoch werden die elektrischen Impulse nicht nur vom Sinusknoten ausgesendet, sondern es treten zusätzliche Signale direkt im Vorhof auf. Dadurch wird der rhythmische Vorgang des Zusammenziehens und Erschlaffens gestört. Die Folge: Die Vorhöfe ziehen sich nicht mehr vollständig zusammen, sie flimmern. Daraufhin werden die Herzkammern unregelmäßig aktiviert, das Herz gerät aus dem Takt, der Puls kann stark absinken oder sich auf über 100 Schläge pro Minute erhöhen. Das Blut fließt nun unregelmäßig. Es staut sich in den Vorhöfen, kann verklumpen und Blutgerinnsel bilden. Löst sich ein Gerinnsel und wandert mit dem Blutstrom ins Gehirn, kann das dramatisch enden. Rauchen, Übergewicht, zu wenig Bewegung und ungesunde Ernährung – alles das können Gründe für das „Herzstolpern“ sein. Die Ursache kann aber auch in den Genen liegen. So können etwa Fehlfunktionen im Reizbildungs- und Leitungssystem angeboren sein oder eine Störung der Erregbarkeit von Nerven- oder Muskelzellen vererbt werden (Brugada-Syndrom). Kommt Vorhofflimmern in der Familie vor, haben die direkten Angehörigen laut Statistik ein 2,5- bis 5-fach erhöhtes Risiko, dass es bei ihnen ebenfalls auftritt.

Für Vorhofflimmern gibt es verschiedene Behandlungsmöglichkeiten. Es gibt Medikamente, die die Herzfrequenz regulieren. Sie wirken aber leider nicht bei jedem Patienten. Eine andere Möglichkeit ist die Katheterablation, mit der gestörtes Herzgewebe durch Hitze oder Kälte verödet wird. Ihr Kardiologe hat Daria M. zur Katheterablation geraten, im UKE in Hamburg war sie dafür zwei Tage stationär unterbracht. Der Eingriff war erfolgreich, das Herz schlägt wieder normal. Daria M. hofft inständig, dass es auch so bleibt: „Ein wenig Angst ist noch da, dass das Vorhofflimmern zurückkehrt, was tatsächlich passieren kann, wie mir die UKE-Ärzte sagten. Inzwischen kann ich die Tage aber wieder mehr genießen!“ (RT)

Drei Formen von Vorhofflimmern

  • Paroxysmales Vorhofflimmern:

Dieses kurzeitige Herzstolpern endet in der Regel innerhalb von 48 Stunden von allein. Auch Vorhofflimmer-Episoden, die im Laufe von sieben Tagen selbst in den Sinusrhythmus zurückkehren oder durch eine Therapie zum Ende gebracht werden, zählen dazu.

  • Persistierendes Vorhofflimmern:

Bei dieser Form hält Vorhofflimmern länger als sieben Tage an.

  • Permanentes Vorhofflimmern:

Ärzte sprechen von permanentem Vorhofflimmern, wenn die Erkrankung länger als ein Jahr besteht und der Patient in Abstimmung mit dem Arzt auf eine Rhythmus erhaltende Behandlung verzichtet.

Der teure Traum vom schöneren Wohnen

Der Kauf- und Mietpreise kennen auch in Lüneburg nur eine Richtung-steil nach oben

Wohnen Sie im eigenen Haus oder der eigenen Wohnung oder haben zumindest einen guten Vermieter, der Sie mit Mieterhöhungen nicht belästigt und dennoch das Sanieren nicht unterlässt? Dann können Sie sich beglückwünschen und sich reich beschenkt fühlen. An Umzug sollten Sie da ganz zuletzt denken. Denn die neue Immobilie könnte sie ganz schnell ganz arm machen…

Nicht nur in den Metropolen wie Hamburg, München, Frankfurt oder Berlin steigen die Immobilienpreise, auch die meisten der sogenannten Mittelstädte wie Lüneburg sind teure Pflaster geworden. Wer hier seinen Traum von den eigenen vier Wänden verwirklichen möchte, muss eine Menge Geld bewegen. Erst im Dezember sorgte eine Untersuchung des Portals immowelt.de für Furore, die die enormen Preissprünge seit 2012 aufdeckte. Aufgelistet waren dort 108 deutsche Städte mit 50.000 bis 100.000 Einwohnern. Mit einer enor-men Verteuerung von 67 Prozent beim Wohneigentum landete Lüneburg auf Platz 2. Bundesweit hatte nur Rosenheim in Oberbayern mit 79 Prozent im selben Zeitraum einen noch größeren Sprung erlebt. Und heute: Gebessert hat sich nichts! Im Gegenteil. Die Preise steigen sogar noch weiter. Für eine 30-Quadratmeter-Wohnung in Lüneburg liegt aktuell der durchschnittliche Kaufpreis bei 2.486,28 Euro pro Quadratmeter. Bei einer 60-Quadratmeter-Wohnung zahlt man derzeit 2.900,24 Euro pro Quadratmeter. Der durchschnittliche Kaufpreis für eine 100-Quadratmeter-Wohnimmobilie in Lüneburg liegt zurzeit bei 3.263,97 Euro pro Quadratmeter. Und auch die Mieten klettern: Für eine 30-Quadratmeter-Wohnung liegt der durchschnittliche Mietpreis bei 11,93 Euro pro Quadratmeter. Für eine 60-Quadratmeter-Wohnung muss man durchschnittlich 9,59 Euro pro Quadratmeter auf den Tisch legen. Der Preis für eine 100-Quadratmeter-Wohnung in Lüneburg liegt bei 9,99 Euro pro Quadratmeter. Die Gründe für den Irrsinn am Wohnungsmarkt sind bundesweit (fast überall) gleich und gelten auch für Lüneburg:

Baukosten steigen!

