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Wie eine grosse Black Box

Snus, Badesalze & Co – Legale Drogen und die folgen für die Gesundheit

Kennen Sie Snus? Wenn nicht, fragen Sie doch ihre Kinder. Viele Jugendliche greifen zu dem Zeug, weil es angeblich cool ist und manche Sportler auch ganz heiß darauf sind. Snus kommt aus Schweden und wird daher auch schwedisch ausgesprochen, also „Snüs“. Ganz süß also, möchte man meinen. Doch Snus ist alles andere als das.

Snus ist eine legale Droge und wird in Dosen verkauft, die entweder kleine Beutelchen oder losen Tabak mit jeweils unterschiedlichen Mengen an Nikotin enthalten. Es besteht hauptsächlich aus fein gemahlenem Tabak, den die Hersteller mit Wasser, Feuchthaltemittel, Salz und Aromastoffen behandeln. Das Salz hat die Funktion, den Tabak dem PH-Wert im Mund anzupassen. Dadurch können die Schleimhäute die Inhaltsstoffe besser resorbieren. Die Aromastoffe sollen über den Tabakgeschmack hinwegtäuschen. Der Verkauf des Lutsch-Tabaks, der zwischen Lippe oder Wange auf das Zahnfleisch geschoben wird, wo der Speichel ihn in einen braunen Saft verwandelt, ist in Deutschland illegal – der Konsum hingegen nicht. Vor allem Fußballer, Vorbilder für viele Kids, scheinen Snus zu lieben.

Bundesligaprofis gehören zu den Snus-Fans genauso wie Provinzkicker aus Lüneburg. Der Autor dieses Textes sprach mit zwei Lüneburger Spielern, die beide sogar etwas Geld verdienen mit ihrem Sport. Sie geben den Snus-Gebrauch ganz offen zu: „Ist doch nix dabei“, meinte der eine. „Völlig harmlos“, sagt der andere. Allerdings gibt er auch zu: „Es kommt schon vor, dass das Zahnfleisch wie die Hölle zu brennen anfängt und der Schweiß rinnt. Aber wenn das vorbei ist, kommt man richtig gut drauf und spielt übrigens auch besser.“

Dass Snus wirklich so harmlos ist, glaubt man selbst in Schweden, dem einzigen Land in der EU, in dem der Oraltabak legal gekauft werden kann, nicht mehr. Es mehren sich auch hier die kritischen Stimmen. Die große Lobby der Befürworter wehrt sich allerdings heftig gegen erste Verbotsaufrufe. Snus ist in dem skandinavischen Land bereits seit dem frühen 19. Jahrhundert verbreitet.

In Deutschland ist die Medizin sich ziemlich einig: Die Trend-Droge putscht auf, stärkt die mentale Aufnahmefähigkeit, verursacht aber eine starke Abhängigkeit, wird Ingo Froböse, Professor für Sportrehabilitation und Prävention an der Sport-hochschule Köln, von der „Zeit“ zitiert. Gefährlich wird’s, wenn maßlos konsumiert wird, was leider unter Kindern und jungen Erwachsenen oft geschieht. Manche „Snus“-Beutel enthielten immerhin 44 Milligramm oder mehr Nikotin, das sind drei bis vier Zigaretten auf einmal. Was viele zudem außer Acht lassen, ist, dass Snus-Produkte schwedischer Erzeuger strengeren Standards unterliegen, um die Schadstoffe gering zu halten. Asiatische Produkte hingegen, mit einem Klick per Internet zu bekommen, enthalten einen Tausendfach so hohen Schadstoffgehalt.

Bereits 2007 fanden Forscher des schwedischen Karolinska-Instituts heraus, dass Snuskonsumenten neben noch recht harmlosen Folgen wie Zahnfleischschwund, verfärbten Zähnen oder Zahnverlust auch mit einem erhöhten Risiko für Bauchspeicheldrüsenkrebs leben müssen. US-Wissenschaftler bestätigten das in einer Studie aus 2015. Genau wie auf Zigarettenpackungen gibt es auf den Snus-Dosen inzwischen den Warnhinweis, dass „dieses Tabakprodukt“ der Gesundheit schaden kann. Hilft ein Konsum-Verbot? Eher wohl Aufklärung. Denn neben Snus gibt es reichlich andere Substanzen im Netz, die eine entstehende Lücke füllen würden. Die sogenannten Legal Highs zum Beispiel, die als vermeintliche legale und harmlose Rauschmittel beworben werden, und online ganz einfach ins Haus bestellt werden können. Und vermutlich oft weitaus schädlicher für die Gesundheit sind als der gelutschte Tabak aus Schweden. Fachleute warnen vor diesen psychoaktiven Substanzen (NPS), die teilweise stärker als etwa Cannabis oder andere herkömmliche Drogen wirken können. Sie werden im Netz zum Beispiel als Kräutermischung, getarnt als Badesalz oder Lufterfrischer angeboten, und tragen dort Namen wie   „Party Beast“ „Bonzai Summer Boost“ oder auch „Amazonas Vanilla“. Wer solche Drogen im Internet bestellt, weiß nicht, was er bekommt und wie die Wirkung ausfallen wird. Das ist wie eine große Black Box. Schon Rattengift ist in Legal Highs entdeckt worden. Nach Erkenntnissen der Polizeigewerkschaft GdP wurden allein im vergangenen Jahr mindestens 60 neue, zum Teil hochgefährliche Wirkstoffe erstmals auf dem deutschen Markt festgestellt. Als besonders experimentierfreudige Nutzer der Legal Highs gilt übrigens die Gruppe der 16- bis 25-jährigen. Und genau diese Altersgruppe steht auch beim Snus-Gebrauch an der Spitze … (RT)

Im Dienste der oberen Zehntausend

Stefan Kleinat war Jahrelang als Butler angestellt

Die Welt, in der Stefan Kleinat beruflich unterwegs ist, ist für viele ein Traum. Doch der Lüneburger lernte auch ihre Schattenseiten kennen. Der 47-Jährige arbeitet seit Jahren als Butler – jetzt braucht er erstmal eine Pause. Stefan Kleinat ist gelernter Restaurantfachmann und arbeitete jahrelang bei verschiedenen Gastronomiebetrieben auf der ganzen Welt sowie auf Kreuzfahrtschiffen. „Irgendwann hat man von den Jobs genug”, meint er rückblickend. „Auch wenn ich den Beruf immer gerne ausgeübt habe.” Eines Tages erhielt Kleinat von seiner Kreuzfahrt-agentur ein Jobangebot, das seine Laufbahn in eine andere Richtung lenken sollte: Ein russischer Multimilliardär suchte einen Head Steward für seine Privatyacht in Monte-Carlo. Neugierig auf diese ungewöhnliche Jobmöglichkeit nahm er das Angebot an. Mit einem Minimum an Informationen und einem Flugticket ging es nach Monte-Carlo, wo die 90 Meter lange Yacht auf Reede lag.

