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Stinkt zum Himmel

Leuphana-Forscher warnen
vor Kollaps des Abwassersystems

Deutschlands Flüsse und Seen scheinen so sauber und rein wie lange nicht mehr zu sein. Schäumende Wasserläufe, stinkende Bäche und tot umhertreibende Fische gehören weitgehend der Vergangenheit an. Doch der Schein trügt. Schleichend, fast unmerklich, werden unsere Gewässer zu einer ökologischen Zeitbombe – verursacht durch einen Cocktail aus Chemikalien, Pestiziden und Arzneimittelrückständen. Schuld ist nicht die Industrie allein… 

Jeden Tag verbrauchen wir beim Duschen, Waschen oder auch beim Toilettengang ungefähr 120 Liter Wasser. Nach dem Verbrauch fließt das dreckige Wasser ab und verschwindet in den Rohren. Klingt ganz einfach: aus den Augen und aus dem Haus gleich aus dem Sinn. Doch so einfach ist es leider nicht. In die zentrale Lüneburger Kläranlage leiten auch die Samtgemeinden Bardowick, Gellersen, Ilmenau, Scharnebeck und Ostheide ihr Abwasser ein. Insgesamt sind hier 150.000 Einwohner an das gemeinsame Abwassernetz angeschlossen. Auch hier verwechseln viele ihre Toilette offenbar mit einem Mülleimer. Die Folge: Im Abwasser befinden sich oft Stoffe, die da nicht hinein gehören. Die natürlichen Ausscheidungen vom Menschen und das Toilettenpapier können in der Kläranlage leicht herausgefiltert werden. Problematisch aber sind chemische Stoffe, die über Konsumartikel oder Arzneimittel in das Abwasser gelangen. Zehn bis fünfzehn Prozent aller Medikamente werden nach Untersuchungen des Umweltbundesamtes von Patienten gedankenlos in der Toilette entsorgt. Ein weiteres Problem sind Arzneien, die der menschliche Körper nicht vollständig verwerten kann und deshalb wieder ausscheidet. Bei Antibiotika werden durchschnittlich 70 Prozent der Wirkstoffe ausgeschieden, bei manchen anderen Substanzen sind es sogar über 80 Prozent. Dramatische Zahlen – nicht nur, weil große Mengen an Medikamenten keinen medizinischen Effekt haben, sondern auch, weil sie zunehmend unser Wasser kontaminieren. Selbst moderne Kläranlagen schaffen es nicht, diesen chemischen Cocktail vollständig zu beseitigen. In einem in der Wissenschaftszeitschrift Science erschienenen Beitrag beschreibt der Chemiker Prof. Dr. Klaus Kümmerer von der Leuphana Universität Lüneburg zusammen mit Kollegen die aktuellen Probleme der Abwasserreinigung und Trinkwasseraufbereitung. Dabei geht es den Forschern nicht um eine Verteuflung der Chemikalien, die aus dem modernen Leben ohnehin nicht wegzudenken sind. Schließlich, so Experte Kümmerer, besteht „unsere ganze materielle Welt, auf der unser Lebensstandard beruht, aus letztendlich chemischen Produkten wie Textilien, Arzneimitteln, Flammschutzmitteln, Wärmedämmstoffen, Materialien der Elektronik und somit der Digitalisierung, Farben, Pestiziden, Waschmitteln et cetera. Diese müssen beispielsweise künftig so gestaltet sein, dass sie, sofern sie in die Umwelt gelangen, 

 

dort schnell und vollständig abbaubar sind.“ Doch genau dieses Wissen, dass viele chemische Stoffe eben auch große Probleme bereiten können, weil sie in den Wasserkreislauf und über diesen auch in die Nahrungskette gelangen, ist offenbar noch wenig verbreitet. Schon heute stößt die Abwasserreinigung an ihre Grenzen, wenn es darum geht, alle kritischen Stoffe zu entfernen. Immer aufwendigere Verfahren werden dafür benötigt. Dadurch steigen die Kosten, und auch der Einsatz zusätzlicher Chemikalien wird erforderlich. Trotzdem wird das Wasser nicht immer sauber, manchmal sogar zusätzlich verschmutzt. „Wir müssen viel größeren Wert darauf legen, dass kritische chemische Stoffe gar nicht erst ins Abwasser gelangen. Wo dies unvermeidlich ist, müssen chemische Stoffe und Arzneimittel von Anfang an so designt werden, dass sie in der Umwelt keinen Schaden anrichten“, ist Kümmerer überzeugt. Es sei viel effektiver, die Verschmutzung der Umwelt schon an der Quelle zu bekämpfen, als immer aufwendigere Reinigungsverfahren zu entwickeln. Für die Industrie bedeute dies, die Anzahl der verwendeten Chemikalien in den Produkten zu reduzieren, nicht-abbaubare durch abbaubare Stoffe zu ersetzen und unterschiedliche Abwässer möglichst getrennt zu halten, um sie leichter und besser reinigen zu können. (RT)

Was jeder tun (und vermeiden) kann

Bei allen Möglichkeiten, das Abwasser leichter zu klären, ist es vor allem der Verbraucher gefragt. Wenn jeder Einzelne darauf achtet, was und vor allem wie es in den Abfluss gerät, können höhere Kosten durch Maßnahmen zur Instandsetzung vermieden werden. Das schont dann auch den Geldbeutel.

