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Die Weltenbummlerin

Carmela Röhr war als Granny AU-PAIR in China, Südafrika und den USA

Carmela Röhr wollte andere Länder und ihre Kulturen kennenlernen. Die Handorferin war als Granny Au-pair mehrmals im Ausland. Nebenbei gewann sie eine neue Familie dazu. Carmela Röhr kennt keine Scheu, auf andere zuzugehen. Und sie lernt gern Neues kennen. Seit 35 Jahren lebt die gebürtige Schweizerin mit ihrem Mann in Handorf. Die gemeinsame Leidenschaft des Paares war schon immer das Reisen – erst zu zweit, später mit ihrem Sohn, der heute 29 ist. „Wir haben fast die ganze Welt gesehen“, erzählt die 64-Jährige. Die Versicherungskauffrau arbeitete, bis sie 57 war, doch die Beine legte sie noch lange nicht hoch. Vor ein paar Jahren las Carmela Röhr in der Zeitung von der Möglichkeit, als Granny Au-pair, eine Art Leihoma, ins Ausland zu gehen. „Wir sind zwar viel gereist, aber in zwei bis vier Wochen lernt man die Leute in einem Land nicht richtig kennen“, meint sie. Sie registrierte sich im Portal der Hamburger Agentur Granny Aupair. Die erste Anfrage kam ausgerechnet aus ihrem Heimatland, der Schweiz. Sie lehnte ab. „Ich wollte doch weit weg“, erklärt sie. Sie träumte von einem Einsatz in Australien, wo sie vor 30 Jahren einmal war. Doch auch Asien hatte es ihr angetan. So klang das Angebot für sie interessant, als eine junge Familie aus der chinesischen Millionenstadt Hangzhou sie kontaktierte. Die Familie, ein deutscher Vater, der studierte, eine voll arbeitende chinesische Mutter und ein neun Monate altes Mädchen, brauchte möglichst schnell eine Betreuung für das Kind. Mit den einheimischen Nannys war das Paar nicht gut ausgekommen. Carmela Röhr nahm das Angebot an und reiste 2014 mit einem Dreimonats-Visum nach Hangzhou.

Begegnungen auf dem Hof

Als Granny Au-pair hat man keinen Arbeitsvertrag, sondern reist als Tourist ein. Mit der Gastfamilie wird ausgemacht, nach welchem Prinzip die Granny bezahlt wird, ob mit wöchentlichem Taschengeld oder einer Übernahme der Reisekosten. In Hang-zhou lebte Carmela Röhr in einer abgeschlossenen Hochhaussiedlung, die, anders als in Deutschland, von gut betuchten Menschen bewohnt war und als absolut sicher galt. Die Sympathien mit dem Vater, der die Granny vom Flughafen abholte, stimmten sofort. Die Betreuung des Babys stellte für die Granny keine Schwierigkeit dar. Gewöhnungsbedürftig waren dagegen zum Teil die chinesischen Erziehungsmethoden. Sie war viel mit dem Mädchen allein. „In China ist es der Regelfall, dass die Eltern so viel weg sind“, erklärt die 64-Jährige. Die Schweizerin merkte schnell, dass sich auf dem Platz zwischen den Hochhäusern das ganze Leben abspielte. „Ich bin jeden Morgen mit dem Kinderwagen in den Hof gegangen. Da saßen dann zig chinesische Nannys mit den Kindern“, erzählt sie. Da diese meist kein Englisch konnten, verständigte sie sich mit Händen und Füßen mit ihnen. „Das war ein Heidenspaß“, meint die Leihoma. Carmela Röhr war weit und breit die einzige Europäerin. Sie staunte, dass der Hof für die Chinesen auch ein Ort zum Turnen, für Tai Chi oder zum Tanzen war. Einmal im Monat kamen ein Frisör, ein Schuster oder ein Schneider in den Hof und versorgte alle mit seinen Dienstleistungen. Weil die chinesischen Nannys in ihrem Alter oder älter waren, suchte sie auch andere Kontakte zu Chinesen. „Im Café bin ich auch mit jüngeren Leuten ins Gespräch gekommen“, erzählt sie. Diese konnten in der Regel Englisch.

Unendliche Gastfreundschaft

Wenn die Granny an den Wochenenden frei hatte, unternahm sie Ausflüge mit der Gastfamilie, fuhr aber auch alleine mit dem Bus in die Umgebung. Eines ihrer bedeutendsten Erlebnisse begann an einer Bushaltestelle, als Carmela Röhr zu einem Teedorf fahren wollte. „Ich bin mit einer Frau ins Gespräch gekommen, die in dem Dorf Tee pflücken wollte. Sie lud mich ein mitzumachen“, erzählt sie. Ohne dass sie lange darüber nachdenken konnte, wurde sie von der Chinesin mitgenommen und in der Teeplantage in das Teepflücken eingeweiht. „Ich wurde von den anderen Chinesinnen ganz herzlich empfangen“, betont sie. „Sie lernen nie Europäer kennen und finden das toll.“ Eine Stunde pflückte Carmela Röhr mit den anderen Tee. „Das ist total schwierig, Ich weiß jetzt, warum der Tee so teuer ist.“ Sie ist dankbar für diese einmalige Gelegenheit und den Einblick in das Leben der Chinesinnen, der sich ihr spontan geboten hatte. Nach dem Teepflücken ging es zum gemeinsamen Teetrinken, Spazierengehen und Essen. „Das war so ein aufregender Tag, das würde man so nie erleben“, sagt Carmela Röhr rückblickend. Zu ihren „Teemädels“, wie sie sie nannte, hielt sie weiter Kontakt. Carmela Röhrs Monate in China waren geprägt von spannenden Begegnungen mit Einheimischen, die ihr immer wieder offen, neugierig, freundlich und hilfsbereit entgegen traten. „Es ist mir oft passiert, dass ich von Leuten angesprochen wurde“, erinnert sie sich. „Das sind so Glücksgefühle, nur Du unter Chinesen.“ Nach drei Monaten musste die Granny ihren Aufenthalt in China beenden, eine Verlängerung war von Behördenseite nicht möglich. Im Juni 2014 kam sie zurück nach Deutschland und wollte hier auch zunächst bleiben. Doch die nächste Anfrage kam schneller als erwartet: Eine Familie aus Südafrika mit drei Kindern suchte händeringend ein Granny Au-pair. „Sie suchten jemanden, der spontan und flexibel ist. Da meinte mein Mann, ich soll das machen“, erzählt sie. Schon im Herbst 2014 flog die Handorferin für drei Monate nach Südafrika, welches sie auch aus dem Urlaub kannte.