Leben auf der Privat-Yacht

Der russische Milliardär, der mit Öl- und Erdgasgeschäften zu tun hatte, beschäftigte auf seinem Schiff 50 Mitarbeiter, obwohl er es nur als Büro und Rückzugsort für sich und seine Familie nutzte. „Es war eine Grundvoraussetzung, dass ich kein Russisch kann, damit ich von den Geschäften nichts verstehe”, erinnert sich Kleinat, dessen Verantwortung beim Restaurantservice lag. Um den Besitzer wurde ein Geheimnis gemacht. „Aber wir Mitarbeiter haben natürlich ein bisschen recherchiert”, verrät Kleinat schmunzelnd. Zwei Jahre lebte der Lüneburger auf der Yacht, die nur für Ausflüge mit Freunden Monte-Carlo verließ. Als der Yachtmanager das Schiff verließ, übernahm Stefan Kleinat auch noch dessen Job, doch es gab nicht allzu viel zu tun. „Wir sind immer nur im Hafen rumgedümpelt. Offiziell war das Schiff eine Charter-Yacht – es hat sie aber keiner gechartert”, erklärt er. Kleinat kümmerte sich hauptsächlich um die Frau und die drei Kinder des Besitzers, die er als herzlich und freundlich empfand. „Wenn keiner da ist, machst Du eben Inventur und zählst Getränke. Ich hab dann auch Fenster und Reling geputzt”, so Kleinat. Auch die Zubereitung des Essens für die Familie war nicht anspruchsvoll. „Der Besitzer wollte ganz normales Essen, wie Gretschka, eine Buchweizengrütze, oder Pelmeni, weil er überall woanders immer edel gegessen hat”, erinnert er sich. Zu seinen Angestellten auf der Yacht pflegte der russische Milliardär ein gutes und vertrauensvolles Verhältnis. „Das Aus kam überraschend für uns”, so Kleinat. Als das Schiff mit ein paar Freunden des Besitzers 2006 von einem zehntägigen Südamerika-Trip zurückkam, wurde es in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in Panama unter Arrest genommen. „Es gab Gerüchte über Umweltverbrechen, die wir auf den Galapagos-Inseln begangen haben sollten”, erklärt Stefan Kleinat. Klar war ab dann, dass das Schiff abgewickelt und das gesamte Personal entlassen werden musste.

Butler im Edel-Hotel

Stefan Kleinat hing nach diesem Job eine Weile in der Luft. „Hinterher habe ich realisiert, dass ich auf der Yacht zum ersten Mal mit dem Private Service zu tun hatte. Ich habe mich um persönliche Belange der Familie gekümmert und zum Beispiel mit der Frau eingekauft oder die Kinder aus dem Bett geholt.” Wieder in Deutschland, besann er sich seiner Jobmöglichkeiten und beschloss, sich erneut in den Dienst anderer zu stellen. So bewarb er sich als Butler beim wiedereröffneten Carlton Hotel in St. Moritz. Im Dezember 2008 trat Stefan Kleinat den neuen Job in der Schweiz an, den er zwei Wintersaisons ausübte. Das Hotel hatte einen eigenen Butler-Service mit sechs bis acht Butlern eingerichtet, auf den jeder Gast zugreifen konnte. Als Butler in dem Fünfsternehotel übernahm der Lüneburger Aufgaben, die gewöhnlich auch Hotelmitarbeiter übernehmen. Das waren der Empfang der Gäste und das Zeigen der Suite, aber auch das Auspacken der Koffer, Schuhe Putzen oder Kleidung Aufbügeln. Außerdem übernahmen die Butler den Room Service und brachten Essen und Getränke auf die Suiten. Nicht jeder Bewohner einer der 60 Suiten hatte das Bedürfnis, einen eigenen Butler zu haben. Stellte ihn ein Hotelgast aber in seine Dienste, kam Kleinat ihm und seinem Privatleben häufig sehr nah und erhielt Einblick in eine Welt, die ihm sonst verschlossen war. Komische Situationen gab es immer wieder. Nackte Gäste gehören da noch zu den harmloseren Erlebnissen. „Für meinen Geschmack kamen sehr häufig Anfragen nach Drogen, vornehmlich Koks”, erzählt der 47-Jährige. Auch Frauen wollten sich Hotelgäste regelmäßig auf ihr Zimmer bestellen. Stefan Kleinat hatte dazu eine klare Einstellung: „Ich muss da meiner persönlichen Überzeugung folgen. Ich bin kein Zuhälter und kein Drogendealer und möchte mich nicht für die Gäste strafbar machen.” Während den Kontakt zu Frauen der Concierge des Hotels herstellen konnte, übernahm das Hotelpersonal nicht die Beschaffung von Drogen jeglicher Art. Ob Drogen oder Gäste mit nur einem Satz Unterwäsche: „Man ist automatisch verschwiegen”, meint Kleinat.