Beispiele:

Farben und Lacke, Lösungsmittel, Fotochemikalien und Medikamente, erst recht Batterien oder andere Chemikalien und Giftstoffe dürfen weder in den Hausmüll noch ins Abwasser gelangen.

Auch Hygieneartikel haben nichts im Abfluss zu suchen. Feuchttücher zum Beispiel bereiten den Kläranlagen große Probleme. Sie verstricken sich zu Zöpfen und verstopfen die Pumpen.

Speiseöle und Speisefette fließen besonders schlecht ab, verhärten oder verharzen im Rohrleitungssystem. Aber auch im Kanalnetz lagern sich die Fette und Öle ab. Sie sind Nährboden für Bakterien, verursachen unangenehme Gerüche und Verstopfungen, die sich nur mit großem technischen Aufwand beseitigen lassen.

Noch schlimmer ist Motoröl. Bereits geringste Mengen Mineralöl können das Grundwasser vergiften und ungenießbar machen. Sie beeinträchtigen auch den Reinigungsprozess in Kläranlagen.

“Unser Haus ist der Hafen”

Familie Grigoleit lebt auf einem Hausboot an der Ilmenaumündung

 

Was für viele ein romantisch verklärter Traum ist, war für sie eine Notlösung: Jill und Ole Grigoleit (beide 33) leben mit ihren zwei Kindern auf einem Hausboot im Stöckter Hafen. Heute können sie es sich gar nicht mehr anders vorstellen. Ihre Geschichte beginnt wie die von Tausenden jungen Leuten in der Großstadt. Nach dem Studium wollten Jill und Ole Grigoleit in Hamburg zusammenziehen, doch die Wohnungssuche war mehr als schwierig. Ohne Arbeitsverträge hatte das junge Paar keine Chancen, sich gegen die zahlreichen anderen Bewerber durchzusetzen. Auch ein Immobilienkauf platzte im letzten Moment. Rückblickend war es wohl Oles Mutter, die das Wort „Hausboot“ zum ersten Mal in den Mund nahm. Bis dahin hatte das Paar nicht davon geträumt. „Ich dachte immer, ein Hausboot ist klein, eng, wacklig, ungemütlich und feucht“, sagt Jill. Jedenfalls beschloss Ole, für sich und Jill einfach ein Zuhause zu bauen, wenn auf dem konventionellen Wege keines zu finden ist. Über Ebay erstand er den Rumpf einer alten Schute, Baujahr 1933, und zahlte dafür gut 6.000 Euro. „Dann gab es kein Zurück mehr“, so Jill. „Wir hatten kein Dach mehr über dem Kopf.“ Nach dem Kauf des ziemlich verrotteten Schiffsrumpfes im Sommer 2011 machte sich Ole – der über viel handwerkliches Geschick, aber auch über eine Ausbildung als Schiffsmechaniker verfügt – daran, die alte Schute abzureißen und ihr Hausboot aufzubauen. Drei Monate lang sägte und schweißte er, verlegte Leitungen und Holzdielen. Um Geld zu sparen, verwendete er viele gebrauchte Materialien. Die Fenster stammten aus einer Ruine, ebenso die Bodendielen für die Wohnräume.