Im Luxus in Südafrika

Mit der Familie in Pretoria, einer deutschen Mutter und einem peruanischen Vater und den drei Kindern im Alter von zwei, vier und sechs Jahren verstand sich Carmela Röhr auf Anhieb gut. Die gut situierte Familie lebte luxuriös mit großem Haus, Garten und Pool. Neben ihr als Nanny gab es noch eine Haushälterin und einen Gärtner, sie wurde in einer Gästewohnung untergebracht. Tagsüber war sie mit der zweijährigen Sophia und der Haushälterin im Haus, das sie mit dem Kind nicht verlassen sollte. Wenn die Kleine Mittagsschlaf machte und der Vater zu Hause war, fuhr Carmela Röhr mit dem Rad zur Mall, um einen Kaffee zu trinken und das afrikanische Treiben auf sich wirken zu lassen. An den Wochenenden war sie mit der Familie unterwegs. „Es war einfach total anders als in China, aber beides war absolut reizvoll“, meint sie. Nach drei Monaten musste die Granny nach Deutschland zurück, doch schon bald fragte die Mutter aus Südafrika erneut, ob sie zurückkommen könne. Sie machte ihr den Aufenthalt schmackhaft, indem sie vorschlug, dass ihr Mann für einen Urlaub zunächst mitkommen könne. Ab Februar 2015 reiste die Granny also mit ihrem Mann sechs Wochen in Südafrika herum, bevor sie im März wieder bei der Familie ankamen. Sie blieb bis Ende Juni da. Carmela Röhr versuchte trotz Warnungen vor Überfällen, sich ab und zu unters Volk zu mischen. Sie fuhr mit den Bussen, die sonst die Arbeiter benutzten. „Die Leute waren supernett und hilfsbereit. Sie haben natürlich gemerkt, dass ich keine Südafrikanerin bin“, sagt sie. Andere Warnungen nahm sie ernst: „Ich bin nicht übermäßig vorsichtig und manchmal auch leichtsinnig. Aber man muss die Ratschläge der Einheimischen befolgen.“ So fuhr die Granny auch kürzeste Wege mit dem Taxi, wenn ihr vom Fußweg abgeraten wurde. Sie war nur bei Tageslicht alleine unterwegs, trug keinen auffälligen Schmuck und hatte keine Wertsachen dabei.

Hilferuf aus Amerika

Zwar hatte Carmela Röhr keine Zeit, einen Sprachkurs zu besuchen, doch sie suchte sich einen Schwimmkurs. Durch den dreimal in der Woche frühmorgens stattfindenden Kurs lernte sie eine Gruppe weißer Südafrikanerinnen kennen, die sie schnell in ihrer Mitte aufnahmen. Auch in diesem Land entwickelten sich durch Carmela Röhrs offene Art bei vielen Begegnungen kleine Freundschaften. Als sie im Juni abreiste, dachte sie nicht, dass sie so schnell wiederkommen würde: Schon Anfang November brauchte die Familie wieder dringend ihre Unterstützung, so dass sie für weitere zwei Monate hinflog. In dieser Zeit begleitete sie die Gastmutter für mehrere Wochen nach Botswana. Nach ihrem letzten Aufenthalt in Südafrika wollte Carmela Röhr für keine andere Familie mehr eingesetzt werden, zu eng ist die Bindung nach Südafrika. „Wir sind jetzt eine Familie“, meint sie. Dass die fünfköpfige Familie das genauso sieht, zeigte sich Ende 2016. Die Familie war aus beruflichen Gründen nach Washington gezogen und brauchte Anfang 2017 erneut ihre Hilfe. So flog sie für acht Wochen zu der Familie in die USA und war genau zur Amtseinführung von Donald Trump in Washington – ein unvergessliches Erlebnis. Seit mehr als einem Jahr war Carmela Röhr nicht mehr als Granny im Ausland. Doch vor einem halben Jahr kam von der Agentur Granny Aupair eine Anfrage, ob sie ihrer südafrikanischen Familie für ein paar Wochen aushelfen könne – in Köln. Sie fuhr für sechs Wochen zu der Familie, die für ein Jahr hier bleiben will. Sollte die Familie wieder ins Ausland gehen, schließt die Granny nicht aus, zeitweilig mitzukommen. „Wir hoffen alle, dass die Familie ein tolles Angebot in Asien bekommt“, erklärt sie. Solange die Familie sie nicht braucht, reist Carmela Röhr weiterhin mit ihrem Mann durch die Welt, auf dem Plan stehen Singapur, Australien und Hongkong. Zu Hause bereitet sie sich auf ihren dritten Triathlon vor. „Das ist das, was ich anderen Älteren vermitteln will: Es ist nie zu spät. Du schaffst alles, wenn Du es willst, ob es eine neue Sprache oder Sportart ist. Das Alter ist nur eine Zahl.“ (JVE)

“Ich träume von einem Stumpf”

Bizarre Störung: Wenn Gesunde sich um jeden Preis
eine Amputation wünschen

Sie lassen ihre Gliedmaßen absichtlich erfrieren oder sägen sie aus Verzweiflung selbst ab: Weltweit leiden Tausende Menschen unter BIID – einer der wohl seltsamsten Krankheiten der Welt. Die rechte Hand des jungen Mannes war normal und gesund. Aber er wollte sie weghaben. Also ging er in einen Baumarkt und kaufte sich eine Kettensäge …

Der Mann, der da von sich selbst erzählt – nennen wir ihn Stefan, seinen richtigen Namen möchte er nicht öffentlich machen – weiß genau, dass das völlig irre klingt. Aber er weiß auch, dass er nicht verrückt ist. Er ist krank. Er hat BIID. Unter Body Integrity Identity Disorder (deutsch: Körperintegritätsidentitätsstörung), Kurzform BIID, das tiefe Empfinden einer Person, dass sich bestimmte Körperteile oder Körperfunktionen fremd anfühlen oder nicht zur eigenen Person gehören. Es kommt zu einer Deckungsungleichheit zwischen innerem gefühlten Körperbild und äußerem tatsächlichen Körperbild. Das äußert sich in einem extrem hohen Leidensdruck und teilweise starken Depressionen. Wie viele Betroffene es in Deutschland gibt, ist unklar. Jedenfalls wesentlich mehr, als sich öffentlich „geoutet“ haben. Das sind nur einige wenige. Experten gehen davon aus, dass es mehrere Tausend Betroffene weltweit gibt, vor allem Männer. In mehr als 80 Prozent der Fälle wünschen sie eine Beinamputation, links häufiger als rechts. Nur wenige Betroffene, vor allem Frauen, wünschen Amputationen auf beiden Körperhälften. Weil in westlichen Ländern die Amputation von intakten Gliedmaßen verboten ist, lassen sich die Betroffenen teilweise in Asien operieren oder provozieren einen entsprechenden „Unfall“.