Neid ist fehl am Platz

Der Butler lernte in seinem Job: Jeder Gast ist gleich, und Neid ist fehl am Platz. „Viele meinen, diesen Lebensstil auch nachleben zu wollen”, weiß er. Doch obwohl der Job gewisse Annehmlichkeiten mit sich bringe, habe er seinen Aufraggebern nie nachgeeifert. „Man lernt natürlich einen gewissen Lebensstil zu schätzen. Ich gehe gern essen und trinken, aber eben in meinen Möglichkeiten.” Zu einigen Gästen baute der Butler auch ein persönliches Verhältnis auf. Ein Industriellenpaar engagierte ihn schließlich vom Fleck weg für zu Hause. Nach der zweiten Wintersaison in St. Moritz zog der Lüneburger im Mai 2010 auf den Gutshof des Paares am Rhein und trat seinen ersten Job als privater Butler an. „Das ist voll in die Hose gegangen”, sagt er rückblickend. Neben Hausdame, Gutsverwalter und Gärtner war er als Butler angestellt, hatte jedoch keine richtigen Aufgaben. Seine Arbeit bestand aus Hunde füttern, Betten machen, waschen, bügeln und sich um Weinkeller, Zigarren und Autos kümmern. Der Dame des Hauses wurde durch seine Anwesenheit langweilig, außerdem entpuppte sie sich als eifersüchtig auf die Aufmerksamkeit, die ihr Mann erhielt. Nach einem halben Jahr beendete Kleinat den Job. In seiner nächsten Anstellung in Ahlen (Westfalen) lernte Stefan Kleinat einen raueren Ton kennen. Offiziell als Fuhrparkmanager bei einem Bruderpaar aus der Kosmetikbranche angestellt, übernahm er inoffiziell die Aufgaben als Assistent des Geschäftsführers. Er kümmerte sich um acht Fahrer, organisierte Partys und hatte mit ominösen Menschen zu tun. „Es war komplett unangenehm, da

zu arbeiten”, erinnert er sich. Der Umgangston sei hart gewesen, am Telefon sei nur geschrien worden. „Es herrschte ein Kasernenton, das war menschenverachtend”, meint er. „Ich musste aufpassen, dass ich nicht selber so werde.” Von den Machenschaften seiner Arbeitgeber bekam er viel mit, „es war wie im Film.” Kleinat lernte in dieser Situation viel über sich selbst, zum Beispiel, dass man mit einem gewissen Druck viel erreichen kann. „Ich war auf gewisse Weise fasziniert von der Position. Ich hatte Macht, musste aber auch viel aushalten.” Nach einem halben Jahr hielt er die Eskapaden seines psychisch kranken und gewalttätigen Arbeitgebers nicht mehr aus und zog die Reißleine. „Mitwissen ist nicht schön”, fügt er hinzu.

Höhepunkt am Wörthersee

Es folgten mehrere mehrmonatige Jobs in St. Moritz und Umgebung, bevor Stefan Kleinat ab Ostern 2013 eine längere Arbeitspause einlegte. „Das ist der einzig echte Vorteil an dem Beruf, dass man länger davon leben und auch mal Pause machen kann”, erklärt er. Von seinem letzten Job, den er 2015 und 2016 für ein gutes Jahr inne hatte, regeneriert er sich immer noch. In dieser Zeit war er bei einer Industriellengattin am Wörthersee in Österreich als Hausmanager und Butler angestellt. Ihm wurde die Verantwortung für das Personal übertragen, zusätzlich gehörte der persönliche Service zu seiner Arbeit. Seine Arbeitgeberin, eine Multimilliardärin, die auf zweieinhalbtausend Quadratmetern Wohnfläche lebte, galt als schwierig, weshalb ihr Personal häufig wechselte. „Ich habe ganz normal mit ihr agiert, was keiner mehr gemacht hat. Viele hatten Angst, aber ein Rausschmiss ist für mich nichts Schlimmes”, so Kleinat. Der Butler versuchte, die ständigen Personalwechsel zu minimieren und mit seiner Chefin diplomatisch und in ihrem Sinne zu diskutieren. Doch ihr Family Office, ein Zusammenschluss ihrer wichtigsten Berater, sah es nicht gern, dass Stefan Kleinat Dinge mit seiner Chefin direkt besprach oder auf dem kurzen Dienstweg erledigte, weshalb er immer wieder Probleme bekam. Seinen Job am Wörthersee sieht Stefan Kleinat rückblickend als den Höhepunkt seiner Karriere an. Die Arbeit war ein ständiger Eiertanz – nie wusste man, über was sich die Chefin als nächstes aufregen würde, alles war für sie ein Desaster. Außer dem Butler wollte sie ihr Personal nicht sehen. „Die Mädchen lösten sich auf und mussten immer aufpassen, das ist schon surreal”, meint Kleinat, der selbst von seiner Chefin immer gefordert war. Ständig wollte sie Antworten auf ihre Problemchen, ohne ihr Personal wäre sie kaum überlebensfähig gewesen. „Man muss immer auf Zack sein und zu allem eine Meinung haben – ihre”, sagt er schmunzelnd.

Das grenzt an Selbstaufgabe

Was Stefan Kleinat am Wörthersee erlebte, ging weit über das Geforderte seiner vorherigen Jobs hinaus. „Das grenzt an Selbstaufgabe und ist schon Sklaverei. Eigentlich kann man das mit Geld nicht bezahlen”, so seine Meinung. Tagtäglich musste er sich mit dem unzufriedenen Personal herumschlagen und dazu die Launen seiner Chefin ertragen, 14 Arbeitsstunden am Tag waren normal. „Du lebst in einer anderen Welt.” Als er einmal zu viele Widerworte gab, entschied der Family Office seiner Chefin, dass Stefan Kleinat in dieser Position nicht länger tragbar ist. „Eigentlich braucht sie aber so jemanden, der ihr nicht nach dem Mund redet”, meint er. Der 47-Jährige weiß, dass die Stelle seit seinem Weggang 2016 immer noch unbesetzt ist. Seit Stefan Kleinat zurück in Lüneburg ist, wo er immer seinen Lebensmittelpunkt hatte, führt er ein beschauliches Leben. „Ich bin nicht erlebnishungrig”, erklärt er. „Ich habe den Drang, ins einfachere Leben zu flüchten und habe die romantische Vorstellung vom Selbstversorger.” Noch kann er von dem Geld leben, was er als Butler verdient hat. Ob und wann er sich wieder als Butler anstellen lässt, steht noch in den Sternen, vielleicht geht es auch in Richtung kochen. „Ich bin jetzt im optimalen Reifegrad, um als Butler zu arbeiten. Und eine Möglichkeit, in den Job zurückzugehen, gibt es immer.” (JVE)