Durch den Schnee zur Hafendusche

Ole baute das Boot in einer Halle im Harburger Hafen, wo es auch zunächst liegen sollte. Jill arbeitete in Hamburg als Redakteurin, Ole selbstständig als Messebauer. Er musste sich ranhalten, bevor der Winter kam. „Wir haben das Boot im August gekauft und sind im November eingezogen“, erinnert sich Ole. „Das Dach war drauf, und der Regen begann.“ Als Jill und Ole in das Hausboot zogen, war es noch lange nicht fertig, und auch Möbel hatten sie kaum mitgebracht. „Wir hatten ein Bett und einen Kamin, aber noch keine Dusche“, erzählt Jill. „Im Winter 2011 bin ich morgens durch den Schnee zur Hafendusche gestapft, bevor ich zum Büro gefahren bin.“ Zwei Jahre lag ihr Hausboot, an dem Ole ständig weiterbaute, im Harburger Hafen. Doch das Paar suchte einen schöneren Liegeplatz – kein leichtes Unterfangen. Da die Liegegebühren nachder Größe des Bootes berechnet werden, gab es für ein Hausboot mit hundert Quadratmetern Wohnfläche keinen bezahlbaren Platz. Die perfekte Lösung fanden Jill und Ole im Winsener Ortsteil Stöckte. Hier wurde ein Nachfolger für den Hafenmeister gesucht, der aus Altersgründen den Hafen abgeben wollte, der in Privathand war. „Das war ein unglaubliches Glück und ein absoluter Zufall“, sagt Jill. Ole musste sich als Mittzwanziger erst vor dem erfahrenen Hafenmeister beweisen, bevor ihm die Position zugesagt wurde. Für die Grigoleits bedeutete das: Sie kauften den gesamten Stöckter Hafen. „Andere kaufen sich ein Haus, wir haben einen Hafen gekauft“, erklärt Jill schmunzelnd. Das bedeutete für das Paar gleichzeitig die Übernahme eines Betriebs mit Kundenstamm, der Liegegebühren aus rund 40 Liegeplätzen einbringt.

Zu dem Hafen gehören außerdem 6.000 Quadratmeter Land und eine Werkstatt, die in Schuss gehalten werden müssen. „Das macht nur Sinn für uns, weil wir hier mietfrei wohnen“, so Ole.

Mit Hausboot bekommt man den Hippie-Stempel

Im Frühjahr 2013 zogen Jill und Ole an den Stöckter Hafen, der ihnen ein Jahr später tatsächlich gehören sollte. Bis dahin hatten sie auch in Stöckte Liegegebühren zahlen müssen. Im Sommer 2014 wurde ihre erste Tochter Line geboren, zwei Jahre später Tochter Morlin. In Stöckte hatten Jill und Ole das erste Mal das Gefühl, angekommen zu sein. Auf dem Hausboot zu leben ist wie aufs Land zu ziehen – die Natur beginnt unter dem Fenster, der nächste Nachbar ist in einiger Entfernung. „Für mich war immer klar, mit Kindern will ich aufs Land ziehen“, erklärt Jill. Auch wenn sie noch viele Freunde in Hamburg hat, möchte sie nicht mit deren Leben tauschen. Sie fühlt sich im Ort gut aufgenommen. „Wir sind hier superschnell bekannt geworden“, meint Ole. „Natürlich wird man erst mal skeptisch beäugt, es waren alle neugierig. Mit Hausboot bekommt man ja einen Hippie-Stempel.“ Bei den Winsener Behörden ist Ole nur der „Hausboot-Heini“, doch er sieht seinen Bekanntheitsgrad dort als Vorteil. Nach fünf Jahren am Stöckter Hafen haben sich die Grigoleits gut eingerichtet. Als zweites Standbein hat Ole inzwischen ein weiteres Hausboot mit 40 Quadratmetern Wohnfläche gebaut, das sie als Feriendomizil vermieten. Seit einem Fernsehbericht über die Familie wird das Hausboot regelmäßig angemietet – obwohl es gerade erst fertig gestellt wurde. Bei ihrem neuen Ferien-Hausboot hat Ole vieles anders gemacht als bei ihrem eigenen Hausboot. Würde er es heute bauen, würde er alles anders machen. „Am liebsten würde ich es noch mal abreißen“, sagt der 33-Jährige. Ihr Hausboot hat außer der Haustür nur zwei weitere Türen – zum Bad und zum Kinderzimmer. Ihr Schlafzimmer ist ein Durchgangszimmer im Obergeschoss, das Bad am Ende des Wohnraums im Erdgeschoss lässt es nicht zu, weitere Wände einzuziehen, ohne noch mehr Durchgangszimmer zu schaffen. Die Fenster müssten erneuert werden, die Isolierung ist dürftig. „Es rächt sich jetzt, dass wir beim Bau so viel Geld gespart haben.“ Geheizt wird ausschließlich mit Pelletofen, während das Ferien-Hausboot über eine komfortable Fußbodenheizung verfügt.