Die Kosten stiegen im Vorjahresvergleich um 4,1 Prozent (Statistisches Bundesamt). Dazu trägt auch der Staat bei: Die Zahl der Bauvorschriften hat sich seit 1990 auf 20.000 vervierfacht, so der Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen.

  • Die Mietpreisbremse funktioniert  nicht!

Ziel der Mietpreisbremse war: Eigentümer dürfen bei Wiedervermietung höchstens zehn Prozent mehr als die ortsübliche Vergleichsmiete verlangen. Aber: Häufig wissen Verbraucher nicht, ob die Mietbremsbremse für sie gilt. Dazu kommt: Vermietern drohen bei Verstößen keine Sanktionen. Und: Für modernisierte Wohnungen und Neubauten gilt die Bremse nicht.

  • Mieter müssen für Modernisierung zahlen!

Bei einer Modernisierung darf der Vermieter elf Prozent der Baukosten auf die Jahresmiete aufschlagen. In bestimmten Gegenden soll dies auf acht Prozent reduziert werden – bringt viele Mieter aber immer noch in finanzielle Not.

  • Nebenkosten steigen!

Mieter zahlen mehr für Nebenkosten. Der Deutsche Mieterbund rechnet gegenüber BILD für das Abrechnungsjahr 2017 mit 14 Prozent höheren Kosten fürs Heizen mit Öl. Bei einer 70-Quadratmeter-Wohnung würden die Heizkosten um 93 Euro auf 758 Euro pro Jahr steigen. Auch für Dienstleistungen (u. a. Hausmeister, Hausreinigung) liegen die Kosten etwa um zwei Prozent höher. Bei den Betriebskos-ten rechnet man mit moderaten Aufschlägen (Wasser +1,3 %, Strom +1,7 %, Abwasser und Müllabfuhr je +0,2 %).

  • Der wichtigste Grund: Es wird zu wenig gebaut!

Das gilt auch und besonders für die Hansestadt Lüneburg. Nur rund 62 Prozent des zu erwartenden Wohnbedarfs könnten abgedeckt werden, so eine aktuelle Studie. Dabei ist die Stadtverwaltung nicht untätig, das sieht jeder, der mit offenen Augen durch die Straßen geht. Gerade erst wurde das Tor zum neuen Hanseviertel-Ost weit geöffnet: 2019 soll mit dem Bau von über 1.400 Wohnungen und Einfamilienhäusern auf dem knapp 22 Hektar großen Areal begonnen werden. Das haben die Hansestadt und der Erschließungsträger, die Sparkassen Hanse Immobilien GmbH (SHI), bekanntgegeben. Doch Experten glauben nicht, dass das ausreicht, um die angespannte Wohnungssituation in der Stadt nachhaltig zu entspannen. Denn weiter suchen sich immer mehr Menschen in Lüneburg eine neue Heimat, nicht nur Studenten, auch viele junge Familien sind darunter, angelockt durch die gute Infrastruktur und die ÖPNV-Anbindung an die nahe Millionenstadt Hamburg. Manfred Neuhöfer, Geschäftsführer des Instituts F+B Forschung und Beratung für Wohnen, Immobilien und Umwelt: „Lüneburg gehört zu den interessantesten Städten in Deutschland.“ Ein schnelles Ende des anhaltenden Preis-Höhenflugs zeichnet sich darum nicht ab. Das gilt übrigens auch fürs Umland. Deutlich teurer geworden sind Häuser und Wohnungen auch zum Beispiel in Wittorf, Hohnstorf (Elbe), Bleckede und Melbeck. Neben der Wohnungsknappheit erschweren auch schwarze Schafe unter den Vermietern die Lage für Wohnungssuchende. Sie nutzen die Notlage von Menschen mit wenig Geld aus (auch ihre Zahl hat sich in den letzten zehn Jahren in Lüneburg massiv erhöht) und belegen Wohnungen oft doppelt und dreifach. Die Stadt will jetzt eine Koordinierungsstelle einrichten, um derartigem Missbrauch möglichst schnell auf die Spur zu kommen. „Wir wollen eine Stelle schaffen, die genauer hinguckt und auch die Indikatoren festlegt, wann prekäre Wohnverhältnisse vorliegen und was es an Mindeststandards geben muss“, sagte Pia Steinrücke, Stadträtin für Bildung, Jugend und Soziales, gegenüber NDR 1 Niedersachsen. Wichtig wäre die Einführung eines Wohnraumschutzgesetzes für Niedersachsen. Denn nur dann hätten Kommunen die Handhabe, problematischen Mietverhältnissen von sich aus leichter nachgehen zu können. Lüneburgs Oberbürgermeister Ulrich Mädge hatte ein solches Gesetz zuletzt gefordert, doch vor 2019/2020 ist damit – wenn überhaupt – nicht zu rechnen. Mädge: „Viel zu spät. Wir brauchen das Gesetz besser heute als morgen. Das Land sollte hier so schnell wie möglich beschließen.“ (RT)

Entwicklung des Immobilien-marktes und aktuelle -Wohnungspreise in Lüneburg: www.wohnungsboerse.net/immobilienpreise-Lueneburg/4778

 

 

PROBLEMZONEN, ANGSTZONEN, NO-GO-AREAS …

… Gibt es das auch in Lüneburg?