 

Pappnase

editorial

Bald geht sie auch im nüchternen Norden wie auch in den entlegensten Stellen dieser Welt wieder los, die närrische Zeit. Zwar nicht unbedingt überall mit Frohsinn und Pappnase, aber närrisch mutet es schon an, wenn zum Beispiel der mächtigste Mann der einst mächtigsten Macht der Welt sich anschickt, eine Mauer zu bauen, um Flüchtende fernzuhalten. Und trotzig den Shutdown ausruft, um das Geld dafür aus dem US-Etat freizupressen. Im Gegensatz zu Walter Ulbricht macht Trump auch keinen Hehl daraus, sagt nicht, dass keiner die Absicht habe, eine Mauer zu errichten. Es jährte sich am 20. Januar übrigens zum zweiten Mal der Tag, an dem der 45. US-Präsident vereidigt wurde. Nach George W. Bush ist er der zweite Präsident, der die Wahl nach Wählerstimmen zwar verlor, aber aufgrund des Wahlrechts der USA trotzdem Präsident werden konnte. Karneval? Bitterer Ernst. Auch dass die EU mit dem Brexit zu bröckeln beginnt und in Brüssel ausgerechnet die Zahl derjenigen Abgeordneten zunimmt, die es sich zum Ziel gesetzt haben, eben dieses Parlament, für das sie gerade kandidieren, abzuschaffen – auch das ist kein Karneval. Bitterer Ernst. Zum Glück gibt es viel Gegenwind, zum Beispiel in der Vielfalt der Kultur, die es zu pflegen lohnt. Im Kleinen wie im Großen. Im täglichen Miteinander, in Familie, Arbeitswelt, Begegnung und Veranstaltung, in der Literatur wie in der Malerei, im Theater wie auf der Leinwand, bei Musik und Tanz, mit Vertrauten wie mit Fremden. Und das schon jetzt üppige Angebot in der Region wird zusehends größer, wie ein Blick in unsere Veranstaltungsseiten und Terminkalender, die Vorschauen auf Festivals und Konzerte verrät. Mit dem Audimax der Lüneburger Leuphana ist gerade eine tolle Location für hochklassige Veranstaltungen hinzugekommen, der Start der Bauarbeiten für die Arena Lüneburger Land verspricht zudem in absehbarer Zeit ein weiteres Podium für Großveranstaltungen aller Art zu bieten, nicht nur für Musik und Sport.

Nie zuvor war die Kultur insbesondere in dieser Region so facettenreich, so vielfältig, so präsent, so offen. Dass gerade jetzt junge Leute auf die Straße gehen, um für Menschlichkeit und Toleranz zu werben, aber auch für den Schutz von Klima und Umwelt ihre Stimme erheben, das macht schon Mut.

In diesem Sinne: Packen wir‘s an. Jeder ein bisschen.

Eure stadtlichter

Die Kuh ist vom Eis…

editorial

Der meteorologische Winter hatte noch nicht ganz begonnen, da war schon „die Kuh vom Eis“. Nach sechs Jahren endloser Diskussionen ist das Produkt nun gereift und die Mehrheit der Kreistagsabgeordneten hat sich in öffentlicher Sitzung und offener Stimmabgabe (38:20) für den Bau der „Arena Lüneburger Land“ ausgesprochen. Zur Freude vieler, allen voran die Volleyballer der SVG Lüneburg, die gerade mal vier Tage vor der Abstimmung mit einem 15:13-Sieg gegen den amtierenden Meister Berlin Volleys das Ticket für das Pokalfinale am 24. Februar lösten. Stellvertretend für viele Künstler und Eventplaner darf sich auch Campus-Chef Klaus Hoppe freuen, der ja seit geraumer Zeit mit den Hufen scharrt, nimmer müde werdend, überzeugende Plädoyers für die Arena zu halten. Apropos Eis: Nicht ganz so erfolgreich zeigt sich der AEC derweil, dessen Kuh steht sprichwörtlich noch auf dem Eis, nachdem Trainerwechsel und Neuaufstellung erstmal Tribut forderten. Gut Ding will wohl Weile haben. Auch weil durch Insolv- und Turbulenzen einiger Nordclubs oft unklar ist, gegen wen aus welcher Liga man eigentlich wirklich antritt.

Wir Stadtlichter wünschen allen Lesern und Inserenten ein tolles und erfolgreiches 2019 – packen wir’s an. Und es geht auch gleich gut los, werft Blicke in unsere Termineseiten. Vollgepackt mit Theater und Film, Chor und Konzert, Ausstellung und Atelier, Party und Pappnase. Es ist eine wahre Freude. 

Apropos Vielfalt: Wir haben den Jahreswechsel dazu genutzt, statt unserer üblichen Reportage den Präsidenten der Leuphana Universität zu bitten, einmal in einem Abriss darzustellen, was die Leuphana eigentlich heute ausmacht und leistet. Wohlgemerkt, die Leuphana Universität ist mehr als ein – zugegeben polarisierendes – Zentralgebäude. Übrigens, abgesehen von Lehre und Forschung hat es die Vermarktungsgesellschaft geschafft, eine ganze Reihe zum Teil inzwischen ausverkaufter Veranstaltungen im LeuMaxx, sorry, im Audimax der Leuphana zu organisieren. Und die Gastro soll auch bald funktionieren.

Wir dürfen gespannt sein… besser gesagt, wir freuen uns sehr auf das eine oder andere.

In diesem Sinne

Eure stadtlichter

“Eine der innovativsten Hochschulen Deutschlands!”