Wunsch nach mehr Abgeschiedenheit

Der Alltag im Hausboot ist für Familie Grigoleit nicht viel anders als an Land. Es gibt fließendes Wasser und Strom, auch wenn die Wasserleitungen durch Frost und Tidenhub im Hafen immer wieder leiden. Ole schafft es kaum, die ständig auftauchenden Schwachstellen an ihrem Hausboot auszubessern, denn seine Arbeit als Hafenmeister fordert ihn sieben Tage die Woche rund um die Uhr. Während an anderen Häfen der Hafenmeister nur bedingt greifbar ist, wohnt Ole direkt auf dem Gelände – Fluch und Segen zugleich. Privatsphäre hat die Familie kaum, einige Bootsbesitzer sehen ihr Haus eher als Vereinshaus denn als Privatunterkunft. Jill und Ole haben einen guten Kontakt zu den Bootseignern, doch manchmal wünschen sie sich mehr Abgeschiedenheit. „Vor kurzem waren wir ein Wochenende am Stover Strand campen, um mal unter uns zu sein“, erzählt Jill. Die zweifache Mutter hat ihre Arbeit in Hamburg aufgegeben und kümmert sich nun um die Kinder, die Ferienhausvermietung und das Marketing drumherum. Sie kann das Leben auf dem Hausboot mehr genießen als Ole, der manchmal in Arbeit erstickt. Ihre Kinder kennen nur ein Leben auf dem Hausboot, die kleine Morlin ist sogar auf dem Boot geboren. „Bei Line hat es gedauert, bis sie realisiert hat, dass sie anders lebt“, erzählt die Mutter der Vierjährigen. Auch wenn ihre Tochter manchmal den Wunsch äußert, wie alle Anderen in einem Haus zu wohnen, fehlt es ihr am Stöckter Hafen an nichts – im Gegenteil: Die Mädchen haben ein großes Kinderzimmer, an Land gibt es einen großen Spielplatz neben der Terrasse mit Hafenblick, und allein das Hafengelände ist riesig. Die Grigoleits erziehen ihre Kinder zu Respekt vor dem Wasser. Auf der Brücke zum Hausboot müssen die Kinder immer an der Hand gehen, auf Booten – von denen die Familie so einige besitzt – wird stets eine Schwimmweste getragen, vom Ufer müssen sie Abstand nehmen. „Wir sind uns der erhöhten Gefahr schon bewusst. Wir lassen unsere Kinder am Wasser nicht allein“, so Jill. „Wir machen uns eher Gedanken, wenn hier Kinder zu Besuch sind. Bei unseren Kindern habe ich mehr Angst in der Stadt. Aber jedes Kind wächst mit spezifischen Gefahren auf.“ Im Sommer herrscht Hochbetrieb am Stöckter Hafen. Zum Winter, wenn die Boote an Land gezogen werden, wird es für die Grigoleits etwas ruhiger. „Im Winter ist es hier auch schön, weil wir wieder mehr Zeit für uns haben“, meint Jill. Während Ole von geregelten Arbeitszeiten träumt, würde Jill gerne mal mit der Familie Urlaub machen. Doch der Kredit für den Hafen muss abbezahlt werden. „Der Hafen ist unser Haus – mit dem Unterschied, dass der Hafen Geld einbringt.“ Wenn Geld übrig ist, stecken sie es wieder in ihr Hausboot – ein ewiger Kreislauf. Auch wenn sich Jill und Ole in zehn Jahren nicht mehr in diesem Hausboot sehen, schätzen sie die kleinen Dinge, die man in einem Haus an Land nicht hat. „Ich kann es mir nicht mehr anders vorstellen“, meint Jill. „Schon der Blick aufs Wasser beim Aufwachen ist toll, oder wenn am Ufer Rehe stehen und trinken. Die Kinder füttern die Enten aus dem Fenster, und es gibt hier Graureiher und sogar Eisvögel.“ Die Mutter liebt das Leben mit den Gezeiten – sie richtet ihre Einkaufszeiten schon mal danach aus, wann die Brücke zum Haus nicht so steil ist, um die Einkäufe bequemer nach Hause zu bringen. „Wir sind von April bis Oktober draußen. Das ist ein Stück Freiheit, aber es gibt eben auch viel Arbeit. Aber das wäre mit einem normalen Haus sicher nicht anders.“ (JVE)

Woher der Wind weht…

editorial

…ist städtebaulich von großer Bedeutung. Hättet Ihr‘s gewusst? Ein vom Lüneburger Stadtrat in Auftrag gegebenes Klimagutachten durften sich kürzlich die Mitglieder der Fachausschüsse und interessierte Bürger zu Gemüte führen, die Geo-Net-Experten aus Hannover legten dar, wo Lüneburg die Hebel ansetzen muss, will es klimaverantwortlich handeln und Lebensqualität erhalten. Stadtklima-analyse heißt das Stichwort, das tatsächlich auch die Frage danach aufwirft, woher der Wind weht; konkret, auf welchen Wegen kommt Kaltluft in „städtische Wärmeinseln“ und welche Rolle kommt den Grünflächen, den Flussauen und der Ilmenau zu. Nächtliche Differenzen bis zu 8 Grad finden sich bei Wetterlagen wie in diesem Sommer zwischen Außenbereichen und Altstadt. Apropos Wind: Lüneburgs Marketinggesellschaft ist nach vorzeitigem Ausscheiden des Geschäftsführers „wieder mal“ führungslos (aber die Mitarbeiter werden’s „wieder mal“ richten, sie haben ja inzwischen Übung darin), und das politische Führungsteam der Hansestadt ist nach Rücktritt des Bürgermeisters Dr. Scharf mit der Wahl von Christel John (CDU) wieder komplett. 