Stefan, Anfang 30, Student der Kulturwissenschaften, hat seine linke Hand so verletzt, dass er nun zwei Finger nicht mehr bewegen kann. Er wäre dabei beinahe gestorben, weil er trotz starker Blutung lange Zeit keine Hilfe geholt hatte. Stolz ist er auf seine Aktion nicht: „Ich werde dennoch weitermachen, ich muss meinen Weg zu Ende gehen“, sagt er. Man darf das ruhig als Ankündigung verstehen und nicht als Drohung. Seine Freunde nahmen ihm sein Märchen von dem tragischen Unglücksfall bei der Gartenarbeit ab. „Ich glaube nicht, dass sie die Wahrheit akzeptieren würden“, sagt er. „Das kann kaum einer.“ Er erzählt, dass er den Wunsch, sich zu verstümmeln schon seit seiner Kindheit hat. Und manchmal „so tut als ob“. BIID-Betroffene nennen das „Pretending“. Dann schnürt er sich den Arm ab, bis dieser völlig gefühllos ist, und bindet ihn ganz eng an seinen Körper. Einmal hat ihn seine Schwester dabei überrascht. Er beichtete ihr, was ihn umtreibt, sie reagierte geschockt. BIID kann man eben nicht verstehen, wenn man BIID nicht hat, sagt Stefan.

Dabei ist das Phänomen nicht neu. Beschrieben wird es bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. In einer medizinhistorischen Anekdotensammlung schildert ein französischer Chirurg, wie er von einem Mann unter vorgehaltener Pis-tole gezwungen wurde, dessen gesundes Bein zu amputieren. Vor rund einem Jahr nahm Stefan an der TU Braunschweig mit einigen anderen Betroffenen an einer Studie teil. Ziel: die Entstehung von BIID verstehen zu lernen sowie Behandlungsangebote auf ihre Wirksamkeit hin überprüfen. Gehört hat er seitdem nichts mehr: „BIID ist eben immer noch ein Rätsel für die Medizin …“ Auch Peter Brugger von der Züricher Klinik für Neurologie, der als einer der wichtigsten weltweiten Experten auf dem Gebiet von Körperintegritätsidentitätsstörung gilt, musste erst lernen, das merkwürdige Phänomen nicht als bizarre Macke abzutun: „Erst persönliche Kontakte mit Betroffenen haben mich überzeugt, dass ein ernst zu nehmender Leidensdruck dahinter steht“, sagt der Professor für Verhaltensneurologie und Neuropsychiatrie.

Inzwischen gibt es einige Forscher, die sich wie Brugger mit BIID beschäftigen. Sie streiten vor allem um die Frage: Woher kommt BIID? Die Psychologen gehen davon aus, die Ursachen liegen im Kopf. Schwere Kindheit. Wunsch nach Anerkennung. Narzissmus. Die Neurologen sagen, die Ursachen liegen im Gehirn.Doch daraus ergibt sich gleich die nächste Frage: Haben Menschen BIID, weil ihr Gehirn anders ist? Oder ist ihr Gehirn anders, weil sie BIID haben? Viele BIID-Betroffene argumentieren mit Selbstbestimmung und fordern das „Recht auf Amputation“. Doch Gesetze und Mediziner stemmen sich aus ethischen Gründen gegen die Amputation eines gesunden Körperteils. Solchen, die es doch tun, drohen Konsequenzen. 1997 nahm der schottische Arzt Robert Smith einem Engländer den gesunden linken Unterschenkel ab; zwei Jahre später entfernte Smith einem Deutschen ein Bein. Smith hätte beinahe seine Approbation verloren. Mehr Informationen zum Thema unter www.biid-dach.org; www.vfsk.eu. (RT)

Der eigene Weg

Die Künstlerin Marit Persiel führt Ihr erstes eigenes Theaterstück auf

Schauspielschulen waren nichts für sie, und in der Großstadt fühlte sie sich nicht wohl: Die Künstlerin und Theatermacherin Marit Persiel ging ihren eigenen Weg. Nun hat die 28-Jährige ihr erstes eigenes Theaterstück geschrieben, das im März im Salon Hansen uraufgeführt wird. Marit Persiel wuchs in Himbergen im Landkreis Uelzen auf. Nach dem Abitur 2009 zog sie zum Studieren nach Kiel, wo sie an der Fachhochschule ihren Bachelor in Medienproduktion machte. Ihr gefiel das Praktische: „Ich fand Medien und Fotografie immer spannend, dachte aber immer nur an die Produktion für Film, Fernsehen und Radio“, erzählt die 28-Jährige. Das Sprechen und Spielen lag zuerst nicht in ihrem Fokus, Gefallen daran fand sie aber vor allem durch einen spannenden Studentenjob: Im Kieler Grusellabyrinth, ähnlich dem Hamburger Dungeon, übernahm sie im Wechsel die Rolle von Waldwesen, einer Wahrsagerin, Archäologin oder auch eines Monsters. Anderthalb Jahre spielte sie neben dem Studium die gruseligen und auch lustigen Figuren, doch nach ihrem Bachelor-Abschluss 2013 wollte sie nicht in Kiel bleiben. „Ich wollte weitergehen und wissenschaftlich arbeiten. Die Ästhetik des Films und das filmische Erzählen haben mich interessiert“, erklärt sie. Doch sie bekam keinen Studienplatz für Medien- oder Filmwissenschaften. Stattdessen sammelte sie praktische Erfahrungen – und kam nach Lüneburg. Auf einem Aushang des Theaters Lüneburg wurden Darsteller für das Musical „Rent“ gesucht. Gesungen hatte sie schon in Schulbands und anderen Formationen, zuletzt in Kiel. So ging Marit zum Cas-ting – und ergatterte eine Nebenrolle als die überdrehte Bürodame Alexi Darling. Parallel zum Musical machte sie ein Praktikum an der Halle für Kunst. Noch während „Rent“ am Lüneburger Theater lief, erhielt Marit Persiel einen Anruf von der Lüneburger Nachwuchsproduzentin Franziska Pohlmann, die für ihren Film Darsteller suchte. Sie hatte Marit in „Rent“ auf der Bühne gesehen und engagierte sie schließlich als böse Königin für ihren Film „Die Krone von Arkus“, der 2014 hauptsächlich in Lüneburg gedreht wurde und 2015 bundesweit in die Kinos kam. „Am Anfang hieß es Studierendenprojekt. Aber es hat sich immer mehr zu etwas Größerem entwickelt. Plötzlich war es eine Kinoproduktion“, erinnert sich Marit. Noch bevor die Dreharbeiten begannen, hatte sie an der Leuphana Universität angefangen, Angewandte Kulturwissenschaften zu studieren und nutzte ihre Semes-terferien für den Filmdreh. Nebenher arbeitete sie im Scala-Kino.