Interview mit UNI-Präsident Prof. Dr. Sascha Spoun über das Selbstbild der Leuphana und wie die Hochschule in 50 Jahren aussehen könnte

Deutschland ist das Land der Vielfalt – das gilt auch und besonders für seine Hochschulen. Über 400 staatlich anerkannte Hochschulen gibt es zwischen Flensburg und Konstanz, darunter mehr als 100 Universitäten. Eine davon ist die Lüneburger Leuphana, bei Studenten durchaus beliebt, wie neueste Zahlen zeigen, aber auch nicht immer unumstritten. An der Spitze der Uni, die in der öffentlichen Debatte zuletzt vor allem durch Auseinandersetzungen um den sogenannten Libeskind-Bau, das neue Zentralgebäude, von sich reden machte, steht seit Mai 2006 Sascha Spoun. Ein Interview über den Status und die Zukunft der Lüneburger Hochschule.

Worin ist die Leuphana Spitze?

Sascha Spoun: „Ich würde sagen, dass die Leuphana seit Jahren zu den innovativsten Hochschulen Deutschlands gehört. Mit ihrem mehrfach ausgezeichneten, deutschlandweit einmaligen Studien- und Universitätsmodell hat sie bereits 2007 Maßstäbe gesetzt. Die Einführung eines gemeinsamen ersten Hochschulsemesters für alle Studienanfänger und das Komplementärstudium, mit dem alle Studierenden zu einem ‚Blick über den Tellerrand‘ gebracht werden, sind echte Innovationen gewesen. Mit dem EU-geförderten Innovations-Inkubator konnten wir ab 2009 unter anderem das Thema Digitale Medien an der Leuphana etablieren und zu einem heute weithin sichtbaren Profil-Element unserer Universität entwickeln. Als erste deutsche Hochschule haben wir schon 2010 eine Fakultät für Nachhaltigkeit eingerichtet, ein Thema, das heute alle bewegt. Außerdem zählen wir seit Jahren zu den gründerfreundlichsten Universitäten in Deutschland.“ 

Entspricht die Wertschätzung in der Bevölkerung dem Anspruch der Universität?

Sascha Spoun: „Das Ausmaß der tatsächlich vorhandenen Wertschätzung in der Bevölkerung ist immer schwer zu beurteilen. Aus einzelnen Gesprächen und Begegnungen weiß ich aber, dass viele Lüneburger die Bedeutung der Universität für Stadt und Region hoch einschätzen. Dabei geht es nicht nur um den Wirtschaftsfaktor Universität als einer der größten Arbeitgeber in der Region. Anerkannt wird auch, dass die Universität mit vielen Initiativen für kulturelle Vielfalt, wirtschaftliche Impulse und nachhaltige Stadtentwicklung sorgt. Das neue Zentralgebäude als Ort der Begegnung zwischen Stadtgesellschaft und Universitätsgemeinschaft wird in den kommenden Jahren sicher zu einer weiteren Verbesserung in der Wahrnehmung führen.“ 

Bei aktuellen Hochschulrankings spielt die Uni Lüneburg keine Rolle. Was läuft da schief?

Sascha Spoun: „An den klassischen Hochschulrankings beteiligen wir uns gar nicht, da sie nicht in der Lage sind, unser Studienmodell richtig abzubilden und mit den Angeboten anderer Hochschulen zu vergleichen. Das ist für uns aber kein Problem, denn mit Blick auf die Nachfrage nach den von uns angebotenen Studienplätzen kann man sagen, dass solche Rankings für uns praktisch keine Rolle spielen. Wir registrieren Jahr um Jahr eine Nachfrage, die unser Angebot bei Weitem übersteigt. Zuletzt hatten wir rund sechs Bewerbungen um jeden der 1.500 Studienplätze, die wir pro Jahr im College vergeben.“ 

Was sind Schwerpunkte in der Zukunft, wo ist die Leuphana Vorreiter?

Sascha Spoun: „Anders als viele andere Universitäten arbeitet die Leuphana themengeleitet. Das heißt, wir beschäftigen uns in Forschung und Lehre mit Themen, die unmittelbaren Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung haben: Bildung, Wirtschaft, Kultur und Nachhaltigkeit. Auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit etwa hat das dazu geführt, dass wir unbestritten im deutschen und europäischen Kontext als ein wichtiger Akteur wahrgenommen werden. Aber auch auf anderen Feldern gelingt es uns immer wieder, mit unseren Beiträgen zu punkten. Das Thema Gründerfreundlichkeit hatte ich schon erwähnt. Auch bei den Themen Digitalisierung, digitale Medien und digitale Kulturen gehört die Leuphana zweifellos zu den Vorreitern.“

Etwas spekulieren ist erlaubt: Wo sehen Sie die Uni in zehn und in 50 Jahren?

Sascha Spoun: „Gerade weil die Entwicklung – nicht zuletzt mit Blick etwa auf die Digitalisierung – so rasant verläuft, ist es außerordentlich schwierig, sinnvolle Voraussagen für so lange Zeiträume zu machen. Vielleicht kann man sagen, dass Kontinuität im Wandel hier eine wichtige Formel ist. Die Bereitschaft, Innovationen zu entwickeln und auszuprobieren, muss man sich erhalten. Nur so kann es gelingen, immer neuen Anforderungen gerecht zu werden, aber auch selbst neue Ideen zu entwickeln und damit voranzugehen. Dafür sind wir gut aufgestellt. Eines aber scheint mir sicher: Die Leuphana wird in den kommenden Jahrzehnten noch wesentlich internationaler werden, bei der Studierendenschaft ebenso wie bei den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Und die Zahl der englischsprachigen Studiengänge und -angebote wird weiter zunehmen.“ Interview: Ronald Tietjen