Das Klima war ja den langen Sommer über das Thema schlechthin. Hitzerekorde in Höhe und Dauer, Dürre in der Landwirtschaft, Ebbe in der Elbe und katastrophale Brände waren die Schreckensnachrichten. Da fiel die Freude über einen Supersommer ja eher sparsam aus, manchmal hatte man schon ein schlechtes Gewissen beim Sonnencremekauf. Irgendwie outete man sich dabei als jemand, der oder die den Sommer allen Widrigkeiten zum Trotz genießen wollte, an Ostsee, Nordsee, Inselsee oder auf dem Balkon. Die Kneipenmeilen der Innenstädte, ob an der Ilmenau, Elbe oder an der Luhe gelegen, feierten hierzulande ungewohntes mediterranes Flair… Aber: Alles hat seine Zeit, und so wenden wir uns blitzschnell anderen Themen zu: Der September wird mit der historischen Handwerkerstraße in der westlichen Altstadt eingeläutet, die Feierei geht weiter mit dem Zillertaler Abend, mit dem 33. Lüneburger Oktoberfest und dem Herbstmarkt (7.-11.9.) auf den Sülzwiesn und mit den Festspielen zu den Sülfmeistertagen. Auch im Luhepark geht’s zünftig her beim Winsener Oktoberfest vom 21. bis 30. September.  Und Indoor geht’s wieder los, Comedy steht an, auf allen Kanälen. Theater, Kino, Konzert und Party: der Terminkalender ist voll davon (auch als App für Android runterzuladen). Außerdem sei ein herzlicher Glückwunsch in Richtung Theater gesandt: In der letzten Spielzeit konnte Intendant Fouquet mehrals 120.000 Besucher begeistern, mehr als je zuvor und eine Riesenleistung für das Team des Dreispartentheaters, vom Pförtner über die Kostümschneider, Schauspieler, Sänger, Tänzer bis zum Zahlenjongleur! Hochachtung! 

In diesem Sinne wünschen wir Euch allen einen schönen Start in die neue Zeit, in der man wieder Socken und Jacketts und lange Hosen trägt und alle Reize versteckt – wenn man von Krachlederner und dem feschen Dirndl mal absieht… 

Eure stadtlichter

Der Feind hinterm Gartenzaun

Zwölf Millionen Haushalte in Deutschland liegen im Clinch

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“, wusste schon Friedrich Schiller. Seit den Zeiten des Dichterfürsten scheint sich daran nicht viel geändert zu haben: Einer Umfrage zufolge hatten fast 40 Prozent der Deutschen in den letzten Jahren Streit mit ihrem Nachbarn, jeder vierte fühlt sich „gemobbt“.

Die Gründe für Zwist sind vielfältig. Irgendein Anlass findet sich immer. Auf Platz eins der Streitgründe liegen laute Musik und dröhnende Fernseher. Aber auch intensives Heimwerkern, ausgelassene Gartenpartys oder auch leidenschaftlicher Sex können Nachbarn zur Weißglut bringen. Daneben ärgern sich Mieter und Hausbesitzer vor allem über Belästigungen durch Dreck und Müll ihrer Nachbarn, und auch das besonders heikle Thema Kinderlärm ist Grund für häufiges Gezeter. Meinungsverschiedenheiten gibt es auch darüber, wie Gemeinschaftsaufgaben erledigt werden sollen, etwa Schnee räumen oder Waschküche säubern.

Auch Nachbars Pflanzen, die über den Gartenzaun wuchern oder einem die Sicht und das Licht rauben, werden schnell zum Zankapfel. Weit vorn in der Rangliste sind auch noch Haustiere, die angeblich zu oft bellen oder angeblich stinken. Wird auf dem Balkon geraucht und zieht der Qualm durch das Schlafzimmerfenster der Wohnung darüber, ist dies ebenfalls ein häufig genannter Grund für Zoff, genauso wie der Rauch, der vom Grill des Nachbarn auf die eigene Terrasse zieht. Nicht wenige Streitigkeiten zwischen Nachbarn landen am Ende vor Gericht. Offizielle Zahlen gibt es dazu nicht, aber befragt man Anwälte oder Miet- und Eigentümerverbände, so herrscht dort der Eindruck vor, dass die Fälle stetig mehr werden. Und das obwohl zum Beispiel in Niedersachsen speziell ausgebildete Mediatoren eigentlich versuchen sollen, etwaige Streitereien außergerichtlich zu beenden (siehe „Brückenschlag“ in Lüneburg: www.bs-lg.de/meditation.html). Erst wenn deren Bemühungen nicht fruchten, landet eine Klage tatsächlich vor dem Kadi. Doch auch in dem Stadium gibt es noch einen Versuch der Justiz, auf eine kostengünstigere Verfahrenserledigung ohne richterliches Urteil. In Lüneburg kommen sogenannte Güterichter vom Landgericht (www.landgericht-lueneburg.niedersachsen.de) ins Spiel. Sie bieten den streitenden Parteien eine weitere Mediation an. Das Angebot wird durchaus häufig in Anspruch genommen, so Burghard Mumm, Vizepräsident des Landgerichts Lüneburg in einem Interview. Nach Mumms Angaben werden rund zehn Prozent der Zivilprozesse im Rahmen einer Mediation behandelt, in 85 Prozent mit Erfolg.