Wir leben in einem Rechtsstaat? Prinzipiell ja … Doch in manchen Gegenden herrscht scheinbar das Recht des Stärkeren! Solche sogenannten No-go-Areas, also Viertel, die man lieber meiden sollte, gibt es leider nicht mehr nur in Großstädten. Duisburg-Marxloh, Köln-Chorweiler, Bremerhaven-Lehe, Berlin-Neukölln: Sie alle stehen symbolisch für heruntergekommene Stadtteile, in die sich viele im Dunkeln nur mit Unwohlsein hinein trauen. Auch die Polizei ist in besonders berüchtigten Straßen ausschließlich mit mehreren Beamten unterwegs. Das Schlimme: Das Phänomen der sogenannten Problem- und Angstzonen ist inzwischen im Umland großer Metropolen angekommen, von No-Go-Areas kann allerdings (glücklicherweise) nicht die Rede sein. Das gilt auch für Lüneburg, obwohl man sich auch hier in manchen Ecken lieber nicht im Dunkeln alleine herumtreiben sollte, warnen hinter vorgehaltener Hand selbst Polizeibeamte.

Kaltenmoor war lange Spitze, was die Kriminalität angeht: Während der Wohnungsnot in den sechziger Jahren hoch und schnell gebaut, leben in keinem anderen Lüneburger Stadtteil so viele Menschen auf so wenig Raum. Noch immer ist Kaltenmoor nicht „befriedet“ – es gibt immer wieder Ausbrüche brutaler Gewalt wie zuletzt wieder im April: Da wurde nach Mitternacht aus einem Audi heraus auf eine Personengruppe von zirka sechs Personen geschossen, die sich in der Carl-Friedrich-Goerdeler-Straße in Höhe des St.-Stephanus-Platzes aufhielt. Ein 20-Jähriger wurde durch die Schüsse schwer verletzt. Es ging um Drogen. Und um obskure Verbrecherehre. Wörtlich sprach Kriminaldirektor Steffen Grimme, Leiter der Ermittlungsgruppe, von „Störungen im BTM-Handel innerhalb einer multinationalen Gruppe“. Generell jedoch, so die Ansicht der Lüneburger Polizeiführung, herrsche ein insgesamt doch eher friedliches Miteinander sehr vieler Nationen in und um Kaltenmoor. Das Kriminalitäts-Problem, auch das der Drogen, habe sich schon lange aus dem Stadtteil weg verlagert.

Der Clamartpark ist seit Jahren verrufen als Drogenumschlagsplatz, und die Entwicklung dort sorgt für große Besorgnisse. Auch und gerade bei Anwohnern. „Hier kann man sich, wenn es dunkel ist, nun wirklich nicht mehr reintrauen“, sagt Horst P. „Hier wird offen gedealt. Als ich einmal Fotos machen wollte, um die Straftaten bei der Polizei anzuzeigen, wurde ich übelst beschimpft und mir wurden Schläge angedroht. Das ist hier ein rechtsfreier Raum. Schlimm!“ Der Polizei sind die Verhältnisse rund um den Clamartpark durchaus bekannt, heißt es auf Nachfrage. Dass in dem Park jedoch inzwischen ein „rechtsfreier Raum“ entstanden sein soll, weise man entschieden zurück. Zwar wisse man, dass durch die sich dort aufhaltenden Personengruppen das subjektive Sicherheitsempfinden einiger Menschen gestört werden könne, doch, so Kriminaldirektor Roland Brauer (laut LZonline), müsse unsere Gesellschaft „Lebensgestaltungen“ wie diese aushalten.

Muss sie das wirklich? Offenen Drogenkonsum und Beschaffungskriminalität als „Lebensgestaltungen“ zu bezeichnen, scheint mindestens fragwürdig zu sein.

Immerhin begnügen sich die Ordnungshüter nicht mit euphemistischen Betrachtungen, sondern versuchen über unregelmäßig stattfindende Razzien den Park als Erholungs- und Begegnungsraum der Bürger zurückzugewinnen. Immer wieder werden dabei Personen im Clamartpark und den unmittelbar angrenzenden Straßen von der Polizei „auf frischer Tat“ ertappt, wie sie gerade Drogen rauchen beziehungsweise sich gespritzt haben.

Viele dieser Süchtigen sind als Tagestouristen aus Hamburg angereist. Sie wissen: Koks oder Heroin ist an der Ilmenau deutlich günstiger zu bekommen als an Alster und Elbe. Dahinter steckt eine Marktoffensive einheimischer Dealer, die mit ihren Discountpreisen immer mehr Kunden anlocken wollen. Das Problem: An die Hintermänner der Drogen, die in Lüneburg aktuell vermehrt im Umlauf sind, ist schwer heranzukommen. Das ginge eventuell über einige der Händler und Junkies aus dem Clarmartpark. Doch wenn diese aufgegriffen werden, erhalten sie entweder nur wirkungslose „Platzverweise“ oder sind nach wenigen Stunden in Gewahrsam wieder am Ort des Geschehens zurück. So etwas ist letztlich auch frustrierend für die Polizei, die den Kampf gegen die Lüneburger Drogenszene so wohl kaum gewinnen kann. Von der Politik ist hier offenbar auch kaum Hilfe zu erwarten, den Regierenden in Stadt und Land scheint auszureichen, wenn die Polizei die „Szene beobachtet“ statt sie zu zerschlagen. Ein Fahnder: „Wir kommen nicht weiter, wenn Drogenhandel und -konsum ignoriert und verharmlost werden. Die Verhältnismäßigkeiten stimmen einfach nicht mehr…“ (RT)

Stinkt zum Himmel

Leuphana-Forscher warnen
vor Kollaps des Abwassersystems

Deutschlands Flüsse und Seen scheinen so sauber und rein wie lange nicht mehr zu sein. Schäumende Wasserläufe, stinkende Bäche und tot umhertreibende Fische gehören weitgehend der Vergangenheit an. Doch der Schein trügt. Schleichend, fast unmerklich, werden unsere Gewässer zu einer ökologischen Zeitbombe – verursacht durch einen Cocktail aus Chemikalien, Pestiziden und Arzneimittelrückständen. Schuld ist nicht die Industrie allein… 