Offroad-Trip im Orient

Andreas Bornholdt bereiste mit seiner Freundin den Oman

Der 51-Jährige liebt das Reisen. Mit seiner Familie bereiste er früher Europa mit dem Wohnmobil. „Aber Frankreich, Spanien und Italien sind zur warmen Jahreszeit verdammt voll”, meint er. „Auf den Campingplätzen und Wohnmobilstellplätzen steht man immer Auto an Auto und guckt sich auf die Reifen. Europa ist einfach zu eng, auch die Straßen.” So suchte er mit seiner Lebensgefährtin Kirsten vor ein paar Jahren zur Abwechslung ein Reiseziel außerhalb Europas. Warm sollte es sein – und weitläufig. Damals entschieden sie sich für Namibia, welches sie 2016 mit dem Geländewagen durchfuhren. „Da haben wir für uns entdeckt, dass es die beste Art zu reisen ist”, erinnert sich der Bad Bevenser. Namibia bestach durch tolle, großzügige Campingplätze, ihr Zelt hatten sie direkt auf dem Autodach. „Daraus entstand der Wunsch, wieder so Urlaub zu machen”, erklärt Andreas Bornholdt.Auf den Oman kam er durch Zufall, als er im Internet einen Artikel über die sichersten Länder der Welt las. Das Sultanat Oman rangierte zu diesem Zeitpunkt unter den Top Ten der Welt – eine Überraschung, wenn man bedenkt, dass seine Nachbarländer auf der arabischen Halbinsel Saudi-Arabien und Jemen sind. Ungefähr ein Jahr bereiteten sich Andreas Bornholdt und seine Partnerin auf die Reise in den Orient vor. Um nichts dem Zufall zu überlassen, kontaktierten sie zur Planung eine Agentur, die auf diese Gegend spezialisiert ist. Diese stellte ihnen Material und Karten zur Verfügung. Als Reisezeit wählten sie Ende Februar 2018. „Die beste Reisezeit ist von Herbst bis März, sonst ist es zu heiß, das heißt, 40 Grad oder höher”, erklärt Andreas Bornholdt.

Campingplätze gibt es nicht

Im Oman kann man frei herumreisen, es gibt jedoch keine Campingplätze. „Die Omanis lieben es, am Wochenende herauszufahren, Barbecue zu machen und irgendwo zu zelten. Aber den Begriff „wild campen” kennen sie gar nicht”, berichtet der 51-Jährige. Sie würden quasi immer wild zelten. Als Fortbewegungsmittel wählten sie wieder einen Geländewagen mit Dachzelt. Das Zelt, das einfach auf dem Dach des Autos ausgeklappt wird, ist auch im Oman eine Besonderheit und wurde überall von den Einheimischen neugierig beäugt. Insgesamt 15 Tage waren Andreas Bornholdt und seine Partnerin Kirsten im Oman unterwegs. Die Reise startete mit dem Flugzeug über Doha zur omanischen Hauptstadt Maskat, eine Küstenstadt am Golf von Oman. Von hier fuhren sie mit dem Geländewagen in südwestlicher Richtung in das Hadschar-Gebirge, dessen höchste Erhebungen mehr als 3.000 Meter hoch gelegen sind. Hier merkte das Pärchen schnell, dass es sich mit der Temperatur verschätzt hatte: Waren es tagsüber im Schnitt angenehme 25 Grad, wurde es in den Bergen nachts empfindlich kalt. „Wir haben auf einem Hochplateau gecampt. Als die Sonne weg war, wurde es richtig kalt – ich schätze, es waren noch fünf bis sechs Grad”, erzählt Andreas Bornholdt. Weil sie nachts im Zelt richtig froren, blieb das ihre einzige Nacht in den Bergen. Für ihre Fahrt durch die Sandwüste buchten sich die beiden bereits im Vorwege einen Guide, der sie begleiten sollte. „Da fährt man nicht alleine rein, man kann sich festfahren”, erläutert Bornholdt. Mit Wüstenfahrten hatte er schon durch die Namibia-Reise Erfahrung, dennoch passierte es ihnen unterwegs einmal an einem Strand, dass sie sich zu zweit mit dem Wagen im Sand festfuhren. „Man muss vor der Fahrt in die Wüs-te Luft aus den Reifen lassen bis auf ein Bar, sonst fährt man sich fest”, so Andreas Bornholdt. „Aber ich war zu vorsichtig und habe zu wenig abgelassen.”

Mit dem Auto festgefahren

Der Bad Bevenser wusste in dieser Situation: Es ist wichtig, nicht in Panik auszubrechen. Seine Lebensgefährtin habe in jeder dieser Situationen Sicherheit ausgestrahlt, erzählt er, und so sei auch er ruhig geblieben. „Einer muss die Ruhe bewahren, Panik ist da doof”, meint er. Da ihr Auto mit der Achse im Sand auflag, musste der 51-Jährige es mit einer kleinen Sandschaufel mühsam frei buddeln. Zur Ausstattung des Wagens gehörten zwei kleine Rampen, die man unter die Reifen legt, um sich wieder aus dem Sand frei zu fahren. „Das Buddeln allein kann eine halbe Stunde bis Stunde dauern. Wir mussten das Ganze dreimal wiederholen”, erinnert er sich. Als sie das Auto schließlich aus dem Sand befreit hatten, brauchten sie weitere rund 20 Minuten, um die grünen Plastikrampen im Sand wiederzufinden. „Man sieht sie nicht gleich, weil dort am Strand überall buntes Plastik herumliegt”, erklärt Bornholdt. Maximal fünf Stunden fuhren die beiden Urlauber pro Tag. Da es schon gegen 19 Uhr dunkel wurde, begannen sie zwei Stunden vorher mit der Suche nach einem geeigneten Übernachtungsplatz. „Am Anfang haben wir immer sehr lange nach einem Schlafplatz gesucht, weil wir mit der Freiheit total überfordert waren”, erzählt Andreas Bornholdt schmunzelnd. „Man freut sich dann aber langsam über tolle Spots.” Hatten sie einen Platz gefunden, machten sie sofort Feuer, um überhaupt abends sehen zu können. Geschützt durch ihr Dachzelt, musste sich das Pärchen in der Nacht keine Sorgen wegen wilder Tiere machen. Tagsüber sahen sie nur Kamele und Ziegen, außerdem sollte es hier Wüstenfüchse und Oryxantilopen geben, doch denen begegneten sie nicht. „In der Sandwüste haben wir morgens immer viele Spuren gesehen. Nachts kommen die Tiere raus, zumindest Schlangen und Skorpione”, meint Bornholdt. In ihrem Zelt hätten sie sich aber jederzeit geborgen und sicher gefühlt – auch vor Diebstahl, denn der existiert im Oman praktisch nicht. „Es gibt keinen Grund zu klauen, die Omanis leben sehr friedlich”, erklärt der Camper.