Unmotivierte Mitschüler

An der Lüneburger Uni wurde Marit nicht recht glücklich. „Durch den Filmdreh und das Theaterspiel habe ich an der Uni gemerkt, dass das nichts für mich ist. Mir fehlte das Machen“, erinnert sie sich. Nach zwei Semestern schmiss sie das Studium und bewarb sich an Schauspielschulen. Sie erhielt einen Platz am Bühnenstudio Hamburg, einer privaten Schauspielschule. Von nun an pendelte Marit täglich von Lüneburg nach Hamburg. Während ihre Eltern für die Schauspielschule aufkamen, verdiente sie sich ihr Geld zum Leben weiterhin im Kino. Ein Jahr ging das so. „Das war ganz schön anstrengend“, sagt die 28-Jährige. Zwar war sie mit den Lehrern an der Schule zufrieden, doch es wurmte sie, mit welcher unmotivierten Haltung ihre Mitschüler an die Ausbildung herangingen. „Viele hatten keinen Bock und haben oft geschwänzt. Ich war aber voll motiviert“, erklärt sie. „Ich war schon Mitte Zwanzig und wollte vorwärts kommen, ich war einfach ungeduldig.“ Schließlich wechselte sie zum Schauspielstudio Frese. Hier waren die Schüler anders, der Ehrgeiz größer. Marit zog für die zweite Schauspielschule nach Hamburg, fuhr aber weiterhin zum Arbeiten nach Lüneburg. Doch sie fühlte sich nicht wohl: „In Hamburg war es nicht mein Ding, ich bin einfach kein Großstadtmensch.“ Auch die Atmosphäre an der Schauspielschule brachte sie zum Grübeln. „Ich wurde immer mehr mit Stereotypen konfrontiert und sollte in irgendwelche Schubladen passen“, erzählt sie. Die Schauspielschülerinnen mussten sich anhören, welche Muster sie erfüllen müssten, um an begehrte Rollen zu kommen. Doch Marit wollte diese Klischees nicht bedienen und zog nach einem halben Jahr auch an der zweiten Schauspielschule die Reißleine. Das Thema Schauspielschule war damit für sie beendet, doch sie möchte diese anderthalb Jahre nicht missen. „Neben dem Schauspiel habe ich viele Dinge gelernt wie Tanz und Gesang oder Fechten und Boxen für den Bühnenkampf“, erklärt sie. Sie glaubte nicht daran, nur mit dem Abschluss einer – am besten staatlichen – Schauspielschule weiterzukommen. „Es wurde einem immer gesagt, was man machen muss“, meint sie. „Ich dachte mir, ich mach meinen eigenen Weg und lasse mich nicht ins System pressen.“

Spielen ohne Worte

So zog Marit 2016 zurück nach Lüneburg – ihre Freunde waren alle noch hier. Auch von der Schauspielschule hatte sie noch Freunde. Diese animierten sie schließlich, mit zu einem freien Bewegungsensemble zu kommen. Das Ensemble Tan.going ist eine Art pantomimisches Improvisationstheater, bei dem einzelne Szenen oder Bilder gespielt werden. Nichts ist inszeniert, gesprochen wird nicht, dafür mit Körpersprache erzählt. Marit Persiel gehört dem Hamburger Ensemble seit ihrem ersten Besuch an. Zweimal wöchentlich wird geprobt, das verdiente Geld stecken die Künstler wieder in ihre Arbeit. Marit Persiel bereichert es, ohne Worte die Menschen erreichen zu können. „Das ist eigentlich der Ursprung des Theaters“, meint sie. „Darum kreist meine Arbeit: Nicht zu erzählen, was andere zu denken haben, sondern jemanden zu berühren.“ Während Marit bei Tan.going selbst spielt, wirkte sie 2016 bei einer weiteren Performance mit, bei der sie nicht auf der Bühne stand. Mit einer Freundin erarbeitete sie das selbst geschriebene choreographische Stück „Die Kapsel“, das sich um eine Zukunft dreht, in der die Menschen gemeinsam in einer Kapsel eingeschlossen leben und alles zeitgleich und synchron machen. Geldgeber, Proben- und Aufführungsräume in Hamburg waren nach langer Suche gefunden, als Darsteller rekrutierte Marit Freunde aus Schauspielerkreisen. Innerhalb von einem Monat studierten sie das choreographische Stück ein und führten es insgesamt dreimal im Hamburger Sprechwerk sowie im Monsun-Theater auf. Die Reaktionen waren positiv. „Das hat mir bewiesen, dass es auch anders geht und man sein eigenes Ding machen kann.“ 2017 begann Marit, sich mehr mit performativem Arbeiten zu beschäftigen. Für das lunatic Festival arbeitete sie eine Kunst-Performance aus, für die sie mit Schauspielern der „Kapsel“ eine Gruppe gründete, die sie „Partitanz-Kollektiv“ nannte. Doch nach diesen Gruppenprojekten, für die sie hauptsächlich organisieren musste, wollte sie wieder etwas selbst machen. Schon lange schreibt sie Texte und Gedichte. Nach einem Swing-Tanzkurs an der Uni kam ihr die Idee zu „Minor Swing“. „Im Tanzkurs hieß es: Es geht im Swing nicht um feste Tanzschritte, jeder macht sein eigenes Ding.“ Wieder stieß die Künstlerin auf ihr Leitthema „Jeder macht so, wie er möchte“. Sie begann, sich mit dem Swing auseinanderzusetzen und stieß auf die Ursprünge, die Swingkids, aber auch das Swingverbot durch die Nazis. „Die Kids wollten einfach tanzen und wurden nur politisiert, weil sie Swingmusik gehört haben“, erzählt sie. „Das Thema hat mich mitgerissen.“ Daraus wollte sie etwas machen.