Jeden Tag verbrauchen wir beim Duschen, Waschen oder auch beim Toilettengang ungefähr 120 Liter Wasser. Nach dem Verbrauch fließt das dreckige Wasser ab und verschwindet in den Rohren. Klingt ganz einfach: aus den Augen und aus dem Haus gleich aus dem Sinn. Doch so einfach ist es leider nicht. In die zentrale Lüneburger Kläranlage leiten auch die Samtgemeinden Bardowick, Gellersen, Ilmenau, Scharnebeck und Ostheide ihr Abwasser ein. Insgesamt sind hier 150.000 Einwohner an das gemeinsame Abwassernetz angeschlossen. Auch hier verwechseln viele ihre Toilette offenbar mit einem Mülleimer. Die Folge: Im Abwasser befinden sich oft Stoffe, die da nicht hinein gehören. Die natürlichen Ausscheidungen vom Menschen und das Toilettenpapier können in der Kläranlage leicht herausgefiltert werden. Problematisch aber sind chemische Stoffe, die über Konsumartikel oder Arzneimittel in das Abwasser gelangen. Zehn bis fünfzehn Prozent aller Medikamente werden nach Untersuchungen des Umweltbundesamtes von Patienten gedankenlos in der Toilette entsorgt. Ein weiteres Problem sind Arzneien, die der menschliche Körper nicht vollständig verwerten kann und deshalb wieder ausscheidet. Bei Antibiotika werden durchschnittlich 70 Prozent der Wirkstoffe ausgeschieden, bei manchen anderen Substanzen sind es sogar über 80 Prozent. Dramatische Zahlen – nicht nur, weil große Mengen an Medikamenten keinen medizinischen Effekt haben, sondern auch, weil sie zunehmend unser Wasser kontaminieren. Selbst moderne Kläranlagen schaffen es nicht, diesen chemischen Cocktail vollständig zu beseitigen. In einem in der Wissenschaftszeitschrift Science erschienenen Beitrag beschreibt der Chemiker Prof. Dr. Klaus Kümmerer von der Leuphana Universität Lüneburg zusammen mit Kollegen die aktuellen Probleme der Abwasserreinigung und Trinkwasseraufbereitung. Dabei geht es den Forschern nicht um eine Verteuflung der Chemikalien, die aus dem modernen Leben ohnehin nicht wegzudenken sind. Schließlich, so Experte Kümmerer, besteht „unsere ganze materielle Welt, auf der unser Lebensstandard beruht, aus letztendlich chemischen Produkten wie Textilien, Arzneimitteln, Flammschutzmitteln, Wärmedämmstoffen, Materialien der Elektronik und somit der Digitalisierung, Farben, Pestiziden, Waschmitteln et cetera. Diese müssen beispielsweise künftig so gestaltet sein, dass sie, sofern sie in die Umwelt gelangen, 

 

dort schnell und vollständig abbaubar sind.“ Doch genau dieses Wissen, dass viele chemische Stoffe eben auch große Probleme bereiten können, weil sie in den Wasserkreislauf und über diesen auch in die Nahrungskette gelangen, ist offenbar noch wenig verbreitet. Schon heute stößt die Abwasserreinigung an ihre Grenzen, wenn es darum geht, alle kritischen Stoffe zu entfernen. Immer aufwendigere Verfahren werden dafür benötigt. Dadurch steigen die Kosten, und auch der Einsatz zusätzlicher Chemikalien wird erforderlich. Trotzdem wird das Wasser nicht immer sauber, manchmal sogar zusätzlich verschmutzt. „Wir müssen viel größeren Wert darauf legen, dass kritische chemische Stoffe gar nicht erst ins Abwasser gelangen. Wo dies unvermeidlich ist, müssen chemische Stoffe und Arzneimittel von Anfang an so designt werden, dass sie in der Umwelt keinen Schaden anrichten“, ist Kümmerer überzeugt. Es sei viel effektiver, die Verschmutzung der Umwelt schon an der Quelle zu bekämpfen, als immer aufwendigere Reinigungsverfahren zu entwickeln. Für die Industrie bedeute dies, die Anzahl der verwendeten Chemikalien in den Produkten zu reduzieren, nicht-abbaubare durch abbaubare Stoffe zu ersetzen und unterschiedliche Abwässer möglichst getrennt zu halten, um sie leichter und besser reinigen zu können. (RT)

Was jeder tun (und vermeiden) kann

Bei allen Möglichkeiten, das Abwasser leichter zu klären, ist es vor allem der Verbraucher gefragt. Wenn jeder Einzelne darauf achtet, was und vor allem wie es in den Abfluss gerät, können höhere Kosten durch Maßnahmen zur Instandsetzung vermieden werden. Das schont dann auch den Geldbeutel.

Beispiele:

Farben und Lacke, Lösungsmittel, Fotochemikalien und Medikamente, erst recht Batterien oder andere Chemikalien und Giftstoffe dürfen weder in den Hausmüll noch ins Abwasser gelangen.

Auch Hygieneartikel haben nichts im Abfluss zu suchen. Feuchttücher zum Beispiel bereiten den Kläranlagen große Probleme. Sie verstricken sich zu Zöpfen und verstopfen die Pumpen.

Speiseöle und Speisefette fließen besonders schlecht ab, verhärten oder verharzen im Rohrleitungssystem. Aber auch im Kanalnetz lagern sich die Fette und Öle ab. Sie sind Nährboden für Bakterien, verursachen unangenehme Gerüche und Verstopfungen, die sich nur mit großem technischen Aufwand beseitigen lassen.