Traditionelle Kleidung

Was das Auftreten der Einheimischen angeht, sei ihre Reise wertvoll gewesen, um gängige Vorurteile abzubauen, erklärt Andreas Bornholdt. Zwar liefen die Frauen in schwarz und vollverschleiert und die Männer in ihren hellen Gewändern herum – es sei aber akzeptiert, dass die Touristen dies nicht tun. „Sie tragen diese Kleidung aus ihrer Tradition heraus. Es gibt dort nicht so etwas wie eine Religionspolizei”, weiß er. Auch wenn der Oman ein Wüstenstaat ist, gibt es in dem orientalischen Land einiges zu sehen. Auf der Route von Andreas Bornholdt und seiner Freundin standen neben weiten Wüsten und Stränden sowie den Städten Maskat und Nizwa mehrere Wadis, ausgetrocknete Flussbetten, die von interessanten Steinformationen umgeben sind. Wie im Märchen aus Tausendundeine Nacht fühlte sich Andreas Bornholdt zudem beim Anblick von Oasen, die üppig mit Dattelpalmen, Zitronen- und Orangenbäumen bewachsen sind. „Das sieht wirklich wunderschön aus”, so der Urlauber. Einen Wassermangel gebe es im Oman nicht, da in der Regenzeit die Reservoirs ebenso mit Wasser volllaufen würden wie die Wadis. Die Fortbewegung im Oman muss man sich anders vorstellen als in Europa. Die Reise von Andreas Bornholdt und seiner Partnerin war größtenteils ein Offroad-Trip, verlief also fernab von befestigten Straßen. Oft handelte es sich um Pisten, die schwer auszumachen waren. Deshalb fuhren sie nach GPS-Angaben, die durch wenige Orientierungspunkte wie eine Palmenansammlung oder Dünen ergänzt wurden. Ihre Route hatte ihnen die Reiseagentur im Vorwege ausgearbeitet. Doch GPS und Anhaltspunkte reichten nicht immer: Einmal passierte es den beiden doch, dass sie sich im Gebirge drei Stunden lang verfuhren. Die Ortsnamen, die sie hatten, stimmten manchmal nicht mit denen auf den Schildern überein, außerdem war die Übersetzung ins Englische fehlerhaft. In einem Dorf wollten sie nach Hilfe fragen, was allein durch mangelnde Englischkenntnisse der omanischen Landbevölkerung schwierig sein würde. Zu Andreas Bornholdts Erstaunen schienen die Dorfbewohner aber auch noch nie eine Landkarte gesehen zu haben. „Sie können aber gut ihre Gegend zeichnen, und so haben sie gezeichnet, wo wir sind und wo wir lang fahren können.” Dass die Deutschen es eilig hatten, um vor Einbruch der Dunkelheit am Ziel zu sein, verstanden die Dorfbewohner, die das Pärchen gleich auf einen Kaffee einladen wollten, allerdings nicht. „Sie sind aus Tradition gastfreundlich, und Zeitdruck ist ihnen fern”, berichtet Andre–as- Bornholdt.

Neuer Blick auf die Fremde

Die Begegnungen mit den Omanis waren für den Bad Bevenser und seine Partnerin immer freundlich. Oft näherten sich die Einheimischen dem Paar neugierig und stellten Fragen, grundsätzlich zeigten sie sich sehr deutschfreundlich. „Die Leute sind friedfertig und so nett. Und sie stellen die gleichen Fragen wie wir, warum es den Terror auf der Welt gibt.” Andreas Bornholdt und seine Freundin Kirsten genossen die Freiheit und Weite, die sie im Oman erleben konnten. Unterwegs mit Wasser und Lebensmitteln haushalten und tagelang auf sanitäre Anlagen verzichten zu müssen, erdete das Paar. „Man kommt mit ganz wenig aus, und das macht einen auf seltsame Weise glücklich”, erklärt er. Der Besuch dieses exotischen Landes habe aber auch dazu geführt, die Fremde anders zu betrachten und die Einstellung beispielsweise zum Islam zu ändern. „Wir hatten sehr schöne Begegnungen, das macht weltoffen. Jetzt hat man das Gefühl, bei uns wird alles zu negativ dargestellt.” Er und seine Freundin wollen den arabischen Raum auf jeden Fall noch mal bereisen. (JVE)

Herz aus dem Takt

Immer mehr Menschen leiden an „Vorhofflimmern“

Unser Herz ist ein Workaholic, es macht niemals Pause, ist der Motor unseres Lebens. Was die wenigsten wissen: Es ist eigentlich ein Elektromotor. Denn das Herz wird von Stromstößen angetrieben, die es selbst produziert. Wenn dieser Elektromotor ins Stottern gerät, zu schnell oder zu langsam Impulse sendet, sinkt die Lebensqualität und es kann es zu schlimmen Folgeerkrankungen kommen. Unser Herz meistert eine wahre Mammutaufgabe: Es schlägt etwa 60 bis 100 mal pro Minute. Das bedeutet 80.000 bis 150.000 mal am Tag, im Lauf eines 80-jährigen Lebens sind das durchschnittlich drei Milliarden Schläge. Jede Minute pumpt es fünf Liter Blut in alle Regionen unseres Körpers. Rund 100.000 Kilometer Blutgefäße werden somit von dem 300 bis 500 Gramm leichten Organ versorgt. Diese Ausdauerleistung ist in der Natur und in der Technik einzigartig. Dass das Herz gelegentlich aus dem Takt gerät, ist daher nicht allzu verwunderlich. Lebensbedrohliche Rhythmusstörungen, zum Beispiel das Kammerflimmern, sind zum Glück selten. Sehr weit verbreitet ist dagegen das Vorhofflimmern. Bei rund zwei Millionen Deutschen ist Vorhofflimmern – oftmals als Herzstolpern wahrgenommen – die Ursache für den unregelmäßigen Herzrhythmus. Auffällig in den letzten fünf Jahren: Die Patientenzahlen dieser häufigsten Herzrhythmusstörung steigen stark. Und: Die Patienten werden immer jünger …