Stück über Swingkids

Das Ergebnis ist das Eine-Frau-Stück „Minor -Swing“. Im Mittelpunkt der Geschichte, die 1943 spielt, steht die fiktive Figur Alma, die sich „Mickey“ nennt und aus ihrem Leben erzählt. Marit Persiel spielt Alma selbst, wird dazu auch singen und tanzen. „Ich möchte eine Geschichte erzählen, wie ich sie als Kind mochte. Viele Leute haben keine Lust auf Performance“, weiß sie. Es war ihr wichtig, wieder einmal selbst zu spielen. Bei der Suche des Spielorts und Werbung halfen ihr Freunde, doch im Prinzip ist „Minor Swing“ ganz allein Marits Arbeit. „Minor Swing“ wird zunächst nur einmal am Samstag, 10. März, 20 Uhr im Salon Hansen aufgeführt. Mit dem Salon Hansen hat sie einen kleinen Aufführungsort gefunden, der zu der Düsterkeit des Themas passt, doch gerne würde Marit ihr Stück häufiger aufführen. „Der Saal wird wahrscheinlich gefüllt mit Leuten, die mich mal spielen sehen wollen“, glaubt sie. Die Künstlerin wünscht sich ein ehrliches Feedback, denn sie will wissen, ob ihr das schreiben und spielen liegt. „Es geht mir darum, was es mit den Leuten macht.“ Marit Persiel hofft, mit Theater, Kreativität und Kunst einmal Genug Geld zum Leben zu verdienen. Doch sie arbeitet weiterhin in Teilzeit im Kino, um ihre Kunst zu finanzieren. Nach der Aufführung ihres Stückes wird sie für einen Monat ihren Cousin in Portugal besuchen, um neue Ideen zu sammeln. „Es ist erfüllend, eigene Ideen zu kreieren und umzusetzen“, so die Theatermacherin. (JVE)

Krank.

editorial

Gefühlt ist nahezu an allen wichtigen Stellen jemand krank. Grippe schüttelt Lokführer und Bürokraten, Lehrer und Personaler. Sieht man die Berichte zu Feinstaub und Stickoxiden, mag man schon allein vom Lesen krank werden. An krank denkt man auch spontan, wenn man Bilder aus dem umkämpften Syrien sieht oder Vorschläge von einem der mächtigsten Männer der Welt hört, man brauche in den USA wieder Militärparaden und könne amoklaufenden Schülern Einhalt gebieten, in dem man die Lehrer bewaffnet. 3,5 Millionen Lehrer an allgemeinbildenden Schulen gibt es in den USA, das macht dann einen Auftrag von 3,5 Millionen Dienstwaffen… ein Schelm, wer Böses denkt. Genug der Krankheiten. Kommen wir zu Erfreulichem: Der bisher in Enthaltsamkeit lebende Norden – nein, nicht die Fastenzeit ist gemeint – wird nach dem Willen der Politik in den drei Nordländern Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Hamburg einen zusätzlichen Feiertag bekommen. Glück wäre es dann, wenn alle drei den gleichen nähmen… vor allem für die Pendler. Und die Zeichen stehen gut für den Reformationstag, schließlich haben wir alle beim intensiven Praxistest im vergangenen Jahr nur gute Erfahrungen mit dem 31. Oktober gemacht. Auch als Katholik. Noch eins: Am 25. März scheiden sich wieder die Geister in Frühaufsteher und Schlafmützen: Zeitumstellung. Die Uhr um eine Stunde vor. Und die Chancen stehen nicht schlecht, dass irgendwann die Sommerzeit in ganz Europa bleibt. Auch wenn Winter ist. Mit „Lüneburg bewegt sich“ steht der nächste Verkaufsoffene Sonntag am 4. März mal wieder unter einem neugierig machenden Motto – konkret geht es um Elektro-Mobilität, über die man sprichwörtlich in den Fußgängerbereichen stolpern wird.

Apropos Fußgänger: Zwei interessante neue Stadtführungen hat das Stadtmarketing jetzt im Angebot, der Scharfrichter gibt im Rahmen einer Themenführung einen Einblick in seine nachhaltige Tätigkeit im mittelalterlichen Lüneburg, und mit dem Titel “Raus aus dem Korstett”, als tagesaktuelles Thema zum Frauentag am 8. März, beleuchtet Verena Fiedler die Rolle der Frau und ihre Chancengleichheit in der Geschichte der Stadt (Seite 10/11).

Bleibt zu hoffen, dass während unserer Produktionszeit im angekündigten „Gipfeltreffen“ Klarheit in Sachen „Arena Lüneburger Land“ geschaffen wurde, in diesem Sinne wünschen wir euch einen schönen Start ins Frühjahr

Eure stadtlichter

Weniger Einbrüche, mehr Gewaltdelikte…

Wie gefährlich ist Lüneburg

Die Lüneburger leben in einer sicheren Region, sagte Polizeipräsident Robert Kruse bei Veröffentlichung der aktuellen polizeilichen Kriminalstatistik. Aber ist das wirklich so? „Traue keiner Statistik, die Du nicht selber gefälscht hast …“ ist ein Zitat, das die einen Wins—ton Churchill zuschreiben, andere meinen, es stamme wohl von Joseph Goebbels. Wer auch immer der wahre Urheber sein mag – in dem Satz steckt eine schicksalhafte Note, die an der Wirklichkeit vorbeischrammt. Denn es ist natürlich keineswegs so, dass jede Statistik gelogen ist oder sein muss. Sich aber Misstrauen immer ein wenig gegenüber nackten Zahlen zu bewahren, kann auch nicht schaden.