Noch schlimmer ist Motoröl. Bereits geringste Mengen Mineralöl können das Grundwasser vergiften und ungenießbar machen. Sie beeinträchtigen auch den Reinigungsprozess in Kläranlagen.

Der Feind hinterm Gartenzaun

Zwölf Millionen Haushalte in Deutschland liegen im Clinch

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“, wusste schon Friedrich Schiller. Seit den Zeiten des Dichterfürsten scheint sich daran nicht viel geändert zu haben: Einer Umfrage zufolge hatten fast 40 Prozent der Deutschen in den letzten Jahren Streit mit ihrem Nachbarn, jeder vierte fühlt sich „gemobbt“.

Die Gründe für Zwist sind vielfältig. Irgendein Anlass findet sich immer. Auf Platz eins der Streitgründe liegen laute Musik und dröhnende Fernseher. Aber auch intensives Heimwerkern, ausgelassene Gartenpartys oder auch leidenschaftlicher Sex können Nachbarn zur Weißglut bringen. Daneben ärgern sich Mieter und Hausbesitzer vor allem über Belästigungen durch Dreck und Müll ihrer Nachbarn, und auch das besonders heikle Thema Kinderlärm ist Grund für häufiges Gezeter. Meinungsverschiedenheiten gibt es auch darüber, wie Gemeinschaftsaufgaben erledigt werden sollen, etwa Schnee räumen oder Waschküche säubern.

Auch Nachbars Pflanzen, die über den Gartenzaun wuchern oder einem die Sicht und das Licht rauben, werden schnell zum Zankapfel. Weit vorn in der Rangliste sind auch noch Haustiere, die angeblich zu oft bellen oder angeblich stinken. Wird auf dem Balkon geraucht und zieht der Qualm durch das Schlafzimmerfenster der Wohnung darüber, ist dies ebenfalls ein häufig genannter Grund für Zoff, genauso wie der Rauch, der vom Grill des Nachbarn auf die eigene Terrasse zieht. Nicht wenige Streitigkeiten zwischen Nachbarn landen am Ende vor Gericht. Offizielle Zahlen gibt es dazu nicht, aber befragt man Anwälte oder Miet- und Eigentümerverbände, so herrscht dort der Eindruck vor, dass die Fälle stetig mehr werden. Und das obwohl zum Beispiel in Niedersachsen speziell ausgebildete Mediatoren eigentlich versuchen sollen, etwaige Streitereien außergerichtlich zu beenden (siehe „Brückenschlag“ in Lüneburg: www.bs-lg.de/meditation.html). Erst wenn deren Bemühungen nicht fruchten, landet eine Klage tatsächlich vor dem Kadi. Doch auch in dem Stadium gibt es noch einen Versuch der Justiz, auf eine kostengünstigere Verfahrenserledigung ohne richterliches Urteil. In Lüneburg kommen sogenannte Güterichter vom Landgericht (www.landgericht-lueneburg.niedersachsen.de) ins Spiel. Sie bieten den streitenden Parteien eine weitere Mediation an. Das Angebot wird durchaus häufig in Anspruch genommen, so Burghard Mumm, Vizepräsident des Landgerichts Lüneburg in einem Interview. Nach Mumms Angaben werden rund zehn Prozent der Zivilprozesse im Rahmen einer Mediation behandelt, in 85 Prozent mit Erfolg.

Warum sich nicht mehr zoffende Nachbarn dazu bringen lassen, ihr Kriegsbeil schnell wieder zu begraben, dazu gibt es verschiedene Erklärungsversuche. Ein Grund könnte sein, dass heute einfach immer weniger Menschen bereit sind, mit (vermeintlichen) Einschränkungen zu leben. Das eigene Zuhause gehört zu den intimsten Dingen des Lebens. Hier werden Grenzverletzungen – räumliche wie symbolische – als Angriff auf die eigene Person verstanden. Aber auch die profane Tatsache, dass immer mehr Rechtsschutzversicherungen verkauft werden, hat sicher Einfluss. Da lässt man es eben mal auf eine Klage ankommen. Dazu kommt: Nachbarschaftsverhältnisse sind unfreiwillige Beziehungen. Seinen Ehepartner sucht man sich aus, beim Eigentümer der Nachbarwohnung geht das in der Regel nicht, den muss man bis zu einem gewissen Punkt „ertragen“.

Kann man das nicht und ist die Stimmung erst einmal vergiftet, bleibt sie es oft. Die goldene Regel könnte da lauten: Wer das Gespräch sucht, gewinnt. Die meisten lernen das – wenn überhaupt – erst in der Schlichtung oder der Mediation… Eventuell hilft aber auch ein Rat des neben Schiller anderen großen deutschen Dichterfürsten. Goethe empfahl „genügend Nächstenliebe zu entwickeln, um in seinen Nachbarn etwas Gutes zu entdecken“.

Nachbarschaftsrecht ist Ländersache

Nachbarrecht ist Ländersache und deshalb nicht einheitlich geregelt. Deswegen sind generelle Äußerungen schwierig. Was das bedeutet, zeigt sich beispielhaft an der Frage, wer für welche Grenzbepflanzung zuständig ist. In Niedersachsen gilt anders als in den meisten anderen Bundesländern die sogenannte Einfriedungspflicht für die rechte Grundstücksseite. Das heißt, Gartenbesitzer müssen die Abgrenzung setzen und pflegen, die vor dem Haus stehend rechts liegt. Die linke Grundstücksgrenze dagegen wird vom linken Anrainer gestaltet, gibt es hinter dem Haus noch einen dritten Nachbarn, sind für diese Grenze beide gemeinsam zuständig. (RT)

 

Welche Vorteile bietet die Mediation vor dem Güterichter?