Warum sich nicht mehr zoffende Nachbarn dazu bringen lassen, ihr Kriegsbeil schnell wieder zu begraben, dazu gibt es verschiedene Erklärungsversuche. Ein Grund könnte sein, dass heute einfach immer weniger Menschen bereit sind, mit (vermeintlichen) Einschränkungen zu leben. Das eigene Zuhause gehört zu den intimsten Dingen des Lebens. Hier werden Grenzverletzungen – räumliche wie symbolische – als Angriff auf die eigene Person verstanden. Aber auch die profane Tatsache, dass immer mehr Rechtsschutzversicherungen verkauft werden, hat sicher Einfluss. Da lässt man es eben mal auf eine Klage ankommen. Dazu kommt: Nachbarschaftsverhältnisse sind unfreiwillige Beziehungen. Seinen Ehepartner sucht man sich aus, beim Eigentümer der Nachbarwohnung geht das in der Regel nicht, den muss man bis zu einem gewissen Punkt „ertragen“.

Kann man das nicht und ist die Stimmung erst einmal vergiftet, bleibt sie es oft. Die goldene Regel könnte da lauten: Wer das Gespräch sucht, gewinnt. Die meisten lernen das – wenn überhaupt – erst in der Schlichtung oder der Mediation… Eventuell hilft aber auch ein Rat des neben Schiller anderen großen deutschen Dichterfürsten. Goethe empfahl „genügend Nächstenliebe zu entwickeln, um in seinen Nachbarn etwas Gutes zu entdecken“.

Nachbarschaftsrecht ist Ländersache

Nachbarrecht ist Ländersache und deshalb nicht einheitlich geregelt. Deswegen sind generelle Äußerungen schwierig. Was das bedeutet, zeigt sich beispielhaft an der Frage, wer für welche Grenzbepflanzung zuständig ist. In Niedersachsen gilt anders als in den meisten anderen Bundesländern die sogenannte Einfriedungspflicht für die rechte Grundstücksseite. Das heißt, Gartenbesitzer müssen die Abgrenzung setzen und pflegen, die vor dem Haus stehend rechts liegt. Die linke Grundstücksgrenze dagegen wird vom linken Anrainer gestaltet, gibt es hinter dem Haus noch einen dritten Nachbarn, sind für diese Grenze beide gemeinsam zuständig. (RT)

 

Welche Vorteile bietet die Mediation vor dem Güterichter?

  • Die Beteiligten selbst bestimmen, wie der  Konflikt gelöst wird.
  • Das Verfahren ist vertraulich und nicht  öffentlich.
  • Lange Verfahrensdauern durch mehrere Instanzen werden vermieden.
  • Die Einholung zeit- und kostenintensiver Sachverständigengutachten wird vermieden.
  • Das streitige Verfahren kann jederzeit ohne Zeitverlust fortgesetzt werden.
  • Es entstehen keine zusätzlichen Gerichtskosten.

Ein wenig Geschichte

stadtlichter feiert in dieser Ausgabe das 15-jährige Bestehen. Doch wie fing eigentlich alles an? Das Magazin wurde 2003 in Anlehnung an Lüneburgs Telefon-Vorwahl unter dem Titel „Projekt 41/31“ von der Journalistin Katja Müller mit einer Startauflage von 5.000 Exemplaren gegründet. Damit hatte Lüneburg wieder ein Stadtmagazin. Schon kurze Zeit später bekam das Projekt 41/31 seinen heutigen Namen: „stadtlichter“. Die Auflage stieg erst auf 7.000, dann auf 10.000 Exemplare, und die fand dann auch in den Nachbarstädten Uelzen und Winsen ein gutes Echo. 2011 gab es einen Wechsel: Ragna Naujoks und Heribert Eickholt, beide „alte Hasen“ in der Lüneburger Medienlandschaft, übernahmen den Magazintitel „stadtlichter“ und führen ihn seither in ihrem NordMagazine Verlag weiter. In einem Relaunch wurden nach den Herausgeberwechsel gestalterische und inhaltliche Strukturen verändert und die Schwerpunkte anders gesetzt. Das Szenige trat in den Hintergrund, Kultur, Reportage und Porträt in den Vordergrund. Vorschauen auf die vielfältige Kulturlandschaft, auf Ausnahme-Sport und Feste dominieren jetzt den Inhalt. Wer sich in der Vielzahl der Veranstaltungen in der Region orientieren will, für den ist stadtlichter die Nummer 1.