Noch weiß man nicht genug über diese Volkskrankheit. Führende Herzspezialisten haben sich deshalb im Kompetenznetz Vorhofflimmern zusammengeschlossen, um diese Rhythmusstörung genauer zu erforschen. Ziel ist es, die Diagnostik, Behandlung und letztendlich damit die Versorgung der Patienten zu verbessern. Unbehandelt ist das Vorhofflimmern mit einem stark erhöhten Risiko für Folgeerkrankungen verbunden – insbesondere für Schlaganfälle. Jeder fünfte der jährlich etwa 270.000 auftretenden Schlaganfälle in Deutschland ist zum Beispiel auf Vorhofflimmern zurückzuführen. Die gute Nachricht ist jedoch: Jeder kann selbst zum frühzeitigen Erkennen von Vorhofflimmern beitragen. Schon bei kleinen Unregelmäßigkeiten ist es ratsam, diese frühzeitig vom Arzt abklären zu lassen. Bei Daria M. aus Lüneburg kamen die Beschwerden „quasi über Nacht“. Die Mitarbeiterin in einem Maklerbüro fühlte sich gleich nach dem Aufwachen trotz acht Stunden Schlafs schlapp und müde, von einer Sekunde auf die andere raste ihr Puls dann plötzlich. Daria M. bekam Atemnot und Angstgefühle. Zwar beruhigte sich ihr Puls auch sehr schnell wieder, aber die typischen Anzeichen einer Herzrhythmusstörung traten bei der 45-jährigen Mutter zweier Töchter danach immer häufiger auf. Und meist dann, wenn sie nach einem stressigen Tag zur Ruhe kam, die Füße hochlegte, um ein Buch zu lesen oder in der Badewanne ein wenig entspannen wollte: „Es war die Hölle, ich wartete direkt darauf, dass mein Herz wieder aus dem Takt gerät, und dann passierte es auch schon.“

Nach einer umfangreichen Untersuchung erklärte ein Kardiologe der besorgten Lüneburgerin, was ihr Herz von einem völlig gesunden unterscheidet: Jedes Herz ist in zwei Hälften aufgeteilt, besteht aus einem Vorhof und einer Kammer. Eine Hälfte versorgt den Körperkreislauf mit Blut, die andere den kleinen Lungenkreislauf. Zieht sich der Herzmuskel zusammen, wird das Blut aus den Kammern ausgestoßen; erschlaffen sie, fließt erneut Blut in die Kammern. Damit sich der Herzmuskel zusammenziehen kann, ist ein elektrischer Reiz (Impuls) nötig, der vom Sinusknoten ausgeht und sich im Normalfall 60 bis 100 mal pro Minute wiederholt – ein gesundes Herz schlägt so im Takt. Bei Daria M. jedoch werden die elektrischen Impulse nicht nur vom Sinusknoten ausgesendet, sondern es treten zusätzliche Signale direkt im Vorhof auf. Dadurch wird der rhythmische Vorgang des Zusammenziehens und Erschlaffens gestört. Die Folge: Die Vorhöfe ziehen sich nicht mehr vollständig zusammen, sie flimmern. Daraufhin werden die Herzkammern unregelmäßig aktiviert, das Herz gerät aus dem Takt, der Puls kann stark absinken oder sich auf über 100 Schläge pro Minute erhöhen. Das Blut fließt nun unregelmäßig. Es staut sich in den Vorhöfen, kann verklumpen und Blutgerinnsel bilden. Löst sich ein Gerinnsel und wandert mit dem Blutstrom ins Gehirn, kann das dramatisch enden. Rauchen, Übergewicht, zu wenig Bewegung und ungesunde Ernährung – alles das können Gründe für das „Herzstolpern“ sein. Die Ursache kann aber auch in den Genen liegen. So können etwa Fehlfunktionen im Reizbildungs- und Leitungssystem angeboren sein oder eine Störung der Erregbarkeit von Nerven- oder Muskelzellen vererbt werden (Brugada-Syndrom). Kommt Vorhofflimmern in der Familie vor, haben die direkten Angehörigen laut Statistik ein 2,5- bis 5-fach erhöhtes Risiko, dass es bei ihnen ebenfalls auftritt.

Für Vorhofflimmern gibt es verschiedene Behandlungsmöglichkeiten. Es gibt Medikamente, die die Herzfrequenz regulieren. Sie wirken aber leider nicht bei jedem Patienten. Eine andere Möglichkeit ist die Katheterablation, mit der gestörtes Herzgewebe durch Hitze oder Kälte verödet wird. Ihr Kardiologe hat Daria M. zur Katheterablation geraten, im UKE in Hamburg war sie dafür zwei Tage stationär unterbracht. Der Eingriff war erfolgreich, das Herz schlägt wieder normal. Daria M. hofft inständig, dass es auch so bleibt: „Ein wenig Angst ist noch da, dass das Vorhofflimmern zurückkehrt, was tatsächlich passieren kann, wie mir die UKE-Ärzte sagten. Inzwischen kann ich die Tage aber wieder mehr genießen!“ (RT)

Drei Formen von Vorhofflimmern

  • Paroxysmales Vorhofflimmern:

Dieses kurzeitige Herzstolpern endet in der Regel innerhalb von 48 Stunden von allein. Auch Vorhofflimmer-Episoden, die im Laufe von sieben Tagen selbst in den Sinusrhythmus zurückkehren oder durch eine Therapie zum Ende gebracht werden, zählen dazu.

  • Persistierendes Vorhofflimmern:

Bei dieser Form hält Vorhofflimmern länger als sieben Tage an.

  • Permanentes Vorhofflimmern:

Ärzte sprechen von permanentem Vorhofflimmern, wenn die Erkrankung länger als ein Jahr besteht und der Patient in Abstimmung mit dem Arzt auf eine Rhythmus erhaltende Behandlung verzichtet.