Auch die gerade vorgelegte Polizeiliche Kriminalstatistik für die Polizeidirektion (PD) Lüneburg (Landkreise Celle, Harburg, Heidekreis, Lüneburg, Lüchow-Dannenberg, Rotenburg, Stade und Uelzen) enthält naturgemäß eine Reihe von Zahlen – und die sehen auf den ersten Blick erst einmal sehr positiv aus. Danach sind die Straftaten für das Berichtsjahr 2016 leicht gesunken, fielen von 83.174 (2015) auf 82.444 (2016). Erfreulicherweise konnte dabei auch die Aufklärungsquote auf 62,41 Prozent gesteigert (2015: 61,68 Prozent) werden. Die Aufklärungsquote liegt damit sogar etwas höher als der Landesschnitt von 61,41 Prozent, was Polizeipräsident Robert Kruse veranlasste, die seiner Meinung nach „beharrliche und konsequente, ständig an neue Entwicklungen angepasste, Aufklärungsarbeit“ besonders zu loben. „Dies ist auch Ausfluss der Strategie 2020, mit der wir die Polizei modernisieren und fit für die Zukunft machen“, so Kruse weiter. Die Polizei will damit sich abzeichnende Entwicklungen pro-aktiv angehen und nicht erst auf aktuelle Entwicklungen reagieren. „Dies bedeutet einen echten Sicherheitsgewinn für die Bürgerinnen und Bürger.“

Den größten Rückgang verzeichnet die PD Lüneburg bei der zahlenmäßig größten Deliktsgruppe, den Diebstahlsdelikten. Sie sind um 2.349 Delikte auf 30.096 Diebstähle zurückgegangen. Die Zahl der Wohnungseinbruchdiebstähle ist ebenfalls rückläufig. Der Höchstwert des Jahres 2015 (3.344 Fälle) sank damit um 84 Fälle auf 3.260. Was allerdings nicht verschwiegen werden sollte: Die Aufklärungsquote liegt in diesem sehr aufklärungsintensiven Deliktsfeld nur bei 23,28 Prozent…

Ein sensibles Thema ist die Gewalt von und unter Flüchtlingen: „Die Befürchtung, dass sich durch den Zuzug von Flüchtlingen die Wahrscheinlichkeit erhöht, Opfer einer Straftat zu werden, hat sich nicht bestätigt“, so Kruse lapidar. Auch hier gibt es jedoch ein großes „Aber“. Immerhin gelten Flüchtlinge als Tatverdächtige für 5.369 Straftaten. Und darunter sind auch viele sogenannte Rohheitsdelikte – also genau solche Straftaten, die die Bevölkerung besonders beunruhigen. Rohheitsdelikte sind zum Beispiel Raub und Körperverletzung oder Straftaten gegen die persönliche Freiheit. In diesem Deliktsfeld gab es einen Anstieg um 1.139 auf 12.757 Fälle. Ebenfalls alles andere als positiv stimmt auch die zunehmende Gewalt gegen Polizeibeamte. Insgesamt 494 Fälle registrierte die Statistik für 2016 (2015: 428), ein Plus von über 13,3 Prozent. Doch trotz dieser „eindeutig zweideutigen“ Statistik, die leider auch wieder viele Fragen offen lässt (Wie viele Bürger verzichten beispielsweise auf Anzeigen etwa bei Beleidigungen, Diebstahl von Fahrrädern, Nötigungen im Straßenverkehr etc., weil sie einfach nicht mehr daran glauben, dass diese was bewirken? Wie viele Pöbeleien gegen Staatsdiener – nicht nur Polizisten – werden anders als in vergangenen Jahren gar nicht mehr zur Anzeige gebracht? Und was ist eigentlich mit den unaufgeklärten Mordfällen in der Region Lüneburg, die zu einem Teil jetzt dem durch DNS-Spur überführten Göhrde-Mörder Kurt-Werner W. zugesprochen werden? Ist er tatsächlich für diese Verbrechen verantwortlich, oder laufen da Serienmörder in der Stadt frei herum?), zeichnet Kruse ein optimistisches Bild:

„Insgesamt kann ich ein positives Fazit für die Bürgerinnen und Bürger im Bereich der Polizeidirektion Lüneburg ziehen. Sie leben in einer sicheren Region. Unsere gut ausgebildeten und engagierten Polizeibeamtinnen und -beamten sind für sie da und sorgen dafür, dass sie sich auch in Zukunft sicher fühlen können.“ Auch wenn man dem Lob an die Polizeibeamten der Stadt durchaus zustimmen kann, ein Gefühl der Sicherheit will sich nicht einstellen: Dass die Zahl der Straftaten für die Polizeidirektion Lüneburg sinkt, ist zwar zweifellos ermutigend. In erster Linie geht das aber auf Delikte wie Diebstahl und Einbruch zurück, wobei die Aufklärungsrate hier nach wie vor erschreckend gering ist. Noch nicht einmal bei jedem vierten Wohnungseinbruch kann ein Täter ermittelt werden. Was das Heile-Welt-Bild ins Wanken bringt, ist die Entwicklung zum Beispiel bei Raubstraftaten, bei Körperverletzungen und der Gewalt gegen Polizeibeamte. Hier gibt es deutliche Anstiege und auch nichts zu beschönigen. Statistik hin oder her… (RT)

Endlich Daniel

Daniel Masch hat sein Geschlecht gewechselt

Er wurde als Mädchen geboren und lebt heute als Mann. Doch bevor er mit seiner Geschlechtsanpassung begann, erfüllte sich Daniel Masch einen Herzenswunsch und bekam ein Kind. Der Winter ist seine Jahreszeit. Mit mehr Kleidung fällt es weniger auf, dass sein Körper noch nicht umgewandelt ist, dass er seine Brüste abbindet. Vor zwei Jahren hat Daniel Masch mit der Hormontherapie begonnen, die ihn von der Frau zum Mann machen soll. Seitdem durchläuft er eine zweite Pubertät, hat eine tiefere Stimme, Bartwuchs und eine veränderte Gefühlswelt. Doch bis sein Körper dem eines Mannes entspricht, ist es noch ein langer Weg.