Lieblingsrubriken gibt es im Magazin viele. Für die einen ist es das Editorial oder die stadtlichterseite, für andere das Lüneburger Gesicht, die Reportage, die Leute-Geschichte über interessante Menschen, die Minis, die Buchrezensionen, Filmtipps, der lokale Bandtipp, das Schaufenster des Monats oder die Must Haves – jeder findet seine Lieblingsseite.

stadtlichter soll auch in Zukunft ein Print-erzeugnis bleiben. Trotzdem kann man im Magazin natürlich auch online blättern und den Terminkalender als App im PlayStore kostenlos herunterladen. Der Vertrieb erfolgt in eigener Regie, immer pünktlich am letzten Tag eines Monats an etwa 350 Stellen, die aktuelle Auflage beträgt 14.000 Exemplare. Auch hier setzt stadtlichter auf Transparenz und Qualität: Die Auflage ist IVW-geprüft. Mitte 2017 ist die stadtlichter-Redaktion umgezogen und nun an der Feldstraße 37 in Lüneburg zu finden. (HE)

Fofftein? Fofftein!

editorial

15 Kerzen müssten in diesem Jahr auf der Geburtstagstorte brennen für 15 Jahre stadtlichter. Kaum zu glauben, wie die Zeit rast 2003 hat die Journalistin Katja Müller die stadtlichter aus der Taufe gehoben, zunächst unter dem Namen „projekt 41/31“ als Stadtmagazin für Lüneburg und Umgebung, daraus wurde kurz später dann „stadtlichter“ und bezog Uelzen, Bad Bevensen und Winsen mit ein. Mit dem Wandel Lüneburgs von der Garnisonsstadt zur Universitätsstadt zog das kulturelle Angebot an, die Kneipenszene veränderte sich, der Einzelhandel wandelte sich, Lüneburg hatte ein neues, dynamisches Eigenleben entwickelt. Beste Voraussetzungen also, hier ein Stadtmagazin, ein Veranstaltungsmagazin zu etablieren.  15 Jahre stadtlichter, seit 2011 erscheinen sie im NordMagazine Verlag, sind ein Anlass, auch mal fofftein zu sagen, mal innezuhalten, Luft zu holen, mal zu schauen , wo stehen wir eigentlich jetzt mit dem „Projekt stadtlichter“. Und mit ein wenig Stolz mögen wir sagen, wir sind mit dem, was wir tun, mitten in der Region angekommen, haben viele große und kleine Veranstalter, professionelle Anbieter, Künstler, Kulturschaffende jedes Genres mit ihren Angeboten und Anliegen ins Boot holen können, um jeden Monat zwar längst nicht alles, aber eben doch vieles bieten und empfehlen zu können. Wir erfahren immer wieder aufs Neue, wie groß das Interesse an stadtlichter ist, die Reaktionen bei unseren Stammtischaktionen, auf Kartenverlosungen und Gewinnspiele spiegeln dies auch eindrucksvoll wider. Wir sind jetzt genau dort, wo wir hin wollten: Wir sind bei Euch angekommen. Zum Leben in der Region gehört natürlich noch viel mehr als nur die Freizeit zu gestalten, und so sind wir auch darüber erfreut, dass so viele Inserenten aus Handel, Handwerk und Dienstleitung die stadtlichter nutzen, um immer wieder aufs Neue ihre Werbung darin zu platzieren. Job & Karriere sind ebenso regelmäßige Themen in stadtlichter, auf diesen speziellen Seiten finden sich (auch in dieser Ausgabe wieder) seitenweise Stellenanzeigen für qualifizierte Arbeitsplätze, für Ausbildungs- und Studienangebote. Wir freuen uns, Euch heute eine besonders schöne Ausgabe präsentieren zu können, mit freundlichen Grußworten, mit herzlichen Wünschen, mit tollen Angeboten unserer Inserenten, mit Berichten über acht Festivals, mit vielen Verlosungen, darunter sogar ein Fahrrad, mit kleinen Döntjes über uns persönlich und mit ganz viel von dem, was wir am besten können: informieren, unterhalten.

Es ist uns eine Freude, dass Ihr unsere Leser und unsere Inserenten seid!