  • Die Beteiligten selbst bestimmen, wie der  Konflikt gelöst wird.
  • Das Verfahren ist vertraulich und nicht  öffentlich.
  • Lange Verfahrensdauern durch mehrere Instanzen werden vermieden.
  • Die Einholung zeit- und kostenintensiver Sachverständigengutachten wird vermieden.
  • Das streitige Verfahren kann jederzeit ohne Zeitverlust fortgesetzt werden.
  • Es entstehen keine zusätzlichen Gerichtskosten.

Stein des Anstoßes

„Wer Denkmäler der Vergangenheit stürzt, will den Schlussstrich unter Geschichte…“

Wo endet Gedenken? Wo beginnt die Verherrlichung des Falschen? Darum wird in Lüneburg mal wieder gestritten. Nicht das erste und sicher auch nicht das letzte Mal. Meist aber viel zu schrill und mit zu viel Pathos. Es gibt viele verschiedene Arten von Denkmälern: Das Mahnmal, Statuen und Skulpturen, das Ehren- oder Baudenkmal und zahlreiche andere. Umstritten und bekannt sind nur die wenigsten. Das ist auch in Lüneburg nicht anders. Über 1.400 Denkmäler befinden sich allein im Stadtgebiet, so die Auskunft der in Lüneburg zuständigen Mitarbeiter für Denkmalpflege. Nur einige haben überhaupt das Zeug, den Zorn von selbsternannten „Denkmalstürmern“ zu erregen. Ein steinernes Ehrenmal für eine Wehrmachts-Einheit gehört ganz sicher dazu. Auf dem Monument wird der im Zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten der 110. Infanterie-Division gedacht. Die 110. Infanterie-Division wurde in Lüneburg 1940/1941 im Zusammenhang mit der Planung des Angriffs auf die Sowjetunion aufgestellt, insgesamt 15.000 Soldaten. In einer blutigen Kesselschlacht südwestlich von Minsk wurde die Einheit im Juli 1944 fast völlig vernichtet. Nur sechs Offiziere sowie zirka 280 Unteroffiziere und Mannschaften konnten entkommen. Der Vater von Rudolf K. (77) gehört zu den Gefallenen. „Und zu den Geächteten“, erzählt er mit gesenktem Blick. Schon häufiger war Rudolf K., der heute in Chemnitz lebt und früher an der Universität Geschichte lehrte, in Lüneburg. Er mag die Stadt, aus deren Nähe sein Vater stammt. Das Ehrenmal sieht er das erste Mal. Beim Lesen der beschmierten Inschrift („Es sage keiner, dass unsere Gefallenen tot sind“) kann er Tränen nur mit Mühe unterdrücken: „Ich habe keine Erinnerungen an meinen Vater, hätte ihn aber gerne kennengelernt.“ Erst vor Jahren hat er Briefe lesen können, die dieser von der Front in Russland an seine Mutter geschrieben hat. Neben Liebesbezeugungen und Gedichten großenteils schwermütige Zeilen eines Mannes, der nur eines wollte: Das Kriegsende erleben und möglichst gesund zurück nach Hause zu Frau und Sohn.

Es kam anders.

Vom Tod des Vaters, irgendwann im eisigen Winter 1943, hat die Mutter offiziell lange nichts erfahren, er galt Jahrzehnte als vermisst. Weiß Rudolf K. von den Vorwürfen, die der Einheit seines Vater gemacht wird, von den Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung in den Lagern von Osaritschi (Weißrussland)? Ja, davon wisse er, so K. Und das treibe ihn auch um. Er könne und wolle sich aber nicht vorstellen, dass sein Vater daran beteiligt gewesen sei, in den Briefen wäre dazu jedenfalls nichts zu finden. Er habe ein anderes Bild von seinem Vater, sagt Rudolf K.: „Genau darum fühle ich mich auch nicht als Täter-Sohn. Und überhaupt: Nicht jeder Wehrmachtssoldat war ein Verbrecher. Das zu behaupten ist einfach nur unendlich geschichtslos.“

Geschichtslos wäre es für Rudolf K. auch, den „Stein des Anstoßes“ einfach abzureißen, wie von vielen Seiten immer mal wieder gefordert werde: „Die das fordern, vergessen, dass Geschichte auch etwas ist, was ausgehalten werden muss. Deutschland hat nun einmal auch düstere Zeiten erlebt.“ Denkmäler müssten allerdings mehr erklärt werden, ergänzt er. „Wer sie dagegen einfach nur entfernen will, zieht einen Schlussstrich unter all das Geschehene. Man sollte die Diskussion über Denkmäler, ich zitiere mal Heinz Buschkowsky, Ex-Bezirksbürgermeister von Neukölln, nicht ,Klugscheißern mit Wikipedia-Wissen’ überlassen…“

Pfad der Erinnerung

Das Projekt Friedenspfad in Lüneburg ist eine Idee der Friedensstiftung Günter Manzke, die 50 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges 1995 in Lüneburg gegründet wurde. 24 Orte der Erinnerung im Stadtgebiet wurden für einen ganz besonderen Stadtrundgang ausgewählt. Die Homepage des Friedenspfades ist unter www.friedenspfad-lueneburg.de erreichbar. Apps für iOS und Android liegen kostenfrei zum Download in den Stores vor. (RT)

TBC, Gelbfieber, Krätze…

Sind die alten Seuchen zurück?