Daniel Masch wuchs als Mädchen in der Nähe von Bremen auf. Seinen Mädchennamen nimmt er nicht mehr in den Mund, nichts soll mehr an die Person erinnern, die er einmal war. Kreuzunglücklich war er als Mädchen nicht, doch schon im Alter von neun Jahren begannen bei ihm unergründliche Kopfschmerzen. Den Wunsch, lieber ein Junge zu sein, verspürte Daniel schon in jungen Jahren. Einmal fragte er seine Mutter, ob sie nicht auch einen Penis haben wolle. Seine Mutter erwiderte, die Hauptsache sei, man sei mit sich selber froh. Obwohl es sicher anders gemeint war, war für das kleine Mädchen damit klar, dass es sich mit seinem Geschlecht abfinden müsse.

In Mädchensachen wie verkleidet

In der weiblichen Pubertät verstärkten sich Daniels Identitätsprobleme. Am liebsten trug er weite Schlabberklamotten, merkte aber, dass er in körperbetonter Mädchenkleidung gut ankam. „Ich fühlte mich verkleidet in Mädchenklamotten“, erinnert er sich. Dass andere Mädchen auf seine Brüste neidisch waren, interessierte ihn wenig. Er zog sich zurück, hatte mit anderen Mädchen wenig Kontakt, wurde gemobbt. „Beste Freundin“ war zu dieser Zeit ein schwuler Mitschüler. „Ich habe ihn darum beneidet, dass er sich als schwul outen konnte“, erinnert sich der 34-Jährige. Schon im Alter von 15 Jahren kam Daniel mit dem Partner zusammen, mit dem er heute verheiratet ist. Zu dieser Zeit versuchte er, die Rolle des Mädchens auf Zwang zu erfüllen. „Ich habe überkompensiert. Ich habe nur noch Röcke und Kleider getragen, hatte ganz lange Haare und habe mich sogar ein bisschen geschminkt“, erzählt er. In bauchfreien Mädchenklamotten verliebte er sich in den Jungen, den er von der Schule kannte. Seit mehr als 18 Jahren sind sie nun ein Paar. Die beiden Teenager waren nur ein paar Wochen zusammen, da offenbarte Daniel – damals noch äußerlich durch und durch ein Mädchen – seinem Freund, dass er lieber ein Junge wäre. Daniel hatte Glück: Den Partner schreckte das nicht ab, und er zeigte sich für die Gefühlswelt von Daniel verständnisvoll. Immer wieder hatte dieser verstimmte Phasen und wiederkehrende Kopfschmerzen. Ihm war nicht bewusst, dass sein angeborenes Geschlecht die Ursache dafür war.

Schlüsselerlebnis durch Transfrau

Daniel Masch musste erst Mitte zwanzig werden, um den Schlüssel zu seinem Glück zu finden: In einer Kneipe lernte er eine Frau kennen, die ihm von ihrer Geschlechtsumwandlung erzählte und ihm die Möglichkeiten der Transition, der Geschlechtsanpassung, erklärte. „Das hat mir die Augen geöffnet“, erinnert er sich. „Da dachte ich mir: Das will ich auch.“ Diesen Moment der Erkenntnis, das andere Geschlecht annehmen zu wollen, sieht Daniel heute als sein Outing. Das ist jetzt acht Jahre her. Selten war er sich so klar, was er wirklich wollte, und so offenbarte er seinem Partner seinen Wunsch. Dieser bat sich Bedenkzeit aus, war sich aber schließlich sicher, Daniel als Mann genau so lieben zu können wie als Frau – auch wenn er selbst damit als homosexuell geoutet werden würde. „Er hatte vor allem Angst, dass ich mich durch die Hormone zu sehr verändern würde“, erklärt Daniel. Doch das Paar hatte zuvor andere Pläne: Sie wollten heiraten, und das noch als Mann und Frau. Eine „Ehe für alle“ gab es zu dieser Zeit noch nicht. Außer der Hochzeit hatten die beiden einen weiteren Herzenswunsch: Sie wollten ein Kind, bevor Daniel mit der Geschlechtsanpassung beginnen würde. 2010 heiratete Daniel seine Jugendliebe. Der Hochzeit war für den Lüneburger eine emotionsreiche Phase vorausgegangen, in der er wieder einmal eine weibliche Rolle, diesmal als Braut, erfüllen musste, was ihn gewaltig unter Stress setzte. So heiratete Daniel zwar im Kleid – kurz vor der Hochzeit schnitt er sich aber die langen Haare ratzekahl ab.

Von der Tochter zum Sohn

Daniel Masch hat nicht nur mit seinem Partner großes Glück – auch seine Mutter ging mit dem Wunsch der eigenen Tochter, künftig ein Mann zu sein, gut um. Er offenbarte sich ihr nach der Eheschließung. „Sie hat es zwar verstanden, aber emotional war es für sie zunächst schwer“, meint Daniel. „Ich habe meiner Mama schließlich die einzige Tochter weggenommen!“ Heute betrachtet sie ihn als ihren Sohn. Vor Daniels Transition sollte also erst ein gemeinsames Kind kommen. Doch obwohl auch Daniel es wollte, wehrte sich sein Körper vehement dagegen, schwanger zu werden und damit erneut seine Weiblichkeit zuzulassen. Es dauerte mehr als zwei Jahre, bis er tatsächlich ein Kind erwartete.

In der Schwangerschaft baute Daniel, der nach außen hin inzwischen ein männliches Erscheinungsbild pflegte und sich seine Brüste abband, eine enge Beziehung zu seinem Kind auf. Allerdings nur zu seinem Bauch mit dem wachsenden Kind, nicht zur Gebärmutter, wie es sich die Hebamme vorstellte. „Ich habe darauf gewartet, mich mütterlich zu fühlen, aber ich habe mich auch in der Schwangerschaft nicht besser gefühlt“, sagt der Transmann. Als eine positive Erfahrung beschreibt er die Geburt und den Umgang mit ihm auf der Lüneburger Geburtsstation. Das Personal respektierte seinen Wunsch, als Mann angesprochen zu werden. Er sei bei der Geburt mit dem Kind voll im Reinen gewesen, sagt er heute. Er und sein Partner sehen ihren inzwischen fast dreijährigen Sohn immer noch als ihr Wunder.