Eure stadtlichter

Stein des Anstoßes

„Wer Denkmäler der Vergangenheit stürzt, will den Schlussstrich unter Geschichte…“

Wo endet Gedenken? Wo beginnt die Verherrlichung des Falschen? Darum wird in Lüneburg mal wieder gestritten. Nicht das erste und sicher auch nicht das letzte Mal. Meist aber viel zu schrill und mit zu viel Pathos. Es gibt viele verschiedene Arten von Denkmälern: Das Mahnmal, Statuen und Skulpturen, das Ehren- oder Baudenkmal und zahlreiche andere. Umstritten und bekannt sind nur die wenigsten. Das ist auch in Lüneburg nicht anders. Über 1.400 Denkmäler befinden sich allein im Stadtgebiet, so die Auskunft der in Lüneburg zuständigen Mitarbeiter für Denkmalpflege. Nur einige haben überhaupt das Zeug, den Zorn von selbsternannten „Denkmalstürmern“ zu erregen. Ein steinernes Ehrenmal für eine Wehrmachts-Einheit gehört ganz sicher dazu. Auf dem Monument wird der im Zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten der 110. Infanterie-Division gedacht. Die 110. Infanterie-Division wurde in Lüneburg 1940/1941 im Zusammenhang mit der Planung des Angriffs auf die Sowjetunion aufgestellt, insgesamt 15.000 Soldaten. In einer blutigen Kesselschlacht südwestlich von Minsk wurde die Einheit im Juli 1944 fast völlig vernichtet. Nur sechs Offiziere sowie zirka 280 Unteroffiziere und Mannschaften konnten entkommen. Der Vater von Rudolf K. (77) gehört zu den Gefallenen. „Und zu den Geächteten“, erzählt er mit gesenktem Blick. Schon häufiger war Rudolf K., der heute in Chemnitz lebt und früher an der Universität Geschichte lehrte, in Lüneburg. Er mag die Stadt, aus deren Nähe sein Vater stammt. Das Ehrenmal sieht er das erste Mal. Beim Lesen der beschmierten Inschrift („Es sage keiner, dass unsere Gefallenen tot sind“) kann er Tränen nur mit Mühe unterdrücken: „Ich habe keine Erinnerungen an meinen Vater, hätte ihn aber gerne kennengelernt.“ Erst vor Jahren hat er Briefe lesen können, die dieser von der Front in Russland an seine Mutter geschrieben hat. Neben Liebesbezeugungen und Gedichten großenteils schwermütige Zeilen eines Mannes, der nur eines wollte: Das Kriegsende erleben und möglichst gesund zurück nach Hause zu Frau und Sohn.

Es kam anders.

Vom Tod des Vaters, irgendwann im eisigen Winter 1943, hat die Mutter offiziell lange nichts erfahren, er galt Jahrzehnte als vermisst. Weiß Rudolf K. von den Vorwürfen, die der Einheit seines Vater gemacht wird, von den Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung in den Lagern von Osaritschi (Weißrussland)? Ja, davon wisse er, so K. Und das treibe ihn auch um. Er könne und wolle sich aber nicht vorstellen, dass sein Vater daran beteiligt gewesen sei, in den Briefen wäre dazu jedenfalls nichts zu finden. Er habe ein anderes Bild von seinem Vater, sagt Rudolf K.: „Genau darum fühle ich mich auch nicht als Täter-Sohn. Und überhaupt: Nicht jeder Wehrmachtssoldat war ein Verbrecher. Das zu behaupten ist einfach nur unendlich geschichtslos.“

Geschichtslos wäre es für Rudolf K. auch, den „Stein des Anstoßes“ einfach abzureißen, wie von vielen Seiten immer mal wieder gefordert werde: „Die das fordern, vergessen, dass Geschichte auch etwas ist, was ausgehalten werden muss. Deutschland hat nun einmal auch düstere Zeiten erlebt.“ Denkmäler müssten allerdings mehr erklärt werden, ergänzt er. „Wer sie dagegen einfach nur entfernen will, zieht einen Schlussstrich unter all das Geschehene. Man sollte die Diskussion über Denkmäler, ich zitiere mal Heinz Buschkowsky, Ex-Bezirksbürgermeister von Neukölln, nicht ,Klugscheißern mit Wikipedia-Wissen’ überlassen…“

Pfad der Erinnerung

Das Projekt Friedenspfad in Lüneburg ist eine Idee der Friedensstiftung Günter Manzke, die 50 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges 1995 in Lüneburg gegründet wurde. 24 Orte der Erinnerung im Stadtgebiet wurden für einen ganz besonderen Stadtrundgang ausgewählt. Die Homepage des Friedenspfades ist unter www.friedenspfad-lueneburg.de erreichbar. Apps für iOS und Android liegen kostenfrei zum Download in den Stores vor. (RT)