In den vergangenen Monaten hatten Ärzte in ganz Deutschland, auch in Lüneburg, alle Hände voll zu tun. Nicht nur die Grippe, auch andere wesentlich gefährlichere Erkrankungen sorgten für überfüllte Wartezimmer. Vor wenigen Wochen, am 24. März, war wieder Welttuberkulosetag. Der Tag, an dem Robert Koch 1882 den bahnbrechenden Vortrag über die Entdeckung des Tuberkulose-Erregers, Mycobacterium tuberculosis, gehalten hat. Doch auch 136 Jahre (!) später gehört Tuberkulose mit fast 1,7 Millionen Todesfällen pro Jahr immer noch zu den zehn häufigsten Todesursachen weltweit. Geschätzt 10,4 Millionen Menschen erkrankten 2016, darunter fast eine halbe Million an multiresistenter Tuberkulose, bei der die beiden wichtigsten Tuberkulose-Medikamente nicht mehr wirken.

Ein Viertel der Weltbevölkerung soll mit dem Bakterium infiziert sein und stellt ein Reservoir für spätere Erkrankungen dar. Warum ist Tuberkulose noch immer nicht besiegt, obwohl wir das Bakteriengenom entschlüsselt haben? Zum einen, weil noch lange nicht alle Menschen in vollem Umfang von diesen Errungenschaften profitieren. Zum anderen, weil die bislang erreichten Fortschritte bei weitem nicht ausreichen und die Forschung die Tuberkulose über Jahrzehnte sträflich vernachlässigt hat, sagen Experten: So steht kein hochwirksamer Impfstoff zur Verfügung, dauert die antibiotische Behandlung mindestens ein halbes Jahr statt weniger Tage und sind die Behandlungsoptionen bei komplex resis-tenten Tuberkulosen unbefriedigend. Was nur wenige wissen: Auch in Niedersachsen tritt die Krankheit wieder vermehrt auf. Vor allem in größeren Städten, doch nicht nur hier: Der Landkreis Lüneburg ist nicht verschont worden.

Von 2001 bis 2010 konnte in Niedersachsen noch ein kontinuierlicher Rückgang der TBC-Meldungen verzeichnet werden, sagt Holger Scharlach vom niedersächsischen Gesundheitsamt. Seit 2013 steigen die Zahlen landesweit wieder. Scharlach sieht einen Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise, da diese oft aus Ländern, in denen Tuberkulose viel häufiger verbreitet ist als hier, kommen. Bei den medizinischen Eingangsuntersuchungen wird deshalb besonders auf die Tuberkulose geachtet. Doch nicht nur TBC beunruhigt die Experten: Auf dem Vormarsch ist bundesweit auch die Krätze, bei Medizinern auch unter dem Namen Skabies bekannt. In den vergangenen Jahren fanden sich vermehrt Patienten mit der von Krätzmilben ausgelösten Erkrankung in deutschen Arztpraxen ein. Tendenz weiter steigend. Gravierender ist die steigende Zahl von am sogenannten Hantavirus Erkrankten. Als Überträger der Hantavirus-Infektion sind Rötelmäuse identifiziert worden, die das Virus mit Kot verbreiten. Werden die Ausscheidungen der infizierten Nager beispielsweise bei Reinigungsarbeiten (Fegen des Schuppens) aufgewirbelt und eingeatmet, sind grippeähnliche Symptome mit Fieber, Kopf- und Abdominalschmerzen bis hin zu Nierenfunk-tionsstörungen und akutem Nierenversagen die Folge. Im vergangenen Jahr gab es bereits eine Masern-Welle, und auch aktuell ist die Gefahr noch nicht vorbei. Das Virus wurde offenbar aus Südosteuropa eingeschleppt und breitet sich auch unter nicht geimpften Einheimischen aus. Gerade Risikogruppen verweigern aber zunehmend eine Schutzimpfung, verweisen, wenn man sie nach Gründen fragt, auf angeblich fehlende Wirksamkeit. Susanne Glasmacher vom Robert Koch-Institut (RKI) kann das nicht verstehen: „Selbst ein mäßiger Impfschutz ist immer noch besser als gar keiner. Wenn es draußen in Strömen regnet, hilft ein löchriger Schirm auch mehr als gar keinen dabei zu haben.“

Unbedingt gegen Gelbfieber sollten sich Südamerika-Reisende impfen lassen, rät das Auswärtige Amt. Im Februar und März wurden über die Auslandsvertretungen in Rio de Janeiro und London zwei Deutsche gemeldet, die sich auf der dem Bundesstaat Rio de Janeiro vorgelagerten, touristisch-hoch-frequentierten Insel Ilha Grande mit Gelbfieber infiziert hatten. Ein Patient wurde noch in Brasilien behandelt und überlebte den schweren Verlauf der Erkrankung ohne Folgen. Der zweite Patient verstarb, nachdem er noch im Transit auf dem Flughafen London so schwer erkrankte, dass er vor Ort in London intensivmedizinisch behandelt werden musste. Eine weitere erkrankte Deutsche erholte sich zum Glück aber wieder vollständig. Nach 1999 waren dies die ersten deutschen Staatsbürger, von denen bekannt ist, dass sie an Gelbfieber erkrankten. Gelbfieber zählt wie zum Beispiel. Ebola, die Tollwut oder auch die Pest, die gerade im Osten Afrikas ein bedrückendes „Comeback“ feiert, zu den Zoonosen, den Krankheiten also, deren Erreger Tiere wie Menschen gleichermaßen befallen. Auch das hochgefährliche Dengue-Virus, das jährlich rund 400 Millionen Menschen infiziert, gehört dazu. Vermeintlich durch den Klimawandel erobern tropische und subtropische Stechmückenarten immer neue Räume und bringen diese Krankheit auch zu uns. „Inzwischen gibt es erste Ausbrüche im Süden der Vereinigten Staaten, und ähnliche Entwicklungen können wir auch für Europa erwarten“, sagt Koert Ritmeijer, Leiter der Amsterdamer Forschungsabteilung „Vernachlässigte Tropenkrankheiten“ bei der Organisation Ärzte ohne Grenzen.