Sieben Jahre Pubertät

Obwohl Daniel nach der Geburt gerne mit der Hormontherapie begonnen hätte, stillte er seinen Sohn fast ein Jahr, um ihm etwas Gutes zu tun. Danach wurde ihm erstmalig vom Arzt Tes-tosteron gespritzt. Seitdem befindet sich der 34-Jährige in seiner zweiten Pubertät, die bis zu sieben Jahre dauern kann. Die Ängste von Daniels Mann, dass er sich durch die männlichen Hormone sehr verändern würde, bestätigten sich nicht. „Die Persönlichkeitsentwicklung ist mit der ersten Pubertät abgeschlossen“, weiß Daniel. Einige Veränderungen neben den äußerlich sichtbaren bemerkte er dennoch an sich. So hat sich zum Beispiel sein Sexualtrieb seit der Hormongabe stark verstärkt. Er sei nun weniger multitaskingfähig und vergesslicher, und auch seine Rechts-Links-Schwäche sei verschwunden. Zu Daniels Identitätswechsel gehörte auch der Wechsel seines Namens. Die Personenstandsänderung, die bei Daniel schon durchgeführt wurde, ist über den juristischen oder medizinischen Weg möglich. Eine Begutachtung durch Psychologen ist notwendig, um sicherzugehen, dass der Wechsel des Geschlechts zeitlich stabil ist. Auch vor der Hormontherapie sowie vor geschlechtsangleichenden Operationen sind diverse Beratungen und Gutachten nötig.

Beratung für Transidente

Für Daniel Masch ist schon ein großer Schritt damit getan, dass er nun offiziell als Mann gilt und auch so wahrgenommen wird. Er hat noch die Geschlechtsorgane einer Frau, was er in den kommenden Jahren ändern möchte. Doch noch will er sich nicht den aufwendigen OPs unterziehen, bindet stattdessen weiterhin seine bereits kleiner gewordenen Brüste ab und trägt eine Art Penisprothese. Das bedeutet für ihn, dass er sich in der Öffentlichkeit nicht ohne T-Shirt zeigen kann. „Ich möchte mir die Brüste gerne entfernen lassen, um eines Tages mit meinem Sohn schwimmen gehen zu können“, so sein Wunsch. Der Kleine hat noch nicht begonnen, seine Lebenswelt zu hinterfragen. „Ich habe keine Lust auf krasses Geschlechtertraining, aber ich erzie-he auch nicht streng geschlechtsneutral“, sagt Daniel und fügt hinzu: „Kinder von Transmenschen sind sich erwiesenermaßen ganz früh sicher in ihrem Geschlecht – weil sie sich so früh damit auseinandersetzen.“ Damit auch andere Transidente – also Menschen, die sich nicht ihrem angeborenen Geschlecht zugehörig fühlen – einen ähnlichen Weg gehen können wie er, bietet Daniel Masch in dem im vergangenen Sommer in Lüneburg eröffneten checkpoint queer regelmäßig Einzelberatung und eine Gesprächsrunde an. Diese Gruppe, die Trans*LG, existiert bereits seit 2014 und wird gut angenommen. Für jüngere Transmenschen gibt es im checkpoint queer die „queer teens“. Daniel Masch weiß, wie wichtig diese Beratungs-angebote für transidente Menschen sind. „Man muss wahnsinnig stabil sein, um diesen Weg gehen zu können. Die Phase der Entscheidung ist sehr kräftezehrend und kann einen krass überfordern.“ Durch seine Transition könne er sich in die Welten beider Geschlechter hineinversetzen. „Aber ich werde beide Welten nie ganz verstehen.“ (JVE)

“Alle reden vom Wetter…

editorial

… wir nicht.“ Das war tatsächlich mal ein Werbeslogan der Deutschen Bahn, früher jedenfalls. Müsste jemand mal ändern, denn seit der eine oder andere Sturm über die Lande fegt und reihenweise Bäume auf die Gleise wirft, werfen die Bahner allesamt bange Blicke auf des Waldes Saum zurück. Das Statement der Bahn am eigens einberufenen runden Tisch, für eine breitere freie Schneise links und rechts der Trassen gebe es keinen Handlungsbedarf, wurde schon einen Tag später Lügen gestraft: Sturmtief Friederike brachte den Fernverkehr der Deutschen Bahn komplett zum Erliegen. Wieder mal saßen Tausende fest – ärgerlich für die vielen, die gerade wegen des Wetters Bahn statt Auto nutzten, um sicher und pünktlich am Arbeitsplatz zu sein. Apropos Arbeitsplatz: Auf insgesamt neun Seiten in dieser Ausgabe gibt es Super-Stellen- und Ausbildungsplatzangebote in großer Zahl in vielen Branchen und Berufen, in Handwerk, Handel, Landwirtschaft, Informationstechnologie, in der Industrie, bei Versorgern, der Sparkasse und in Behörden (ab Seite 40). Es lohnt sich wirklich, genau hinzuschauen und sich auch gleich den Termin für die Ausbildungsbörse in der Lüneburger Agentur für Arbeit am 17. Februar zu merken, auf der viele der inserierenden Firmen präsent sind, ein weiterer Termin zu diesem Thema ist übrigens die Berufsinformationsbörse am 10. März in der IGS.

Nach der Arbeit kommt das Vergnügen, und das ist natürlich der andere Schwerpunkt in diesem Magazin – zum Vergnügen zählen wir selbstverständlich nicht nur Kultur, Konzerte, Kino & Comedy, sondern auch das Bummeln und Shoppen – diesmal auch bei ausgewählten Top-Adressen in Winsen (ab Seite 14).

Übrigens, wie haltet Ihr es denn mit dem Valentinstag, hopp oder top? An unserem Stammtisch zu diesem Thema schieden sich die Geister. Das werden sie auch sicher bei der Frage nach der Pappnase tun. Gelegenheiten, sie zu tragen, ergeben sich ja beim einen oder anderen Faschings-, Faslams-, Karnevals- oder Lumpen-Ball. In diesem Sinne: Lasst es krachen, vertreibt den Winter (Winter?) aus Euren Köpfen und denkt dran, am Aschermittwoch ist alles vorbei.

Eure stadtlichter