Was also tun: Kopf in den Sand und unter anderem das Reisen einstellen? Beim Gesundheitsamt Lüneburg hält man nichts von Panikmache: Der Infektionsschutz arbeitet gut, auch wenn erhöhte Vorsicht nicht schaden kann, heißt es. Was man selbst tun kann, ist Impfungen nicht zu vernachlässigen und von Infektionskrankheiten besonders betroffene Länder zu meiden. Mehr Infos zum Thema dazu erhält man beim Robert-Koch-Institut oder auch dem Auswärtigen Amt in Berlin. (RT)

Der blanke Horror

Sexting-Völlig normal oder absolutes NO-GO ?

Es ist der Telefonsex der Generation Smartphone: Sexting ist vor allem (aber nicht nur) bei Jugendlichen beliebt. Und viele sind sich der Gefahren erst bewusst, wenn es zu spät ist. Die Pose verführerisch, der Blick sexy, und das alles mehr oder weniger hüllenlos. Klick, klick, fertig ist das Nackt-Selfie. Egal ob vorm Spiegel, im Bett oder in der Badewanne – viele haben schon mal blankgezogen, sich im Adam-und-Eva-Kostüm fotografiert und das dann an den Partner geschickt. Nach Studien fast ein Drittel aller Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 15 und 25 Jahren. Die FKK-Nachricht – warum ist das eigentlich nach wie vor im Trend, trotz Horrorgeschichten über Mobbing in Schule und am Arbeitsplatz und trotz immer mehr Hackern, die nicht nur Stars, sondern auch Normalbürger mit freizügigem Material zu erpressen versuchen?

„Sexting“ setzt sich aus den Worten „Sex“ und „Texting“ zusammen und beschreibt das Versenden erotischer Fotos oder Videos von sich selbst. Kein neues Phänomen. Bereits vor Jahren warnte die Polizei: Der Austausch von intimen Selbstaufnahmen via Smartphone und Internet ist nicht ohne Risiko. Denn was per WhatsApp verschickt oder auf Facebook gepostet wird, kann nur mit großem Aufwand wieder gelöscht werden. Und das, was ursprünglich nur für den Kollegen oder den Liebsten gedacht war, sieht morgen womöglich das ganze Büro oder die ganze Schule. Schnell brechen dann Freundschaften auseinander und der ehemalige Freund oder die Freundin wird zum Feind. Ein furchtbarer Kreislauf inklusive Cybermobbing oder Cybergrooming sowie dem Erpressen weiterer Aufnahmen (sog. Sextortion) kann in Gange kommen. Sexting entsteht meist aus Neugier oder sozialem Druck, sagt der Hamburger Jugendforscher Rainer Wiesner: Viele Jugendliche setzen sich mit ihrer Sexualität auseinander – dazu gehört die Frage, ob man für andere interessant und begehrenswert ist. Was dabei begehrenswert ist, definieren sie für sich und orientieren sich dabei oft auch an Vorbildern. Diese finden sie im persönlichen Umfeld, aber auch in den Medien, etwa bei freizügigen Pop- und Film-Stars sowie durch pornografisches Material im Internet.

Ein anderer Beweggrund für Sexting sind Mutproben und Gruppenzwang. Während Jugendliche früher das Auto des Lehrers in Klopapier gewickelt haben, schießen sie heute Nacktfotos von sich. „Jungen fotografieren beispielsweise ihr Geschlechtsteil und üben Druck auf andere aus, das Gleiche zu tun“, meint Sabine Mosler, Jugendschutzreferentin der Niedersächsischen Landesmedienanstalt. Grundsätzlich kommt „Sexting“ unter Erwachsenen viel häufiger vor als unter Jugendlichen – und dagegen ist grundsätzlich auch nichts zu sagen, sagen Wissenschaftler. Studien haben bewiesen, dass Menschen in festen „befriedigenden“ Beziehungen sich sogar öfter „sexuell anzügliche“ Nachrichten schicken als andere. Wer das gerne möchte und reizvoll findet, soll das auch gerne weiter tun, sagt Experte Rainer Wiesner. „Es geht ja nicht darum, „Dirty Talks“ in die Schmuddelecke zu stellen oder den Menschen ihre sexuellen Fantasien zu nehmen, man sollte aber dennoch die Gefahren, auch die rechtlichen, berücksichtigen (was viele nicht wissen: Generell ist der Austausch von pornografischen Bildern für Minderjährige auch im Einvernehmen verboten) – und die eigenen Kinder auf diese Risiken hinweisen, ohne Sexting gleich zu verbieten.“

Nicht alles preisgeben

Tipps, damit das Blankziehen nicht irgendwann zum blanken Horror wird

Wenn schon „Sexting“, dann sollte man darauf achten, nicht das Gesicht zu zeigen. Auch Tattoos, markante Muttermale oder Piercings, die einen individuell machen, sollten nicht zu sehen sein. Auch sollten Fotos nie „alles“ zeigen, Fotos sind dafür da, die Fantasie des jeweiligen Partners anzuregen, das Kopfkino anzuschmeißen. Vor dem Abschicken: Adresse besser dreimal checken! Denn nichts ist peinlicher, als wenn die sexy Pics plötzlich bei den eigenen Eltern oder dem Ex landen. Man sollte sich auch nicht auf Sicherheitsfunktionen von Apps verlassen. Zum Beispiel darauf, dass Tinder die Fotos automatisch nach 24 Stunden löscht. In der Zeit kann sich das Foto bereits viral verbreiten. Auch bei Snapchat ist das Bild nicht gezwungenermaßen nach 30 Sekunden verschwunden. (RT)